LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (1): ISI does it. Wie gut, das wird sich bis zum Freitag zeigen.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by szepanski on 21. März 2013

von Christoph Szepanski

Der Monat März bietet für Informations- und Bibliothekswissenschaftler sowie für die Masse derer, die eventuell bloß etwas entfernter mit diesem Fach zu tun haben fast traditionell eine Menge Gelegenheiten, um a) Inspiration auf Tagungen zu sammeln und b) die für die TeilnehmerInnen oftmals fremde Stadt zu erkunden. (Jedenfalls wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen. Irgendwann kennt man Leipzig und die anderen Rotationsorte der Konferenzen doch.) So nutzten auch wir von LIBREAS die reichlichen Gelegenheiten, die der März so bot und noch bietet und folgten den Einladungen zu den Veranstaltungen gern, wie beispielsweise die Beiträge zur Berliner Inetbib-Tagungdem Leipziger Bibliothekstag oder selbst die in Übersee stattfindende iConference belegen. Die (DIE!) Karte war selbstredend immer mit dabei – so auch heute am ersten Tag der Potsdamer ISI2013.

Ob sich Potsdam in der zwölften Kalenderwoche des Jahres 2013 wirklich zu einer Art Mekka der Informationswissenschaft aufschwingen kann, bleibt noch abzuwarten. Und es liegt nicht allein beim Veranstalter. Bekanntlich lebt eine Konferenz vor allem von denen, die sie aktiv nutzen und ihre Wirkung lässt sich erst im Nachhinein am messbaren Niederschlag in den Fachdebatten und im Handeln der Aktiven feststellen. Verlässliche Aussagen über die Qualität eines Gegenstandes lassen sich also nur aus einigem Abstand formulieren. Obwohl noch nicht der ganz große Revolutionsgeist die Konferenz erschütterte, bin ich nach Ablauf des ersten Veranstaltungstages durchaus guten Mutes. Zumal die LIBREAS-Veranstaltung frei13 ja erst am Freitag kommt (wichtig: hier nochmal der Hinweis auf das Planungspad und die Möglichkeit zur Teilnehmerbekundung).

Die Veranstaltungsreihe des Internationalen Symposiums für Informationswissenschaft (ISI) gibt es seit 1990, was zwangsläufig zur Folge hat, das sie die gesamte Entfaltung des WWW mitbegleiten konnte (in Potsdam ist sie das erste Mal). Potsdam erscheint uns auf jeden Fall als ein geeignetes Pflaster, was informationswissenschaftliche Belange angeht (nicht zufällig fand deshalb dort auch die frei12 statt). 

Die Abfolge der ISI-Mottos ist webhistorisch allerdings leider weniger aufschlussreich, als man es sich erhoffen würde. In der Regel wirken sie wie hart erkämpfte Resultate aus langen Sitzungen und daher denkbar unkonkret. Gewisse Trendbegriffe wie Wissensmanagement tauchen mal auf, um dann wieder zu versinken. Die wirtschaftliche Bedeutung von Information rutscht mal auf die Agenda, mal die Technologie und mal – vielleicht etwas zu selten – die politische bzw. soziale Dimension. Anwendungen dominieren, so auch 2013. Das muss man nicht überbewerten, denn zwangsläufig sind die Mottos vor allem Container. Das handfeste Frachtgut darin müssen wir als informationswissenschaftliche Community schon selbst zusammenstellen. Und die Programmkommission muss quasi als Zollbehörde des fachlichen Denkens auch noch einwilligen. Dass dies nicht unbedingt immer zur allumfassenden Zufriedenheit geschieht, wissen wir auch. Aber so läuft das Spiel traditionell und zwar seit 1990. Als Erinnerung hier die Liste der Headlines über den ISI:

1990 (Konstanz): Pragmatische Aspekte beim Entwurf und Betrieb von Informationssystemen

