LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (9): The way to Leipzig. Impressions

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour, LIBREAS Veranstaltungen by Karsten Schuldt on 13. März 2013

Eines der interessanten Fakten am Besuch von Konferenzen ist ja, dass das Drumherum mehr besprochen wird, als die Referate, Workshops etc. selber. Das sagt gar nichts über die Referate selber, die werden oft nach den Konferenzen besprochen. Da wir als LIBREAS ja bekanntlich wie ein bunter Fisch im Wasser des Bibliothekswesens sind, passen wir uns daran an. Die Karte auf dem Weg und in Leipzig; Inhalt folgt später. (Auf der frei<tag>?)

On ze way to Leipzig, I

On ze way to Leipzig, I

On ze way to Leipzig, II (La tristeza di Germania est)

On ze way to Leipzig, II (La tristeza di Germania est)

Falsches Messegelände

Falsches Messegelände

Merke: Bücherstadt. Deshalb auch Lesezimmer in den Hotels.

Merke: Bücherstadt. Deshalb auch Lesezimmer in den Hotels.

... und Bücherkisten in den Eingängen der Hotels.

… und Bücherkisten in den Eingängen der Hotels.

DNB (muss ja.)

DNB (muss ja.)

Leipzig, so hört man in Berlin tönen, wäre mehr und mehr vom Gefühl her so, wie Berlin in den 1990ern (als es noch spannend war) war. Deshalb vielleicht finden sich hier auch Kleber, die in Berlin nicht mehr Recht zu finden sind.

Leipzig, so hört man in Berlin tönen, wäre mehr und mehr vom Gefühl her so, wie Berlin in den 1990ern (als es noch spannend war) war. Deshalb vielleicht finden sich hier auch Kleber, die in Berlin nicht mehr Recht zu finden sind.

Messezentrum

Messezentrum

Walking through the water at the Leipzig Messe-Centre.

Walking through the water at the Leipzig Messe-Centre.

At a panel.

At a panel.

Medienkonvergenz. (I take a picture of you taking a picture of someone taking pictures of as like we are stars.)

Medienkonvergenz. (I take a picture of you taking a picture of someone taking pictures of as like we are stars.)

Kolleginnen und Kollegen im Fachgespräch (wer's glaubt) on historic ground know form the bestseller Faust.

Kolleginnen und Kollegen im Fachgespräch (wer’s glaubt) on historic ground know from the bestseller Faust.

Historic ground means Auerbachs Keller, of course.

Historic ground means Auerbachs Keller, of course.

Bücherstadt. Lesen Sie etwas über die Deutsche Nationalbibliothek während Sie auf die nächtliche Strassenbahn warten.

Bücherstadt. Lesen Sie etwas über die Deutsche Nationalbibliothek während Sie auf die nächtliche Strassenbahn warten.

Bibliothekkongress all over town.

Bibliothekskongress all over town.

Fahrbibliotheken, überall nur Fahrbibliotheken.

Fahrbibliotheken, überall nur Fahrbibliotheken.

Ja, Wasser

Ja, Wasser

...

... ...

… …

Workshop Bibliothekspädagogik

Workshop Bibliothekspädagogik

Beweis: Wirklich der Bibliothekskongress 2013

Beweis: Wirklich der Bibliothekskongress 2013

Das Symbol zum Nachtverkehr

Das Symbol zum Nachtverkehr (Leipzig, bei Treu, ist eine Grossstadt. Hier fährt der Nachtverkehr wirklich die ganze Nacht und kostet nicht z.B. 5 CHF mehr – take this Zürich.)

Auf dem Weg zum Abendprogramm und Nachtleben danach.

Auf dem Weg zum Abendprogramm und Nachtleben danach.

Nachtrag

Kulturelles Erbe Leipzig.

Kulturelles Erbe Leipzig.

kiba-Lounch, für Nachwuchsarbeit und junge Forschende.

kiba-Lounch, für Nachwuchsarbeit und junge Forschende.

It’s the frei 2013 Countdown (10): Frühlingsgrüße… raum:shift : auf Reisen.

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 12. März 2013

Es schneite und es schneite und es schneit wahrscheinlich immer noch in Leipzig. Man sagt, auch nördlich von der sächsischen Metropole ist alles weiß. Für Berlin trifft das zu.
Bevor nun weitere Nachrichten und Eindrücke von raum:shift-Landungen in verschneiten Landschaften und auf dem BID-Kongress in Leipzig die Runde machen, sollen schnell noch Frühlingsgrüße des raum:shifts nachgereicht werden (siehe auch libreas.tumblr). Genau im richtigen Moment, wenn die Hoffnung auf einen baldigen Frühling sinkt und um den Sonnenschein zurückzuholen. Gelandet ist das raum:shift im Februar in Texas (USA), um an der iConference 2013 teilzunehmen und im Anschluss daran hat man es im Februar und März auch in alten Bibliotheken und auf den Domen in Mailand, Bologna und Florenz gesehen.

Fotos von: Maxi Kindling

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Sie nannten es Arbeit. Eine Handreichung zu drei Informationsgesellschaftstheorien.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. März 2013

Rezension zu

Jochen Steinbicker (2011) Zur Theorie der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 2. Auflage Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-18054-0 29,95 Euro (Seite zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

I

Wer in den ausklingenden 1990er und beginnenden 2000er Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft über den Tellerrand hinaus sah und sich fragte, in welcher Gesellschaft er sich befindet, der blickte zwangsläufig in eine halb gegenwärtige, halb zukünftige Lebenswelt namens Informationsgesellschaft. Über diesem bereits an sich schillernden Begriff standen als besonders strahlende Leitgestirne die Beschreibungen von Daniel Bell (postindustrielle Gesellschaft) , Peter Drucker (Wissensgesellschaft) und Manuel Castells (informationelle Gesellschaft, Informationalismus). Allen drei Protagonisten beschäftigte, ungeachtet der Variation in der Benennung, die Transformation einerseits der ökonomischen und andererseits in dieser Folge auch der sonstigen Bereiche der Gesellschaft.

Grundlage der Entwicklung war eine Verschiebung im Bereich der Produktivkräfte (ein Ausdruck, der seinen Zenit etwa 1975 hatte und mittlerweile auch schon Staub trägt). Für die Wertschöpfung waren nun nicht mehr physische Arbeit (mitsamt der Körper, die diese verrichten mussten) und Land und nicht mehr nur Kapital, Maschinen und Energie notwendig. Entscheidend waren mehr oder minder plötzlich Wissen, Innovationsgeist, Wagnis und – wie das Beispiel der New Economy zeigt – auch Einiges an Chuzpe, Glück und richtigen persönlichen Kontakten.

Parallel dazu erkannte man, dass sich die bis dato weitgehend vorwiegend unter kulturellen bzw. sozialen Aspekten zu verortenden Phänomene Information und Kommunikation nicht nur nachrichtentechnisch in mathematische Fassungen bringen lassen, sondern generell als Waren begriffen werden und daher auch ihre Erzeugung, Verbreitung und Nutzung nach Marktmechanismen strukturiert werden können. Mit den entwickelten Formen der Informations- und Kommunikationstechnologie standen Kanäle und Werkzeuge zur Verfügung, die nahezu beliebige Quantitäten von Nachrichten bei zugleich relativ guter Kontrollmöglichkeit übertragbar machten. Die Totalisierung dieses Prinzips, dass wir mit dem Zeitalter des Smartphones und der digitalen sozialen Netzwerken bis in den kleinsten interpersonellen Austausch hinein erfahren, ist nicht nur direkte Nachwirkung dieses Gedankens, sondern zugleich Auslöser der Frage, in welche Richtung dieser Zug nun weiter rollt.

Schreibtisch

II

Möglicherweise ist die Wissensökonomie, bei der es um Individualwissen geht, schon längst wieder im Abschwung. Die Theorien der Informationsgesellschaft und deren Hauptvertreter, von denen zwei bereits verstorben sind, hinterließen dafür keine Orientierung. Ihre Arbeiten bieten tatsächlich Erklärungsmuster, die die Entwicklung bis circa in den frühen 2000er Jahre noch halbwegs begreifbar machen.

