LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (11): Megatrends, Megatrends

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 5. August 2012

Karsten Schuldt

Zwei Thesen vorneweg:

  1. Thesen eignen sich, wenn sie als solche angenommen werden, besser als Diskussionsstarter als irgendwelche anderen Anfänge.
  2. Das Bibliothekswesen verpasst regelmässig die Megatrends der gesellschaftlichen Veränderung, lernt daraus aber auch wenig, weil dieses Verpassen kaum historisiert diskutiert wird.

Megatrends sind die Veränderung, welche sich langfristig als grundlegende Änderungen durchsetzen. Abzugrenzen davon sind kurzfristige Trends. Es gibt nun als eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse der Zukunftsforschung die Einsicht, dass der gesellschaftliche Diskurs prinzipiell der kurzfristigen (und damit wenig nachhaltigen) Trends massiv überschätzt, die Megatrends aber tendenziell übersieht. Es gibt Versuche, dieses Missverhältnis auszugleichen. (Ob die funktionieren ist eine andere Frage. Zu erinnern ist nur an die Bildungsdelphi Anfang Anfang / Mitte der 1990er, bei denen dem Internet quasi keine Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Bildungswesens bis 2020 zugestanden wurde.) Man kann daraus auch lernen – wenn man es nicht eh schon macht – die ganzen Titelgeschichten über neue Trends – egal ob Technik oder die neuen Partygewohnheiten der Jugend – zu ignorieren oder zumindest nicht für so voll zu nehmen, wie sie dargestellt werden.

Aber: Die oben genannte These (2) geht weiter. Sie behauptet, dass das Bibliothekswesen sich, wenn überhaupt, nur sehr ausgewählt und spät mit Megatrends der Gesellschaft befasst. So haben wir gerade die Situation, dass seit einigen Jahren immer mehr Bibliotheken sich Gedanken um die „jungen Alten“ machen. Was an sich gut ist, aber wenig angesichts der tatsächlichen demographischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Vor allem ist „jetzt“ es sehr spät. (Sicher: Besser spät als nie.) Seit den 1970er Jahren war ersichtlich, dass es zu einem solchen Wandel kommen wird. Oder: Jetzt gibt es Überlegungen dazu, wie die mobile Internetnutzung via Smartphones und Tablets Bibliotheken verändern wird – was richtig ist. Aber auch spät. Wer aufgepasst hat, wusste 2000, dass das kommen wird. Das Bibliothekswesen hätte sich schon früher vorbereiten können, es hätte nicht nur Konzepte entwickeln, sondern schon längst Personal haben können, welches sich auf die kommenden Aufgaben eingestellt hätte.

„Hätte“ ist natürlich im Nachhinein immer schön zu sagen. Aber These 3:

  1. Das Bibliothekswesen kann sich auf Megatrends besser vorbereiten, wenn es aus verpassten Megatrends lernt und gleichzeitig sich über die gesellschaftlichen Veränderungen selbstständig und ergebnissoffen (also vor allem nicht an der Frage orientiert, wie die Bibliothek, wie sie jetzt ist, durch die Megatrends hindurch erhalten bleiben kann) informiert.

Mehr habe ich zu dem Thema nicht zu sagen, erstmal. Vielleicht noch: Es geht nicht nur dem Bibliothekswesen so, sondern auch weiteren Teilsystemen der Gesellschaft. Das zur Beruhigung.

Hey hey offene Gesellschaft, was geht? Was hier abgeht ist die offene Gesellschaft, die sich durchsetzt, auch gegen den Diskurs. Mitten in Zürich, auf dem Caliente!, nach eigenen Angaben das grösste Fest lateinamerikanischer Musik im deutschsprachigen Raum (für Umme, und die Caipirinhas für nur 10 Franken wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist), ein Auftritt einer Latinoband, bestehend nur aus Schweizern, auf einer Bühne (wie gesagt: mitten in Zürich, wenn auch im hippen Aussersihl, nicht irgendwo) wo gar nicht erst versucht wird, etwas anderes zu sprechen, als Spanisch. Warum auch, wenn alle auch damit klar kommen. Komisch, Schweizer, die auf spanisch Akons (Senegalese mit Lebensmittelpunkt USA, btw) „Don’t matter“ („Nobody wants to see us togehther“) covern und dann ihre Lations grüssen? Wo doch gefordert wird, dass wenn, dann in Zürich bitte Französisch als Fremdsprache neben dem Deutschen verwendet wird? Nope. Offene Gesellschaft in Aktion. Reagieren Bibliotheken darauf? Kriegen sie es überhaupt mit?
(Und das ist ja nur ein Beispiel, dass gerade so über den Weg lief. Auch kein perfektes, den halb zehn war dann Schluss, die Musik aus. Weil offen ja, aber so offen urban wie in, sagen wir mal, Berlin oder Hamburg, so offen ist die Schweiz dann auch wieder nicht.)

Zum Abschluss noch Thesen zu sich abzeichnenden Megatrends, auf das Bibliothekswesen sich vorbereiten könnte:

  1. Die Migration nach Deutschland wird massiv zurückgehen. Die Aufgabe wird dann vor allem darin bestehen, die jetzt hier lebenden Kulturen sich entwickeln und zusammen wachsen zu lassen.
  2. Trotz allem Zwang zum Sprechen der Nationalsprachen, der aufzubauen versucht wird, werden die deutschsprachigen Gesellschaften (endlich wieder) praktisch multilingual. Dies wird mit einer Zunahme des Bildungsniveaus einhergehen.
  3. Die zerbrechliche Gesellschaft, als die Nico Stehr die moderne Gesellschaft beschreibt, wird immer weiter zu einer flexiblen und offenen – ergo „zerbrechlichen“ – Gesellschaft werden, was ihre Stärke sein wird.
  4. Die gesamte Gesellschaft wird urbaner. Das bezieht sich nicht nur auf Berlin und Zürich, das bezieht sich auch auf den dörflichen und den suburbanen Raum. Urbaner heisst: Mehr Lebensentwürfe werden lebbar, der ÖPNV wird wichtiger, die Kultur wird mehr. Das heisst aber auch, gerade für die Menschen, die mit dem Urbanen nicht so viel anzufangen wissen: Sie werden immer mehr gefordert werden.
  5. Gleichzeitig werden territoriale Zonen, die sich jetzt schon abzeichnen, entstehen, die fast keine Anbindung mehr an die restliche Gesellschaft haben. Prädestiniert sind dafür der Osten Deutschlands und die immer menschenleerer werdenden Alpenregionen Österreichs und der Schweiz.
  6. Die Erkenntnis, dass zentralisierte Systeme und Steuerung von Systemen durch zahlenbasierte Planung und ständigen Vergleich disfunktionale Effekte haben, wird sich gesellschaftlich (wieder) verbreiten. Es wird versucht werden, dem abzuhelfen.
  7. Die Bedeutung des Fernsehens wird abnehmen.
Tagged with:

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (12): Gedankliche Lockerungen zum Thema Informationskompetenz

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 4. August 2012

Lars Müller

Ein gut gemachtes Bibliotheks-Discoverysystem, durchforstet mit einer Suchanfrage alle Bestände gleichzeitig, zeigt passendes oben an und der Volltext kommt mit einem weiteren Klick auf den Bildschirm. So ist es keine Kunst mehr, bestimmte Informationen zu finden und sich zu beschaffen. Kniffliger ist es dagegen, diese Systeme zu konfigurieren. Auch Nutzerinnen und Nuzter stehen heute eher vor einem Konfigurationsproblem als vor einem „suchen-finden-beschaffen“-Problem. Diese Entwicklung hat sich in den Ansätzen zur Informationskompetenzvermittlung bislang noch nicht hinreichend niedergeschlagen.
In zahlreichen Stellungnahmen und Positionspapieren (WR, DFG, BID, KII) wurde in jüngerer Zeit der Weiterentwicklung des Themas Informationskompetenz ein hoher Stellenwert eingeräumt. [6], [3], [1], [4] Allerdings ist in diesen Papieren wenig richtungsweisendes zur Umsetzung der programmatischen Forderungen enthalten. Es rücken wahlweise Informationsbewertung (WR), Informationsbewältigung (DFG, BID) oder Informationserzeugung, -verarbeitung und -verbreitung (KII) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im bestehenden Rahmen werden Schwerpunkte gesetzt bzw. die rechercheorientierte Perspektive um weitere Themen angereichert.
Die phantasielose Antwort der bibliothekarischen Fachwelt (BID, dbv) lautet: Entwicklung von Modulen oder curriculare Verankerung. [1], [2] Das ist alles gut, aber nicht ausreichend.