1991 (Ilmenau): Wissensbasierte Informationssysteme und Informationsmanagement

1992 (Saarbrücken): Mensch und Maschine – Informationelle Schnittstellen der Kommunikation

1994 (Graz): Mehrwert von Information – Professionalisierung der Informationsarbeit

1996 (Berlin): Herausforderungen an die Informationswissenschaft: Informationsverdichtung, -bewertung und Information filtering

1998 (Prag): Knowledge Management and Information Technology

2000: (Darmstadt): Informationskompetenz: Basiskompetenz in der Informationswissenschaft

2002 (Regensburg): Information und Flexibilität

2004 (Chur): Information zwischen Kultur und Marktwirtschaft

2007 (Köln): Open Innovation – neue Perspektiven im Kontext von Information und Wissen

2009 (Konstanz): Information – Droge, Ware oder Commons? Wertschöpfungs- und Transformationsprozesse in den Informationsmärkten

2011 (Hildesheim): Information und Wissen: global, sozial und frei?

2013 (Potsdam): Informationswissenschaft zwischen virtueller Infrastruktur und materiellen Lebenswelt

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Bereits am Wochenende war unser raum:shift im dort noch sonnigen Potsdam gelandet. Apple Maps wollte uns jedoch zu einer anderen frei<tag> führen…

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Auf der Zielgeraden: ISI2013 in Potsdam.

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Sponsoren und Partner der ISI2013. Mit dabei: der LIBREAS.Verein mit seiner frei<tag>.

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Die Erstversorgung kurz nach der recht fixen Anmeldeprozedur. Proceedings-Band und Kaffee dürfen natürlich nicht fehlen.

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„Eine Weltkarte, auf der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie läßt die eine Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird. Und wenn die Menschheit da angelangt ist, hält sie Umschau nach einem besseren Land und richtet ihre Segel dahin. Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.“ – Oscar Wilde in „Die Seele und der Sozialismus des Menschen“, S.35. Diogenes.

Abschließend meine Eindrücke in Kurzform:

Man spricht weiterhin über den Nutzer, aber nun immerhin auch im Rahmen von Use Cases (so zumindest im zweiten Teil der Doktorandenpräsentationen). Es gibt ausreichend Pausen für Gespräche, die befürchtete preußische Pünktlichkeit im Hinblick auf den Beginn von Veranstaltungen, blieb lobenswerterweise aus. Highlights des ersten Tages waren für mich die Interface-Session im Allgemeinen, d.h. insbesondere der Vortrag von Isabella Hastreiter et al., die einige Unterschiede im Annotationsverhalten digitaler und analoger Texte herausfanden, sowie der Vortrag von Samaneh Beheshti-Kashi, die einen Vergleich der Glaubwürdigkeit von (Online-)Medien anstellte. Zentrale Erkenntnis von Hastreiter et al. war, dass das vom Papier her gewohnte Unterstreichen im digitalen Szenario wesentlich seltener eingesetzt, dafür aber bei Letzterem das farbliche Hervorheben gern genutzt wird (oft auch, weil es die einzige zweckmäßige Form für Annotationen im Digitalen bietet). Ferner sind die Möglichkeiten der Annotation innerhalb digitalisierter Texte gegenüber dem Analogen oftmals limitiert. Einkreisen oder gar die verschiedentliche farbliche Hervorhebung bieten die wenigsten Programme an. Nichtzuletzt liegt hier wohl das Phänomen einiger User begründet, lieber das Internet auszudrucken, als am Bildschirm mit dem bevorzugten Programm(en) zu arbeiten, so jedenfalls meine These zu diesem Vortrag (das spielt zumindest eine nicht ungewichtige Rolle). Baheshti-Kashi et al. fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass Nachrichtenartikel traditioneller Medien (z.B. Tageszeitungen, hier: Rheinische Post) eine höhere Glaubwürdigkeit erlangen als Social Media (Nachrichten-)Artikel – zumindest bei denjenigen, die nur Internet gucken, anstatt es zu benutzen. Auch was die Glaubwürdigkeit von Social Media im Allgemeinen betrifft, so liegt diese deutlich hinter den etablierten Medien zurück, insbesondere bei den Faktoren „Professionalität“ und „Seriosität“. Interessant hierzu sicherlich dieser Einwand von Baheshti-Kashi: wer Nutzer von Web 2.0 Anwendungen ist gewichtet die Medien hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit entgegengesetzt anders, als die Gruppe der Nicht-(Web 2.0)-Nutzer: hier liegt Social Media vor TV und Presse (was wohl nichts anders heißt, als das man nur seiner eigenen Community bzw. Filterblase vertraut und sicher spielt bei der einen Seite der Nutzermedaille wohl auch die Angst vor dem Fremden eine nicht ungewichtige Rolle).