Das Gewicht ihrer Theorien liegt entsprechend noch auf dem Faktor Wissen, hier synonym mit Intelligenz und schneller Reaktionsfähigkeit bzw. Entscheidungsfreude zu verstehen. Zauderer hätten kein Google gebaut und der alte Industrieadel wäre an den frühen Bilanzen (ca. die ersten 15 Jahre) von Amazon zutiefst verzweifelt. Dennoch hat sich das Digitale in Form von Leit- und Steuertechnologie auch in den urständigsten Schwerindustrien durchgesetzt. Wer es nicht glaubt, den überzeugt jede beliebige Führung in einem gläsernen Stahlwerk oder eine anderen Art von (ehemaliger) Manufaktur in der Regel ziemlich schnell. Dass Bildung im Sinne von einer Verständnis- und Bedienkompetenz für entsprechende Steuermedien an vielen Stellen über Körperkraft geht, versteht sich von selbst. Ein bitteres Erwachen jenseits idyllischer Illusionen über das Emanzipationspotential einer digital basierten Kommunikationsgesellschaft spielte für die drei Leitbildbildner noch kaum eine Rolle. Die Entkleidung von Konzepten wie Bildung und Wissen auf ihren Verwertungskern scheint jedoch, wie wir heute leicht erkennen, ein logischer und unvermeidbarer Bestandteil der Entwicklung zu sein.

Wir sehen es jeden Tag: Bildung, auch universitär, besitzt auch in der universitären Praxis nur noch sehr geringe Schnittmengen mit aufklärerischen Vorstellungen und sehr große mit Fragen der Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt, in dem Wissen einzig dann wichtig ist, wenn es dem jeweiligen Funktionskontext nutzt bzw. sich jemand findet, um dafür etwas zu bezahlen. Der Wissensarbeiter – den beispielsweise Peter Drucker eher abstrakt beschrieb – ist zumeist tatsächlich nur Wissensproletarier (oder, vgl. S. 47, “Nachfahre des Facharbeiters”). Daniel Bells Vorstellung einer Wissenselite bleibt ebenfalls eher unterbestimmt und die Idee einer Verlagerung von Macht und Kontrolle weg vom Markt ist, wie auch Jochen Steinbicker betont, je nach Sichtweise entweder widerlegt oder noch auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie sich einlösen kann.

III

Der Soziologe Jochen Steinbicker bündelt also in seinem Überblicksbuch die am Ende doch ähnlichen Konzeptlinien des großen Vordenkertrios unserer (ökonomischen) Gegenwart, heuer in der zweiten Auflage, zusammen und macht somit die “Pfade zur Informationsgesellschaft” (so der Titel eines weiteren Buches, das er ebenfalls 2011 allerdings beim Velbrück Wissenschaftsverlag publizierte) aus diesen drei Perspektiven recht übersichtlich nachvollziehbar. Die Abhandlung eignet sich freilich mehr als Handreichung denn als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, obschon die jeweilige Kritik der Ansätze eine gute Basis für Folgediskussionen böte, lägen die Defizite aller drei Versuche, die kommende bzw. seiende Gesellschaft zu bestimmen, nicht bereits derart offen auf der Hand.

Letztlich sind die referierten Theorierahmen von Bell, Castells und Drucker im Jahr 2013 über weite Strecken hauptsächlich aus historischer Sicht interessant. Im Jahr der Erstauflage des Bandes – 2001 – stellte sich die Situation noch anders dar (und das Buch selbst war, das nebenbei  vermerkt, auch noch zum halben Preis zu haben – eine auch wissensökonomischer Sicht erstaunliche Kopplung von Halbwertszeit des Wissens und dem dafür geforderten Preis).

Zum Ausstieg argumentiert Jochen Steinbicker erwartungsgemäß resolut gegen eine techno-determinstische Entwicklung. Stattdessen plädiert er für die “Identifizierung verschiedener Typen von Informationsgesellschaften ” (S.125) als Startpunkt eines kritisch-reflexiven Hinterfragens. Beispielsweise der in der Tat bisweilen dreist von den prominenten Monomaniacs (Wortschöpfung von Peter Drucker) als unveränderlich verkauften Entwicklung, die freilich oft mit dem Verkauf einer jeweiligen Produktidee korreliert und mitunter die Verbindung zur Theorie eines viel älteren Vordenkers aus der Republik Florenz nahelegt.

Die vier Beobachtungsebenen, die sich für Anschlussuntersuchungen anbieten:

  1. These des Strukturwandels der Arbeit;
  2. These der Spaltung zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und geringqualifizierten Dienstleistungsangestellten (dieses Neoproletariat wurde freilich bereits von Walter Benjamin thematisiert);
  3. Verhältnis von Wissensarbeit und Organisation inklusive Verschiebungen im Verhältnis Hierarchie und Kontrolle;
  4. Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung des Strukturwandels der Arbeit (vgl. Steinbicker, S. 123)

bleiben zweifellos zeitfeste Plateaus intellektueller Deutungsarbeit und dies idealerweise auch für die Bibliotheks- und mehr noch Dokumentations- als Informationswissenschaft. Denn die Frage, wohin die Profession steuert, ist dauerhaft offen. Bibliothekare und Dokumentare (besonders letztere) standen gewissermaßen lange durchaus für eine Art Avantgarde der Wissensverarbeitung, die nun in der Informations- und Wissensgesellschaft vom Hauptfeld der Beschäftigungswelt einge- und manchmal überholt wurde. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sieht sich so mit einem mächtig erweiterten Gegegenstandsbereich konfrontiert und obwohl die Vorhersagen von Daniel Bell auf die 1960er rückdatieren und die Bücher frühzeitig auch in deutscher Übersetzung vorlagen, zeigte sie sich lange nicht sonderlich für diese Transformation gewappnet.

IV

Kurioserweise musste man auch in ihr ausgerechnet lange um das ringen, was Jochen Steinbicker als “dritten Weg zwischen der pauschalen Ablehnung […] und der unkritischen Zustimmung” einfordert. (S. 125) Früher nannte man das ein vernünftiges Gleichgewicht. Die stattdessen in dem Feld lautstärker wahrnehmbaren Extrempositionen wie a) Treue zu anachronistischen Prinzipien oder b) servile Anpassung an den Zeitgeist treten, wie jeder weiß, immer besonders gern in Situationen der Unsicherheit auf. Dass die Veränderung der Beschäftigungswelt mit gegenläufigen Trends einerseits der Ausweitung der lebensweltlichen Bedeutung des Arbeitsverhältnisses (vermittelt durch das Medium Geld) und andererseits die weitreichende Flexibilisierung und potentielle Prekarisierung der Arbeitswelten, wie wir es seit 2000er Jahren in größter Entfaltung erleben, zu Verunsicherung führt, erstaunt freilich ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder Bell noch Drucker noch Drucker in ihren Makroentwürfen sonderlich über die sozialpsychologischen Folgen der von ihnen beschriebenen neuen Gesellschaften reflektierten.

Vielmehr liest es sich so:

“Alle Konsumfreuden, wie ein Buch lesen, sich mit einem Freund unterhalten, eine Tasse Kaffee trinken, ins Ausland reisen, erfordern Zeit. Deshalb verfügen auch die Bewohner “rückständiger Länder”, die sich nicht so viele Dinge leisten können, über mehr Zeit. Besitzt jemand hingegen ein Segelboot, einen Rennwagen oder ein Konzertabonnement, ist “Freizeit” sein knappstes Gut. Will er z.B. ins Konzert, muß er entweder sein Abendessen hinunterschlingen […] oder hinterher essen, was wiederum bedeuten kann, daß er zu lange aufbleibt und nicht genügend Schlaf hat, will er am nächsten Tag “pünktlich” zur Arbeit erscheinen.” – Daniel Bell (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 349

Das mag für irgendeine Welt korrekt sein. Aber wer heute als Wissensdienstleister zu arbeiten beginnt oder, vom Bildungsabschluss zur Wissenselite zählend, versucht im deutschen Universitätssystem Fuß zu fassen, merkt spätestens beim Blick auf seine Rentenprognose, dass ein Segelboot oder ein Rennwagen vermutlich nicht zum engsten Kreis der Probleme zählen werden. Die Frage nach der Aktualität und Aktualisierbarkeit der Arbeiten der großen Drei stellt sich so bei der Lektüre der Originaltexte nicht ganz selten. Sie zu kennen, schadet natürlich auch nicht.

Dass sich Jochen Steinbickers Arbeit vorwiegend an Soziologen und dabei vermutlich in der Hauptsache an SoziologiestudentInnen richtet, die das Buch zur Prüfungsvorbereitung lesen (vermutlich in der Bibliothek, denn für diesen Zweck ist die zweite Auflage schon etwas hochpreisig), braucht uns als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler keineswegs daran hindern, einen (Rück)Blick in die Pro- und Diagnostik der drei genannten Theoretiker zu werfen. Man erfährt durchaus Wichtiges über die Wurzeln der heutigen Haupttrends vor allem der digitalen und wissensbasierten Ökonomien. Und erst deren Kenntnis ermöglicht vermutlich ein adäquates Handeln in einer äußerst widersprüchlich und unklaren gegenwärtigen Gesellschaft jenseits von Informations-, Wissens- oder Wissenschafts-Präfixen.

