LIBREAS.Library Ideas

Mondfahrer von heute. Über den Sputnikschock und Diversität.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 10. Juli 2013

von Ben Kaden / @bkaden

I

Eine bestimmte (=meine) Generation von Studierenden des Instituts für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin erlebte jeweils meist im ersten Semester ihren Sputnik-Schock. Und zwar in einer Vorlesung bei Professor Umstätter, der dieses Ereignis berechtigt aber soweit erinnerlich auch als einziger der Dozierenden in Beziehung zu dem setzte, was man damals unter Bibliothekswissenschaft verstand, also einer Annäherung an die Informationsversorgung vor allem als Fachinformation mit dokumentationswissenschaftlichem Schwerpunkt.

Aus diesem Zeithorizont begleitet uns das Echo der Dokumentation noch bis heute im Titel des informationswissenschaftlichen Standardhandbuchs Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation und der Leitzeitschrift Journal of Documentation. Ansonsten scheint sich das Phänomen der Dokumentation wenigstens in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft weitgehend in anderen Themen und Schlagwörtern zwischen Informations- und Wissensphänomenen, der Digital Library und dem WWW aufgelöst zu haben. Wo Vladimir Nabokov einmal die schöne Metapher für eine Organisation wählte, die „nur noch ein Sonnenuntergang hinter einem Friedhof sei“, steht über dem Konzept einer Dokumentationswissenschaft schon lang der Abendstern.

Das ist insofern etwas bedauerlich, als dass mit dem bereits vor der Jahrhundertwende zwar etwas abgetragenen aber dafür auch sympathisch unpathetischen Begriff der Dokumentation ein anschauliches Bindeglied für die Gegenstandswelt zwischen Bibliotheks- und Informationswissenschaft existierte:

Bibliotheken befassten sich mit publizierter Information und verwalteten recht grobrasternd Bestände, die Dokumentation interessierte sich für alle greifbare Information, wenn sie nur relevant genug wahr, und verwaltete diese thematisch mittels Deskriptoren (der Datenträger als Objekt war zweitrangig) und die Informationswissenschaft blickte aus einer Metaebene darauf, was Menschen mit Information machen, also auf die Prozesse die den Gegenständen von Bibliotheks- und Dokumentationswissenschaft vorausgehen.

Damit gab es eine klar aufgefädelte Kette und Studierende des Faches wussten, wenn sie wollten, ziemlich genau, womit sich welche Facette beschäftigt. Heute scheint es, als würde die Informationswissenschaft mehr noch als die Bibliothekswissenschaft an dieser Hürde etwas straucheln, was nicht zuletzt daran liegt, dass die digitale vernetzte Gegenwartskultur uns permanent in Mischräumen allgegenwärtiger und diverser Formen von Information, Redundanz, Rauschen und also mehr oder weniger erfolgreicher Kommunikation hält. Soziale Netzwerke wie Facebook sind dabei eigentlich nichts weiter als Radikalisierungen der Dokumentation, wobei die Größe Thema durch die Größe persönliche soziale Identität ersetzt wurde. Selbstverständlich existieren die Erschließungssysteme auf der Zugangsebene höchstens simplifiziert (dafür aber für jeden sofort erschließbar). Auf der Verwaltungsebene der Anbieter sind sie dagegen kaum für Außenstehende einsichtig aber angenommen ziemlich elaboriert.

Eine solche Vermutung scheint jedenfalls insofern naheliegend, da die eigendokumentierten und von den Betreibern zielgerichtet nacherschlossenen Datenmengen dieser Kommunikationsnetzwerke, wir wie lange ahnten und heute sogar wissen, nicht nur Basis von Geschäftsmodellen sind, sondern auch zahlreichen Geheim- und Nachrichtendiensten ein Anwendungs- und Entwicklungsfeld für gesellschaftliches Steuerungswissen bieten. Darüber, wohin wir steuern bzw. gesteuert werden, besteht derweil bei weitem nicht gleichermaßen intensiv elaboriertes Wissen. Und wenn man hört, dass die Europäische Union die Forschungsförderung im geisteswissenschaftlichen Bereich rein auf Projekte aus dem Bereich der Digital Humanities konzentrieren möchte, dann scheint das übergeordnete Interesse an solchen metafunktionalen Fragestellungen auch nicht sonderlich ausgeprägt zu sein.

