LIBREAS.Library Ideas

Nach Feyerabend. Wieder ein Methodenzwang? Eine Skizze zum Diskurs um Digitale Bibliothek, Digitalkultur und Digital Humanities.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 8. April 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I. Digital Humanities als Begleitforschung zur Gegenwart

Noch relativ neu, aber bereits alt genug, um im gutsortierten Berliner Remittentenfachhandel zum halben Preis angeboten zu werden, ist der Sammelband Digital Humanities aus der Reihe Nach Feierabend, also dem Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte. Die Halbwertzeit derartiger Printpublikationen nähert sich offenbar der von Publikationen im Web. Bei der DNB ist der Titel dagegen offenbar noch nicht einmal im Haus (Stand: 07.04.2014). So schnell also rotiert die Buchhandels- und Diskursmaschinerie. Aber vielleicht ist doch alles anders und es handelt sich nur um Messeexemplare.

Es ist ein faszinierendes Symptom der digitalen Gegenwart, dass sich Wissensgeschichtsschreibung nicht zuletzt anhand der sozialen Begleitmedien für alle Ereignisse und Phänomene, die sich in der Reichweite entsprechend aktiver Akteure (beispielsweise einer vitalen Twitter-Community) befinden, in Echtzeit und teilweise sogar bewusst mit dieser Rolle vollzieht.

Das Buch zur Debatte ist dann eigentlich vor allem ein fixierter Zwischenmarker, der nach herkömmlichen Mustern die Dynamik eines ununterbrochenen Gesprächs bündelt und greifbar macht. So ein Sammelband hascht in gewisser Weise nach all den Diskursfäden und -topoi, die im Sozialen Netz der Tagungen und Symposien und im Social Web des digitalen Austauschs herumschwirren, fängt einige davon ein und setzt sie fest. Er schlägt damit die Brücke zwischen einer unsteten, weitgehend informellen Diskurssphäre und der Wissenschaftskultur, die eine klare Referenz zu einem in einer Bibliothek dokumentierten Text nach „externer Begutachtung, gründlicher Überarbeitung, redaktioneller Bearbeitung und nochmaliger Überarbeitung“ (Hagner, Hirschi, 2013, S. 10) als Beweis dafür braucht, dass es sich um legitim adressierbare Positionen handelt.

Daran zeigt sich eine ganz besondere Kluft in der Wissenschaftskultur der Gegenwart. Denn die beiden Sphären der Kommunikation über geisteswissenschaftliche Themen und Gegenstände – informell und digital, formalisiert und als ISSN- oder ISBNisierte Publikation – verwässern die Stabilität der möglichen Forschungsmaterialien. Die disziplinären Gemeinschaften müssen eigentlich genauso neu aushandeln, was für sie eine legitime Material- und Referenzbasis darstellt, wie die Bibliotheken entscheiden müssen, welches digitale Objekt eine Publikation darstellt, die in ihr Sammelraster passt.

Wenn man wollte, könnte man Digital Humanities auch als geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit rein digitalen Forschungsgegenständen betrachten. Das wäre eine ganz einfache Abgrenzung. Wahrscheinlich zugleich aber eine viel zu enge. Dennoch müssen sich die Geisteswissenschaften, die ihre Gegenstände auf der Höhe der Zeit suchen, überlegen, wie sie die digitalen Kulturspuren greifbar bekommen, die sich von denen, mit denen sich Geisteswissenschaften traditionell beschäftigen, erheblich unterscheiden und zwar nicht nur hinsichtlich ihrer Intention und Vergänglichkeit. Sondern auch in ihrer Kodifizierung, die andere, automatische Verarbeitungsmethoden ermöglicht. Und auch eine andere Geschwindigkeit.

Digital Humanities, so kann man in diesem Schema argumentieren, wären eine geisteswissenschaftliche Begleitforschung zum kulturellen Geschehen. Ob sich perspektivisch in der Zeitdimension zwei Linien, idealerweise komplementärer Natur, herausarbeiten, nämlich eine zeitlich sehr ereignisnahe (Mikro-)Geisteswissenschaft und eine in längeren Zeitrahmen betrachtetende, verortende und reflektierende (Makro-)Geisteswissenschaft, ist schwer abzusehen, wäre aber wünschenswert. Eine auf den Aspekt der Temporalität gerichtete Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Digital Humanities scheint jedoch generell noch nicht allzu intensiv geführt zu werden.

II. Amateure und Professionals

Ein wenig deutet der Beitrag von Philipp Wampfler (»online first«. Geisteswissenschaften als Social Media, S. 79-102) in diese Richtung, der anhand der Transformation des Journalismus durch Social Media mutmaßt:

„Können Geisteswissenschaften nicht wie der Printjournalismus einen von außen vorgegebenen Wandel durchleben, dann sind sie vielleicht nicht als Social Media denkbar, sondern werden als diskursives System durch Social Media abgelöst.“  (S. 99)

Es ist nicht nur ein Wandel bei den für den Diskurs zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln zu beobachten, sondern auch ein Aufbrechen des Zugangs zum Diskurs, was es für etablierte Akteure durchaus schwieriger werden lässt, ihre Position zu festigen. Denn die Aufmerksamkeitsökonomie des WWWs läuft ja auch kurzschleifiger und setzt mehr auf Popularität (altmetrisch erfassbar) und weniger auf Prestige und Renommee.