(Berlin, 08.03.2013)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (11): What? (Literaturverwaltung, Beispiel)

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by Karsten Schuldt on 10. März 2013

von Karsten Schuldt

I.

Letzte Woche fand in der Humboldt-Universität zu Berlin die Inetbib-Konferenz statt. Eine wichtige Veranstaltung, bei der unter anderem der Redaktionskollege Matti Stöhr einen Vortrag zu Literaturverwaltungen und Bibliotheken hielt, wo er unter anderem darauf insistierte, dass Bibliotheken nicht nur für eine oder zwei Literaturverwaltungssysteme Beratung anbieten sollten, sondern ihrem Anspruch als Einrichtungen, die einen möglichst grossen Zugang zu Wissen ermöglichen, entsprechend, auch möglichst viele Alternativen zur Literatursverwaltung nachweisen sollten. Das Bibliotheken Beratungen zur Literaturverwaltung anbieten sollen wurde in diesem Vortrag und auch der folgenden Diskussion vorausgesetzt. Niemand hat dem widersprochen.

II.

Zum Wochenende nach der Inetbib-Tagung ging ich mit einer Freundin aus, die ich sehr hoch schätze und die mich mit ihrer Intelligenz immer wieder von überzeugt. Zwei kleine charakterliche Schwächen weisst sie allerdings auf: Erstens will sie – warum auch immer – ihre jetzige Beziehung gegen alle Flirtversuche einfach beibehalten und zweitens weigert sie sich, Bibliothekswissenschaftlerin zu werden, will stattdessen einfach weiter Physikerin bleiben und demnächst in dieser Disziplin ihre Promotion beginnen. An beiden Schwächen kann ich mich seit Jahren abarbeiten.

Diese Freundin besuchte desletztens die jährliche Tagung der deutschen physikalischen Gesellschaft. Sie berichtete, dass sie dort eine Informationsveranstaltung besuchte, auf der ein Sprecher angeblich informationswissenschaftliche Themen besprechen wollte, aber eigentlich eine Software vorstellte, mit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Lage sein sollen, ihre Literatur zu verzeichnen, die PDFs dazu zu speichern, diese zu durchsuchen und im Allgemeinen zu verwalten. Besagte Freundin war von diesem obskuren Programm „Mendeley“ so begeistert, dass sie die letzten Tage damit verbrachte, mit dessen Hilfe tatsächlich ihre gesamte Forschungsliteratur zu verzeichnen.

Wie gesagt: Ich traue dieser Frau vieles zu und halte ihre Intelligenz für ausserordentlich hoch. Allerdings scheint ihr, die wirklich viel von mir zu Bibliotheken, Informationsverwaltung, Informationswissenschaft etc. gehört hat und selber seit einigen Jahren im physikalischen Forschungsprozess aktiv ist, die Idee eines Literaturverwaltungsprogrammes so neu und so radikal richtig zu erscheinen, dass sie es erst zufällig jetzt entdeckt hat. Das kann nicht daran liegen, dass sie bislang ignorant durch die Welt gegangen wäre. Im Gegensatz zu vielen anderen Physikerinnen und Physikern benutzt sie sogar ihre Universitätsbibliothek. Eigentlich hat die Bibliothek ihre Chance gehabt, sie an Literatursverwaltungssoftware heranzuführen.

Wie auch immer die "anderen", die die mit Bibliotheken etwas anderes als "wir" oder gar nicht zu tun haben, ticken ist offenbar so einfach gar nicht zu verstehen. Mag sein, dass wir wissen, was für sie besser wäre (Wirklich? Denken wir nicht eher nur, wir würden es wissen? Braucht die Welt vielleicht Datenbanken gar nicht so sehr, wie wir denken?), dass heisst nicht, dass die "anderen" es auch so sehen. Es zu verstehen ist offenbar immer "nur" ein Versuche. Oder, um in der Sprache der aktuellen Ausstellung in der NGBK (hier auf dem Bild) zu bleiben, ein Versuch den state of mind zu rekonstruieren.

Wie auch immer die „anderen“, die die mit Bibliotheken etwas anderes als „wir“ oder gar nicht zu tun haben, ticken ist offenbar so einfach gar nicht zu verstehen. Mag sein, dass wir wissen, was für sie besser wäre (Wirklich? Denken wir nicht eher nur, wir würden es wissen? Braucht die Welt vielleicht Datenbanken gar nicht so sehr, wie wir denken?), dass heisst nicht, dass die „anderen“ es auch so sehen. Es zu verstehen ist offenbar immer „nur“ ein Versuche. Oder, um in der Sprache der aktuellen Ausstellung in der NGBK (hier auf dem Bild) zu bleiben, ein Versuch den state of mind zu rekonstruieren.

III.

Ist das ein Einzelfall? Ich vermute eher nicht. Aber es ist eine erstaunliche Überraschung, die man auch nur entdeckt, wenn man sich direkt in die Realität begibt. Wir als Bibliothekswesen scheinen beispielsweise vorauszusetzen, dass Literaturverwaltungsprogramme sinnvoll sind – und deshalb hat der Kollege Stöhr auch Recht, wenn er darauf verweist, dass Bibliotheken mehr als ein Programm (und dann meist auch noch ein eher mittelmässiges, dass oft nur auf einen mittelmässigen Betriebssystem läuft) begleiten sollten. Aber die Wissenschaft funktioniert offenbar auch dufte ohne ein solches Programm. (Von der gleichen Freundin kann ich berichten, dass sie mich kurz vor ihrer Masterarbeit fragte, ob ich ihr einmal recherchieren zeigen kann, weil das Studieren und Forschen bis dato offenbar auch ohne Recherche funktioniert hatte.)

Einst, als ich in einer Öffentlichen Bibliothek ein Praktikum absolvierte, kam ein Nutzer, der dort immer war, zu mir und fragte, ob es in der Bibliothek ein Buch gäbe, in welchem steht, wie die Worte richtig geschrieben werden, damit man nachschlagen kann, wie es richtig wäre. Auch da habe ich eine Zeit gebraucht, den Fakt zu verarbeiten, dass er von etwas sprach, was ich als bekannt voraussetzen würden: den Duden halt.

Was mich in solchen Fällen immer wieder trifft ist gar nicht die Erkenntnis, dass man, wenn man nur lange genug die eigene Schicht, das eigene Bildungskapital und die eigenen Peer Groups „ignoriert“ sehr schnell Dinge als bekannt und selbstverständlich voraussetzt, die es nicht sind. Vielmehr drängt sich mir immer wieder die Frage auf: Wie kriegen wir als Bibliotheken eigentlich heraus, was wir fälschlich voraussetzen? Es kann ja keine Strategie sein, die ganze Zeit mit Forschenden aus anderen Disziplinen zu flirten oder auf erstaunliche Anfragen von Nutzerinnen und Nutzern zu warten. Aber über die Frage selber bin ich bislang nicht herausgekommen.

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (12): LoC

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 10. März 2013

von Manuela Schulz

Welche Berufswelt kann nicht eine Fülle von Akronymen und anderen Abkürzungen vorweisen? Manch einer geht auch bei der schriftlichen Kurzmitteilungskommunikation derart kreativ mit Wortabkürzungen um, sodass es mitunter eine wahre Decodierungskunst beim Lesen der Kurzmitteilung erfordert. Selbst die Fantastischen Vier bescherten 1999 mit MfG – Mit freundlichen Grüßen einen Ohrwurm voller Akronyme (in dem auch die/der/das EKZ genannt wird ;-)). So wird innerhalb der Bibliothekswelt LoC nicht für Loss of Consciousness oder Loss of Control verwendet, sondern es handelt sich dabei um nichts weniger als die Library of Congress, immerhin die größte Bibliothek der Welt, wenn man die Bestandszahlen als Bezugsgröße nimmt. Und so gibt sich die Nationalbibliothek der USA selbstbewußt in ihrer Beschreibung:

Today’s Library of Congress is an unparalleled world resource. The collection of more than 155 million items includes more than 35 million cataloged books and other print materials in 460 languages; more than 68 million manuscripts; the largest rare book collection in North America; and the world’s largest collection of legal materials, films, maps, sheet music and sound recordings. (LoC Website)

Das ist ein Anstieg von 45 Millionen Bestandseinheiten (um im bibliothekarischen Sprech zu bleiben) innerhalb von 13 Jahren! Die British Library (BL) gibt sich etwas gelassener, mit der Angabe,  „the collection includes well over 150 million items, in most known languages“, und folgt somit dicht der amerikanischen Kollegin. Die vergleichsweise junge Deutsche Nationalbibliothek (DNB) kann Ende letzten Jahres immerhin rund 27,8 Millionen Einheiten an ihren drei Standorten nachweisen.