II

Im Jahre 1957 und lange vor der Polyexzentrik der Postmoderne hatte man es dahingehend noch gut. Denn man besaß den Kalten Krieg mit seiner bipolaren Ordnung als Orientierungsmuster. Sein Pendant ist heute vielleicht der Krieg gegen den Terror, der allerdings, so wie die Kommunikationsstrukturen, weitaus weniger schematisch aufgegliedert wirkt und auch nicht vergleichsweise mittels (Geheim)Diplomatie verhandelt werden kann. Glaubt man der Zeitung, haben wir es eher mit neoarchaischen Lösungen (und Denkmustern) zu tun, die sich dankbar auf Hochleistungstechnologie stützen. Wir streiten derweil aber auch nicht mehr um die Entwicklung eines besseren Gesellschaftssystems, sondern für die Konsolidierung des erreichten.

Die aktuellen Überwachungspraxen spiegeln das ausgezeichnet wieder und wo früher die Auslöschung der ganzen Erde im Raum steht, bleibt heute nur die Drohung, dass jeder gerade das ein Zufallsopfer sein kann. Über diesen Umweg gelingen eine Konkretisierung der gefühlten Gefährdung und eine weitaus überzeugendere Legitimation von kontrollierenden Eingriffen in das, was man sich einmal als Privatheit erkämpft hat.

Nicht die großen Entwürfe kollidierender Gesellschaftssysteme sondern individuelle Verstrickmuster, wie man sie aus der griechischen Tragödie erinnert und die sich in bester Passung vor einem ständig raunenden Chor aus sozialen und Massenmedien entfalten, dominieren die Stories unserer Gegenwart, wobei wir uns die damit verbundenen klassischen Fragestellungen schenken und rein auf die Fakten konzentrieren. Insofern ist die Umstrukturierung der Geisteswissenschaften von der Deutung hin zur Empirie vollauf konsequent.

Nun gibt es in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Library Quarterly einen kleinen (offensichtlichen Rede-)Text, der auf den ersten Blick fast ein Stück aus der Zeit gefallen zu sein scheint. (Totten, 2013) Denn er schlägt den Bogen in eine Zeit zurück, in der Individualität an sich noch kein allzu großer gesellschaftlicher Wert war, zugleich aber sogar Naturwissenschaftler vereinzelt noch, in den Spätausläufern der Little Science, als Persönlichkeiten (bzw. Eminenzen) galten (und diese Rolle auch Anstrebten), bevor die Big Science sie in Laborteams zum Dienste der Gesellschaft zusammendampfte. Die Invertierung der erfolgten Wertzuschreibung ist soziologisch sehr interessant: Während auf der Ebene des Privaten die persönliche Entfaltung zum Maßstab erwuchs (mit allen bekannten Folgen und Neu-Vermassungen) und die Menschen reihenweise die Fließbänder verließen, entwickelte sich im 20. Jahrhundert für die Wissenschaftler der Anspruch, sich möglichst jeder Idiosynkrasie entkleidet quasi wesensnackt an die Assembly-Line zu stellen und planmäßig Innovation oder wenigstens neues Wissen Projekt für Projekt (erfolgreich) zusammenzuschrauben. Dieser Prozess entfaltet sich bis heute, wobei José Ortega Y Gasset schon wieder recht frisch wirkt, während die Forschungs- und Wissenschaftspolitik noch beschäftigt ist, ihre Moderne zu Ende zu führen.

