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Das IB-Weblog und warum wir es vermissen.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 5. Juli 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Update: Eine Nachfrage im Institut ergab, dass das Weblog nicht mehr gepflegt wird, offenbar auch offline bleibt, die Daten aber noch auf einem Server aufliegen, der momentan gewartet wird. Sie können also prinzipiell noch gerettet werden.

I

In den frühen 2000 Jahren und Richtung des 200. Jubiläums der Hochschule, entschied das Präsidium der Humboldt-Universität zu Berlin, wie häufig getrieben von externen Sparvorgaben, dass einige Wissenschaftsbereiche im beeindruckend breiten Fächerspektrum des Hauses verzichtbar sind. Die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät sollte es komplett treffen. In der Philosophischen Fakultät sollte die Bibliothekswissenschaft ihre Professuren, ihr schönes Gebäude in der Dorotheenstraße und ihre Existenz als akademische Disziplin aufgeben. Darüber hinaus sollte hier und da eine Professur wegfallen. Die Auflösung der Bibliothekswissenschaft konnte bekanntlich verhindert werden, aber es war ein, wie man so schön sagt und wie es hier buchstäblich passt, close call.

Zur Rettung trugen ein Protest der nationalen und internationalen Bibliothekswelt bei sowie ein außerordentliches Engagement der Studierenden und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, das vielleicht zum ersten Mal nach seiner Zusammenlegung mit seinem Westberliner Gegenstück in den 1990er Jahren zu einer Art gemeinsamer Identität fand. Parallel dazu bildete sich eine sonst eher seltene und nach Bologna auch gar nicht mehr so leicht mögliche studentische Mitwirkungsstruktur heraus, die kurioserweise auch die Studienordnung der neuen Studiengänge maßgeblich mitprägte, in deren engen Rastern Fachschaftsarbeit dieser Intensität keinen Platz mehr finden sollte.

Ziel und auch externe Vorgabe war, das nun nicht geschlossene Institut nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Man berief die ausgewiesenen Digitalexperten Michael Seadle und Peter Schirmbacher als Professoren, schob damit den Institutsdirektor Walther Umstätter ein bisschen zu Seite, was ebenfalls eine gewisse Ironie enthält, da dieser schon denkbar früh am Institut für eine stärkere digitale Orientierung eintrat. Mit den neuen Professoren wurde dies nun eingelöst, wenn auch sicher weniger informationstheoretisch orientiert, als er es sich erhoffte. Mit der Emeritierung von Engelbert Plassmann verschwand ein Drittel der Aufmerksamkeit der Berliner Bibliothekswissenschaft am öffentlichen Bibliothekswesen und traditionellen Bibliotheksthemen, mit Frank Heidtmann und einer Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Mittelbau ein zweites und schließlich nahm Konrad Umlauf mit seiner ausgelaufenen kw-Professur den Rest mit den Ruhestand. Seitdem geht es am IBI im weitesten Sinne nahezu ausschließlich um digitale Themen, was durchaus in die Zeit passt und sich nicht zuletzt deshalb erklärt, weil das IBI mittlerweile auch sehr viel Wert darauf legt, dass seine Absolventinnen und Absolventen für die im Zuge der Digitalisierung entstehenden Beschäftigungsbereiche auch zureichend qualifiziert sind. 

II

Ein großer Teil dieser Entwicklungen wurden in einem Forum dokumentiert, das Ergebnis eines arbeitsreichen Wochenendes im Sommer 2003 in Prora / Rügen war. Während nebenan am Strand knapp hinter der Ruine der U-Boot-Anlegestelle eine damals noch angesagte Rave-Party improvisiert wurde, saß ein kleines Grüppchen von Studierenden im Gruppenraum der Jugendherberge und überlegte, was sie für ihr Institut tun können. Dass etwas zu tun sei, war ihnen sehr bewusst, denn eine Eckprofessur war seit Jahren nicht besetzt, Schließungsideen machten auch vor dem Beschluss im Herbst 2003 die Runde und regelmäßig kamen Gastprofessoren, die sich immer viel Hoffnung auf Weiterbeschäftigung machten und dann doch wieder nach relativ kurzer Zeit gehen mussten. Kontinuität auch im Forschungs- und Lehrprofil ließ sich so natürlich schwer absichern. Zugleich war der Wunsch mehr Stabilität (auch: Planungssicherheit) bei vielen Studierenden ausgeprägt und so fuhr die kleine Fachschaftsgruppe an die Ostsee. 