Postkarte aus dem Bibliotheksshop der Library of Congress: Main Reading Room, View from above showing researchers desks. (Carol Highsmith, photographer)

Eine Postkarte aus dem Bibliotheksshop der Library of Congress: Main Reading Room, View from above showing researchers desks. (Carol Highsmith, photographer) Wie es sich für die größte Nationalbibliothek gehört, gibt es die Ansicht nicht im üblichen Standardformat, sondern auf doppelgroßem Kartenkarton. Einen Online-Shop sucht man btw. bei der DNB vergebens, dafür finden sich ein Datenshop und die Protokolle der Sitzungen des Standardisierungsausschusses und der Expertengruppen unter A-Z.  Typisch Deutsch, denkt da mancher ;-).  LIBREAS hat zwar keinen eigenen Online-Shop, verwendet dieses schöne, sinnliche Medium aber auch gerne, seit ein paar Monaten für den Hinweis auf die bevorstehende frei<tag>13 und hat sie längst hier und da verteilt.

Unabhängig vom Bestand sind jedoch u .a. das jeweilige Dienstleistungsspektrum für Öffentlichkeit und Forschung, auch deren Darstellung, und der Grad der Vernetzung mit anderen öffentlichen wie privaten Instiutionen interessant und ausschlaggebend für das Image der Bibliothek und die Verankerung innerhalb der Gesellschaft. Wie hieß es doch so schön in Twitter letzte Woche als Kommentar während der Inetbib 2013:  „kontextualisieren statt katalogisieren“. Was machen wir mit / aus unseren Beständen? – Vielleicht wird’s in 12 Tagen bei der frei<tag> thematisiert.

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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (13): Zu Andrzej Stasiuks Gang in die Bibliothek.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 9. März 2013

von Ben Kaden

„Mein Vater hat nie Bücher gelesen, und meine liest er auch nicht und für meine Mutter, die es versucht, sind sie nicht das Richtige.“ – Andrzej Stasiuk / Im Gespräch: Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2013, S. 40

Wie wird man einer der bedeutensten polnischen Gegenwartsschriftsteller, wenn man in Warschaus rechtsweichsligen Arbeiterviertel Grochów in den 1970er Jahren als Kind quasi zwangsproletarisierter Eltern (mit noch unmittelbaren Wurzeln im bäuerlichen Landleben) aufwächst? Möglicherweise, nein eher noch wahrscheinlich, dank der Bibliothek.

Jedenfalls lässt der winzige Erinnerungstext Der Gang in die Bibliothek von Andrzej Stasiuk, der auf Deutsch erstmals in der Ausgabe Mai / Juni 1999 der Zeitschrift Sinn und Form erschien (S. 490-494), kaum einen anderen Schluss zu. Oder vielleicht doch? Denn mehr als die Bibliothek umkreist das Rückspiegelbild die Anziehung, die von der Bibliothekarin ausgeht:

„Das Regal mit dem Buchstaben »D« befand sich ganz unten, am Boden. Nur von dort konnte man, ohne Verdacht zu erregen, die schlanken Beine der Bibliothekarin betrachten, die von einem schmalen Riemchen umspannten Knöchel und die Füße, die in zwei an kleine Särge erinnernden Holzklötzen eingesperrt waren. [..] Für dreizehnjährige Jungen sind zehn Jahre ältere Frauen immer ein Gegenstand bitterer, schmerzlicher Anbetung.”

Und dieser private Kult der Sehnsucht auf Höhe des Buchstaben Ds führte nicht allein dazu, dass der Junge einmal die Woche, d.h. in einer zeitlichen Distanz „lang genug, um der Lächerlichkeit zu entkommen, diesem Dämon pickliger Teenager”, in die an diesen Donnerstagnachmittagen kaum besuchte Stadtteilbibliothek ging. Sondern er hatte auch zur Folge, dass er sich mit Dumas, (Jan) Dobraczyński und Dostojewski abkämpfte. In der Bibliothek fand er neben dem ersten Knospen einer Erotik zugleich, dieses Frühblühen  angesichts der Herausgehobenheit des Ortes offensichtlich deutlich bedingend, all das, was man gemeinhin von einer solchen Bibliothekssituation erwartet:

„Das ewig halbleere Glas Tee war das einzige Zeichen von Leben auf dem pedantisch aufgeräumten Schreibtisch.”

und

„[Der Duft ihres Parfums] mischte sich mit dem Geruch der Neueingänge, die auf dem Tischen links vom Schreibtisch lagen. Ich sah die Bücher von weitem und wußte, wie sie rochen: streng, angenehm und sinnlich.”

Weder die Frau allein noch die Bibliothek allein lassen sich als Stufen zum elementaren Dasein in der Schrift isoliert anführen. Es ist die intensive Erfahrung ihrer Wechselwirkung, also der Bibliothekarin als Bezugsperson und des Bibliotheksraums als Kapelle der Begegnung. So ist sinnlich auch der Faden, an dem Andrzej Stasiuk das von ihm gezeichneten Bibliotheksbild wunderbar anknüpft.

„Das einzige Geräusch war das leise Aufsetzen des Teeglases auf der Untertasse. Jede halbe Minute hörte man ein zartes, gedämpftes Ticken. Das war die Bibliotheksuhr.”

Sehen, riechen, hören und die Summe daraus: die Sehnsucht nach etwas, das sich in einem kurzen, still und hoffnungslos begehrenden Seitenblick auf den „honigfarbenen Nasenflügel, der sich von der sanft gerundeten Linie der im Schatten liegenden Wange abhob” fängt.

Frei<tag> 2013

Tier und Bibliothek. Irgendwann im Leben gerät man bei guter Führung an einen Punkt, an dem ein bequemes Lesesofa, eine sanftmütige Katze und zwei Regalmeter als relevant erfahrene Bücher ausreichen, um einen ruhig und gelassen in einem Samstagabend zu verankern. Wenn man dann noch nebenbei ein paar Zeilen für den frei<tag>-Countdown schreiben kann, scheint es fast unvorstellbar, dass die Welt nicht Ordnung sein könnte. Natürlich liegt die Betonung auf „scheinen”. Aber warum sollte man nicht einmal das Bild des Idylle für eine Weile als wahr annehmen. Die Brüche kommen schon von selbst wieder.

Über Nacht war das alles vorbei und die Wange wurde, wenn man so will, zur Backe. Die Bibliothekarin „hatte einen Polizisten geheiratet” und die Bibliothek verlassen. Als Ersatz bezog keine neue Beauté den Schreibtisch hinter der Ausleihe, sondern

„eine außergewöhnlich magere, sommersprossige, häßliche junge Frau. Ihr Haar hatte die Farbe der Reihe »Weltliteratur der Gegenwart«. […] Sie trug Kordhosen und Halbschuhe mit flachem Absatz. Ihre auf dem Schreibtisch ruhenden Hände ragten aus kurzen Ärmeln des engen Pullis und erinnerten an die Kautschukskelette im Biologieraum.”

Und dennoch: Es ging ebenso von ihr ein Zauber aus.

„Wie früher bekam ich weiche Knie, wenn ich auf dem plattgetretenen Weg quer über den Rasen ging, und die Überwindung der schartigen Treppe war ein Akt, in dem sich Wille, Mut und Verlangen paarten.”

Die Poesie der neuen Bibliothekarin waren nicht zarte Fußknöchel oder ein weich geschwungener Nasenrücken. Sie verzauberte – ebenfalls ganz ungewollt – in dem sie andauernd weltentrückt las und dabei gänzlich die Ordnung des zuvor sorgsamst sortierten Schreibtisches verwundersam vernachlässigte:

„Da saß sie mit gesenktem Kopf, zwei Strähnen ihres Mäusehaars berührten das aufgeschlagene Buch, und ringsum herrschte ein Durcheinander von Büroklammern, farbigen Filzstifen, Lesekarten und Zetteln. Aus der vollgestopften Handtasche fielen Kämmchen, Taschentücher, Lippenstifte, Puderdöschen, Nagelfeilen – die ganze Palette einer Kosmetik, die gegen das Aussehen der Bibliothekarin völlig machtlos war.”