III

Dass Herman L. Totten, u. a. Dean des College of Information der University of North Texas, Chair der iConference 2013 und Träger des Melvil Dewey Award, nun abstrakt Diversität als Vorteil herausarbeitet, hat leider rein gar nichts mit einem humanistisch geprägten Konzept der Andersheit zu tun. (siehe Totten, 2013)  Sondern schlicht mit der Totalverwertung aller Verschiedenheiten zum Wohle eines übergeordneten Ganzen. Sein Einstieg ist eine Erinnerung an den Sputnik-Schock, dem er einst über das Twitter seiner Studienzeit – dem aufgeregten gemeinsamen Zeitungslesen im Wildcat Inn auf dem College-Campus – erfuhr: „Russia Launches the First Satellite!“ Die Scham über den Sieg der Sowjetunion (kurz: Russia) im Space Race der sich dereinst für die fortschrittlichere Hälfte der Welt haltenden Amerikanern, ging tief und sorgte für einige Verstörung. Wie aus – je nach Wetterlage auch buchstäblich – heiteren Himmel wurde das Selbstbild der technologisch führenden Nation erschüttert und, so fürchtete man, das Fremdbild ebenso:

„The United States was humilated. No longer would the world deem America as the superior nation in science and technology.“

Dass es dabei gar nicht mal so sehr darum ging, dass irgendwo am Himmel ein Satellit piepst und blinkt, sondern darum, dass dieselbe Raketentechnologie mutmaßlich aufwandsarm Nuklearsprengköpfe zum Zwecke der Detonation um die halbe Welt schicken konnte, erwähnt der Autor leider nicht. Vielleicht war der Atomkern des Technologiewettstreits im Kalten Krieg den Freshmen dieser Jahre aber auch nicht so bekannt.

Mit der Demütigung entfaltete sich jedenfalls eine große Verwunderung, etwa vergleichbar mit dem inneren Aufruhr des feschen Abschlussballkönigs, der zusehen muss, wie der farblose introvertierte Trottel aus der letzten Bank auf einmal Arm in Arm mit der Prom Queen aus der Ballsaal scharwenzelt – ebenfalls ein uramerikanisches Kulturnarrativ, das sich in zahllosen Generationen prägenden Teenagerfilmen findet, das jedoch heute, da diese einst gehänselten Nerds mit Mitte Zwanzig zu den reichsten Menschen des Landes gehören, weitgehend überlebt erscheint.

Im Jahr 1957 blieb die Frage im Raum:

„How could a country where the majority of the population had only learned to read and write in the last fifty years outdo the United States, the most innovative country in the world?“

Wie haben die Sowjets das gemacht? Herman L. Totten verspricht im Sommer 2013 eine Antwort zu geben und das Originelle an seiner Antwort ist, dass er die Lösung ausgerechnet in der Diversität sieht. Wobei Diversität in seiner Welt folgendermaßen beschrieben wird:

„Diversity includes gender, ethnicity, religion, cultural background, sexual orientation, age, and disabilities.“

Eine Aussage, die, da weitgehend unerläutert, dem Leser mehr als drei Fragezeichen auf den Weg gibt. Zumal die Sowjetunion der 1950er Jahre, wie sogar jeder Readers-Digest-Leser wissen konnte, schon ein paar Jahrzehnte Kulturentwicklung hinter sich hatte, die nicht unbedingt als  diversitätsfördernd bekannt waren. Im Gegenteil: Zur Blütezeit Stalins vermochte man nicht selten sogar mit hochkonformen Verhalten als Diversant durchgehen und musste sich in diesem Fall glücklich schätzen, wenn man sich weiterhin in hochdruckhomogenisierten Straflagerkolonnen am Sieg des Sozialismus beteiligen durfte. Für Wissenschaftler gab es zu diesem Zweck der fortgesetzten Teilhabe, wie wir von Solschenizyn wissen, einen eigenen Höllenkreis namens Scharaschka.