Potsdam, den 21.03.2013

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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (23): Kein Twitter ist auch keine Lösung: eine Reflexion.

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by szepanski on 27. Februar 2013

von Christoph Szepanski1

„I think I’m Noam Chomsky
Dropped out of college
Started reading Noam Chomsky
Twitter feed look like I’m ready for war
Vonnegut is dead“

(Sole – I Think I’m Noam Chomsky)

Wer wohl jetzt noch nicht auf Twitter ist, der kommt wohl auch nicht mehr, so meine Behauptung, wenn man die einschlägigen Parabeln hierzu betrachtet. Irgendwo im Tal der Ernüchterung und zwischen dem rettenden Pleateau der Produktivität steckt der Zwitscher-Dienst derzeit. Jedenfalls scheint mir die Begeisterungsfähigkeit für die Nutzung von Twitter für die early oder late majority nun auch vorbei zu sein. Und auch der angenommene Wert des so genannten „Tweetamin B“ – der Effekt der sozialen Netzwerkeinbindung, welcher vor allem von der Exklusivität lebt, Ist nun auch durch. 2013. Jetzt.

Gewiss jedoch ist dieses twittern längst fashionable. Als cooles Gimmick auf der Party, beim Warten auf die Tram/ die nächste Grünphase oder um die Zeit zwischen zwei Verabredungen zu überbrücken – quasi die Nichtraucherversion der sonst hier üblichen Warte- oder Verlegenheitszigarette (wenn man schmerzlich spürt, was YOLO auch bedeuten kann) – und nicht zuletzt zu den Erscheinungen des digitalen Echtzeit-Eskapismus zuzuordnen.

Die letzten beiden Absätze haben es bereits impliziert: ich bin ein wenig von Twitter ernüchtert. Das Medium wird auch für mich zunehmend lauer. Der Lack ist ab, heißt es so schön, aber auch ich möchte nicht gleich in das derzeit hippe Twitterbashing verfallen (z.B. hier und hier).

Kein Twitter ist auch keine Lösung. Zunächst sei erstmal angebracht zu reflektieren, wieso es dazu kam, um im Verlauf des Textes Lösungen anzubieten, denn nörgeln und das ausschließlich (!) kann ja jeder. Aber was nützt das Ganze, wenn nicht zumindest Mittel und Wege zur Problembewältigung angeboten werden.

Twitter Vogel

Der gehetzte Mensch (hier als early bird).

Die Ernüchterung

Twitter war sozusagen meine erste Social Media Liebe. Jetzt ist sie weg bzw. besser noch ihr Reiz. Denn eigentlich ist sie noch da. Aber aus dem glücksverheißenden Frühlingsgeschöpf wurde mittlerweile eine etwas welke Matrone, die sich freilich noch immer in dieselbe Caprihose zwängt. Es scheint einfach nicht mehr zu passen. Und darüber, warum mir all das plötzlich zu eng und bedrängend erscheint, denke ich nun intensiver nach. Vielleicht auch aus der Sehnsucht nach dieser ersten Begeisterung der neuen Möglichkeiten, wohlwissend, dass das mit einem ähnlichen Medium nie wieder geschehen wird. Bevor ich bloggte, bevor ich beschloss auf Facebook aktiver zu werden und mich überhaupt mit den mannigfaltigen Social Media Diensten eingehender auseinanderzusetzen, war rank und schlank nur Twitter.