Gegensätzlicher könnten die beiden Sehnsuchtsfrauen des jungen Bibliotheksbesuchers nicht auftreten. Tatsächlich aber vollzieht sich für den Jungen eine Art Elevation vom Schein zum Sein:

„Denn jetzt war es nicht mehr die Schönheit der Bibliothekarin, die mich verwirrte; jetzt ging es um mehr – um ihre Seele.”

Während ihn das Fräulein »D« sinnenhaft in Wallung versetzte, bestimmt mit der Ewiglesenden ein intellektuelles Moment die Bibliotheksbesuche. Genauer: Die Angst, als Simpel entlarvt zu werden, denn eigenartigerweise entstand in der Wechselwahrnehmung des üppigen Bibliotheksbestands und der sichtbaren Lesewut der spindeldürren Bibliothekarin der Eindruck,

„sie kenne aller Bücher der Welt, ihren Inhalt und ihren Wert, und meine Ignoranz, mein schlechter Geschmack, meine Gewöhnlichkeit kämen früher oder später ans Tageslicht.”

Was er daher sucht, ist eine Anerkennung, die sich dank einer raffinierten Auswahl von auszuleihenden Titeln einstellen soll. Also paradoxerweise gerade darin, dass er eine Vorspiegelung konstruiert. Doch die extravaganten Kombinationen blieben wirkungslos:

„Daß die Berührung von Meister Eckhart mit den Gesängen des Maldoror nicht in Flammen aufging, daß das Gemisch aus dem ersten Band des »Kapitals« und der »Göttlichen Komödie« nicht explodierte, daß ich mir nicht die Finger verbrannte an dem mit einer gelben Scheibe Baudelaire belegten Brötchen aus den zwei Bänden der »Anna Karenina« …”

Das hatte seinen Grund und der ist so naheliegend wie sympathisch. Und womöglich gar typisch. Dennoch erweist sich die aus dieser spezifischen Konstellation aus tiefstem Jungenherzen erwachsene Überhöhung

„Wenn man es nicht aus häretischer, sondern aus orthodoxer Sicht betrachtet, wiederholen alle Bibliothekarinnen Evas Geste: Sie reichen jungen Männern die Frucht vom Baum der Erkenntnis.”

in all ihrem offensichtlichen Irrtum auf ihre Art doch als wahr. Denn genau dies geschah im Fall des autofiktionalen Andrzej: Die buchgewordenen Zeugnisse menschlicher Erkenntnis erhielt er zuerst aus den Händen einer Frau.

Die Verbindung von Erotik und und Buch, „das Gefühl, daß Weiblichkeit und trennbar mit Lektüre verbunden ist”, markiert unvermeidlich einen Pfad aus „Fast-Stadt” Grochów (vgl. FAZ) hinein in eine tiefe, lebendige, suchende, volle literarische Existenz. Wer diesen Zauber nie erlebte, wird es nicht nachvollziehen können. Wer es erlebt, bleibt darin daheim. Der Gang in die Bibliothek lässt sich zweifellos als Geschichte einer Art ersten, prägenden Liebe lesen.

Vielleicht also ist es auch deshalb notwendig, öffentliche Bibliotheken, besetzt mit Stereotypen so oder so verkörpernden Bibliothekarinnen, zu erhalten, um wenigstens ab und an einen Vertreter dieser schwierigen Kohorte halbstarker Frühpubertierender in eine Bahn zu lenken, die dieses andere, das betont empfindsame, das Welt an- und be-deutende Leben in Sprache und Sehnsucht zu ihrer Grundlage nimmt und damit eine der wichtigeren Facetten des sinnbezogenen menschlichen Lebens auch in den jeweils nachkommenden Generationen erhält. Dann fällt es auch nicht ins Gewicht, dass die maushaarige Sophia im Grunde ihrer Seele doch nichts anderes pflegte, als eine schnöde Krimisucht.

„Bibliotheken, in denen Männer arbeiten, haben etwas von Behördern an sich. Man tritt ein, um eine konkrete Sache zu erledigen, und geht wieder.”

schreibt Andrzej Stasiuk. Wie wünsche ich mir jetzt, auf eine Erinnerung einer Frau zu stoßen, die genau diese Aussage von Grund auf erschüttert.

(09.03.2013)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (14): Weihnachtsessen

Posted in LIBREAS aktuell by Karsten Schuldt on 8. März 2013
Wir auch, wir auch.

Wir auch, wir auch.

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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (15): 15 Bücher über Bibliotheken, die noch geschrieben werden müssen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by szepanski on 7. März 2013

von Karsten Schuldt und Christoph Szepanski

„We can only see a short distance ahead, but we can see plenty there that needs to be done.“ – Alan Turing, Computing Machinery and Intelligence, Mind, 59, 433-460 (1950)

„Für die ruhigen Leser ist das Buch bestimmt, für Menschen, welche noch nicht in die schwindelnde Hast unseres rollenden Zeitalters hineingerissen sind und noch nicht ein götzendienerisches Vergnügen daran empfinden, wenn sie sich unter seine Räder werfen, für Menschen also, die noch nicht den Wert jedes Dinges nach der Zeitersparnis oder Zeitversäumnis abzuschätzen sich gewöhnt haben. Das heißt – für sehr wenige Menschen.” (Friedrich Nietzsche, Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern. In: derselbe, Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 272f.)

 

Wer, so wie wir uns, sich schon einmal die Frage gestellt hat, welche Bücher man über die Bibliotheks- und Informationswissenschaft gern im Studium- oder einem späteren Berufsabschnitt gern gelesen hätte (und besonders im Urlaub), aber nicht konnte, weil sie schlicht nicht existierten, dem wird hier eine kleine Liste geliefert. Manches Thema der unten aufgeführten Liste wurde in dem einen oder anderem (wissenschaftlichen) Beitrag schon behandelt. In einem solchen Fall sind wir zumindest der Ansicht, dass das Thema ausführlicher untersucht werden könnte. Ideal erscheint uns dafür zumeist die Buchform, das eine gewisse Menge an Wissen in passabler Form gesichert zu Verfügung stellt. Gäbe es diese Werke, so unsere Überzeugung, wäre das Bibliothekswesen und damit auch die Welt besser. Es ist also auch eine Liste für zu schreibende Arbeiten, Vorschläge für Abschlussarbeiten oder Alterswerke.

1. Read a m******* book: HipHop and the Public Library
Unverkennbar ist HipHop eine Kultur, welche eine Position besetzt, die einst von Literatur und Poetik eingenommen wurde: Jugendkultur, Ausdruck von Begehren, Aufbruch, Rebellion; Einfordern des Guten Lebens. Gleichzeitig ist HipHop in seinen besten Ausprägungen zutiefst poetisch: “But some things will never change / try to show another way / but you staying in the dope game / now tell me what’s a mother to do / being real don’t appeal to the brother in you / you gotta operate the easy way / I made a G today but you made it in a sleezy way / selling crack to the kids / I gotta get paid well hey well that’s the way it is.” (2Pac Shakur: Changes). Solche Einsichten und Poetiken lassen sich nur begreifen unter dem Einfluss harter Realität, eigenständiger Reflexionleistungen und der aktiven Auseinandersetzungen mit Literatur. Das Auftreten des HipHop in New York, späterhin anderen Metropolen der USA, legt die Vermutung nahe, dass der Zugang zur Literatur, der von dieser Kultur immer wieder bewiesen wird, auch über das System der Public Libraries realisiert wurde. Die Studie wird die Interdependenzen zwischen HipHop und Public Library untersuchen und aufzeigen, ob Öffentliche Bibliotheken Auswirkungen auf die Lyrikproduktion des HipHop hatten. Die Untersuchung ist vor allem historisch angelegt.