Dass Russland gerade für Großprojekte vom Fern- und U-Bahn-Bau über Stahlwerke und Stauseen im Niemandsland bis zum Weltraumprogramm unbegrenzt Menschenmaterial zur Verfügung stand, das man vergleichsweise flexibel nutzen konnte, bemerkt Herman L. Totten genauso wenig, wie, dass die sowjetische Wissenschaft aus naheliegenden Gründen weitaus zentralisierter und also frühzeitig an der Kandare politisch vorgeschriebener Zielstellungen arbeitete. Das erleichterte nicht nur die Abstimmung der Forschungspläne, sondern verkürzte auch Entscheidungsketten.

IV

Für Herman L. Totten ergibt sich der sowjetische Erfolg beim Wettlauf zu den Sternen vorwiegend daraus, dass die Rote Armee (kurz: Russia) 1945 tausende deutsche Wissenschaftler und versprengte jüdische Intellektuelle („the brightest and best minds in Europe“) nach Russland brachte. „Behind the Iron Curtain, Russia abducted and exploited the brilliant minds of these people.“ Das Quantum Wettbewerbsvorteil lag also im rücksichtlosen Import vielfältiger Expertise und so verkehrt ist das gar nicht. Denn Sergei Koroljow, DER (Scharaschka erfahrene) ingenieurtechnische Weltraumpionier der Sowjetunion dieser Zeit, brachte sich tatsächlich aus Deutschland ein paar kluge Assistenten aus dem Umfeld Wernher von Brauns auf sein abgeschiedenes Forschungseiland. Von Braun dagegen fand als einer von „some [abducted] German scientists“, die aber offenbar eine vergleichsweise überschaubare Rolle spielten in Fort Bliss, Texas dank zweier Integrationsprojekte namens Overcast und Paperclip sein Aus- und Einkommen. Die deutschen Denker im sowjetischen Raumfahrt-Think-Tank durften in den 1950er wieder zurück zu ihrer Heimaterde, nachdem sie ihren Anteil zum Wettbewerbsvorteil („The advantage of harnessed diversity! This advantage always leads to success.“) beigesteuert hatten.

In der Folge des Textes erwähnt Herman L. Totten dann doch noch das Vermixen von Diversität in der sowjetischen Kultur zu etwas, was er „Soviet puree“ nennt, dem er den „tossed salad“ (offensichtlich und hoffentlich in Unkenntnis der Slang-Bedeutung dieser Wendung) der USA entgegensetzt. Spätestens hier verliert die Brücke zwischen Sputnik-Schock und Diversität vollends ihr Geländer. Was erwiesenermaßen stimmt, ist, dass die USA als Schlussfolgerung aus dem ersten menschengemachten Erdtrabanten massiv in ihr Bildungs- und natürlich Fachinformationswesen investierten. Ein Effekt war offensichtlich auch die forcierte Entwicklung des Online Retrieval (Umstätter, 2000, S. 191), was aus heutiger Sicht erstaunlich geradlinig zum Googleversum führte.

Hermann L. Totten erwähnt die enorme Steigerung der Ressourcen, die der National Science Foundation (NSF) vom Kongress zugewiesen wurden,

„to promote the progress of science; to advance the national health, prosperity, and welfare; to secure the national defense“.

Es überrascht einerseits, dass an dieser Stelle das Schlagwort “Big Science” nicht fällt und dass andererseits der Dean einer informationswissenschaftlichen Einrichtung die Folgen für die Fachinformation – unter anderem den Ausbau von Metadokumentationen wie Referatediensten – nicht erwähnt. Beispielsweise wurde die Indexierung der Chemical Abstracts in den frühen 1960er computerisiert, was im Anschluss an den von Herman L. Totten ebenfalls unerwähnten Weinberg-Report nur folgerichtig war. Denn der Bericht stellte dezidiert die potentielle Bedeutung von (standardisierten) Referate- und Nachweisdiensten heraus. (Weinberg et al., 1963, S.4) Wobei diese Erkenntnis zugegeben weniger exklusiv von Alvin M. Weinberg und seinem Team hervorgebracht wurde, sondern als generelle Notwendigkeit schlicht in der Luft lag.