Es ist richtig: die #aufschrei-Debatte trug maßgeblich dazu bei. Dass dort während dieser Kampagne das Blockieren von Meinungen, also von Accounts, erheblich zunahm und ich selten auf soviel Intoleranz in einem sozialen Netzwerk stieß – weil wohl jene Kampagne daneben ging – waren die feurigen Augen, denen ich verfiel. Ich bin mir auch bewusst, dass die Idee von einer meinungsmäßig ausgegeglichen Anzahl von Follower und Followings letztlich verträumt naiv ist. Am Ende wollen wir alle in der Geborgenheit unserer eigenen Filterblase bleiben und bestimmen können, was geschieht. Gezielt nach anderen Ansichten und Blickwinkel auf ein und desselben Gegenstandes zu suchen, passiert folglich eher selten. 

Das geschieht genauso in der analogen Welt, der Realität, von Angesicht zu Angesicht und wird schließlich nur in den zunehmend separierter werdenden digitalen Räumen reproduziert.

Was mich aber wirklich enttäuschte (ein Sprichwort besagt, dass man nur enttäuscht werden kann, wer sich vorher selbst täuschte) war die vor kurzen gemachte Beobachtung, dass man auf Twitter vor allem die Agenda der etablierten Medien aus TV (so genanntes Social TV), Print sowie Onlinejournalismus und Rundfunk fortführt, sodass das Medium letztlich doch nur zur Steigerung der Reichweite des Etablierten dient. Twitter eignet sich strukturell nicht zum neuen Sender, sondern verlängert nur die Kanäle, die ohnehin schon dominieren. Dazu zählt nicht nur der #aufschrei. TV-Formate, insofern, dass sie so platziert sind, dass sie einen Teil der Online-Community auch ansprechen – positiv wie negativ (jungst z.B. zdfLogin, Absolute Mehrheit, #wwtfmg oder selbst Wetten, dass…) können sich sicher sein, dass ihr Programm von der Twitter-Community bis zum letzten Grad der Irrelevanz fortgeführt wird. Das betrifft gerade die x-te Bekundung, wie einseitig, langweilig oder verblödend das Ganze ist. Luhmanns Realität der Massenmedien (alles was wir wissen, wissen wir von denen) – so der freie und sehr verkürzte Auszug – schlägt uns hier ein Schnippchen. Twitter war in der letzten Zeit ein wenig zu häufig lediglich Multiplikator für etwaige TV-Formate oder Kampagnen der Hegemonen des Printjournalismus. Und viel zu oft fühlt man sich in den Agenden nach wie vor auf die Rolle des Publikums reduziert. Das muss nicht unbedingt die des Claqueurs sein. Gerade der Buh- und Zwischenrufer ist gefragt, solange sein Zwischenruf nichts grundsätzlich hinterfragt. Denn gerade so lässt sich der Eindruck (oder womöglich sogar mehr noch der Mythos) der neuen digitalen Demokratie aufrechterhalten.

Für mich heißt es dann oftmals „abschalten“. Manchmal führt das jedoch auch zu Kuriositäten. So war es (nicht nur für mich) beobachtbar, dass die Anzahl der Tweets die hinsichtlich des #aufschrei hashtags gesendet wurden sprunghaft abnahmen, als „der Bachelor“ auf RTL lief. Eine sentiment analysis dahingehend wäre interessant und sicher finden sich bald ein paar Medienwissenschaftler, die das übernehmen. Lediglich die Mär von 90 000 twitternen ausschließlich weiblichen Sexismus-Opfern unter dem #tag aufschrei wurde korrigiert.