2. Stanisław Lem / Die Vierte Reise des Ijon Tichys
Bekanntlich enthalten die Aufzeichnung der Sternenreisen des Ijon Tichys Lücken, die damit gerechtfertigt sind, dass sie sowohl zeitlich als auch räumlich geordnet stattfinden und deshalb eine erste Reise nicht existieren kann. Wie Tichy allerdings in der achtundzwanzigsten Reise darlegt, können Lücken auch anders entstanden sein, insbesondere indem Teile der Aufzeichnungen noch unentdeckt in der schwarzen Ferne herumfliegen.
In der neu entdeckten vierten Reise berichtet Tichy vom Besuch im Kometennebel Entylan, genauer: bei den Iplonden. Die Iplonden haben vor Jahrmillionen den Plan entworfen, dass Wissen der Sterne zu sammeln und allgemeinverständlich aufzubereiten. Dabei weichen sie aus verständlichen Gründen – siehe die Erinnerungen Tichys an Professor A. Donda – auf die Speicherung der Information (nicht des Wissens) auf unbewohnten Planeten aus. Tichy besucht sowohl die Speicher- als auch Produktionsstätten und überzeugt sich von den Möglichkeiten der Sammlung, bedauert, dass sie nicht schon im 27., sondern erst im 31. Jahrhundert zur allgemeinen Verfügbarkeit stehen werden. Er schlägt die Einführung einer großzügigen Zugangspraxis vor, die im 34. Jahrhundert tatsächlich eingeführt wird.
(Lems Text ist selbstverständlich eine Kritik am Stalinismus, der Unlogik des Kapitalismus und dem mangelnden Umweltschutz.)

3. Sex and Pornography in Libraries
Dieses Werk, dass immer wieder vorgeschlagen, dann allerdings voreilig verworfen wird, lotet den Zusammenhang zwischen Erotika und Bibliotheken aus. Einerseits stellt es die Sammlungspraxis von Bibliotheken und die sich verändernden Aufgabenstellungen von Erotika-Sammlungen vor (wobei sowohl auf die Sammlungs-, Medienbeschaffungs- und Mediennutzungsgeschichte als auch die Rechtsgeschichte eingegangen wird). Andererseits thematisiert das Werk die Bibliothek als Ort von Erotika und Pornography und arbeitet eine theoretische Basis zum Verständnis des Begehrensortes Bibliothek aus, welche sowohl auf die Theorie des dritten Ortes, der Erotik des Verbots sowie die Anziehungskraft (vermeintlicher) Intellektualität eingeht. Im Anhang findet sich eine Biblio- und Filmographie aller Erotika, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Bibliothek haben. Entgegen der Hoffnungen mancher Individuen ist dieses Buch höchst wissenschaftlich und objektiv.

4. Karsten Schuldt / Der Diskurs und der Katalog
In einer diskurstheoretischen Untersuchung wird der Bibliothekskatalog nicht, wie schon einige Male zuvor, als abstraktes Sprachsystem verstanden, sondern als Diskursobjekt. In den Katalog, so die Hauptthese des Werkes, sind nicht nur die bibliothekarischen und gesellschaftlichen Diskurse der jeweiligen Gesellschaft, in der eine Bibliothek existiert eingeschrieben. Vielmehr wirkt der Katalog gleichzeitig normierend auf den Zugang zu Wissen, den Ort Bibliothek und der Stellung der Bibliothek in der Gesellschaft. Die Untersuchung führt dies anhand einer Kataloggeschichte, beginnend in der frühen Neuzeit und endend bei FRBR und RDA, aus.

5. Chronik vergangener Medienhypes
Bibliotheken unterliegen gesellschaftlicher Hoffnungen. Regelmäßig wird die Behauptung erhoben, bestimmte neue Medien stellten eine Rettung von Bibliotheken dar und würden ihre Arbeit grundlegend ändern. Die Medien müssten in den Bestand aufgenommen werden, um überhaupt Nutzerinnen und Nutzer in der Bibliothek zu halten, gleichzeitig würden sie die bibliothekarische Arbeit grundlegend verändern. Die Chronik stellt diese Versprechen und Medien, ausgehend von frühen 18. Jahrhundert, objektiv vor. Der Band enthält zahlreiche historische Dokumente zu bibliothekarischen Debatten. Im Nachwort warnt die Herausgeberin explizit davor, alle neuen Medien als reine Hypes zu diskreditieren.

6. Bibliothekscafés: Organisation, Management, Wirkungen, Beispiele
Das Bibliothekscafe hat sich in den letzten Jahren in verschiedenen Bibliothekssystemen als Standardeinrichtung durchgesetzt, welche den sozialen Charakter von Bibliotheken unterstützen soll. Dabei ist nicht nur der Aufbau, sondern auch die Bedeutung der Bibliothekscafés äußerst unterschiedlich: Kleine Buchcafés, größter sozialer Treffpunkt kleiner Gemeinden, eines unter zahlreichen Cafés im Umfeld in größeren Städten. Einige dieser Einrichtungen werden kommerziell betrieben, andere von den Bibliotheken selber. Immer stellt sich die Frage, in welcher Beziehung des jeweiligen Cafés zu den restlichen Aufgaben der Bibliothek steht.
Das Buch gibt eine Übersicht zu Modellen der Bibliothekscafés, ihrer Planung und Leitung. Es ermöglicht die strategische Planung dieser Einrichtungen und liefert zahlreiche illustrierende Beispiele.

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Ein Menschenleben vermag wohl ein wenig zu kurz zu sein, damit diese Liste von nur einem Autor oder einer Autorin abgearbeitet werden kann. Wenn wir behaupten, es würde der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gut tun, a) etwas mehr Selbstreflexion zu betreiben und b) etwas mehr über den Tellerrand zu blicken sowie c) es gibt noch nicht genug Literatur von der Art, die man eigentlich zu unserem Fach lesen möchte, dann benötigen wir in erster Linie eines: Dich. Dein Engagement, Ideen und Kreativität sowie Erkenntniswille. Die müssen sich nun nicht unbedingt mit dieser Liste decken (was wir selbstverständlich begrüßen), aber du kannst wie aufgezeigt ein wichtiger Teil sein. LIBREAS im Allgemeinen und die frei13 im Besonderen ist der bunte Ort, um sich einander vorzustellen an deren Ende eventuell sogar Sympathie und gemeinsame Pläne stehen. Da ist es auch nicht wichtig wie viel davon umgesetzt wird, d.h. prozentual gesehen, wichtig ist nur, dass man sich auf Neues einzulassen bereit ist. Am Ende ist es immer noch besser 1 von 15 Büchern umzusetzen als gar keines oder nur ein Weiteres, das bereits etablierte Argumentationsschleifen bedient.

7. Neo-Kybernetische Manifeste
Eine These: Die Kybernetik hatte in ihrer Grundidee Recht, nicht aber in ihrer Ausführung. Offensichtlich war ihre Ausarbeitung zu unterkomplex, um die tatsächlichen Rückkopplungen und Kreisläufe der Gesellschaft zu untersuchen. Die technologische Entwicklung ist fortgeschritten, heute gilt es auszuloten, inwiefern die kybernetische Idee mithilfe moderner Rechner und Bibliothekssysteme dargestellt und umgesetzt werden kann. Die Manifeste werden diese Diskussion anstoßen.

8. Gruppe Weltbibliothek (Hrsg.) / Weltbibliographie. Entwurf einer umfassenden Bibliographie auf der Basis nationalbibliographischer Arbeit
Ein Aufruf, eine Streitschrift. Die nationalbibliographischen Arbeiten sind nur der Anfang, Ziel aller bibliothekarischer Arbeit muss die Weltbibliothek sein; eine Einrichtung, die im Netzwerk allen Menschen alle Informationen zur Verfügung stellt. Einer der wichtigsten Schritte hin zu dieser Einrichtung muss die Weltbibliographie sein. Die Gruppe Weltbibliothek und andere Persönlichkeiten des Bibliothekswesens liefern in dieser Schrift eine überzeugende Argumentation für diese These.

9. Akquise und De-akquise: Eine Soziologie des Bibliotheksbestandes
Während bibliothekarische Arbeiten bislang vor allem die praktische Planung des Bestandes und das Erarbeiten von Bestandsstrategien beschrieben, versteht diese Studie den Bestand von Bibliotheken als Ergebnis sozialer Prozesse. Der Bestand und seine Entwicklung wird als Untersuchungsobjekt genutzt, um, aufbauend auf organisationssoziologische und systemtheoretische Arbeiten, eine Theorie der Entwicklung des Bibliotheksbestandes aus gesellschaftlicher Perspektive zu entwerfen. Dabei wird der Anspruch erhoben, ausgehend von messbaren Faktoren (insbesondere die soziale Stellung der Fachreferentinnen und -referenten, dem Bibliotheksetat, der räumlichen Verortung der Bibliothek, des Bildungskapitals der Bibliotheksleitung und der Titelproduktion der lokalen Verlagslandschaft) die Entwicklung eines Bestandes für einen Zeitraum von zehn Jahren antizipieren zu können. Enthält Fallbeispiele.