Aber immerhin hatte es so die Regierung der USA auch noch einmal expliziert auf dem Tisch, genauso wie die formulierte Notwendigkeit, die Fachinformationsflüsse an zentraler Regierungsstelle um Blick zu haben – also eine Art „Planning Tool for Resource Integration, Synchronization, and Management” – von Informationsflüssen. Es liegt eine gewisse schicksalshafte Ironie in der Tatsache, dass Alvin Weinberg gut zehn Jahre später von Präsident Nixon aus seiner Wissenschaftskarriere als Kernforschungsinstitutsdirektor geworfen wurde, weil er sich zu fortschrittsbremsend-technologiefolgenabschätzend (so die Einschätzung der Regierung) bei der Entwicklung Nuklearreaktoren zeigte. Am Ende eines Tages läuft es ja trotz aller Diversitätsversprechend des „tossed salads“ auf die Frage nach der Verteilung von Entscheidungsmacht heraus.

Briefmarken USA

Der Juli 1960 führte in den USA zu einigen Neuerungen. Unter anderem wurde das Prä-Touchpad Etch-a-Sketch auf den Markt gebracht. Zuvor jedoch, am 04. Juli, wurde die offizielle Flagge  mit den 50 Sternen (nach dem Entwurf des 17-jährigen Robert G. Heft ), die es auch auf den Mond schaffte, erstmalig aufgezogen. Am selben Tag erschien die berühmte 4 Cent-Briefmarke  (Scott-Katalog-Nummer 1153, gestaltet vom neusachlich geprägten Künstler Stevan Dehanos), produziert nach dem Monsignore des Wertzeichendrucks des 20. Jahrhunderts, Gualtiero Giori, benannten Druckverfahren (zweifarbiger Stichtiefdruck). Zwei Tage zuvor war die American Woman Issue (Scott-Nr. 1152) an den Postschaltern gelangt, die Mutter und Tochter hinter einem aufgeschlagenen Buch zeigt und  als „a tribute to American women and their accomplishments in civic affairs, education, arts and industry“ dienen sollte.  Die Briefmarkengeschichte ließe, wie sich zeigt, auch in diesem Fall eine wunderbare sozialgeschichtliche Zeitanalyse zu. Der gezeigte Beleg markiert nur eine Perspektive, die aber fast wie geplant die Verknüpfung von Nationalstolz, Wert der Diversität und optimierter Verwaltung kombiniert. Auf welcher Grundlage der Sender des Briefes aus Minneapolis ausgerechnet diese drei Marken wählte, ist leider nicht mehr ermittelbar. In jedem Fall griff er zu der im Juni 1981 ausgegebenen Sondermarke zum „International Year of the Disabled“ (Scott Nr. 1312) der UNO, die von der Zeichnerin und Streiterin für die Rechte Behinderter streitenden Martha Perske entworfen wurde.  Interessant ist an der Marke  die Betonung die Verknüpfung mit dem Erkenntnisinteresse unter dem Slogan der trotz der körperlichen Einschränkung gegebenen Befähigung. Wirklich aussagekräftig wird jedoch erst der Vergleich mit einer  am 19.07.1960 ausgegebenen Briefmarke. Die vom eher für seiner Cover-Gestaltung für Groschenromane bekannten Carl Bobertz entworfene Ausgabe (Scott Nr. 1155) zeigt ebenfalls einen Mann im Rollstuhl, der jedoch nicht ein Mikroskop sondern eine Bohrmaschine bedient. Die damit verbundene Aufforderung las sich: „Employ the Handicapped“. Zur Motivation der Marke ist mir nichts bekannt. Da der gezeigte Industriearbeiter jedoch beinamputiert zu sein scheint, könnte ein Bezug zur Sorge um Kriegsveteranen vorliegen. Für unsere kleine Nebenanalyse zeigt sich in den 20 Jahren Differenz zwischen Briefmarkenausgaben aber vor allem der Schritt von der Beschäftigung in der Industrie zur Teilhabe an einer Wissenschaftsgesellschaft. Die dritte Briefmarke auf dem Beleg zeigt schließlich die von Rudolph de Harak ziemlich lieblos gestaltete Figur des Metallmagnaten Joseph Wharton, der hier als Stifter der Wharton School an der University of UPenn geehrt wurde. (Scott Nr. 1920)  An die Schalter kam die Ausgabe ebenfalls im Juni 1981. Die Wharton School zählt bis heute zu den Topadressen, die man für einen MBA in Betracht ziehen kann.  Die derzeit dort lehrende Professorin für Informationsmanagement, Shawndra Hill, wurde zudem in diesem Jahr dadurch international bekannt, dass sie den Beruf das „Data Scientist“  zum mutmaßlich „sexiest job of the 21st century“ erklärte. (Allerdings zitierten sie nicht alle Quellen, die über diese Aussicht berichteten, als Quelle.) So schließt sich einstweilen der Kreis vom Nationalgefühl über die Integration in Wissensgenerierungsprozesse hin zu Ökonomisierung und Big Science, die eigentlich schon immer notwendig auch Big Data war. Dass die US-Post allerdings noch eine Briefmarke zu Ehren der Big Data Scientists herausbringen wird, ist angesichts ihrer wirtschaftlich prekären Lage nicht sicher. Wenn sie es jedoch tut, wird sie deren Verwendung wahrscheinlich minutiös dokumentieren. So ist sie also selbst bereits längst im Big-Data-Business aktiv.