Inwieweit dies mit den „Egalitätsidealen“ vereinbar ist, von denen Michael Hagner und Caspar Hirschi schreiben und die neben Effizienzüberlegungen und den unvermeidbaren Anpassungsdruck an die digitale Gegenwart (und Zukunft) zu den drei Säulen des Transformationsdiskurses gehören, ist eine ungelöste Frage in den Netzdebatten. Immerhin bekommt man den Eindruck, als würden die Karten (öfter) neu gemischt, was dazu führt, dass die Positionen bisweilen weiter ins Extreme und in einer Kampf- und Untergangsrethorik abdriften, als der Sache gut tut.

Wo die einen endlich die Möglichkeit auf Teilhabe sehen, fürchten die anderen um ihre Legitimation. Dieser Prozess dürfte überall zu beobachten sein, wo sich die klaren Abgrenzungen zwischen Dilettant und Meister, zwischen Amateur und Profi auflösen, beispielsweise weil es eine bestimmte vorher notwendige Fertigkeiten tatsächlich egalisierende Technologie gibt.

Am vergangenen Sonntag gab es auf einer Veranstaltung  der Berliner Gazette mit dem Titel Komplizen. Woran wollen wir zusammen arbeiten? In dieser Post-Snowden-Welt… die Gelegenheit, im Rahmen der Diskussion um die Bibliothek der Zukunft, das Verhältnis von professionellen und nicht-professionellen „Bibliothekaren“ zu erörtern.

Die Frage war dort, welche Rolle in digitalen Informationswirklichkeiten eigentlich Bibliothekare spielen können bzw. ob man sie überhaupt noch braucht? Jeder, so eine Position, kann Bibliothekar sein, wenn man ihm nur ein wenig Technologie und Grundwissen zur Verfügung stellt. Tatsächlich rekurriert auch jeder, der seine Literaturverwaltungssoftware, mehr oder weniger bewusst, auf die alte bibliothekarische Tätigkeit der Titelaufnahme.

In der Spezifizierung der Debatte ging es darum, herauszuarbeiten, was die Profession des Bibliothekars herausstellt. Wenig verblüffend sind es bestimmte Kompetenzen, die es ihm ermöglichen, nicht etwa etwas zu tun, was nicht auch ein engagierter Laie tun könnte, dies aber am Ende im Idealfall doch schneller, präziser und gründlicher. Man wird nicht Bibliothekar, weil man etwas tun möchte, was sonst niemand kann. Sondern, weil man es aufgrund eines gewissen Trainings besser kann. Spezialisierung hat den Vorteil, dass man eine komplexe Lebenswirklichkeit bewältigen kann, ohne alle in dieser auftretenden Aufgaben selbst lösen (können) zu müssen. Es überrascht schon ein wenig , warum ausgerechnet vom Bibliothekar derart vehement eine Legitimation eingefordert wird, während nie jemand die Rolle beispielsweise des professionellen Klempners oder Dachdeckers hinterfragt. Es zeigt aber auch, dass die Kernkompetenzen des Berufs entweder nicht deutlich genug in die breite Öffentlichkeit (und in die der Netzaktivisten) vermittelt werden oder tatsächlich als obsolet angesehen werden.

Komplizen Berlin / Workshop Bibliothek der Zukunft

Die Arbeit an der Bibliothek der / mit Zukunft. Auf dem Workshop KOMPLIZEN am 06.04.2014 im SUPERMARKT in der Berliner Brunnenstraße.

III. Was jeder kann und keiner braucht.

Ähnliches lässt sich vermutlich für den Geisteswissenschaftler festhalten. Michael Hagner und Caspar Hirschi fragen konkret nach dem Sinn der Behauptung, „dass die Geisteswissenschaften ihre angeblich verlorene gesellschaftliche Relevanz im Netz wiederfinden können“ und knüpfen damit an den schon etwas älteren Diskurs zur vermeintlich Obsoleszenz bzw. wenigstens Unterlegenheit der dieser interpretierenden und verstehensgerichteten Disziplinen gegenüber dem produktiven und normierten Potential der STEM-Fächer.

Es ist auch beim Geisteswissenschaftler nicht so, dass er über exklusive Kenntnisse und einzigartige Ideen verfügt, die nur von einem vergleichsweise kleinen Club von Eingeweihten (also der Fachcommunity) wertgeschätzt und erörtert werden können. Wenn man aber eine „angeblich verlorene gesellschaftliche Relevanz“ beklagt, dann heißt dies auch, dass eine allgemeine Einschätzung dessen, was diese Fächer forschen, zwischen „kann ja jeder“ und „braucht kein Mensch“ pendelt, meist mit Ausschlag zum zweiten, was gerade bei Nischenthemen schwerer zu entkräften ist, sofern das Gegenüber die Prämisse nicht akzeptiert, dass sofort offensichtliche Nützlichkeit keinesfalls die einzige Leitgröße menschlichen Handelns sein sollte. (Eine nützliche Gegenwartsanthropologie könnte vermutlich nachweisen, weshalb dieser Anspruch derzeit so populär und durchsetzungsstark ist.)