10. Die Bibliothek aus Sicht bedeutender Systemtheoretikerinnen und -theoretiker
Systemtheoretikerinnen und -theoretiker der Gegenwart nehmen Stellung zur Bibliothek in Vergangenheit, im Jetzt und der Zukunft. Behandelt wird der Gegenstand der Bibliothek in Essays und Interviews. Darunter auch Zitate und Kommentare zur Institution Bibliothek von Systemtheoretikerinnen und -theoretikern, die leider nicht mehr ausführlicher befragt werden können. Der Band enthält Positionen zur gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökonomischen Verantwortung von Bibliotheken und nennt wichtige Momente und Anekdoten der mehr als zweitausendjährigen Bibliotheksgeschichte. Darin enthalten auch die Frage, wie die letzten zwei Jahrtausende sich entwickelt hätten, gäbe es die Bibliothek und ihre Möglichkeiten nicht. Verfügbar als Paperback sowie als Goldschnitt.

11. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Osteuropa: Einblicke, Perspektiven, Erkenntnisse
Erkenntnisse und Inspiration bezieht die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in den D-A-CH-Staaten gern aus Regionen wie Skandinavien, Großbritannien, Australien oder den USA. Ziel dieses Sammelbandes ist es, sich der osteuropäischen Informationsbranche anzunehmen. In einer Vielzahl an Beiträgen, unter anderem von Wissenschaft und Praxis aus Polen, Russland, Kroatien oder Lettland werden Typen, Besonderheiten und Wege, Wissen zu normieren, dargestellt. Zudem liefert dieser Band historische Bezüge und gibt einen Einblick in die schwierige Zeit sowie teilweise Neuaufstellung des Bibliothekswesens nach dem Zusammenfall des Ostblocks. Den Abschluss bildet ein Überblicksartikel, welche Theorien und weiteren Einflüsse die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in der Osteuroparegion durch die Jahrhunderte über prägten.

12. Gegenwart und Zukunft der Bibliothek: ein Dialog zwischen Expertentum und Laiensicht
Dieses Werk wagt einen Versuch: bedeutende Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Informations- und Bibliothekswissenschaft debattieren in Form schriftlicher Dialoge über den Gegenstand der Bibliothek – jedoch mit Laien und Laiinen. Darunter aus Bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Sicht fachfremde Menschen wie der Regionalpolitik, Wirtschaft, Lernenden sowie Lehrenden, jemand der erst an seinem Lebensabend die Bibliothek für sich entdeckte sowie ein Meister im Fach der Gas- und Wasserinstallation. Als ein Highlight sei hier der Dialog mit einer Gruppe von Kindern und einem emeritierten Professor vorgestellt, die sich gemeinsam dem Ideal einer Bibliothek anzunähern versuchen. “Mehr zuhören”, so die Prämisse des Werkes. Alle Dialoge liegen als Ausschnitte in Videoform auch auf der Webseite bereit. Nicht nur für das Fach ist dieser Versuch sehens- sowie lesenswert. Kommunikations- und Transferwissenschaft dürften ebenso profitieren.

13. Die Süchte der Bibliothekare, die Laster der Bibliothekarinnen
In der gesellschaftlich etablierten Sicht auf die Bibliothekarinnen und Bibliothekare dieser Welt sind diese mitnichten mit einem Rockstar-Image behaftet. Sie gelten schon eher als leicht spießig, zurückhaltend und als wüssten sie nicht wie man als Mensch mal richtig entspannt. Das kleine Essay sucht nicht nur nach den Ursachen dieses Bildes, sondern erkundet auch eine Reihe der Laster mehr oder weniger bekannter Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Ferner behandelt dieser Text die Frage, wie oft das Personal von Bibliotheken es wagt, in neue Bewusstseinszustände zu transzendieren und welche Mittel sie häufig dazu einsetzen. Zudem werden Einblicke in die Sehnsüchte, intime Gedanken und einschneidende Erlebnisse in jungen Jahren, kurz vor der Berufswahl, gegeben. “In der Bibliothek arbeitet man nicht zufällig”, so die übergreifende Behauptung des Essays. Psychologisch fundiert und mit einigem empirischen Material im Anhang wird diese Behauptung überprüft. Eine zugegeben nicht ganz ernst gemeinte Tabelle des richtigen alkoholischen Getränkes zur jeweiligen Literaturgattung (mit Beispielen) findet sich in der Mitte des Buches.

14. Bibliotheks- und informationswissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Verwendung in anderen Disziplinen
Dem Fach wird bisweilen unterstellt, Methoden und Erkenntnisse anderer Disziplinen zu nutzen ohne in gewinnbringender Relation theoretische sowie praktische Aussagen für jene Disziplinen in umgekehrter Richtung zu liefern. Aber stimmt das? Das Handbuch stellt zunächst entscheidende Einflüsse auf die bibliothekarische und informationswissenschaftliche Wissenschaft und Praxis, die sie maßgeblich aus anderen Disziplinen erhielt, vor und versucht dann, aus wissenschaftstheoretischer Sicht sowie bibliometrischen Analysen zu untersuchen, inwieweit das Fach auch andere Disziplinen beeinflusste. Das Werk ist geeignet für Studienanfänger und wissenschaftlich Tätige sowie ebenso für Akteurinnen und Akteure anderer Disziplinen. Am Ende wird anhand von Handlungsanregungen aufgezeigt, inwiefern die Wissenschaft im Allgemeinen künftig besser das Wissen anderer Disziplinen integrieren kann, sodass etwaige Ansprüche auf angemessene Reputation gewahrt bleiben.

15. Zum richtigen Verhalten in einer Bibliothek – ein Vademekum.
Den Raum irgendeiner bibliothekarischen Einrichtung zu betreten ist manchmal bedeutungsschwanger, jedoch oft genug an festen Regeln gebunden, damit die Interessen der verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer respektiert bleiben. Neben historischen Bezügen, welche die oft stillen Übereinkünfte in einer Bibliothek herleiten sind auch originelle Beiträge enthalten. Darunter: “23 Fehler, die alle in einer Bibliothek machen dürfen”. Des Weiteren unternimmt das Werk Vorstöße, um psychologische Motive wie Bibliotheksangst, Bibliomanie oder das AIBS des gemeinen Bibliotheksmitarbeiters beziehungsweise der gemeinen Bibliotheksmitarbeiterin begreiflich zu machen. Nichtzuletzt sind die Beiträge auch spannend für das Bibliothekspersonal im Allgemeinen, werden diese doch oft genug in die Perspektive mit einbezogen.

Berlin und Potsdam, 7. März 2013

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (16): Kartenimpressionen auf der InetBib-Tagung 2013

Posted in LIBREAS on tour, LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 6. März 2013

von Matti Stöhr

Heute Mittag ist im Audimax der HU Berlin die  12. InetBib-Tagung 2013 zu Ende gegangen und damit die Auftaktveranstaltung eines dichtgedrängten Konferenzmonats März im Bibliotheks- und Informationswesen. Auf den unterschiedlichsten Social Media-Kanälen, allen voran Twitter in Nutzung des Hashtags #inetbib2013, findet man unlängst eine Fülle von persönlichen Eindrücken, regen Austausch sowie nützliche Links zu generellen Inhalten und dezidierten Apekten der Sessionvorträge, zu den Workshops und nicht zuletzt zur  (OA-)Wette, das „interaktive“ Programmhiglight am Montagabend. Darüber hinaus war (und ist) selbstverständlich das Rahmenangebot, allen voran die schmissige Abendveranstaltung im urig-stilvollen Spiegelsaal des Clärchens Ballhaus zum Ausklang des Dienstags Gesprächsstoff. Die ersten Teilhnhmer fassen ihre Konferenzeindrücke bereits weitaus ausführlich(er) zusammen als in 140 Zeichen, wie etwa Peter Mayr vom hbz in seinem Weblog Hatori Kibble. An dieser Stelle soll jedoch so unmittelbar nach der Tagung als Countdownbeitrag zur nahenden dritten Auflage der frei>tag>(vorerst) eine kleine, feine Bildergalerie reichen. Na klar – die schon fast traditionelle Post- bzw. Einladungskarte zur Unkfonferenz war (fast) immer mit dabei:

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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (17): Wie wollen wir arbeiten?