V

Herman L. Tottens Volte pariert diese Aspekte durch die bekannte Praxis des Ausblendens. Sein Diversitätsbegriff ist, vorsichtig formuliert, unterreflektiert. Seine Schlüsse wirken teilweise fast rührend. Die zentrale Folge des Sputnik-Schocks ist für ihn eine Öffnung des Bildungssystems „to include all races and cultures living in the United States“, was ebenfalls eine gewisse Verkürzung der Geschichte des Bildungswesens der USA darstellt. Und vielleicht dann einen Hauch schönrednerisch wirkt, wenn man sich beispielsweise an die Kämpfe um die Desegregation des Schulbesuchs erinnert, die sich etwa zeitgleich mit dem Space Race entfalteten. Die Rassentrennung an US High Schools wurde nicht aus der Erkenntnis, dass Diversität die Wissenschaft befördert, aufgehoben. Sondern schlicht weil sie verfassungswidrig war. (Brown vs. Board of Education, 347 U.S. 483 (1954))

In der aufgeräumten Argumentationswelt von Herman L. Totten liest man dagegen:

„Monies were used to promote inclusiveness, which is the embracing and harnessing of a diverse talent pool. As a result of this harnessed diversity, the United States beat the Russians to the moon! In other words, diversity is an advantage to the nation as well as an advantage to all of you who are given the opportunity of an education to promote this inclusiveness.”

Es ist nicht ganz klar, wen der Dean hier adressiert, aber sein Text liest sich insgesamt wie eine Programmrede, die er vor möglicherweise betroffen zu Boden blickenden Absolventen des mehrfach erwähnten Institute of Museum and Library Services (IMLS) hielt, dessen Weblog einen solchen Termin vermerkt. (Cherry, 2012)

Doch selbst wenn man eine solch verkürzte Darstellung der Entwicklung der amerikanischen Bildungspolitik zur Integrativität und Diversitätsförderung in einer kleinen Festansprache zugunsten eines in jedem Fall hehren Anliegens hinnimmt, bleibt unklar, warum The Library Journal diesen Holzschnitt auch noch abdruckt. Und ob Sätze wie,

„People of diverse cultures, religionsm and social status founded the United States. Do you realize that this diversity has made the United States the strongest and greatest nation on earth?”,

in den USA tatsächlich das Kriterium für „scholarship about libraries as organizations that connect their communities to information” und „ research that explores the changing roles of libraries as they pertain to the growing influence of information in policymaking, equity, access, inclusion, human rights, and other societal issues.” erfüllen, bleibt wenigstens vor dem Horizont kontinentaleuropäischer Ansprüche an einen intellektuellen Diskurs fraglich.