Mit im Zug nach Norden war Jakob Voß, nicht nur Bibliothekswissenschaftler sondern auch Informatiker, wenigstens zu diesem Zeitpunkt XML-Enthusiast und begeisterter Anhänger des gerade aufkommenden Web 2.0. (Er brachte die Idee der Folksonomien und das nun endgültig erledigte del.icio.us ans Institut.) Das netbib-Weblog erlebte zu diesem Zeitpunkt gerade einen ersten Höhenflug, die Blogkultur als Idee drang langsam auch in die Leitmedien, oft noch als Kuriosum belächelt und von Größen der Werbewirtschaft abqualifiziert. Blogs waren neu, digitale Avantgarde und wurden in Keynotes als Musterbeispiel des Demokratisierungspotentials des Internets verhandelt. Das Institut bekam nun auch eines, inhaltlich eröffnet am 18.08.2003 von Boris Jacob mit einem kleinen und freundlichen Seitenhieb auf das Weblog der Darmstädter InformationswissenschaftDas IB-Weblog war anfangs weniger als Diskursmedium, sondern als Mittel zur Verbesserung der Nachrichtenflüsse des Instituts angedacht. Der in Prora entstandene Bericht (hier noch als PDF verfügbar) fasste es folgendermaßen:

Weblog

Weblogs sind eine Form elektronischer Newsletter, die zum Beispiel in der amerikanischen Bibliotheksszene ein etabliertes Mittel zur Informationsverbreitung sind. Ein Weblog zeichnet sich ähnlich wie ein Webforum durch eine einfache Bedienung aus. Registrierte Benutzer können in einem Weblog Nachrichten verfassen, die danach chronologisch geordnet auf einer Webseite sichtbar sind. Die Nachrichten können auch einzelnen Kategorien zugeteilt werden. Die Nachrichten einzelner Kategorien können gezielt angezeigt und das Nachrichten-Archiv durchsucht werden. Im Gegensatz zu einem Forum oder einer Mailingliste dient ein Weblog nicht primär der Kommunikation, sondern der Verbreitung von kurzen Nachrichten, die meist nur wenige Zeilen umfassen und oft über Hyperlinks auf weitere Quellen verweisen. Für das IB soll ein zentrales Weblog mit den oben genannten Kategorien eingerichtet werden, in dem ausgewählte Personen Nachrichten verfassen können. Alle relevanten Informationen, die bisher teilweise nur als Aushang verfügbar waren, sollen über das Weblog zugänglich sein. Aus diesem können einige Nachrichten für einen Aushang ausgedruckt werden, so dass kein doppelter Aufwand entsteht.

Betreut von Boris Jacob und mir, administriert von Jacob Voß ging das Weblog erstaunlich schnell und ohne große Gegenrede online. Man fremdelte zwar mit dem neuen Medium hier und da, hatte aber am Institut insgesamt bemerkenswert großes Vertrauen in die kleine Gruppe, die zum neuen Semester deutlich wuchs, freute sich wohl auch, dass die Fachschaft derart Initiative zeigt und ihr Institut nach der Sommerpause mit einem üppigen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Lehr- und Forschungsaktivitäten überrascht. Den Schwung wollte man dann auch niemand bremsen und kurz darauf sollte er noch notwendiger werden. Zu Beginn des Wintersemesters 2003/2004 zeigte sich nämlich, wie wichtig und sinnvoll gerade das Weblog als Medium zur Selbstorganisation nach innen und für die Informationsvermittlung nach Außen war. Man hatte damit, ohne es zu ahnen, ein wichtiges Werkzeug, um einer Online-Öffentlichkeit (und sich selbst) tagesaktuell zu zeigen, dass das Institut keinesfalls gewillt war, sich kampflos auflösen zu lassen.

IB-Weblog - Schnappschuss aus dem Dezember 2003

Der Fall des IB-Weblogs unterstreicht zugleich die Bedeutung des Internet-Archives, das Anfangs monatlich und später auch häufiger spiegelte, was sich im Weblog sammelte. Stichproben und auch die aktuelle bibliothekswissenschaftliche Forschung zeigen allerdings, dass die Sammlung keinesfalls vollständig ist. Dennoch ist es natürlich die beste existierende Grundlage einer kommenden Web-Archäologie.

