LIBREAS.Library Ideas

Analogkultur / Digitalkultur. Über @handmedium und „real things and why they matter.“

Posted in LIBREAS.Feuilleton, Uncategorized by Ben on 6. Februar 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

Derzeit sammelt sich Samstag für Samstag auf dem immergrauen Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main eine Schar Demonstranten, die sich für einen Erhalt der Möglichkeit eines Zugangs zum gedruckten Medium im Lesesaal der Bibliothek einsetzen. Ein Transparent komprimiert das Anliegen in eine Frage: Bibliothek ohne Bücher? Es ist eine kleine, aber sehr engagierte Gruppe, die der Stroemfeld-Lektor Alexander Losse per Megaphon zu aktivieren versucht und einen kleinen Niederschlag findet sich regelmäßig vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die in diesem Fall als Lokalblatt gelten kann. Aber auch in der wochentäglichen Abwesenheit bleibt die unter dem Kürzel @handmedium auf Twitter ihre Aktionen begleitenden, dokumentierenden und mit befreundeten Accounts retweetenden selbsternannte Mahnwache präsent. Außerdem sucht man das 140-Zeichen-Gespräch mit Twitternden, die man sich als passende Gegenüber für den Austausch von Positionen heraussucht.

"Digital vor gedruckt" - Aushang in der DNB

„Digital vor gedruckt“ – der in diesem Fall farblich gut auf die Oberbekleidung der Besucher abgestimmte Aushang erläutert eigentlich sehr nachvollziehbar und in leichter Sprache, warum die Bibliothek lieber den Griff zur E-Book-Fassung sähe. Und zugleich regt sie die Nutzerinnen und  Nutzer zum Nachdenken über ihr Nutzungshandeln an. Denn nun müssen sie sich bei jedem Verlangen überlegen, wie sich der Zweck ihrer gewünschten Lektüre zur Medialität des Objektes verhält.

Spricht man Mitarbeiter des Hauses auf die Mahnwache und ihre Ziele an, gibt es die Bandbreite des Lächelns von verzweifelt über mitleidig bis sogar nachsichtig zu sehen. Es ist schon ein Politikum, hört man. Und, vertraulicher, dass es durchaus Verbindungen aus dem Haus über die Frankfurter Allgemeine zur „Reuß’schen Gruppe“ gäbe, die in dem Vorplatzprotest etwas zu kanalisieren versuche. Was das genau ist, erfährt man nicht und möchte es eigentlich auch gar nicht wissen. Das Öl soll besser nicht weiter ins Feuer tröpfeln und die FAZ hat doch noch einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinung der Stadt am Main. (more…)

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Hart aufgeschlagen. Die Sonderbriefmarke „100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek“.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 3. Oktober 2012

Für die Freunde gehobener Briefmarkengestaltungskunst ist der Jahresausklang  nach einem eher durchwachsenen Jahr 2012 durchaus versöhnlich. Peter und Regina Steiner legten zum 13.09. eine fantastische Marke der Serie „Für die Kinder“ vor. Anna Berkenbuschs Entwurf für die Thüringer Landschaftsmarken „Drei Gleichen“, die am 11.10. an die Schalter kommt, überzeugt in ihrem Minimalismus. Für die Briefmarke zum Jubiläum „100 Jahre Domowina“ entwarf die Buchillustratorin Kitty Kahane eine zauberhafte Vogelhochzeit. Die Ausgabe zum ersten amtlichen Postflug (Entwurf Annegret Ehmke) bekommt (bis auf den etwas faden Bogenrand) den Gegenstand unaufgeregt so zu fassen, wie es dem Anlass angemessen ist. Und gleiches gilt für die ebenfalls sehr schlicht gehaltene Ausgabe „50 Jahre Vatikanisches Konzil“. Selbst die denkbar simple Jahreszeitenmarke „Herbstferien in Deutschland“ nimmt man gern zur Hand, befeuchtet gut gelaunt die Gummierung und klebt sie fröhlich auf den Brief an einen wichtigen Menschen. Und schließlich entspricht  die von Annegret Ehmke gestaltete 85 Cent (=Büchersendung, ab 01.01.2013 leider nicht mehr)-Briefmarke „200 Jahre Deutsche Bibelgesellschaft“ erwartungsgemäß wenig revolutionär aber dafür präzise genau dem Beuteschema, das alle Bibliophilatelisten umtreibt.

Die Auswahl des Motivs für die langerwartete Ausgabe „100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek“ ist dagegen leider besonders aus bibliophilatelistischer Sicht eher eine wirklich und fahrlässig dahingeschenkte Gelegenheit. Unverbindlicher als mit einem aufgeschlagen Buch (in rotem Leineneinband) und einem unmotiviert eingelegtem gelben Lesebändchen hätte man dem Anlass kaum begegnen können.