Es könnte freilich sein, dass die Perspektive auf den Text durch eine mangelnde Kenntnis der lokalen Bedingungen in Denton, Texas verzerrt sind und dass die Aversion gegen Superlative bündelnden Aufbruchsappelle wie

„[b]y embracing diversity you will become a part of strongest nation in the world’s quest for knowledge, security, and peace.”

aus dem Ennui eines sehr diversitätsgeforderten Berliner Alltags resultiert. In jedem Fall gibt es die iConference 2014 an der Berlin School of Library and Information Science unter dem denkbar um Lokalkolorit bemühten Motto „Breaking down walls“ und Beiträge wie der von Herman L. Totten deuten die Möglichkeit eines kommenden kräftigen Kulturschocks mehr als an.

(Berlin, 04.07.2013)

Literatur

Brown et al. vs. Board of Education of Topeka et al. (1952-1954) Appeal from the United States District Court for the District of Kansas. No. 1 Entscheidung vom 17. Mai 1954, http://caselaw.lp.findlaw.com/scripts/getcase.pl?court=US&vol=347&invol=483

Kevin Cherry (2012) Things are Going SWIM-ingly Out West. In: UpNext: The IMLS-Blog. 07.12.2012, http://blog.imls.gov/?p=2009

Herman L. Totten (2013) The Advantages of Diversity. In: Library Quarterly. Vol. 83, No. 3, S. 204-206. http://www.jstor.org/stable/10.1086/670694

Walther Umstätter (2000) Die Nutzung des Internets zur Fließbandproduktion von Wissen. In: Klaus Fuchs-Kittowski, Heinrich Parthey , Walther Umstätter, Roland Wagner-Döbler (Hrsg.) Organisationsinformatik und Digitale Bibliothek in der Wissenschaft: Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2000. Berlin: Gesellschaft für Wissenschaftsforschung 2010. S. 179-199 / 2. Auflage 2010 verfügbar unter http://www.wissenschaftsforschung.de/JB00_179-200.pdf

Alvin M. Weinberg / The President’s Science Advisory Committee (1963) Science, Government, and Information. The Responsibilities of the Technical Community and the Government in the Transfer of Information. Washington: US. Government Printing Office

Aus der Redaktion: LIBREAS microbloggt nun auch bei Tumblr. Aber warum?

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 24. Januar 2013

Das Microblogging-Netzwerk Tumblr ist derzeit – bis auf wenige Ausnahmen – in der Wissenschaftskommunikation etwa so populär, wie es Twitter 2008 war und wie es Pinterest 2015 sein wird. Also eher nicht.

Während Wissenschafts- und Fachblogs mittlerweile weitgehend als sinnvolle Bereicherung wissenschaftlichen Austausches akzeptiert und genutzt werden, während das Streupotential von Twitter als Hinweismedium weithin anerkannt ist, stellt sich bei Tumblr bislang tatsächlich die Frage des Mehrwerts für einen fachlichen Austausch. Entsprechend finden sich unter den derzeit schätzungsweise dort gehosteten 80 Millionen Mikroblogs in der Tat äußerst wenige mit Wissenschafts- oder Fachbezug (aber es gibt sie). Möglicherweise hemmt das Fachpublikum, dass man sich dort noch schneller als auf anderen Plattformen der dem WWW prinzipiell innewohnenden Nachbarschaft zu Internet-Phänomenen wie dem Technoviking oder den Lolcats bewusst wird. Benutzungsschwellen scheiden dagegen eher aus – der Anspruch an die Bedienkompetenz liegt höchstens knapp über WhatsApp-Niveau.

Wer Tumblr regelmäßig nutzt, weiß natürlich, dass man sich dort eher auf einem Basar als in der Akademie bewegt. Als weiterer Nachteil mag gelten, dass man auf Tumblr nicht direkt kommentieren kann. Man kann Beiträge allerdings annotiert rebloggen. Und selbstverständlich ist es möglich, einem Beitrag – nicht mit Daumen, sondern per Herzchen – seine Anerkennung namens „like“ zuweisen. Diese beiden Formen der denkbar niedrigschwelligen Bestätigung bilden die Essenz des Tumblr-Modells und werden entsprechend gut aufgeschlüsselt angezeigt (vgl. dieses schöne Beispiel).