Für das „kann ja jeder“ bleibt der offensichtliche Unterschied zwischen demjenigen, der sich lange Zeit sehr intensiv und systematisch mit einem Gegenstandsbereich befasst hat und dem, der sich flugs ein paar Quellen durchsieht, um sich ein Urteil bilden zu können. Es heißt allerdings nicht, dass nicht auch das Tiefenwissen zuweilen in die Irre leitet. Es bedeutet zudem oft, dass Tiefenwissen zu einer Vorsicht gegenüber allzu schnellen Deutungen und Festlegungen führt. Diskussionen mit Aktivisten enden dann häufig in einem apodiktischen Lob der Tat und einem Vorwurf des feigen Zauderns und Zagens. Was manchmal zutrifft. Was öfters auch daneben schlägt.

Gleiches gilt, sehr bekanntermaßen, auch für die bibliothekarische Praxis, bei der eine allzu grundierte Position eventuell tatsächlich sinnvolle Anpassungen häufig ausbremst. (Dass im Bereich der öffentlichen Bibliotheken von den drei Säulen  –   Egalität, Anpassungsdruck, Effizienz  –  der Effizienzgedanke das eigentliche Triebmittel ist, wegen des G’schmäckles, aber gern hinter den anderen beiden Säulen versteckt wird, ist mittlerweile wahrscheinlich auch jedem bekannt.

Trotzdem ist die gestern geäußerte These des Aktivisten Marcell Mars (der sein sehr ehrenwertes Projekt Memory of the World explizit mit der Idee der Public Libraries grundiert), jeder könne heute in 15 Minuten Bibliothekar werden, aus professioneller Sicht auch bei großer Sympathie nicht konsensfähig. Aus der pragmatischen Sicht eines auf die subversive Tat fixierten Aktivisten wäre sie es vielleicht schon:

„It’s hard to get the “real” libraries/librarians loud and active. Part of the establishment of that dream, of public library, is that people working in the public libraries are public sector workers. They are not known to be particularly brave kind of people. In the time of crisis.“ (Garcia, Mars, 2014)

Der Aktivist blendet jedoch aus, wie er vor allem einfordert, dass die BibliothekarInnen laut und aktiv in einem Sinne sein sollten, den er der Public Library zuschreibt. Genaugenommen handelt es sich aber um diverse Konzepte von Public Library und während Marcell Mars ein digitales globales und offenes Wissensnetz imaginiert, das so beschrieben wird:

„The vision of the Memory of the World is that the world’s documentary heritage belongs to all, should be fully preserved and protected for all and, with due recognition of cultural mores and practicalities, should be permanently accessible to all without hindrance.“ (ebd,)

und dabei erstaunlich zugangsfixiert, also hinter den Ideen beispielsweise der Berlin Declaration on Open Access, bleibt, sehen sich die professionellen Bibliothekare häufiger im Auftrag einer konkreten Gemeinschaft oder Nutzergruppe und unter dem Druck, ihre Angebote entsprechend gestalten zu wollen und zwar im Rahmen dessen, was ihnen die Ressourcenlage zulässt.

Memory of the World ist fraglos ein hoch interessantes Konzept, eine Art anarchisches Publikations(nachweis)system, eine Graswurzel-Europeana und das aus ebenfalls im Interview erwähnte Monoskop wirkt teilweise wie eine zeitgemäßere Fortsetzung von Beats Biblionetz.

Das Betrübliche an der Diskussion mit vielen Aktivisten ist selten das Ziel, sondern die Vehemenz mit der sie für ihre Ideen streiten und zwar bisweilen dort, wo man sie nur auf die Unterschiede, die man zwischen der Public Library als Metapher im Web und der öffentlichen Bibliothek im Stadtraum Berlins hinweist. Über allem schwingt dann eben immer dieser Säbel der Ideologisierung.

Ähnliches lässt sich hin und wieder auch für den Diskurs der / über die Digital Humanities festhalten, die als Idee noch einen Tick weniger spezifiziert erscheinen, als die immerhin auf den Dreischritt Sammlung, Erschließung und Verfügbarmachung (Vermittlung) von Publikationen reduzierbare Rolle der Bibliothek.

Fragt man freilich weiter, was denn eigentlich eine Publikation im Netz sei und wo die Grenzen eines digitalen Dokuments  und die der Autorschaft liegen (Roger T. Pédauque kann von beidem berichten, Pédauque, 2003), dann sieht man auch hier vor allem Unschärfen in Relation. (Im erwähnten Sammelband befasst sich übrigens Niels-Oliver Walkowski in seinem Beitrag  „Text, Denken und E-Science. Eine intermediale Annäherung an eine Konstellation“ (S. 37-54) mit dem Phänomen von Enhanced Publications und der Frage der Textualität.)