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS on tour, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 5. März 2013

von Karsten Schuldt

I have never found a companion that was so companionable as solitude. We are for the most part more lonely when we go abroad among men than when we stay in our cambers. A man thinking or working is always alone, let him be where he will. (Henry David Thoreau)

The nice thing about teamwork is that you always have others by your side. (Margaret Carty)

Im allerersten Countdown zur allerersten frei<tag> – das war gerade mal vor zwei Jahren, aber es fühlt sich an wie zehn oder zumindest achteinhalb – gab es einen Beitrag zu den Arbeitsplätzen der damals die Unkonferenz Organisierenden. Die These hinter diesem Beitrag war, dass die Arbeitsplätze und wie wir sie präsentieren, mehr über uns aussagen würden als zum Beispiel unsere Porträtphotos, Lieblingsmusik oder Hobbys. Ergebnis dieser Photos war unter anderem, dass die Computer, nicht die gedruckten Medien, im Mittelpunkt unserer Arbeitsplätze standen (genauer: auf den meisten Bilder gab es überhaupt keine gedruckten Medien und wenn, bezogen die sich kaum auf Bibliotheken). Ausserdem fiel auf, dass kaum jemand von uns direkt in Bibliotheken, viele hingegen in Wissenschaftseinrichtungen tätig war.

Was allerdings überhaupt nicht geklärt wurde, durch diese Bilder, war, wie wir eigentlich arbeiten wollten. Sicher: Wir konnten unsere Arbeitsplätze selber gestalten und ja, im Grossen und Ganzen sagten Sie uns auch zu. (Ich konnte zum Beispiel aus meinem Fenster täglich die Sonne über der grossen Synagoge in der Oranienburger Strasse untergehen sehen, während sich ihre Strahlen in deren goldenem Dach und der Spree brachen, gleichzeitig hörte ich die Touristinnen und Touristen, Studierende und Dozierenden unter meinem Fenster entlanggehen. What’s there not to like?) Aber: Wir konnten uns die eigene Arbeit und Arbeitseinteilung nicht aussuchen. Wieder mit einer gewichtigen Einschränkung: Diejenigen von uns an den Hochschulen haben selbstverständlich trotz allem mehr Freiheiten dabei die eigenen Arbeitsinhalte und -bedingungen zu bestimmen als andere. Freiheit der Wissenschaft und so.

Inetbib-Tagung 2013, Humboldt-Universität zu Berlin, Session zum Themenfeld Open Access, 04.03.2013. Versteckt auf dem Bild finden Sie (a) eine LIBREAS-Redakteurin/einen LIBREAS-Redakteur, (b) eine/einen aktuelle/n LIBREAS-Autor/in, (c) zwei intensive LIBREAS-Lesende. Finden Sie alle vier! (Tipp: Alle auf dem Podium. Open Access im Bibliotheksbereich und LIBREAS... Sie wissen schon. Gleich drei Redkteurinnen/e der Zeitschrift treten auf der Tagung auf, womit die Redaktion mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU und dem Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HWT Chur gleichzieht. Sacrebleu.)

Inetbib-Tagung 2013, Humboldt-Universität zu Berlin, Session zum Themenfeld Open Access, 04.03.2013. Versteckt auf dem Bild finden Sie (a) eine LIBREAS-Redakteurin/einen LIBREAS-Redakteur, (b) eine/einen aktuelle/n LIBREAS-Autor/in, (c) zwei intensive LIBREAS-Lesende. Finden Sie alle vier! (Tipp: Alle auf dem Podium. Open Access im Bibliotheksbereich und LIBREAS… Sie wissen schon. Gleich drei Redakteurinnen/Redakteure der Zeitschrift treten auf der Tagung auf, womit die Redaktion mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU und dem Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HWT Chur gleichzieht. Sacrebleu.)

Dennoch: Es wäre interessant zu wissen, wie wir eigentlich in Zukunft arbeiten wollen. Wenn wir über die Zukunft der Informationswissenschaft, der Bibliotheken und angrenzender Einrichtungen debattieren, debattieren wir auch über die dortigen Arbeitsbedingungen, wenn auch indirekt.

  • Sagen wir zum Beispiel: Bibliotheken müssen 24 Stunden am Tag offen haben, sagen wir zumeist auch: Bibliotheken müssen 24 Stunden am Tag Personal haben. Dass heisst: Irgend jemand muss da um zwei Uhr an einem Donnerstag sein und irgendwer anders um Montag Morgen um fünf. Wollen wir das? (Oder lassen sich Bibliotheken so gestalten, dass sie zu bestimmten Zeiten staffless sind?)
  • Oder: Wenn wir sagen, die Bibliothekswissenschaft sollte mehr ethnologische Methoden anwenden, heisst das auch, dass da Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in langwierigen, systematischen Beobachtungsmethoden üben müssen. Wollen wir das?
  • Oder: Wenn wir sagen, der Reference Service am Infodesk ist nicht mehr notwendig, wir brauchen Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die auf die Nutzerinnen und Nutzer zugehen, die hinter der Theke hervorkommen, die gar keine Theke mehr haben, heisst das auch, dass wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare dazu nötigen, so zu arbeiten. Wollen wir das? Muss jede und jeder in der Bibliothek „etwas mit Menschen machen“?
  • Wenn wir im Zuge der Debatten um RDA davon ausgehen, dass das Katalogisieren immer mehr eine kooperative Tägigkeit von Spezialistinnen und Spezialisten wird, heisst das auch, dass die Arbeit der Katalogabteilungen sich ändern wird. Sie werden weniger werden, mehr mit anderen Katalogabteilungen direkt kommunizieren etc. Auch hier: Wollen wir das?
  • Wenn wir davon ausgehen, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft immer mehr zu einer Wissenschaft werden sollte, in der verteilt über Forschungseinrichtungen an Daten geforscht wird, dann wird sich die Arbeitsweise der Forschenden verändern: Weniger an einen Ort gebunden, wenig an die Bibliothek gebunden, viel unterwegs. Wollen wir das? (Geht das eigentlich: Eine Bibliothekswissenschaft, die den Ort Bibliothek nicht aufsucht?) Wir gehen zum Beispiel davon aus, dass alle Forschung immer mehr Daten produziert und dass wir diese Daten verwalten sollten. Aber wollen wir das eigentlich auch für unsere Arbeit?

Man wird vielleicht nicht unbedingt Bibliothekarin oder Bibliothekar, Forschende oder Forscher weil man die Arbeitsbedinungen dieser Tätigkeiten schätzt; aber man wächst in sie hinein und findet sich mit der Zeit oft in ihnen zu Recht (oder wechselt fort, erstaunlich oft von der Forschung in die Bibliothek). Aber, wie uns die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen der letzten 150 Jahre oder so gelehrt haben, sind die Arbeitsplätze und -bedingungen kein unabänderliches Schicksal. Wie wir arbeiten wollen bestimmt in einer langen Perspektive auch, wie wir am Ende arbeiten. Manchmal setzt man Bedinungen direkt durch, manchmal durch „Einschleifen“, machmal schafft man es nicht.

Aber:

  • Wieviel wollen wir eigentlich in unser Arbeit mit anderen Menschen, mit Daten, mit welchen Medien, mit welchen anderen Einrichtungen zu tun haben?
  • Wie lange wollen wir arbeiten, zu welchem Lohn, mit welchen Freiheiten?
  • Wollen wir dem Kult der Alleinarbeit, der Teamarbeit oder keinem von beiden fröhnen?
  • Wollen wir sichere Arbeitsverhältnisse oder spannende, wechselnde Aufgaben? Wollen wir an einem Ort bleiben oder viel unterwegs sein?
  • Wollen wir Serviceorientiert sein oder mehr Erkenntnisorientiert?
  • Wollen wir Jobs und nebenher Freizeit oder wollen wir Aufgaben, die uns ganz ausfüllen?
  • Ist uns egal, wie die anderen in unseren Einrichtungen arbeiten, z.B. die Wachfrau früh um zwei, oder nicht?
  • Wie werden wir nennen was wir machen? (Hier: Desletztens nannte jemand, was ich mache, „Privatgelehrtentum“ und nicht Wissenschaft, ganz explizit getrennt. Das ist schon interessant. Sind das unterschiedliche Dinge? Macht z.B. die Kollegin Kindling mit ihren Forschungen zu Repositorien und Open Access Wissenschaft und ich nicht? Hat das Auswirkungen auf unsere Arbeit?)

Sehr oft wird die Zukunft von Einrichtungen und Forschungseinrichtungen diskutiert ohne über die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitsbedingungen zu diskutieren. Das Ergebniss ist dann oft, dass die Veränderungen auch deshalb nicht eintreten, weil die Beschäftigten sich ihre Arbeitsleben anders vorstellen und z.B. nicht auf die Informationstheke verzichten wollen. Deshalb sollten wir nicht vergessen, uns auch darüber zu unterhalten.

Potsdam, März 2013