100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek - Sondermarken mit Ersttagsstempel

Mit Vollstempel wird es abstrakt. Und vielleicht dadurch etwas ansehnlicher. Ansonsten ist die Briefmarkenausgabe zum Jubiläum bedauerlicherweise eine verschenkte Hunderprozentige. Schade. (Die 10 Euro-Gedenkmünze zum Ereignis ist dagegen vergleichsweise ein Stempelglanzpunkt.)

Sicher rühren bei solchen herausragenden Anlässen immer viele Köche im gestalterischen Brei herum, aber so sehr man sich auch müht: das verdächtig an ein Stockphoto erinnernde Ergebnis des Kommunikationsdesigners Wilfried Korfmacher ist in seiner stereotypen Schlichtheit eines, das man sich eher trotz als aufgrund des Designs ins Album steckt.

Mehr noch: Nicht einmal das Klischee wird konsequent ausgespielt. Selbst wenn man gewohnt ist, auch mit halbgaren Resultaten eher nachsichtig umzugeben: Angesichts der eminenten Bedeutung von Jubilar und Jubiläum und des Potentials im Topos „Nationalbibliothek“ handelt es sich um eine blanke Enttäuschung. Weder Rückschau noch Hinwendung zur Integration digitaler Entwicklungslinien kommen in irgendeiner Form zur Geltung. Die geschichtliche Dimension im Kontext der deutschen Teilung, die Bibliothek als zentrales Erkenntnisnarrativ gerade im 20. Jahrhundert, ihre Aufgabe als Speicher (bzw. kulturelles Gedächtnis) all dessen, was seit 100 Jahren in Deutschland (und im deutschsprachigen Raum) in allen dazwischen liegenden historischen Fassungen erschien oder wenigstens die Bibliothek selbst als vielschichtige Metapher hätten zahllose Ansatzpunkte ergeben.

Diese Umsetzung wirkt dagegen derart unmotiviert und lieblos wie der Beschreibungstext der Postphilatelie zur Ausgabe:

„Die Deutsche Nationalbibliothek bietet neben der Nutzung ihrer Sammlungen in Leipzig und Frankfurt am Main Dienstleistungen für Bibliotheken, Buchhandel, wissenschaftliche Einrichtungen und individuelle Benutzer an.“

Das ist nicht falsch, jedoch in etwa so angemessen, wie der Hinweis, dass man mit einem Lamborghini Aventador auch rückwärts einparken kann.

Und auch die parallel erschienene Sammelmappe „Bibliotheken“ wirkt eher wie hastig nebenbei konzipiert. Die Anschaffung als Basis für eine bibliophilatelistische Sammlung lohnt dennoch dann, wenn man die Ausgaben nicht einzeln beim Briefmarkenhändler zusammensuchen will. Wobei man auf diesem Weg wieder deutlich unter dem Preis der Mappe bleiben dürfte.

Immerhin die traumhafte Ausgabe „500 Jahre Weltkarte von Martin Waldseemüller“ liegt der Kollektion genauso bei wie  die berühmte Marke „Universitätsbibliothek Saarbrücken“ aus dem Mai 1953. Letztere zeigt übrigens, dass mitunter auch eine simple, gut gestochene Gebäudeansicht als Würdigung einer Bibliothek überzeugen kann.

Nun hat die Deutsche Nationalbibliothek das Problem mehrerer Standorte. Die beiden Ersttagsstempel bilden das ab und zeigen, was in Richtung einer Architekturabbildung auch für die Marke denkbar gewesen wäre. Vermutlich sind aber die Hürden für eine Doppelausgabe, wie es bei den Jugendmarken 2011 (Astronomie) hervorragend umgesetzt wurde, ein wenig zu hoch für ein schlichtes Nationalbibliotheksjubiläum. Und überdurchschnittlich mitreißend, das muss man auch zugeben, war eigentlich kaum eine bibliophilatelistische Emission in der eutschen Ausgabegeschichte.

Gerade deshalb hätte man zum aktuellen Ereignis mal etwas wagen können und vielleicht auch müssen. Stattdessen unterbot man sich noch ein bisschen weiter und repräsentiert den Kulturspeicher der Nation durch einen aufgeblätterten Oeckl mit Lesezeichen. Man mag nur hoffen, dass das nicht richtungweisend für das nationale Bibliothekswesen ist.

Zu befürchten bleibt aber genau das, jedenfalls wenn man Andreas Platthaus‘ Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von den Feierlichkeiten liest:

„Wäre nicht Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch als Gratulant aufgetreten, hätte der Abend eine Unverbindlichkeit gehabt, wie sie im Buche [sic!] steht. So aber wurde zumindest noch ein vehementes Plädoyer fürs Urheberrecht gehalten […]“

Gerade diese Institution hätte für ihr Jubiläum doch etwas mehr an Schöpfungshöhe verdient.

Ben Kaden / 03.10.2012