1. Informationsprozesse sind unregelmäßig und eher zirkulär angelegt, als linear.

Modelle zur Informationskompetenz sind zumeist linear. Eine rühmliche Ausnahme bildet da das SCONUL-7-Säulen-Modell, das Standards der Informationskompetenz zirkulär anordnet und damit verdeutlicht, dass Informationskompetenz nicht in einem linearen kontinuierlichen Prozess erworben wird.[5] Die zirkuläre Anordnung erleichtert es, sich auch andere Informationsvorgänge als den klassischen Information-Retrieval-Prozess vorzustellen und bspw. die Rezeption von Mailinglisten oder RSS-Feeds als Gegenstand der Informationskompetenzvermittlung zu abzubilden.

2. Ein schlüssiges Modell der Informationskompetenz hat mindestens drei Dimensionen.

Modellkonzepte zur Informationskompetenzvermittlung müssten über mindestens drei Dimensionen verfügen:

  1. Die Standards im Informationsprozess
  2. Das (Ausbildungs-)Niveau der Zielgruppe
  3. Die fachliche Ausrichtung der Zielgruppe

Die Punkte zwei und drei finden in den gängigen Standards zwar Erwähnung, in ein kohärentes Modell sind sie bisher aber nicht eingeflossen. Nur das bereits erwähnte 7-Säulen-Modell vermochte die erste und zweite Dimension zu vereinen. Es reicht nicht aus, das Modell je Fachdisziplin zu duplizieren, weil damit disziplinspezifische und -übergreifende Aspekte nicht mehr in einem Modell verdeutlicht werden können.

Informationskompetenz im neuen Licht auf der frei<tag>?

3.  Standards, Konzepte und Angebote zur Informationskompetenz müssen entkoppelt werden.
Angebote zur Informationskompetenzvermittlung (Module, E-Learning-Tutorials…) lehnen sich meist an lineare Informationskompetenzstandards an. Zu leicht wird folgender Analogiekurzschluss gezogen: Standard → Konzept → Modul. Das versperrt den Blick dafür, was Bibliotheken außer der Entwicklung von Lehrmodulen noch alles für die Informationskompetenzbildung ihrer Nutzerinnen und Nutzer tun könnten.
Ein Konzept zur Vermittlung von Informationskompetenz sollte sich an einem Standard und zugleich auch an Zielgruppe und Zielen der eigenen Einrichtung orientieren. Keineswegs muss das Konzept vollständig durch eigene (Lehr-)Angebote abgedeckt werden, wohl aber durch die Entfaltung eigener Aktivitäten, begleitet von Services.

4. Die Vermittlung von Informationskompetenz und Bereitstellung von Informationsservices bilden eine Einheit.
Wissensvermittlung zur Informationskompetenz und Service bilden eine Einheit. Wer Informationskompetenz erwirbt, muss auch in die Lage versetzt werden, seine/ihre Kompetenzen anzuwenden. Schulungen zu Literaturverwaltungsprogrammen bedingen, dass Katalogdaten in geeigneten Formaten angeboten werden, Schulungen zum Forschungsdatenmanagement bedingen eine technische Infrastruktur für Datenarchivierung und Rechtemanagement…

5. Die „Informationsflut“ ist keine Katastrophe sondern eine Bereicherung.
„Informationsflut“ (BID) wird primär als (Recherche-)Problem begriffen. Die Abschottung vom Informationsfluss, kann aber nicht im Sinne von Informationskompetenz sein. Wird Informationsvermeidung als integraler Bestandteil von Informationskompetenz begriffen, müssen wir uns nicht mehr mit dem Vokabular der Katastrophenbekämpfung gegen die Informationsflut stemmen und der gewaltige Informationsstrom erscheint als willkommene Ressource. Es geht dann bei der Informationskompetenz darum, Informationssuche, -aufnahme und -vermeidung so auszutarieren, dass sie nutzbringend für den eigenen Bedarf sind.

6. Eine zeitgemäße Vermittlung von Informationskompetenz geht über einzelne Techniken im Informationsprozess hinaus und hat die erfolgreiche Konfiguration der eigenen Informationsumwelt zum Ziel.
Wir brauchen bei der Vermittlung von Informationskompetenz einen Perspektivwechsel vom Informationsprozesses hin zur Informationsumwelt.

Wird Informationskompetenz bspw. neu definiert als die Fähigkeit, die eigene Informationsumwelt nach dem persönlichen Bedarf unter effizientem Ressourceneinsatz im Einklang mit informationsethischen Fragen zu konfigurieren, so eröffnen sich für Vermittlung von Informationskompetenz und Dienstleistungen/Services rund um dieses Thema neue und zeitgemäße Denkmöglichkeiten.

Verweise

[1] BID. 2011. Medien- und Informationskompetenz. http://www.bideutschland.de/download/file/Medien-%20und%20Informationskompetenz.pdf.
[2] Deutscher Bibliotheksverband (dbv). 2012. Die Hochschulbibliotheken und die Entwicklung der Informationsinfrastrukturen in Deutschland. Stellungnahme der Hochschulbibliotheken in der Sektion 4 des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) zu den Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur (Gesamtkonzept der KII). http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/Sektionen/sektion4/Publikationen/2012_05_30_Stellungnahme_HSB_zuKII_finale_Version.pdf. Accessed 30 July 2012.
[3] DFG Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme. 2012. Die digitale Transformation weiter gestalten. der Beitrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu einer innovativen Informationsinfrastruktur für die Forschung. Positionspapier. http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/positionspapier_digitale_transformation.pdf.
[4] Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur. 2011. Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland. Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder. http://www.leibniz-gemeinschaft.de/download.php?fileid=555. Accessed 30 July 2012.
[5] SCONUL Working Group on Information Literacy. 2011. The SCONUL Seven Pillars of Information Literacy, Core Model for higher Education. http://www.sconul.ac.uk/groups/information_literacy/publications/coremodel.pdf. Accessed 18 October 2011.
[6] Wissenschaftsrat (WR). 2012. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland bis 2020. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2359-12.pdf.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (13): Schaufenster forever

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 3. August 2012

Karsten Schuldt

Der Vanitas-Gedanke. Das Schaufenster in Potsdam.

Wenige Orte verkörpern heute den klassischen Gedanken des Moments, der genossen werden muss, weil er vorüber sein wird, demnächst, wie das Schaufenster in Potsdam. Es ist vergangene Zukunft und zukünftiges Ende. Vergangene Zukunft als architektonischer Ausdruck einer Zukunft, die nie kommen wollte. Die Moderne, der gebändigte Sozialismus der DDR, der human sein sollte und es am Ende doch nur zum Teil war. (Immerhin genügend, um die Revolution nicht im Blut verenden zu lassen.) Aber auch Zukunft, die nach der politischen Wende nicht kommen wollte. Alle Läden, welche die Verheissungen der freien Gesellschaft anboten, zogen letztlich wieder aus. Das Sportfachgeschäft, welches den Raum zuletzt belegte, bevor die FH Potsdam ihn übernahm, hat noch Spuren hinterlassen, wenn man genau schaut. Auf dem Boden dynamische Linien, Feldgrenzen, die auffordern zur Aktivität. Und auch vergangene Zukunft mit dem Versprechen der Moderne, Architektur zu sein, die es letztlich allen ermöglichen sollte, besser zu leben. Kaum jemand will es in dem Maße, wie die gebändigte Moderne des Schaufensters und des alten Gebäudes der FH Potsdam es vorschlug.

Jetzt, 2012, ist das Schaufenster ein Ort des verkündeten Endes, ein Nicht-Ort, ein Zwischenraum. (Wie sie in der Hauptstadtregion zuhauf existieren und bespielt werden vom intellektuellen Proletariat.) In ein paar Jahren vielleicht, so sagt man seien die Pläne, wird das Gebäude mit dem Schaufenster und dem Fachbereich Informationswissenschaften abgerissen. Vielleicht. (Pläne ändern sich.) Deshalb aber trägt das Schaufenster ein vorhergesagtes Ende in sich. Was auch immer in ihm passiert, getan wird, es ist prekär, kurzfristig angelegt, spontan fast. Allerdings: Die Zwischennutzung dauert auch schon seit Jahren. Der Raum ist eingespielt als Veranstaltungsort, so sehr, dass man protestieren müsste, wenn dereinst tatsächlich mit dem Abriss begonnen würde.