III

Angesichts dieser Vorgeschichte überrascht es wenig, dass das IB-Weblog wenigstens für die unmittelbar Beteiligten eine doch erhebliche Bedeutung besitzt, auch wenn diese für das Institut in seinem Alltag später naturgemäß abflachte. Für einen Großteil der 2000er Jahre war es eine Art Chronik der Geschehnisse zunächst um das Institut und seine Entwicklung und zunehmend auch für das Eindringen digitaler Trends in das Bibliothekswesen allgemein. Da das Internet Archive Ausschnitte speicherte, kann man sich davon auch jetzt noch ein Bild machen. In seinen besten Zeiten bildeten sich zu einzelnen Postings längere Diskussionsketten um die Auflösung der Zweigbibliothek Bibliothekswissenschaft, die Rolle der Zukunftsforschung für das Fach oder – auch das – die Deutung von Open Access durch Roland Reuß. Die heute fast vergessenen, damals aber dank Lambert Heller und Patrick Danowski im deutschen Bibliothekswesen sehr intensiv geführten Debatten um die Möglichkeit einer Bibliothek 2.0 fanden ebenfalls erheblichen Niederschlag. Auch Diskussionen wie die um das Thema Studiengebühren wurden aufgegriffen. Insgesamt bestand der größte Teil der etlichen 1000 Nachrichten vor allem aus Verweisen auf externe Quellen. Über den Zeitverlauf gesammelt und zumindest grob kategorisiert bilden diese jedoch ein hoch interessantes und einzigartiges Zeugnis zur Entwicklung von Bibliothekswesen und Digitalität mit seinen Debatten für einen großen Teil der 2000er Jahren. Es war, wie ich in einem Tweet notierte, tatsächlich ein Archiv der Diskursgeschichte.

Irgendwann in den letzten Tagen verschwand das Weblog plötzlich. Im Cache von Bing findet man noch diese Zeilen:

In Kürze wird der IBI-Weblog abgeschalten. Die Nutzung des Weblogs ist zu gering als das ein weiterer Betrieb gerechtfertig ist. Mit freundlichen Grüßen

Welche Prozesse und Entscheidungen im Institut dazu führten, ist leider nicht bekannt und ebenso wenig, ob die Daten vielleicht doch offline gesichert wurden. Erstaunlich ist weniger, dass das Weblog nicht mehr gepflegt wird. Die Idee der Blogs hat ihre dynamische Hochphase an vielen Stellen hinter sich. Weblogs sind mittlerweile ein normaler Teil der digitalen Medienvielfalt, was gerade für Institutionen eine gewisse redaktionelle Professionalisierung erfordert. Das muss man sich leisten können und wollen. Dass das Institut das aktuelle Aufwand-Nutzen-Verhältnis als nicht überzeugend einschätzt, mag man ihm nicht verdenken. 

Problematisch ist jedoch, dass das Weblog einfach so aus dem Netz verschwand. Und zwar nicht nur, weil es einzelnen Akteuren mit persönlichen Bindung besonders am Herzen liegt, sondern weil es sich um das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft handelt. Es verfolgt mittlerweile eine nahezu rein digitale Agenda und akkumuliert erhebliche Expertise zu diesen Feldern. Das Dilemma verschwindender Internetquellen vor dem Hintergrund zukünftiger Forschung diskutiert man an ihm aber schon seit den 1990ern Jahren. Die digitale Langzeitarchivierung ist heute ein erklärter Schwerpunkt der Einrichtung. Die Sicherung, Aufbereitung und digitale Archivierung der strukturierten Inhalte aus 14 Jahren IB-Weblog hätte sich also mit vergleichsweise geringem Aufwand vielleicht sogar in einer Seminararbeit umsetzen lassen können. Und wenn nicht sofort, so hätte man das Blog als aktives Angebot schließen und für einen geeigneten Zeitpunkt online lassen können. Falls es gute Gründe für das Institut dagegen gegeben hätte, hätte auch der LIBREAS-Verein liebend gern das Blog auf seine Seite gezogen. Ein Stück weit müssen wir uns von LIBREAS, wie wir jetzt sehen, selbst vorwerfen, nicht darüber nachgedacht zu haben. (Bei der Gelegenheit sei übrigens angemerkt, dass wir die Bereitschaft für eine mögliche Spiegelung und Langzeitsicherung der Inhalte von IUWIS den aktuellen Betreibern bereits signalisiert haben.) Allerdings sind die Drähte zwischen IBI und LIBREAS nach wie vor sehr kurz. Als Frage bleibt also, warum das Weblog so aus der deutschen Biblioblogosphäre verschwinden musste. Die Begründung aus dem Suchmaschinen-Cache kann aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht nicht überzeugen. Das Fach hat die Verpflichtung quellen- und datenorientiert in größeren Zeiträumen zu denken. Insofern ist es außerordentlich schade, wenn ein digitales Zeitdokument dieser Art so sang- und klanglos ausgesondert wird. Es erinnert zugleich daran, wie volatil Netzinhalte auch 2017 noch sind und welch dringender Bedarf auch für die Bibliothekswissenschaft besteht, sich darüber zu verständigen, wie man den Lebenszyklus von dynamischen Plattformen wie Weblogs auch zu seinem Ende hin so systematisiert, dass diese Inhalte als Kulturzeugen nachhaltig bewahrt werden können. 

(Berlin, 05.07.2017)