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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Hanns Cibulkas Swantow.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Januar 2017

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Im März 1989 schrieb jemand mit dem schönen nordischen Namen Olaf mutmaßlich im Uckermärkischen Templin – es findet sich die Abkürzung Tpl neben dem Datum – die erste Zeile eines der bekanntesten Lieder der DDR-Popmusik in einem schmalen Band aus der Kleinen Edition des Mitteldeutschen Verlags. „Einmal wissen dieses bleibt für immer“, popularisiert durch „Am Fenster“ der Band City, formuliert von Hildegard Maria Rauchfuß, erstveröffentlicht 1970 in dem heute schwer vergriffenen Band „Versuch es mit der kleinen Liebe“. Die Lyrikerin war bekannt für singbare und Singeklub taugliche Texte und durfte einmal gemeinsam im Auftrag des Rat des Bezirkes Leipzig mit dem Komponisten Peter Herrmann eine Kantate zu Ehren Karl Liebknechts erarbeiten. So war kurz vor ihrem Band eine Schallplatte der heute trotz Stiftung weitgehend versunkenen Schlagercombo Fred Frohberg und das Ensemble 67 mit einigen Vertonungen ihrer Texte durch die Presswerke von Amiga gegangen. „Versuch es mit der kleinen Liebe“ war beim Henschelverlag in der Kabarettabteilung untergekommen und wurde von Erika Baarmann illustriert. Im Jahr nach Erscheinen intonierte der Pionierchor Böhlen bei den 13. Arbeiterfestspielen zur Freude der Berichterstatterin des Neuen Deutschland „ein Loblied gleichsam auf die arbeitenden Menschen unserer Republik und das kostbare, verpflichtende Vertrauen der Kinder zu ihnen.“ (vgl. Pehlivanian, 1971) Die Amiga-Single von „Am Fenster“ erschien 1977, ergänzt um das zutiefst nostalgische Lied „Mein alter Freund“ und ebenso die westdeutsche Pressung bei Telefunken. Die Produktion von City war, wie auch bei ein paar anderen Gruppen, die bei der gefeierten Vorstellung von „Am Fenster“ auf der „Rhythmus 77“ im Berliner Palast der Republik aufspielten (und auch solchen die fernblieben – die Puhdys tourten gerade durch Bulgarien, dem Heimatland von City-Mitglied und Am-Fenster-Arrangeur Georgi Gogow.) buchstäblich ein Exportschlager auch ins nichtsozialistische Ausland. In Griechenland beispielsweise erreichte die Schallplatte den Status einer goldenen. Das lag nicht unbedingt nur am Text, sondern mutmaßlich weitaus mehr an der überaus stimmigen Komposition, die sich unmittelbar einprägt und zwar so, dass sie sofort erklingt, wenn man die Worte liest, hier handschriftlich in ein Exemplar der vierten Auflage von Hanns Cibulkas Swantow eingewidmet, direkt unter die Mottos, die Cibulka von Goethe und Hugo von Hofmannsthal für sein Buch wählte, was Hildegard Maria Rauchfuß sicher gefreut hätte.

Hanns Cibulka - Swantow - aufgeschlagen, mit Widmung

Einmal wissen – dieses ist für immer!? Nun ja. Für den Aufenthalt des Buches im Regal der beschenkten Person galt dies offenbar nicht. Aber vielleicht wird das Bild ja alsbald vom Crawler des Internet-Archives eingesammelt. Und dann ist zumindest die Erinnerung an die Verknüpfung von Olaf und Swantow für eine kleine digitale Ewigkeit archiviert. Für immer ist das auch nicht. Aber immerhin.

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