Wir warten. Wir warten. (Wir warten herein, Potsdam, den dreifachen Fluch.) Noch ist es geschlossen, das Schaufenster, aber immerhin ist es noch da. Und es wird geöffnet sein zur frei<tag>.

Der Raum des Schaufensters ist offen. Solange am Ende alles noch nutzbar ist, kann man räumen und stellen und rücken, wie man will. Frei in einem ausreichend grossen Raum, dessen Struktur wenig vorgibt. Keine festen Tafel, auf die der Blick sich richten müsste. Wenig Wände, die den Blick behindern. Licht von allen Seiten. Und die lässige Morbidität kultureller Projekte und Clubs. Doch gleichzeitig ein Ort der Wissenschaft. Ein Ort, an dem regelmässig Veranstaltungen der FH Potsdam stattfinden. Ein Ort, der einlädt, Wissenschaft als lebendige Tätigkeit zu begreifen, bei der das Wissen gerückt, verstellt, neu geordnet werden darf, bei der Gedanken wenig Grenzen haben und bei der das Denken dennoch transparent sein soll – transparent wie der Raum selber mit seinen Fensterreihen.

Das Schaufenster ist eine Einladung an eine Wissenschaft im Geiste des Vanitas-Gedankens; eine Einladung, die verbunden ist mit der Erinnerung, welche Zukünfte schon gedacht wurden und nicht eingetreten sind; gleichzeitig ein Ort, der Zukunft einfordert.

Tagged with:

It’s the frei<tag> 2012-Countdown (14): Wie leben wir heute?

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Verein by Karsten Schuldt on 2. August 2012

Karsten Schuldt

Wie leben wir eigentlich heute? Die Frage ist immer berechtigt, aber da wir hier gerade einen Countdown haben, der auf einen Countdown rekurriert welcher vor einem Jahr gezählt wurde, drängt es sich etwas auf: Was ist eigentlich passiert in diesem Jahr? Hat sich etwas verändert? Was hat sich verändert? Stehen wir anderswo? Denn wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir dann noch eine weitere Unkonferenz? Wäre dann nicht alles schon gesagt?

Hier haben wir schon die These: Es hat sich etwas verändert, wenn auch eher graduell. Wissenschaft und Bibliothekswesen bewegen sich ja eher langsam. Aber: Linked Open Library Data scheint heute ein weiter verbreitetes Thema zu sein, als 2011. Man muss es nicht mehr erklären. (Oder?) Das als Beispiel. Open Access und Probleme um das Urheberrecht waren schon im letzten Jahr Thema, aber ist es 2012 nicht weiter fortgeschritten? ACTA ist tot, dass war letztes Jahr vielleicht zu hoffen, aber noch lange nicht durch. Als im letzten Jahr die IWP zu De Gruyter Saur Verlag wechselte passierte ausser einigen Vorwürfen in Blogs und Mailinglisten praktisch nichts; als 2012 die Bibliotheksdienst den gleichen Schritt ankündigte, begann innerhalb von Tagen (oder waren es nur Stunden) Diskussionen darum, dass wir eine weitere Open Access Zeitschrift brauchen. (Ob wir sie 2013 dann online sehen, ist eine andere Frage.) Aber das geht mit Entwicklungen in anderen Forschungsrichtungen einher, wo Open Access immer weniger ein Randthema ist. Nicht zu vergessen, dass nicht mehr nur die Piraten, Anonymous und das dazugehörige Umfeld darüber redet, dass wir das Urheberrecht unbedingt verändern müssen, sondern das dies praktisch zum politischen Allgemeinsatz geworden ist.

Was noch? 2011 schien es so, als würde RDA weiter auf die lange Bank geschoben, jetzt scheint es vor der Tür zu stehen. Vielleicht ist das nur eine stille Hoffnung, aber scheint es nicht so, dass damit wieder mal Katalogtheorie betrieben würde? 2011 war Forschungsdatenmanagement noch neu und spannend, heute ist das Thema fast schon wieder durch. Wer hat denn noch nicht etwas dazu gesagt? Und die Sozialen Netzwerke verändern sich. Erinnert sich noch jemand daran, wie omnipräsent Facebook letztes Jahr war? Facebook, die Firma, wo alle darauf warten, dass sie zusammenbricht. (Meine Wette: So August 2013.)

Der Zürichsee. Vor einem Jahr war der auch schon da, wo er jetzt ist, aber wer hätte gedacht, dass eine Karte für die frei<tag> je an ihm vorbeifahren wird? Die Welt und die Leben sind anders geworden, wenn auch leicht. Wie gesagt: Der See war schon da, vieles andere auf dem Bild auch, aber die Potentialität nicht. So sind die Dinge offenbar.

Und es ist nicht zu bestreiten: Auch wir werden älter. Folgende Mail kam letztens bei mir von meiner alten Kollegin an und hat den Text hier motiviert:

Hier läuft alles eigentlich wie immer – nur, dass es jetzt gemeinsam mit der [XYZ] ein paar Gastprofessuren geben wird, die hier Seminare zu verschiedenen Themen geben werden. Am Großantrag wird demnächst in veränderter Runde vermutlich weiter gearbeitet, nachdem es erstmal eine längere Pause gab. Die größte Veränderung hier ist vielleicht eine personelle. Ich werde zu Ende Juli gehen und habe heute gerade meine Nachfolgerin eingearbeitet … In der Hoffnung, dass ich dann die Probezeit ebenso erfolgreich überstehe, wie du 😉

Die Mail deutet an, was bei so vielen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten ist: Vieles scheint sich nur langsam zu bewegen oder gar nicht zu verändern („Am Großantrag wird demnächst in veränderter Runde vermutlich weiter gearbeitet, […]“), aber doch ändern sich Dinge („ein paar Gastprofessuren geben wird […]“) und vor allem persönlich geht es immer weiter. Als wir beide (und andere) im Sommer 2011 zusammen in unseren alten Stellen arbeiteten, machte wir immer wieder Witze, dass wir alle nicht mehr da sein werden, wenn die Dinge sich ändern … jetzt sind wir wirklich nicht mehr da. Einige von uns haben schon die Probezeit auf den nächsten Stellen bestanden, andere werden das in ein paar Monaten getan haben.

Ist das gut, ist das schlecht? Macht es zumindest zwischendurch nachdenklich? Mir scheint, solches kurzes Innehalten ist immer wieder mal eine Erinnerung daran, dass sich unsere Umgebung trotz allem sichtbaren Stillstand weiter bewegt. Die Langsamkeit der Veränderungen und Kommunikation, die wir immer wieder einmal bemängeln, sie ist kein Hindernis für die Entwicklung (Fortschritt wollte ich schon schreiben, aber das ist umstritten). Das heisst auch, dass die ganze Kommunikation, die wir so auf Konferenzen, in Zeitschriften und Blogs betreiben, gar nicht so unsinnig ist, wie sie uns manchmal vorkommt. Was nicht heisst, dass alles dufte wird, aber am Ende des Tages haben wir trotz aller Wiederholungen doch auch im Bibliothekswesen einen fortschreitenden Aufbau von Wissen. Immerhin.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (15): Evidence-based library and information practice

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 1. August 2012

Manuela Schulz

In meinem beruflichen Umfeld habe ich auch mit Datenbanken und anderen Informationsressourcen zu Evidenzbasierter Medizin, kurz EbM, zu tun. Die wichtigste Datenbank in diesem Bereich ist The Cochrane Libary, die von der Cochrane Collaboration, einem weltweiten und unabhängigen Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Ärztinnen und im Gesundheitswesen Tätigen, erstellt wird. In Deutschland existiert neben dem Freiburger Cochrane Zentrum auch das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, das übrigens in diesem Jahr wie der Bibliothekartag in Hamburg tagte und ebenfalls von einem Besucherrekord sprach (was hat Hamburg, was Berlin nicht hat?) und sich seit Gründung im Jahr 2000 zu einem immer stärkeren Element bei der Verbreitung Evidenzbasierter Medizin entwickelt.