IV. Berührungspunkte

Im Editorial des Nach-Feierabend-Bandes, gegen den ich mich in der Buchhandlung, dies als spätes Geständnis, zugunsten einer schönen Ausgabe mit Architekturskizzen von Leonid Lavrov entschied, wird das Diskursfeld „Digital Humanities“ von den Herausgebern dankenswerterweise etwas aufgefächert.

So benennen sie drei, wenn man so will, Digitalisierungsdimensionen der Geisteswissenschaften:

1. digitale Recherche (Digitalisierung der Inhaltsbeschaffung)

2. Digitalisierung von Papierbeständen (Digitalisierung der Inhalte)

3. Neue Forschungs- und Publikationsformen (Digitalisierung der Inhaltserzeugung und -verbreitung)

Aus der bibliothekswissenschaftlichen Warte fällt unvermeidlich auf, dass es sich bei den Schritten eins und zwei um Aktivitäten handelt, in die Bibliotheken spätestens seit den 1970er Jahren aktiv sind. Hier kommen digitale Basisprozesse der Fachinformation im geisteswissenschaftlichen Bereich an, was sich erwartbar aber eigentlich erstaunlich spät vollzieht.

Parallel ist die Rolle der Computerlinguistik zu berücksichtigen, die ebenfalls sehr viel von dem, was heute in den Digital-Humanities-Bereich dringt, schon sehr lange benutzt.

So liegen die digitalen Geisteswissenschaften tatsächlich ein bisschen in der Zange der Erfahrungshorizonte des Bibliothekswesens (Infrastruktur und Technologie zur digitalen Verarbeitung von Inhalten) und der Linguistik (Methodologie und Technologie zur digitalen Verarbeitung von Inhalten).

Ergänzt man beim dritten Aspekt eine eingeklammerte Silbe, so wird deutlich dass „Neue Forschungs- und Publikations(platt)formen“  gleichfalls etwas sind, bei denen Bibliotheken, und sei es nur mit ihrer Expertise auf dem Gebiet der Publikationsformenlehre, eine Rolle spielen können und nicht selten tun sie es in Projektrahmen auch. In einem höflichen Gutachten zu meinem Abstract für die DHd-Konferenz 2014 fand sich übrigens der Kritikpunkt benannt:

„Warum z. B. in der editionsphilologischen Forschung die Bibliothekswissenschaft eine wichtige Rolle spielt, ist für mich nicht nachvollziehbar.“ (unveröffentlichtes Gutachten zur DHd-2014)

Da die Nachfrage leider nicht im Auditorium wiederholt wurde, muss ich die Antwort hier andeuten: zum Beispiel im Wissen über die Entwicklung von Medialität und zwar sowohl im historischen Verlauf wie auch in der Breite. Selbstverständlich kann ein Editionswissenschaftler auch eine diesbezüglich tiefe Kenntnis besitzen, die in seinem Feld auch tiefer reicht, als die des Bibliothekswissenschaftlers. Der jedoch weiß im Idealfall zusätzlich, wie man in anderen Kontexten publiziert und wie man diese Publikationen auch langfristig verfügbar hält und was, wenn man etwas wie eine digitale Edition erfinden muss, in diesem Bereich technisch alles möglich und sinnvoll ist. Man kann auch anders antworten, aber das muss auch an anderer Stelle geschehen.

Die Schnittstelle zur Welt der digitalen Hacktivisten findet sich dort, wo Digital Humanities mit dem Impetus auftreten, ein „Werkzeug zur Neuorganisation des gesellschaftlichen Wissens und damit letztlich zur Reform des menschlichen Zusammenlebens“ zu sein (Hagner, Hirschi, S. 7). Hier weisen sie in Richtung Sozialutopie, wobei aus der präziseren Beobachtung offen bleibt, wie sehr hinter derartigen Aussagen auch wirkliche Überzeugungen stecken oder einfaches Taktieren, wenn es darum geht, den Anspruch auf Förderung entsprechender Projekte zu legitimieren.

Der Topos von der Verbesserung der Welt durch Zugang und Technologie begleitete ähnlich lange Zeit die Open-Access-Bewegung und ist als Motivationselement sicher häufig wichtig. Auf der anderen Seite steht der Druck, diese Verbesserung auch nachweisen zu müssen, was dann sehr schwer fällt, wenn Heilsversprechen besonders euphorisch ausfallen. In der Open-Access-Bewegung scheint man derweil auf pragmatischere bzw. niedriger zielende Argumentationen zu bauen, wobei nicht selten an das Argument der Erhöhung der Zugangsgerechtigkeit das Argument des volkswirtschaftlichen Nutzens tritt. In den Digital Humanities spielt dieses meist nur dann eine Rolle, wenn auf die Bedeutung verteilter und nachnutzbarer Ressourcen verwiesen wird.