Twitter muss weiter für den einen oder anderen kuriosen priming-Moment herhalten. Sobald man ein Event verfolgt und parallel dazu Twitter nutzt, sieht man je häufiger man auf Twitter interagiert eher das Event durch die Augen der Anderen, als das Eigene (was da so dem Kopf entspringt). Das kann stören, jedoch auch manchmal ziemlich hilfreich sein. Bei mir war eher letzteres der Fall.

Ein Lösungsansatz

Das Blockieren von anderen Twitterern ist letzlich nur eine Handlung im Rahmen der Bewältigung von Alltagskomplexität, so meine These. Dahinter steckt nicht unbedingt Böswilligkeit. Eher Überforderung. Problematisch wird es, wenn sich daraus eine Art Systematik entwickelt, gar eine Bewegung, die den digitalen Putzlappen schwingt und gegenläufige Argumentationen wegzuwischen versucht, damit die etablierten bzw. die gerade zu verkaufenden Meinungen durchsetzungsstark genug bleiben. Twitter ist nun nicht mehr länger Multiplikator für bspw. TV-Formate, sondern auch für Ideologien.

Was wir benötigen, wäre eine zur Twittersphäre passende Selbstverpflichtung, die sich am ehesten an den auch sonst in der anlogen Welt etablierten und gut funktionierenden humanistischen Werten orientiert. Darin enthalten: Sei dir bewusst, dass der oft hastig eingetippte Schmäh-Tweet letztlich mehr über dich aussagt, als über denjenigen den man damit zu diskreditieren versuchte. Problematisch bei diesen Aussagen ist ja stets, dass die Forderungen von der anvisierten Zielgruppe letztlich ignoriert werden. Ein Paradoxon, welches nicht erst seit Social Media besteht. Zumindest etwas mehr Reflexion wäre ein Anfang.

Nichtsdestotrotz ist mir Twitter immer noch eines der wichtigsten sozialen Netzwerke und am Ende eines Tages dann doch nicht so ein Unort wie es vielleicht erscheint. Twitter bleibt auch weiterhin im Tagesablauf fest integriert, wenn auch die große Leidenschaft dahin ist. Man sitzt zum Abend beieinander und weiß, dass es schlimmer hätte kommen können. Und ist traurig, dass es nicht besser kam. Aber vielleicht ist es noch nicht zu später. Immerhin haben wir Spielräume und was geschieht, hängt doch maßgeblich von der gewählten Nutzungsart ab. Twitter kann vieles sein: ein nach persönlichen Vorlieben konfigurierter Nachrichtenchannel, ein Weg A-, B- oder C-Promis und Debbie-D-cup nahe zu sein, eine Aphorismensammlung oder Sammelbecken diverser Stimmen der Gesellschaft. Für Soziologen ist Twitter ein exzellenter Datenpool und für Marketing-Experten erst recht. Ach, und als (wissenschaftlicher) Dokumentlieferant ist Twitter natürlich auch prima. All das wird gesteuert durch das eigenverantwortliche hinzufügen oder entfernen von Accounts denen man folgen möchte. Und wenn man es geschickt macht, dann eignet es sich vielleicht – ich betone: vielleicht! – auch als Werkzeug zur individuellen politischen Emanzipation. Eines ist jedoch klar: Twitter schenkt uns nichts.

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1 Ursprüngliches Erscheinungsdatum 24.02.2012. Wegen Krankheit des Autors und dank eifriger Mithilfe der LIBREAS Redaktion für diesen LIBREAS Countdown publiziert.