Arbeitet man im Bibliotheksalltag häufig zum Thema EbM, dann ergibt sich fast zwangsläufig die Frage, wie eine EbB (Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis) aussehen könnte. Auf welcher Grundlage können Bibliothekare oder Informationsspezialisten evidenzbasierte Entscheidungen treffen? Wie kann das in der wissenschaftlichen Beschäftigung Identifizierte in die Bibliothekspraxis umgesetzt werden?

Evidence based Librarianship ist vermutlich nicht das etablierteste Feld in Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, aber es wird durchaus diskutiert. (u. a. auch im LIBREAS-Weblog)  Das Handbuch „Evidence-based practice for information professionals: a handbook“ von Andrew Booth und Anne Brice versuchte bereits 2004 diese Fragen zu beantworten und damit auch die „culture gap between researchers and practitioners“ zu überwinden. In einer Rezension wird auf deren Checkliste zur Anwendung von Evidenz verwiesen:

„The authors have found a simple and effective way to explain the complex process of the search for evidence and the application of results. […] the whole process is explained by ticking the appropriate items in the following checklist:

  • Define the problem
  • Find evidence
  • Appraise evidence
  • Apply results of appraisal
  • Evaluate change
  • Redefine problem (p. 61).“

Zwei Jahre später, in der eigens zu dem Feld gegründeten Zeitschrift EBLIP, stellt Joanne Gard Marshall fest:

„Over the last decade we have seen the concept of evidence based practice (EBP)
emerge not only in the health professions but also in fields such as social work, public
policy and even business. As a group that is dedicated to helping others find the
information they need to do what they do better, it is high time that library and
information professionals put EBP to work for themselves.“

Schließlich gibt es von Caleb Derven und Valerie Kendlin folgende Beschreibung:

„Evidence-based librarianship provides a context within which to formulate questions which require the gathering of evidence in order to successfully answer the question posed. It is praxis-oriented and provides a practical application of the librarian’s knowledge of the decision making process to facilitate and drive service development.“ (Derven, Caleb; Kendlin, Valerie (2011) Evidence-Based Librarianship: A Case Study of a Print Resource Cancellation Project. In: The Journal of Academic Librarianship. Vol. 37, No. 2, S. 168-170. http://dx.doi.org/10.1016/j.acalib.2011.02.009,)

Schaut man auf die eigene Arbeit vor Ort und den Prozess der Neueinführung oder Modifizierung von Services, erkennt man, dass man sich fast immer über Tagungen, Fortbildungen, die deutschen Kernzeitschriften Anregungen und Informationen holt, dass man sich mit Kollegen austauscht, Services ähnlicher Einrichtungen mit den eigenen vergleicht, Best Practice-Beispiele herausfiltert und aus dieser Gemengelage  eine Entscheidung trifft und für die eigene Einrichtung übersetzt. Im Prinzip arbeiten wir implizit fast immer auch evidence based. Idealerweise fließen dabei sowohl wissenschaftliche Ansätze als auch praktisches Erfahrungswissen in eine Entscheidung ein. Von der Bibliothekswissenschaft bzw. einer ausentwickelten Evidenzbasierten Bibliothekspraxis wäre zu erwarten, dass sie diese Verfahren expliziert und daraus Handlungsleitlinien entwickelt.

Birger Hjørland, Kopenhagen, fasst in der Wikipedia zu EBLIP zusammen

„Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP) or evidence based librarianship (EBL) is the application of the interdisciplinary approach known as evidence-based practice (EBP) to problems in the field of library and information science (LIS). This means that all practical decisions maken within LIS should 1) be based on research studies and 2) that these research studies are selected and interpreted according to some specific norms characteristic for EBP. Typically such norms disregard theoretical studies and qualitative studies and consider quantitative studies according to a narrow set of criteria of what counts as evidence. If such a narrow set of methodological criteria are not applied, it is better instead to speak of research based library and information practice.“

Inwieweit dies so zutreffend ist und inwieweit Evidenz basierte Verfahren in der bibliothekarischen Praxis tatsächlich eingesetzt bzw. auch diese Verfahren in den einschlägigen Kommunikationskanälen wie Blogs, Zeitschriften, Sozialen Netzwerken vermittelt werden, könnte auf der Unkonferenz frei<tag> diskutiert werden. (Eine Übersicht zu den bisher vorgeschlagenen Themen gibt es im frei<tag>-Wiki.) Auch wie daraus Standards entwickelt werden können und wie die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis idealerweise funktionieren sollte, kann dabei Gegenstand der Diskussion werden.

Erste Ausgabe der seit sechs Jahren bestehenden kanadischen OA-Zeitschrift EBLIP, deren Ziel es ist „to provide a forum for librarians and other information professionals to discover research that may contribute to decision making in professional practice.“ Mittlerweile sind 26, jeweils umfangreiche Ausgaben erschienen. Im nächsten Juli wird es bereits die 7. Konferenz zu EBLIP in Saskatoon, Kanada, stattfinden.

 

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (16): Kurt Drawert (2), Digitale Geisteswissenschaft und Bibliotheken

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by libreas on 30. Juli 2012

Ben Kaden

Man erinnerte mich unlängst und nicht unbegründet daran, dass der LIBREAS-frei<tag>-Countdown mit Texten versehen werden sollte, die auch etwas wahlweise mit der Unkonferenz zum Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft oder derr Summer School des LIBREAS Vereins zu tun haben sollte.

Immerhin meine kleine Glosse zu Kurt Drawert verfehlte diesen Anspruch recht deutlich. Er bereichert aber mein Leben wiederum um die Erfahrung, wie es ist, gelesen und nicht ganz so verstanden zu werden, wie ich es meine. So schreibt Armin Steigenberger auf lyrikzeitung.com:

„Es scheint, dass derjenige, der auch nur irgendwas gegen das Internet vorbringt, heute sofort unter Generalverdacht steht, was ich eigentlich genauso eindimensional finde. Insofern ist Ben Kadens Replik in summa eine ziemlich vorhersehbare Reaktion und an neuen Argumenten, die mich wirklich überrascht hätten, kommt gar nichts.“

Hier kollidieren natürlich Erwartungshaltungen und fast naturgemäß driften Meinen und Verstehen zielstrebig auseinander. In welcher Hinsicht ich generell verdächtige, erschließt sich mir auch nach dem Wiederlesen meines Textes nicht. Gleiches gilt für den Zweck der Pauschalisierung „das Internet“, gegen das zu opponieren freilich genauso sinnvoll wäre, wie der Kampf gegen Bahnschienen, Webstühle, Windmühlen und Schnellstraßen.

Darum geht es aber Kurt Drawert auch nicht. Sondern ihn treibt die Überlegung (oder Angst), wie (dass) sich die Rezeption verändert, wenn sich das Träger- und Abbildungsmedium ändert. Dahingehend geschieht ohne Zweifel viel und die Rezeptionsforschung stürzt sich hoffentlich begeistert auf diese Veränderungen. Und hoffentlich weniger voreingenommen als Kurt Drawert in seinem tristen Text.

Dass dieser den konkret Handelnden und die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungs- und Rezeptionswelten hartnäckig ausklammert, ist für mich der trübste, fast blinde Fleck seines Essays. Dass er zudem den Untergang der Literatur durch Digitaltechnologie prophezeit, ist eine so traurige wie grundlose Schlussfolgerung. Und der bebende Brustton, mit dem diese Einschätzung in den Diskurs eingeworfen wird, liegt so fernab jedenfalls meiner Lebenswirklichkeit, in der man Werkzeuge als Möglichkeiten betrachtet und nicht als auf des Herzens liebste Dinge gerichtete Dolche, dass ich mehr mit Erstaunen als mit Gegenrede reagieren kann. Neue Argumente sind zudem in dieser Urdebatte der digitalen Gesellschaft schon deshalb schwer zu finden, weil ich gar keinen Antagonismus à la „Freiheit des Netzes vs. Freiheit der Buchrezeption“ sehe.

Selbst wenn ich Technologiekritik gemeinhin hoch schätze, vermag ich weder das Problem noch den Pessimismus Kurt Drawerts nachzuvollziehen. Jedenfalls, solange unsere Kultur noch so etwas wie die Lyrikreihe des Hochroth-Verlags hervorbringt und ich die Option habe, meine Abendlyrik in einem stillen Zimmer vom Papier abzulesen. Ich wüsste nicht, welcher Techniker mir das nehmen wollte. Und daher bleibt mir die ganze Aufregung fremd – in einer unangenehmen Weise.