Michael Hagner und Caspar Hirschi stellen vier andere Aspekte als zentral für die Diskussion heraus und eine diskursanalytische Annäherung an den sehr spannenden Ablauf der Debatte darüber, was Digitale Geisteswissenschaften sein können, findet darin wenigstens auf den ersten Blick ganz passende Basiskategorien:

  1. Autorschaft (Gegensatzpaar: adressierbarer [Einzel]Autor < > soziale Netzgemeinschaft)
  2. Forschungspraktiken (qualitativ, wenige Quellen < > quanitativ, Big Data)
  3. epistemische Tugenden (Argumentation, Narration < > Bereitstellung, Verlinkung, [eventuall auch Visualisierung])
  4. Publikationsformen (abgeschlossene Monografie / Artikel < > „liquide Netzpublikation“)

Die interessante Frage, die die Autoren, die sich als Nicht-Utopisten erklären, daraus ableiten ist, „ob [bei einer Durchsetzung der „neuen Ideale“] der Begriff Wissenschaft dann überhaupt noch tauglich und die Universität noch der richtige Ort wären, solche Kulturtechniken zu vermitteln“?  (ebd., S. 8) Was auch wieder eine Zuspitzung ist. Ganz ohne Polemisieren geht es wohl nirgends und so rutscht ihnen eine weitere Frage in den Text, nämlich, „wie viel Distant Reading die Geisteswissenschaften vertragen, ohne am Ende in digitaler Adipositas zu erstarren“? (S. 9) So bekommt Franco Moretti doch noch sein Fett weg. Somit implizieren sie weiterhin gleich selbst eine erste Antwort auf ihre Frage:

„Was bedeuten digital gesteuerte Erkenntnisverfahren wie etwa das Distant Reading – das eigentlich kein Lesen mehr ist, weil zahlreiche Texte nur noch mit einem bestimmten Algorithmus gescannt werden – für die traditionellen geisteswissenschaftlichen Herangehensweisen?“ (S. 9)

Wobei Franco Moretti mit der Benennung des Distant Reading gar nichts Wortwörtliches, sondern eine sprachspielerische Stichelei gegen die Kultur des Close Reading im Sinn hatte und in seinem zentralen Artikel (Moretti, 2000) verdeutlicht, dass es ihm um morphologische Analysen geht, die als Gegenkonzept zu der Tatsache dienen sollen, dass die literaturwissenschaftliche Tradition der Tiefenlektüre notwendig nur einen bestimmten Kanon berücksichtigt, die Welt der Literatur (bzw.: die Weltliteratur) aber weitaus reichhaltiger ist. Das auf Algorithmen setzende Distant Reading ist derzeit wahrscheinlich die beste Option, um dieses Korpus überhaupt in die Literaturwissenschaft hereinzuholen. Es besteht auch kein Anlass, hier eine Konkurrenz oder gar einen Nachfolger zum Close Reading zu sehen. Sinnvoller wäre, das Distant Reading als Erweiterung zu sehen. Denn wo sich das Close Reading konzeptionell auf die Lektüre des Einzigartigen, des Besonderen und Ungewöhnlichen ausrichtet, kann das Distant Reading mit seiner Musteranalyse durchaus helfen, exakt die Werke zu identifizieren, die es wirklich verdienen, sehr nah und gründlich studiert zu werden.

Insofern könnte man die Frage

„Inwiefern basieren die Digital Humanities auf neuen Forschungsfragen und inwiefern können sie solche generieren?“

möglicherweise besser so stellen:

„Inwiefern basieren Digital Humanities auf etablierten geisteswissenschaftlichen Forschungsfragen und wie können sie deren Bearbeitung unterstützen?“  (ebd.)

Man kann sich die Entwicklung der Digital Humanities nämlich auch problemlos als Erweiterung des Bestehenden vorstellen. So wie die Digitale Bibliothek erstaunlicherweise und trotz aller entsprechenden Beschwörungen nicht dazu geführt hat, dass die Bibliothek als Ort an Bedeutung verlor. Eher im Gegenteil.

Berlin, 07.04.2014

Literatur

Garcia, David; Mars, Marcell (2014) Book Sharing as a „gateway drug“: Public Library. In: new tactical research. Feb. 14, 2014 http://new-tactical-research.co.uk/blog/1012/

Hagner, Michael; Hirschi, Casper (2013) Editorial. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes. S. 7-11 (PDF-Download des Editorials)

Moretti, Franco (2000) Conjectures on World Literature. In: New Left Review. 1 (Jan/Feb 2000) http://newleftreview.org/II/1/franco-moretti-conjectures-on-world-literature

Pédauque, Roger T. (2003): Document : forme, signe et médium, les re-formulations du numérique. In: Archive Ouverte en Sciences de l’Information et de la Communication. http://archivesic.ccsd.cnrs.fr/sic_00000511