 

Telex und Touchscreen. Zum Medienwandel im Zeitalter des Post-Briefs.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 28. Dezember 2011

Manche meinen, dass wer sich die Zukunft des gedruckten Buches vor Augen führen möchte, mal einen Blick auf die Zukunft des papiergebundenen Poststücks (Brief, Post- oder Ansichtskarte) werfen sollte. Wo Digitaltechnik dominiert und die Nachrichtenübertragung beschleunigt, kann der langsame, materialgebundene Austausch von Inhalten nicht überleben. Meint man. Und dort, wo rein ökonomisch gedacht werden muss, gibt es deutliche Signale, dass nicht alles an dieser Ansicht verkehrt ist. Roger Angell schreibt in der ersten Januar-Ausgabe des New Yorker einen entsprechend einsichtigen Artikel und nennt nur noch wenige zwingende Anwendungsfälle für Briefpost:

„Letters aren’t exactly going away. Condolence letters can’t be sent out from our laptops, and maybe not love letters, either, because e-mail is so leaky. Secrets—an expected baby, a lowdown joke, a killer piece of gossip—require a stamp and a sealed flap, and perhaps apologies do as well (“I don’t know what came over me”). Not much else.“

Es ist fraglich, ob Postunternehmen mit Trauerbekundungen überleben können, denn obwohl man in diesem Fall meistens gern auf die pietätsärmeren Einmischungen in den digitalen Netzwerken verzichten mag und erfahrungsgemäß häufig im Fall des Betroffenseins mit pietätsärmeren Einmischungen gutmeinender Face-to-Face-Kommunikanten genug zu tun hat, ist einem – ebenfalls erfahrungsgemäß – das Kondolenzpostaufkommen nicht immer prioritär. Manchmal könnte man sogar auch gut darauf verzichten – wenn sich nämlich die beiden Varianten kreuzen. Liebesbriefe lassen sich dagegen vielleicht nicht bevorzugt über Pinnwände aber – erfahrungsgemäß zum Dritten – in gleicher Intensität elektronisch in die Herzen oder daran vorbei entsenden. Wer sich wie Josef Murau bei Thomas Bernhard erinnert „[M]eine Schulbücher waren schmutzig, meine Schrift war schlampig, beinahe unleserlich“, dem verspricht die digitale Lebenswelt ohnehin einen in formalen Dingen an Tadeln ärmere Lebenszeit und vielleicht sogar ein bisschen besseren Reproduktionserfolg. Denn wo einst die Begehrte die geheime aber verschmierte Botschaft nicht lesen konnte, kann nun das Buhlen in bester Web-Typography eindeutig lesbar auf ihrem Tablet auftanzen. Schulbücher, die Urplage für geschundene Kinderrücken und Schmierfläche für ungeduldige Kinderhände, wachsen nun auch langsam aus den Kinderstuben und ins Schulbuchmuseum. Grenzenlos hat auch einiges mit ranzenlos gemein.

„His hands were weak and shaking
from carrying far too many
books from the bookshop.


It was the best feeling.“

Solche Wunschträume von Leuten, die sich zeitgemäß sallyeloo nicknamen, sprechen nur noch die Generationen an, die sich auch aufrichtig am Tiny Book of Tiny Stories erfreuen. Allen anderen muss die Bürde und der Kult ums Buch so aktuell sein, wie unseren Eltern die Geschichten aus der Gartenlaube. Das Problem für die Post und Massenverlage liegt nun darin, dass sie strukturell nur über einen Massenmarkt überleben können. Während kleine bibliophile Pressen immer noch ihre Zielgruppe finden, wird die Briefbeförderung tatsächlich zum Problem, wie die US-Post gerade merkt. Als viel zu groß aufgestellter Shrinking Media-Anbieter muss sie doch mit der Flächigkeit des Landes und den realen Distanzen kämpfen. Die Briefbeförderung lässt sich im Gegensatz zum Buch denn auch kaum zum Luxusgut stilisieren. Digitaltechnik übrigens auch nur schwer. Das iPhone mag designtechnisch bis in die letzte Ecke überzeugen. Es ist aber auch dort angekommen und ein – wie eine U-Bahn-Fahrt zeigt – nahezu schichtenübergreifendes Alltagsutensil, das sich im vollgespritzten Blaumann genauso gut findet wie in der Hermès-Bag. Wie früher Kondolenzbriefe und Urlaubspostkarten. Das Vertu-Constellation gibt es nun zwar auch mit Touchscreen in Krokodilleder, was aber so stilbemüht daherkommt, wie ein BTX-Terminal vor einem Pollock. Eleganz beruht bekanntlich auf einer wie naturgegebenwirkenden Harmonie zwischen Inhalt und Form. Womit der Unterschied zwischen iPhone und Vertu-Riegel deutlich sein dürfte. Man könnte auch den SPIEGEL-Jahrgang des Jahres 1991 sicher mit Goldschnitt versehen. Aber gerade das wirkte billig.
Bei mobiler Kommunikationstechnologie, dies meine These zum Mittwoch, ist aufgrund der niedrigen Zugangshürden die soziale Botschaft jedenfalls hinfällig und wenn man dem Mobiltelefonie-Markt etwas zugute halten mag, dann, dass er idealtypisch zeigt, wie Rundumdemokratisierung durch Konsum bewerkstelligt werden kann. Vor dem Funknetz sind alle, ob Edelmann oder Knapp, vielleicht nicht gleich gleich aber doch sehr ähnlich und werden nächsten Samstag kurz nach 12 am Samstag von Berlin-Mitte aus wie jedes Jahr niemanden per Handy erreichen.