Nun bin ich fast schon wieder dabei, das Thema zu verfehlen. Aber man kann nicht zuletzt in Anschluss an Kurt Drawert (unter Hilfestellung von Armin Steigenberger) immerhin eine Einstiegsthese für die Unkonferenz daraus formulieren:

Digitale Medien verändern die Rezeptionspraxis, „weil das Internet als ‚Resonanzraum‘ kein störungsfreier Raum ist, sondern nebenher allerhand ‚Interferenzen‘ passieren, wo man auch permanent zusätzliche Infos bekommt, die man nicht bestellt hat, die aber die Rezeption, das „sich-Einlassen“ stören […]“ (vgl. http://lyrikzeitung.com/2012/07/29/119-gezwitschert-gegeigt-und-gesungen-2/)

(Die Tatsache, dass es on- und offline individuell große Unterschiede bei der Ausübung der bislang zentralen Kulturtechnik unserer Gesellschaft gibt, mag man vielleicht zunächst ausklammern.) Für die Texthermeneutik und das Close Reading ist diese Frage mindestens genauso relevant, wie für die Bibliotheken, die sich fragen, ob sie in einem Neubau lieber einen klassischen Lesesaal oder eine Kommunikationszone mit Café und Indoor-Spielplatz unterbringen sollen.

Und es wirkt auf die Frage zurück, wie wir schreiben sollen, wenn wir für das Netz schreiben. Armin Steigenberger betont beispielsweise in seiner Replik zu meiner Drawert-Lektüre, dass sich die Besprechung des Aufsatzes Kurt Drawerts in einem Weblog womöglich verbietet:

„Hinzu kommt die Tatsache, dass Drawerts NZZ-Artikel nicht im Netz verfügbar ist, was gewissermaßen gewollt ist – alles andere wäre ja wieder eine Einladung zum Entreißen, würde seine These nur belegen, dass eben alle Texte verlieren, sobald sie online sind und somit zu Verkürzung und Überlassung einladen. Denn diesen Text im Blog zu besprechen wäre vergleichbar damit, eine Blogdiskussion über die These abzuhalten, ob Blogdiskussionen nicht per se haltlos sind: eine contradictio in adiecto. Insofern wird Drawerts Artikel nun selbst „entrissener“ Text, in Ausschnitte zerbröckelt und unterlegt mit Bockwurst und Bier.“

Diese Argumentation überzeugt mich leider kaum. Denn (a) ist die Rekontextualisierung nach Gusto weder ans Web noch an Weblogs gebunden, sondern ein Leitelement schriftsprachlicher Debatten und vermutlich die Basis aller Kultur. Und (b) wäre die Verweigerung sich dem Diskurs zu stellen, indem man einen Beitrag zum Diskurs zwar trotzig präsentiert aber eben nur offline und daher um Diskursferne bemüht, diskursethisch untragbar. Und (c) ist ein Weblog einfach nur eine neutrale Publikationsfläche, die, wie ein Blatt Papier, vom Gossip bis zur Weltformel alles in Schrift fassen kann, was in Schrift zu fassen ist.

Gern gestehe ich dagegen ein, dass man meinen Text leicht als Bestätigung der These Kurt Drawerts lesen kann. Ich würde mir allerdings wünschen, dass man etwas anderes daraus mitnimmt. Nämlich den Aufruf zu mehr Gelassenheit in diesem Diskurs.

Kerstin Holm - Manfred Heidegger

Manfred auch? Die Grenzen automatischer Verfahren Digitaler Geisteswissenschaften lassen sich in fast jeder Buch anschaulich bereits durch Oberflächenlektüre abschätzen. Denn welche automatische Textanalyse würde hier korrekt schlussfolgern, dass der russische Komponist Wladimir Martynow nicht etwa einen – obendrein recht lebendigen – Ferienhausvermieter aus dem Oberallgäu zu einer zentralen Autorität seiner geistesgeschichtlichen Sozialisation zählt, sondern jemanden von der Schwäbischen Alb, der wusste, wie uns die Technik ins Gestell zwingt. Man mag das Problem als spitzfindig empfinden, aber wir benutzen die digitalen Verfahren ja gerade zum Zwecke der Spitzfindigkeit, d.h. um auch das zu entdecken, was unserem Auge sonst entginge. Hier hat das händische Blättern noch gereicht. Dem Lektorat Der Anderen Bibliothek ist der kleine Fehler auf Seite 189 vermutlich ziemlich peinlich. Abgesehen davon ist die Ausgabe von Kerstin Holms „Moskaus Macht und Musen“ (Berlin: AB – Die Andere Bibliothek, 2012) jedoch ein gelungenes Beispiel dafür, warum wir von Buchkultur sprechen.

Auf einer solchen Basis könnte man sich dann nämlich den Fragestellungen wie der widmen, wie viel Verflüssigung, Bricolage und Versetzung von Textinhalten wir eigentlich für welchen Zweck zulassen wollen? Die wird nämlich nicht zuletzt akut im Umfeld dessen, was man Digital Humanities nennen.

Die Hamburger Tagung, die vermutlich als ein Schlüsselereignis der Digitalen Geisteswissenschaften in Deutschland gelten kann, brachte es immerhin zu zwei Artikeln in derselben Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und beide Texte versuchen etwas, was die Protagonisten dieses neuen methodologischen Spektrums bisweilen etwas vernachlässigen: die Metasicht auf Sinn und Unsinn, auf die Wechselbeziehung von Machbarem und Wünschbarem.

Wolfgang Krischke (Wege und Abwege digitaler Forschung. In: FAZ, 25.07.2012, S.N3, nicht frei online) betrachtet die Entwicklung relativ nüchtern:

„Von einem neuen Paradigma kann […] kaum die Rede sein, in manchen Bereichen der Linguistik bedient man sich der elektronischen Datenverarbeitung schon seit der Lochkarten-Ära.“

Allerdings räumt er selbst ein, dass die Möglichkeiten einer statistischen Analyse von Sprache heute doch – vor allem quantitativ – ein wenig mehr zulassen, als die Lochkartenpioniere vermutlich überhaupt ahnen konnten. Und er betont an der schlichten und interessanten, rein quantitativ aber kaum greifbaren Forschungsfrage:

„Wie verändert sich beispielsweise die Bedeutung von „Freund“ durch den Gebrauch, der von diesem Wort in den sozialen Netzwerken gemacht wird?“,

dass eine Horizontlinie der Erforschung der Websprache und ihrer Folgen bereits durch urheber- und datenschutzrechtliche Regeln eingezogen wird. Immerhin: Die Notwendigkeit einer informations- und wissenschaftsethischen Diskussion der Digital Humanities lässt sich in diesem Zusammenhang – also nicht zuletzt für die Unkonferenz – exzellent veranschaulichen.

Dazu zählt zudem eine weitere Frage, nämlich die, ob es nicht geradezu geboten ist, aussterbende Sprachen als generelles Kulturgut so gut und lückenlos wie nur möglich mit den vorhandenen Technologien zu dokumentieren, selbst wenn das am Ende vielleicht mit dem konkreten „Überleben der bedrohten Idiome“ nicht mehr zu tun hat, als eine Nachzucht  einer in freier Wildbahn verschwundenen Tierart im Zoo. (Oder gar nur einem taxidermischen Präparat im Naturkundemuseum.)

Und ebenfalls wissenschaftsethisch interessant ist die Rolle von Google, das Korpus und N-Gram-Viewer als Zentralbausteine gewisser Facetten digitaler geisteswissenschaftlicher Forschung bereitstellt. Hier wirkt ein Unternehmen, wenn auch sicher ein sehr besonderes, massiv gestaltend auf eine Wissenschaftslinie ein, von der gern nicht selten betont wird, sie sei – möglicherweise analog zur Google-Suche – perspektivisch die einzige und alternativlose Option.