Walkowski, Niels-Oliver (2013) Text, Denken und E-Science. Eine intermediale Annäherung an eine Konstellation. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes.  S. 37-54

Wampfler, Philippe (2013) »online first«. Geisteswissenschaften als Social Media. In: Gugerli, David [Hrsg.] ; Hagner, Michael [Hrsg.] ; Hirschi, Caspar [Hrsg.] ; Kilcher, Andreas B. [Hrsg.] ; Purtschert, Patricia [Hrsg.] ; Sarasin, Philipp [Hrsg.] ; Tanner, Jakob [Hrsg.]: Nach Feierabend 2013. Zürich: diaphanes.  S. 79-102

In weiter Ferne und nah. Über Dekonstruktion, Digitalkultur und Digital Humanities

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 27. Juni 2013

Ein Blick in aktuelle Diskurse.

von Ben Kaden / @bkaden

„So einen wie ihn wird es im digitalen Zeitalter nicht mehr geben.“

beendet der Verleger Michael Krüger seinen Nachruf auf Henning Ritter in der Mittwochsausgabe der NZZ (Michael Krüger: Leser, Sammler und Privatgelehrter. Henning Ritter – eine Erinnerung. In: nzz.ch, 25.06.2013) und lässt damit den Leser anders berührt zurück, als es ein Nachruf gemeinhin zur Wirkung hat. Denn in gewisser Weise spricht er damit der Gegenwart, die wenig definiert als von Digitalem dominiert gekennzeichnet wird, die Möglichkeit ab, eine intellektuelle Kultur hervorzubringen, für die Henning Ritter stand. Das klingt nahezu resignativ und ist aus dem tiefem Empfinden des Verlusts auch erklärbar. Die traurige Einsicht ist zudem Lichtjahre von dem Furor entfernt, der der Debatte um eine Lücke zwischen Netz und Denkkultur noch vor wenigen Jahren mit Aufsätzen wie dem über den Hass (!) auf Intellektuelle im Internet von Adam Soboczynski kurzzeitig beigegeben wurde. (Adam Soboczynski: Das Netz als Feind. In: Die ZEIT, 20.05.2009) Ich weiß nicht, ob das Netz mittlerweile als Freund verstanden wird. In jedem Fall haben sich drei Auslegungen durchgesetzt: das Netz als Medium (nüchtern-funktional), das Netz als Marktplatz und das Netz als sozialer Wirkungsraum.

Dass das Netz auch als Austragungsort intellektueller Diskurse geeignet ist, merkt man dagegen in Deutschland weniger, einfach weil die spärlichen Gegenstücke zu dem nahezu Überfluss der entsprechenden Magazinkultur im englischsprachigen Weltenkreis, die längst medial eine e– und p-Hybridkultur ist und vom New Yorker über The Point bis zur White Review reicht, kaum im Netz präsent sind. Vielleicht gibt es auch tatsächlich zu wenige (junge) Intellektuelle dieses Kalibers in Deutschland. (Einige reiben sich auf irights.info am denkbar undankbaren Themenfeld des Urheberrechts auf und manchmal rutscht bei perlentaucher.de  etwas ins Blog, was in diese Richtung weist.) Und sicher hat dieses Defizit eine Reihe von Gründen. Das wir mittlerweile digitale Medienformen in unseren Alltag eingebettet haben, dürfte jedoch kaum die Ursache sein.

Dass sich die intellektuelle Kultur einer jeweiligen Gegenwart von der der Gegenwarten davor und danach unterscheidet, liegt darüber hinaus bereits offensichtlich in der Verfasstheit von Kultur begründet. Das digitale Zeitalter wird auch keinen Giordano Bruno hervorbringen (höchstens eine Giordano-Bruno-Stiftung) und keinen Walter Benjamin (höchstens einen Walter-Benjamin-Platz) und keinen Pjotr Kropotkin (höchstens noch ein unpassend eingeworfenes Zitat eines Oberschlaumeiers im politikwissenschaftlichen Proseminar). Aber „Postkarten mit aufgeklebten Zeichnungen oder vermischten Nachrichten, Briefe, die aus nichts als Zitaten bestanden“ zu versenden – das geschieht noch. Und zwar tatsächlich im Postkarten- und Briefformat und auch beispielsweise bei Tumblr, das diese Kulturpraxis des Collagierens, die an anderer Stelle selbst als Niedergang der abendländischen Kultur gesehen wurde, nahezu entfesselt erlebbar macht.