Wenn sich LIBREAS  nun dorthin erweitert, dann geschieht dies aus einer erkannten Lücke zwischen Blog und Twitter heraus. Wir publizieren hier im Weblog Beiträge, die sich im Regelfall direkt als Aufforderung zum Diskurs verstehen. Wir verlinken über Twitter (und Facebook) Inhalte, die uns im Web begegnen oder die wir ins Web stellen und auf die wir unsere Leser gern hinweisen möchten. Bisweilen stoßen wir jedoch auch auf Inhalte, die wir kommentieren oder etwas erweitert weitergeben möchten, ohne gleich einen größeren Blogbeitrag daraus zu entfalten. Weder Twitter noch Facebook eignen sich dafür besonders gut.

Man könnte nun die Rubrik LIBREAS.Referate in Anspruch nehmen. Aber auch dort haben sich eher längere Besprechungen etabliert. Bisweilen erscheinen in einem Beitrag jedoch nur einzelne Gesichtspunkte oder eben das, was als neue Erkenntnis in den Diskurs zurückfließt, interessant. Dafür nun gibt es das Tumblr(Micro)Blog. Eine lockere Inspiration mag man im berühmten Harper’s Index suchen und finden. Die Seite LIBREAS.tumblr.com dient also dem Zweck, selektiv und in betont knapper Form Erkenntnisse aus dem aktuellen Publikationsgeschehen in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu sammeln, zu bündeln und sorgsam auszutaggen. Ob sich dies auf einer täglichen Basis (#daily lis) durchhalten lässt, wird sich zeigen. Jedenfalls sind wir gewillt, in höherer Frequenz aus den Texten, die uns ohnehin regelmäßig über die Schreibtische und Desktops gleiten und zu denen wir sonst vielleicht eine Notiz auf einer Karteikarte machen würden, den einen oder anderen Fakt, das eine oder andere Zitat herauszuziehen und dort abzulegen. Nebenbei prüfen wir zudem, inwieweit sich diese Form des Microbloggings in die Praxis des wissenschaftlichen Kommunizierens mittels digitaler sozialer Netzwerke einbinden lässt.

Zusammengefasst: Wir nutzen Tumblr einerseits für eine Tätigkeit, die uns als maßgeblicher Baustein unserer Profession vermittelt wurde: Wir dokumentieren. Und andererseits für etwas, was uns von Natur aus mitgegeben wurde: Wir probieren aus.

(Ben Kaden, Berlin 24.01.2013)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Robert Bobers Pariser Dokumentation.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. Oktober 2011

(zu:  Robert Bober (2011) Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen.
München: Verlag Antje Kunstmann.)

Eine für Stadtsoziologen und Ethnografen wenig überraschend These lautet, dass der gebaute Raum mit seinen diversen Einschreibungen von Architektur bis zur Gebrauchsspur selbst schon die Rolle eines kulturellen Archivs übernimmt. Je intensiver und vielschichtiger ein Stadtleben ist, desto nachhaltiger neigen diese Spuren zu sein. Die künstlerische oder literarische Auseinandersetzung mit dem konkreten Stadtraum nimmt diesen Effekt auf und hebt ihn auf zusätzliche Stufe: Die Spuren einer Stadt werden im Werk in einer separierten und übertragbaren Form aufgezeichnet.

Für das mit solchen Auf- und Nachzeichnungen nun wahrlich nicht zu knapp versehene Paris legte jüngst der Münchner Verlag Antje Kunstmann mit der Übersetzung eines Erinnerungsromans mit dem so bedeutungsverheißenden wie sperrigen Titel Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen. (On ne peut plus dormir tranquille quand on a une fois ouvert les yeux) ein weiteres Dokument auf den Stapel literarischer Parisiana. (more…)