Thomas Thiel (Eine Wende für die Geisteswissenschaften? In: FAZ, 25.07.2012, S. N5) nimmt sich der Entwicklung aus einer wissenschaftsadministrativen bzw. -infrastrukturellen Position an und zeigt, dass Digital Humanities mehr meinen muss, als Google bietet. Er betont die für die Bibliothekswissenschaft zentrale Dreiheit von Digitalisierung, Standardisierung und Langzeitarchivierung (inklusive Qualitätssicherung). Wenn man das Fach sowie die wissenschaftlichen Bibliotheken also naheliegend auf die Rolle einer Zentralinstanz der digitalen Geisteswissenschaften orientiert, dann rutscht es automatisch in die Aufgabe, nicht nur Publikationen, sondern Korpora bzw. geisteswissenschaftliche Primärdaten zu sammeln, zu erschließen, vorzuhalten und nach Bedarf verfügbar zu machen. Die Digital Humanities (DH) könnten demzufolge der Bibliothekswissenschaft endlich eine fixe Forschungsrichtung vorgeben. Und dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen eine Perspektive für die Zeit nach der Hegemonie der Printkultur.

Dazu muss sich das „Methodenfeld“ aus dem „Quellgebiet von Computerlinguistik, Computerphilologie und Fachinformatiken“ (Thomas Thiel) jedoch erst einmal als solches etablieren. Wobei nicht nur nicht notwendig, sondern überhaupt nicht zweckmäßig scheint, womit Jan Christoph Meister zitiert wird, nämlich der „empirische[n] Wende für die Geisteswissenschaften“ und dem Abschied vom „Paradigma der hermeneutischen Einzelforschung“. Hier wird erneut ein Ausschlussszenario ins Spiel gebracht, wo es völlig unnötig, in jedem Fall verfrüht ist. Thomas Thiel ordnet den bisherigen Stand der DHs zutreffend eher als „anwendungsorientierte Hilfswissenschaft“ als als „Speerspitze einer umfassenden Transformation der gesamten Geisteswissenschaften“ ein:

„Dass sie große Erkenntniszusammenhänge erschließen können, zeichnete sich nicht einmal schemenhaft ab.“

Ich sehe vielmehr auf lange Sicht als Ideal eine mehrschichtige Durchdringung quantitativer und metrischer Verfahren mit interpretativen, wie ich es jüngst in einem Kommentarthread, skizzierte:

 „In einem zugespitzten Szenario könnte die Entwicklung vielleicht dahin gehen, dass wir auf der einen Seite große, tiefenerschlossene Datenbestände haben, aus denen auf der anderen Seite zahllose kleine und in verschiedene Richtungen zielende temporäre Interpretationen erfolgen und permanent diskutiert werden. Publikationen fassen diese Deutungen und Argumentationen eventuell sogar in festen Zeitabständen als gesichertere Referenzpunkte zusammen, zielen aber selbst nicht mehr Innovation, sondern nur auf Kumulation und Dokumentation. (Beispielsweise in eine aktualisierten Form von Referatemedien, die nicht mehr Publikationen, sondern Argumente, Schlüsse und Diskussionen sammeln, ordnen und in dieser Ordnung verfügbar machen.)

So wie es in bestimmten Geisteswissenschaften kanonisierte Texte gab und gibt, die über zeitstabil neu gelesen werden, so könnte ich mir vorstellen, dass es auch einen Kanon von Open Data-Datensätzen gibt, mit denen alle Disziplinen ähnlich verfahren. Messende und interpretative Disziplinen verschmelzen demnach. Und zwar nicht nur in der Form, dass sich Geisteswissenschaften zunehmend quantitativer Verfahren bedienen. Sondern auch, dass eine Form von Daten-Hermeneutik (möglicherweise mehr in Anschluss an die so genannte Objektive Hermeneutik) in die anderen Disziplinen dringt. (Implizit spielt nach meiner Erfahrung Interpretation seit je fast überall die entscheidende, nämlich Schlüsse grundierende Rolle. Nur erfolgt dieser methodische Schritt oft nicht zureichend reflektiert, d.h. im Bewusstsein, dass eine Schlussfolgerung immer ein interpretatives Moment enthält, das man auch methodologisch elaborieren kann.)“

Inwieweit in diesem Szenario langfristig die rein interpretativen geisteswissenschaftlichen Publikationen es noch leicht hätten, sich zu behaupten, oder ob sie sich nicht nach und nach in Richtung einer eher literarischen Abbildungs- und Erkenntnisdisziplin emanzipierten, die selbst mehr Wert auf Originalität in Form und Darstellung als an formalwissenschaftlichen Anspruch und Strenge legt, bleibt selbstverständlich einer von zahlreichen weiteren offenen Aspekten. In jedem Fall berechtigt uns nichts, ihnen jetzt (schon) die Tür zu weisen.

29.07.2012

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (17): Identität? Maybe.

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 29. Juli 2012

Karsten Schuldt

Von Zeit zu Zeit taucht die Frage auf, wie sich Bibliotheken, Bibliothekarinnen und Bibliothekare selber sehen, wie sie von anderen gesehen werden – und eigentlich auch, wie sie sich selber sehen sollten und gerne gesehen werden würden. (Obgleich letzteres auch einigermassen oft vergessen zu werden scheint.) Warum eigentlich? Warum eigentlich scheint das Bibliothekswesen einen Drang zu haben, über das eigene Bild zu reden? Nicht Selbstreflexion zu betreiben, sondern über das Bild seiner selbst zu reden? Diese Debatten führen ja interessanterweise nicht dazu, Berufsbeschreibungen zu verändern oder gar Abläufe. Es wäre eine Aufgabe über diesen ja wiederkehrenden Beweggrund nachzudenken.

Hier allerdings soll nur kurz ein Teilaspekt beachtet werden. Getrieben scheinen solche Diskussionen nämlich von der Vorstellung, dass es eine Identität des Bibliothekswesens und des bibliothekarischen Personals gäbe, welche missrepräsentiert würde. Missrepräsentiert im bibiothekarischen Diskurs und missrepräsentiert im öffentlichen Bild. Oft tönt es, es gäbe das Bild der „Psssssst“-machenden Bibliothekarin mit Dutt im Lesesaal immer noch (obgleich selten der Nachweis darüber geführt wird); wohingegen die Bibliothek heute ein offener Ort sei, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare gesellschaftlich sich mitentwickelt hätten, gar zum Teil an der Spitze der Gesellschaft stehen was die Nutzung von Informationen und Technik betrifft, zum Beispiel (auch hier wird der Nachweis oft nicht geführt). Postuliert wird nun, dass diese Differenz ein Problem wäre. Ein Problem, weil die Gesellschaft eine falsche Vorstellung von Bibliotheken hätte. Aber auch ein Problem, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich nicht so zu präsentieren trauten, wie sie sind.

Zu bemerken ist, dass bei dieser Argumentation einige Annahmen getroffen werden, die so selbsterklärend nicht sind, wie sie vorausgesetzt werden. So scheint es die Vorstellung einer einigermassen konsistenten Identität Bibliothekarin / Bibliothekar zu geben. Sicher: Wir sind alle unterschiedlich, dass akzeptieren wir auch. Aber dennoch scheint die Vorstellung auf, dass es zumindest einen Grundbestand an Vorstellungen und Eigenschaften gäbe, die (fast) allem im Bibliothekswesen teilen würden. Weiters wird davon ausgegangen, dass es ein Problem wäre, wenn die Identität einer Einrichtung nicht mit dem Bild der Einrichtung in der Gesellschaft übereinstimmen würde. Angestrebt wird implizit offenbar eine grösstmögliche Schnittstelle, als würde das Funktionieren von Bibliotheken davon abhängen, dass sie als die gesehen werden, die sie sind (wobei die Frage interessant ist, ob Bibliotheken im Gegenzug andere Einrichtungen so sehen, wie „sie sind“). Nicht zuletzt wird angenommen, dass das Eigenbild eine Relevanz hat, aber nicht erklärt wird, welche. Muss man, um in der Bibliothek als Personal „funktionieren“ zu können, eine Identität haben, die mit der Aufgabe übereinstimmt? Wie sehr muss die Übereinstimmung sein, wie sehr darf sie abweichen? Muss sie, so ja der Trend auf dem heutigen Arbeitsmark, möglichst vollständig mit dem gesamten Selbstbild eines Bibliothekars, einer Bibliothekarin übereinstimmen oder dürfen sie neben ihrem Beruf eine weitere Identität haben, die sie nicht einbringen müssen in ihre Arbeit?