Auch intellektuelle Bohemiens gibt es erfahrungsgemäß und jedenfalls in Berlin nicht zu knapp. Nur sitzen sie – einige Jungfeuilletonisten ausgeklammert – nicht mehr bei «Lutter & Wegner», wohl aber manchmal im Verlagsprogramm bei der edition unseld und ansonsten, wenn sie noch etwas progressiver sind, doppelt exkludiert (freiwillig und weil die Verkaufskalkulatoren diesem Denken neben der Spur keinen Markt zusprechen) vom herkömmlichen Verlagsestablishment in ihren eigenen Diskursräumen (oft mehr Kammern). Und sogar den „unabhängigen Privatgelehrten, der mit einer gewissen boshaften Verachtung auf die akademischen Koryphäen herabblickt[…]“, findet man auf beliebigen Parties der Digital Boheme fast im Rudel. Die Zeiten, dass man Avantgarde war, wenn man sich von biederen Funktionswissenschaftlerei in den Hochschulen abgrenzte, waren schon vorbei, bevor man E-Mails schrieb. Der Hipsterismus hat aus dieser Einstellung sogar fast ein Freizeitutensil gemacht. Dass progressives Denken und Hochschulkarriere keine kausale Verknüpfung eingehen, sondern eher zufällig zusammenfinden, weiß mittlerweile auch jeder, sind das Universitäts- wie auch Wissenschaftssystem als rationaler Funktionskorpus doch geradezu naturgemäß darauf zugeschnitten, Denken zu normieren und in recht schmalen Kanälen zu führen.

Die Melancholie des Hanser-Verlagschefs Michael Krüger ist zweifellos nachvollziehbar. Neutral gesprochen wäre der Ausstiegssatz völlig zutreffend und selbstevident. Die Versuchung der Verklärung der persönlich verlebten Zeit als der besten aller möglichen Daseinsvarianten bedrängt sicher irgendwann fast jeden. Und einmal wird sicher eine Koryphäe der digitalen Geisteskultur einen ähnlichen Satz voller Trauer über einen Netzintellektuellen schreiben. Man darf ihm allerdings wünschen, dass er den Satz ohne Benennung der Nachfolgezeitrechnung (also ohne das dann aktuelle „digitale Zeitalter“) verfasst. Denn wie wahrer wäre die Aussage, wenn sie schlicht: „So einen wie ihn wird es nicht mehr geben.“ Oder besser noch: „Es gibt ihn nicht mehr.“ hieße. Große Persönlichkeiten, zu denen Henning Ritter, Homme de Lettres und Mensch als Mensch, zweifellos zählte, brauchen keine vergleichende Wie-Verortung im Zeitlauf.

II

Womöglich wird der „Methodenfreak“ (Süddeutsche Zeitung) Franco Moretti in diesem „einmal“ der Rückschau als eine Leitfigur der Geisteswissenschaften im Zeitalter ihrer digitalen Re-Evozierbarkeit gelten. Lothar Müller widmet dem Vorzeige-Digital-Humanist aus Stanford bereits heute im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch einen satten Sechsspalter (Lothar Müller: Ein Methodenfreak. In: Süddeutsche Zeitung, 26.06.2013, S. 14) mit einer eindrucksvollen Porträtaufnahme aus der Kamera der mit ihren Aufnahmen der deutschen Fußballnationalmannschaft ziemlich bekannt gewordenen Regina Schmeken. In der Bildrepräsentation spielt der Literaturwissenschaftler also bereits in einer oberen Liga. Isolde Ohlbaum dagegen, von der das zentrale Nachruffoto von Henning Ritter stammt (u. a. Dienstag im FAZ-Feuilleton), kennt man eher von ihren Aufnahmen von Alberto Moravia, Susan Sontag und Elias Canetti. Der Kulturbruch scheint sich bis ins Lichtbild einzuschreiben.

Franco Moretti, der ursprünglich (und „am liebsten“) theoretischer Physiker werden wollte, bricht nun tatsächlich und vielleicht noch stärker als jede These vom Tod der Autorenschaft in die stabile Kultur der Literaturanalyse ein, in dem er das Close Reading mit seiner quantitative Lektürepraxis, vorsichtig formuliert, in Frage stellt.

Lange Zeit war die Nahlektüre bereits aus praktischen Gründen die einzig gangbare wirkliche gründliche Auseinandersetzung mit Text. Denn angesichts der seit je immensen Mengen an Publiziertem, führte ein intellektuelles Mitteldistanzlesen meist nur zu – oft sehr eindrucksvollem – Querschnittswissen, was für das Kamingespräch hervorragend, für die harte wissenschaftliche Diskursführung aber zu oberflächlich ist. Die minutiöse Kenntnis weniger Texte und dazugehöriger Kontexte galt lange als edles Ziel der deutenden Textdisziplinen – wenngleich die minutiöse Kenntnis vieler Texte besser gewesen wäre, in einem normalen Wissenschaftsberufsleben aber einfach nicht realisierbar. Daher Kanonisierung, daher Beschränkung auf die Schlüsseltexte und Leitfiguren. Daher gern auch noch das dritte Buch über Achim (z.B. von Arnim).