Früher – also Anfang der 1990er – sah die Welt noch anders aus. Netzzugang war ein Luxus. Und das erste Fundstück des Tages zeigt, dass Information im Netz in dieser Zeit folgerichtig gern auch als selbstverständliches Lebensstilelement der Coolen und Reichen verkauft wurde:

BTX

Das Bundfaltennetz: Welche Oldies sind topaktuell? Zu BTX-Zeiten musste man oft noch dem eigenen Geschmack und nicht dem YouTube-Ranking vertrauen. Jedenfalls dann, wenn man kein MultiTel der Post besaß. Auch ansonsten ist die Welt vor 20 Jahren heute kaum weniger vorstellbar, als es 1991 die Informationswelt in 20 Jahren war. Wobei die Herrenanzüge dieser Zeit unzweifelhaft futuristischer geschnitten waren. Keine Frage!

Vor dem Horizont der Wende zum berührungsempfindlich Display, das die Tastatur auf die Straße des Aussterbens schickt, auf der Fotofilme, Brief und Buch bereits in ihren Sonnenuntergang schlendern, ist das Fundstück aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.03.1993 fast noch interessanter, auch wenn man damals den eigentlich Punkt noch nicht verstand: „Menschen, die mit den Tastaturen herkömmlicher Rechner und elektrischen Schreibmaschinen nicht zurecht kommen“ greifen nicht unbedingt lieber zum Schreibstift. Sondern wischen sich die Botschaften, die sie brauchen, heran.

Damit kommt in gewisser Weise die Welterschließung per Hand, das haptische Element zurück, weswegen die midasierende Touchscreen-Kultur, die das wertvoll und nutzbar macht, was ich direkt berühre, weniger künstlich erscheint, als die QWERTZ-Eingabetechnokratie. Der Touchscreen ist das bisher jüngste Glied in der evolutionären Kette der Interaktionswerkzeuge und die scharfe Kante, die der Computermaus das Plastikrückgrat bricht.

Touchscreen

Touchscreen, Tochscreen now. I wanna feel your body. - Samantha Fox' 1986er Überhit (mit diversen Unterremixen in den 1990ern) hat nun wirklich nichts mit Digitaltechnik zu tun (außer vielleicht beim Abmischen). Und wenn man ihn heute hört, wirkt er entsetzlich schleppend. Wen aber gern unfreiwillig krude Assoziationen überfallen, der bekommt dennoch schon mal die Verknüpfung "Tatsch Mie" (wie wir es damals mitsangen) und Tadschskrien, wie die Generation unserer Kinder es nennt, mitgeliefert und kann daraus nichts anderes machen, als eine bedeutungsarme Bildunterschrift. Fax für Dr. Schreiber.

(bk)