Identität//Heimat{Neukölln, Berlin}. Beim Inder (desletztens noch ein Döner) sitzen, auf die Pizzeria mit dem unglaublichen Balkon obendrauf blicken, das urbane Leben anschauen.
Zwei allgemeine Merksätze hierzu, die vergessen werden, immer wieder einmal: (1) Identität setzt sich zusammen. Da ist kein Kern, der gleichbleibt, sondern ein Netzwerk aus Versatzstücken, teilweise gewählt, teilweise „da“ , immer interpretiert. (2) Identität, insbesondere Heimatidentität, ist nicht an das ständige Da-sein gebunden. Und Identität ist nicht, niemals wirklich exklusiv, sondern steht neben mehreren Identitäten, auch in einer Person, gar einer Gruppe. Ach, Gruppenidentität… noch komplexer.

Diese Annahmen scheinen, werden sie differenziert, brüchiger zu werden. Auffällig ist zudem: Es gibt Theorien zur Identität, Selbstbild, Rückwirkung von Diskursen über sich selbst, kurzum: vor allem Subjektivität. Ein grosser Teil der Gender Studies, zum Beispiel, konstituiert sich um solche Fragenkomplexe. Und hier scheint die Verbindung nicht so natürlich zu sein. Wichtiger: Hier scheint auch das Problem, dass man anders gesehen wird, als man selber sein will (oder „ist“) anders. Es ist ein Problem, wenn es Probleme verursacht, aber es ist nicht zu verhindern per se. Die Aufgabe besteht eher darin, mit dieser Differenz – wenn es sie überhaupt gibt und nicht die angenommen subjektive Identität viel zu breit ist – auszuhalten. Produktiv, aber ohne unnötige Klage.

Worauf dies hinausgeht: Auf den einfachen Fakt, dass die immer wieder einmal auftauchenden Diskussionen um das Bild der Bibliothek und des bibliothekarischen Personals sehr verkürzt geführt werden (ohne das dies sein müsste), was eventuell dazu beiträgt, dass sie immer wiederkehren und dann ohne Ergebnis „untergehen“.

Tagged with:

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (19): Das utopische Element

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 28. Juli 2012

Karsten Schuldt

Der Bibliotheks- und Informationswissenschaft fehlt das utopische Element, dass sie einstmals mit sich führte. Einstmals, dass heisst gerade zur Zeit der Kybernetik, als sich die Informationswissenschaft – oder die Personen, die sich ihrer direkt und indirekt bedienten – in beiden Teilen der Welt zur Leitwissenschaft aufschwingen wollte. Es gab diese Zeit, wo sich Forschende ernsthaft hinsetzen und Texte schrieben, in denen sie davon sprachen, wie die Welt und die Menschen in 50, in 100 Jahren leben würden. Und das waren keine kleinen Entwürfe. Immer ging es in diesen den Menschen viel besser als heute, immer hatten sie die Möglichkeit, ein gutes Leben zu führen, fast frei von Arbeit, fast frei von Zwang, vor allem aber frei von Sorgen wie Krieg, Hunger, Einsamkeit und Krankheit.

Als Norbert Wiener in „Cybernetics“ behauptete, dass er mit der Kybernetik die Gewerkschaften bei der Schaffung eines besseren Arbeitsmarktes helfen könnte (wenn sie nur zuhörten), war dies Teil des utopischen Versprechens. Auch als Nikita Chruschtschow versprach, das die Sowjetmenschen binnen Kurzem die reichsten Menschen der Welt sein würden, tat er dies aufgrund der Vorhersagen der Kybernetik. Grosse Entwürfe die Welt besser zu machen, mit Hilfe der Information und Informationsverarbeitung – dies war für einen historischen Moment die Vorgehensweise der Informationswissenschaft. Begibt man sich einmal in die historischen Schriften (aber wer tut das heute schon noch?) auch der Väter und Mütter der Programmierung und Rechnenmaschinen, spürt man dieses Versprechen noch. Er scheint, als wäre damals viel Nachdenken über Informationssysteme und Informationen durch die grundgute Überzeugung getragen gewesen, dass man selber dabei war, die bessere Welt, das Himmelreich auf Erden, von dem Heine sprach, zu errichten – und zwar nicht irgendwann, sondern bald, wenn nicht heute, dann spätestens morgen.

Sicherlich: Das war grössenwahnsinnig und hat nie wirklich gestimmt. Genauso, wie wir immer noch nicht mit ökologisch unbedenklichen Elektroautos durch die Luft fliegen, obwohl uns das schon für das Jahr 2000 versprochen war, genauso wenig regelt heute ein System aus Rechenmaschine eine perfekt organisierte Wirtschaft oder einen perfekt organisierten Arbeitsmarkt. Und immer noch nicht geht es allen Menschen gut. (Vielmehr haben wir das Gefühl, dass es immer mehr Menschen immer schlechter geht.) Aber dennoch: Die von Utopie getriebene Forschung hat Ergebnisse hervorgebracht, kühne Entwürfe. Und bei alledem war sie in gewisser Weise viel symphatischer als so manche Forschung, von der wir heute so lesen können.

Was ist da eigentlich passiert? Heute machen wir uns Sorgen, ob ein Angebot einer Bibliothek genutzt werden kann, ob wir unsere Nutzerinnen und Nutzer glücklich machen, ob wir die Entwicklungen im Semantic Web (die an uns vorbeizogen) nachvollziehen können. Wir denken vielleicht noch fünf Jahre voraus, nicht aber mehr 50 oder 100. Wir schreiben keine Programme mehr, wie das Bibliothekswesen in den Mond- und Saturnsiedlungen organisiert werden müssten oder wie Informationen dazu beitragen werden, alle Kriege der Welt und den Hunger zu überwinden. Produkte entwickeln wir, keine Utopien. Dabei: Das Utopien nicht sinnlos sind, wurde in den letzten Jahren mindestens dreimal „nebenan“ in den Computerwissenschaften bewiesen: Internet, Semantic Web / Web 2.0 und One Laptop Per Child-Project waren allesamt Idee, die wahnsinnig klangen, als sie vorgestellt wurden, aber dann wurden sie doch erfolgreich.

Treffen sich mehrere Utopien in der freien Wildbahn… was passiert? Hier nichts. Der Traum vom richtigen Leben im falschen (AKA der ökologisch korrekte Kapitalismus), dahinter der Traum der Jugend, die sich in Studentenklubs zurückziehen und dort zu besseren Menschen werden kann. Und das wieder ausgedrückt mit der teil-ironischen, teil-ernsten (Weiss man’s? Wird ja heute nicht mehr geschaut wer Kommunistin ist oder Kommunist oder wer es nur ironisch meint. Zumal, in Berlin und Hamburg, vor allem aber in New York soll man schon von ironisch-kommunistischen Hipstern gehört haben. Alles schwierig.) Rezitation der Bildsymbolik einer untergegangenen Utopie – und das aus der Phase, als ihr utopischer Gehalt unter dem Stalinismus schon untergegangen war. Aber hier, im sommerlichen Potsdam, existiert beides (noch?) nebenher. Treffen sich also Utopien in der freien Wildbahn, tauschen die sich dann aus? Und über was?

Eine Wissenschaft, so die kurze These hier, die sich traut, weit in die Zukunft hinein zu entwerfen, mit Gedanken zu spielen, darüber nachzudenken, wie eine Welt (oder weiter ein Universum) gebaut werden kann, in dem alle Menschen (und Aliens und Roboter) glücklich sein können, wäre gewiss viel aufregender und würde viel mehr vorwärtsweisende Dinge hervorbringen, als die heutige Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Insoweit: Wenn jemand darüber reden will, wie wir das interplanetarische Bibliotheks- und Informationssystem in unserem Sonnensystem organisieren und dazu beitragen, dass auch auf den kleinen Siedlungen im Meteoriten die Medien, die gewünscht und benötigt werden, ankommen, würde ich sofort begeistert zuhören. Menschen, die über so etwas nachdenken, wollen immerhin die Welt besser machen.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (20): Fragen zum Thema Partizipation

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 26. Juli 2012

Heike Stadler (bibpartizipation.wordpress.com)

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 03.01.2011 fragte sich Tilman Spreckelsen: „Wo sind die Wutbürger, wenn man Sie braucht?“ Nein, es ging nicht um Stuttgart21, sondern um die Frage wo der Protest der Öffentlichkeit gegen Bibliotheksschließungen bleibt. Mittlerweile könnte man ein Büchlein über Bürgerproteste im Bibliotheksbereich verfassen. Die Frage müsste nun mehr lauten: „Wer hört die Wutbürger, wenn sie rufen?“ Auf der Plattform openpetition.de gibt es zahlreiche Beispiele, die analysiert werden wollen. Bereits in LIBREAS #12 fasste Karsten Schuldt kiezbezogene Proteste für Berliner Bibliotheken zusammen (PDF). Nicht nur Proteste und Initiativen gab es in der Vergangenheit, auch Bürgerbegehren können als Partizipationsbeispiele herangezogen werden (vgl. Heike Stadler (2011) Der Bürger entscheidet mit. In: BuB 6 (63) S. 450-453 – PDF-Download).

Social-Tagging als Mittel zur inhaltlichen Erschließung im Katalog. Der Nutzer darf, was er lange nicht durfte – ein Wort mitreden bei der Sacherschließung. Was ist aus dieser Möglichkeit geworden? Wird sie gelebt? Oder ist sie diese Form der Teilhabe in Vergessenheit geraten?

Früher gab es oder es gibt sie noch immer vor Ort in der Bibliothek, die analogen Wunschbücher für Anschaffungsvorschläge. Nun spricht man von der nutzergesteuerten Erwerbung (PDA), eine Geschäftsmodell der Verlage und keine Idee der Bibliotheken, oder doch? Liegt in der Idee des Wunschbuches der Ursprung des PDA-Modells? Wenn Bibliotheken PDA oder „PDA-light“ als Mittel für die Erwerbung nutzen, tun sie dies wirklich wegen des Gedankens der Partizipation oder vorrangig aus wirtschaftlichen Zwecken?

Bibliotheksbenutzer gestalten Bibliotheksräume. Sie suchen Möbel aus, entscheiden über die Wandfarbe und Kinder träumen ihre Kinderbibliothek und man fragt sich, was ist noch möglich?

Partizipation als neue Leitlinie für die Bibliothekswissenschaft? Was hat, was kann und was wird Teilhabe in den verschiedenen Bereichen ermöglichen?

Themenereiche für eine Leitlinie Partizipation:
Standortbestimmung
Bibliotheksbau / Architektur
Bibliothekseinrichtung
Bestand / Medien / Erwerbung
Veranstaltung

Bibliotheksschließung

Flyer im Zug

Nächste Station: Partizipation? Dies trifft in jedem Fall zu, wenn man es auf die Potsdamer Unkonferenz zum Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft bezieht. Denn solch eine Veranstaltung lebt zu 100 % vom konkreten Engagement der Teilnehmer. Dies betrifft auch die Themen, die dort angesprochen, diskutiert und möglichst nachhaltig auf die Agenda des Faches gesetzt werden. Dabei können die oben stehenden Fragen selbstverständlich selbst Gegenstand der Veranstaltung werden. Das wäre dann ein selbstbezüglicher Diskurs im besten Sinn.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (21): Unkonferenz und Summer School

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Verein by libreas on 26. Juli 2012

Manuela Schulz
Ben Kaden

Es bleiben noch 21 Tage bis zum großen Event. So manche/r ist bereits im Urlaub, einige werden es bald sein, eigentlich möchte man doch bei diesem Wetter nur noch wahlweise in der Sonne baden oder im Schatten dösen oder sich im kühlen Nass erfrischen. Oder durch ferne Länder reisen, andere Kulturen kennen lernen und endlich den lang vorbereiteten Aktivurlaub angehen. Warum sollte man sich also nach Potsdam und Berlin zu einem fachlichen Austausch begeben?

Nun, nirgendwo gibt es soviel geballte Kultur auf einmal wie in diesem nordöstlichen Ballungsraum und auch wenn bei uns keine badewannenwasserwarmen Wellen schäumen, keine steife Brise weht und es keine Berge zu erklimmen gibt, bieten die Berliner und Brandenburger Landschaftsräume wunderbare Erholungsmöglichkeiten. Unser erster Countdown hat es bereits deutlich gemacht.

Freit 2012 vor Rubus

Ein ziemlich verwegener Assoziationssprung verbindet die Brombeere bei chemisch Interessierten regelmäßig und völlig unsinnig mit einem Halogen, das sich gemeinhin in einer Kategorie mit Fluor, Chlor und Jod tummelt. Dabei ist der Wortursprung von Brom ein ganz anderer und bereits im frühen Fachdiskurs der Chemiker wurde die Anwendung des griechischen Ausdrucks für Bocksgeruch als unpassend kritisiert (vgl. Sigismund Friedrich Hermbstädt (1828) Über das Brom, seine Vorkommen in verschiedenen Substanzen und die Darstellung desselben. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin: 1831; S.85-95) Der Wortursprung der Brombeere (irgendetwas mit brâma, daher mitunter auch Brambeere, Bramelte oder Briem), stellt dagegen das Dornige in den Mittelpunkt. Für uns geht es freilich kein bisschen darum und ehrlich gesagt, verzichteten wir gern auf die garstigen Haken, die sich wie Tanlines a la Twombly nach dem Tauchen im Gesträuch über die Arme ziehen. Was wir wollen, ist die Frucht und zwar möglichst in der tiefschwarzen Fassung. Welche für das LIBREAS-Team eine der vorzüglichen Errungenschaften eines gelingenden Sommers darstellt,  gleich hinter frei-tag;, Summer School und dem Bad in der Brandung.

Da man aber bei bestem Wetter ohnehin nur in den Morgen- und Abendstunden einen ruhigen Fleck am Waldsee findet, gibt es für die Zwischenzeit eine Überbrückung fachlicher Art. Auf der Unkonferenz frei<tag> 2012 in Potsdam wollen wir mit euch in ungezwungener Atmosphäre über Themen diskutieren, die für die eigene Profession schon immer unter den Nägeln brannten und uns gemäß des diesjährigen Mottos Stand der Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit Forschungsfragen auseinandersetzen. Die Unkonferenz bietet insbesondere jungen Forschenden und Studierenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft eine Plattform zum Vorstellen und Abgleichen ihrer Ideen, Thesen und Wahrnehmungen sowie die Option zum Austausch mit der Bibliothekspraxis.

Interessierte können sich gerne vorab  im frei<tag>-Wiki anmelden und vor allem Themenvorschläge machen. [Update: Nachdem dort mit dem eisernen Besen der Anti-Spam-Maßnahmen ausgekehrt wurde, vermutlich wieder ab heute Abend.]

Der Veranstaltungsort ist das bewährte Schaufenster der Fachhochschule Potsdam (Friedrich-Ebert-Straße 4, Google Maps). Man erreicht es gut zu Fuß vom Hauptbahnhof Potsdam in sehr wenigen Minuten und kann sich auf dem Weg sogar den Bauplatz eines Schlossneubaus anschauen. Das bieten derzeit nicht viele Städte.

Berlin zum Beispiel wartet noch auf den Spatenstich. Die Summer School steht dagegen bereits. Sie dient in den Räumen des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin der gemeinsamen Weiterbildung und zwar in einer Weise, die bitte nicht so trocken ist, wie das Wort Weiterbildung leider klingt. Worum es geht, ist Methodenwissen zur wissenschaftlichen Arbeit in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, das bekanntlich erst die Grundlage für ein leidenschaftliches und gelingendes Arbeiten in diesem Fach bietet. Da sich die Wissenschaftslandschaft insgesamt sehr wandelt (Stichworte: Digitalisierung, Digital Humanities, Grids, Science 2.0), stellt sich unvermeidlich die Frage, mit welchen Methoden ein Fach wie das unsere im fortschreitenden 21. Jahrhundert operieren sollte. Wer darauf eine Antwort weiß, muss kommen. Wer dazu weitere Fragen hat, ebenso. Gewünscht ist eine aktive Beteiligung, auch wenn oder gerade weil die Workshops im Vorhinein vorbereitet sind. Vier Cluster prägen das Programm:

– I Schreiben und Publizieren in der LIS,
– II Forschungsfragen und Trends in der LIS,
– III Verteilt Arbeiten, Zusammen Publizieren,
– IV Zeit- und Projektmanagement im Forschungsprozess.

Interessierte können sich anmelden bei:  mail (at) libreas-verein dot eu
Und natürlich weisen wir niemandem mit fachlichem Interesse, der uns ohne Vorankündigung überrascht, die Tür.

Veranstaltungsort:  Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin (Dorotheenstraße 26, Berlin). Das Institut (Google-Maps) ist von den Bahnhöfen Friedrichstrasse und Hackescher Markt zu Fuss und vom Bahnhof Alexanderplatz per Bus gut zu erreichen.