III

Digitale Literaturwissenschaft bedeutet nun, sich der Stärken der Rechentechnik (= der automatischen Prozessierung großer Datenmengen) zu bedienen, um auf dieser Grundlage – sie nennen es „Distant Reading“ – das Phänomen Literatur strukturell, idealerweise als Gesamtgeschehen, zu erfassen, zu erschließen und (zunächst) interpretierbar zu machen. Die Manipulierbarkeit – vielleicht als „distant writing“ – wäre als Zugabe im Digitalen problemlos denkbar. Moretti trägt damit die naturwissenschaftliche Idee des verlässlichen Modells in die Beschäftigung mit Literatur:

„Ich bin auf Modelle aus […] auf die Analyse von Strukturen. Was ich am ‚close reading‘ nicht mag, ist das in den meisten Varianten anzutreffende Wohlbehagen an der unendlichen Multiplikation von Interpretationen, zum Beispiel der ‚deconstruction‘, wo die Leute umso glücklicher sind, je mehr Widersprüche sie in einem Text entdecken. Diese Beschränkung auf die immer reichere Interpretation einzelner Werke hat mich noch nie gereizt.“

So Moretti, der damit selbstredend auch eine völlige Ausblendung des Zwecks der Dekonstruktion vornimmt, die sich ausdrücklich und aus gutem Grund gegen die Reduktion der Welt auf allgemeine Regeln und hin zur Anerkennung bzw. der Untersuchung des Spezifischen wendet. Diesen Ansatz auf Wohlbehagen und Glücklichsein zu reduzieren, zeigt vor allem, wie tief die Gräben zwischen den Schulen in den USA sein müssen. Wer sich nämlich an einem dekonstruktiven Lesen versucht hat, weiß, wie unbehaglich und zwangsläufig unbefriedigend diese unendliche Kärrnerarbeit in der stetigen Verschiebung des Sinns sein muss. Mit einer modellorientierten Wissenschaftsauffassung, vermutlich sogar mit einer auf Erkenntnis (statt Verständnis) und Kontrolle (statt Anerkennung) gerichteten Wissenschaft lässt sich die Dekonstruktion kaum in Einklang bringen. Diese Art von Auseinandersetzung mit Text produziert kein sicheres Wissen, sondern im Gegenteil, wenn man so will, bewusst verunsicherndes. Das mag sie so unbequem und auch kaum leicht verwertbar machen.

IV

Was Moretti macht, wenn er Textmassen quantitativ und statistisch auswertet, entspricht prinzipiell den digitalökonomischen Datenanalysen, die man, wie wir mittlerweile wissen, auch zur geheimdienstlichen Terrorabwehr verwenden kann. Sein Konzept – er nennt es Quantitativen Formalismus – dient gleichfalls zur Strukturerschließung des Dokumentierten, also des Empirischen, wobei sich systematisch Abweichungen isolieren lassen, die man dann bei Bedarf qualitativ durchleuchten kann. Damit gewinnt man fraglos eine solidere Basis für die Auseinandersetzung mit Texten in ihrer Gesamtheit (so sie in ihrer Gesamtheit digitalisiert und Teil des Korpus sind). Man erfährt bei der richtigen Analyse viel über die syntaktischen, mitunter auch konzeptionellen Relationen zwischen Textprodukten bzw. Äußerungen. Man kann Querverbindungen und Referenzen isolieren und nachverfolgen. Bisweilen deckt man auch Plagiarismus auf und Doppelschöpfungen. Es lassen sich Aussagen über die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Texten treffen (zum Beispiel über das Mapping mit Ausleihstatistiken öffentlicher Bibliotheken). Aus vielen Perspektiven können wir zu den Gegenständen der Literaturwissenschaft so exakt wie noch nie in der Wissenschaftsgeschichte Aussagen treffen, Schlüsse und Querverbindungen ziehen und Einsichten vorbereiten. Wir sind in der Lage, aus einer Art Vogelperspektive ein riesiges Feld der Literatur zu betrachten und zugleich zu übersehen.

Allerdings, und das ist der Unterschied zwischen einem guten Close Reading und dem besten vorstellbaren Distanzlesen, bleibt die Literatur aus dem Korb dieses Heißluftballons unvermeidlich unbegreiflich. Wir können nicht gut mit unserer Wahrnehmung zugleich über den Dingen und in den Dingen sein. Im besten Fall können wir also in einer Kombination von close und distant Morettis Draufsichtverfahren als Drohne benutzen, um – je nach Erkenntnis- und Handlungsinteresse – den Zugriff zu präzisieren. In dieser Hinsicht sind statistische Zugänge eine grandiose Erweiterung des wissenschaftlichen Möglichen. Die Dekonstruktion könnte sich des Quantitativen Formalismus sogar ganz gut bedienen, wenn es darum geht, etablierte Perspektiven der Dekonstruktion zu verschieben. Als Alternative wäre das Verfahren der statistisch erschlossenen Vollempirie dagegen offensichtlich untauglich, da es schlicht etwas ganz anderes in den Blick nimmt, als die Praxis der Nähe.

V

„ ‚Persönlichkeit‘ auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient“, schreibt Max Weber, Morettis Idol, und dies reproduziert kaum verschleiert eine religiöse Bindung in die Wissenschaft, die hiermit die Sache zum Gottesersatz erhebt. Die Identität der Wissenschaftlerpersönlichkeit ergibt sich allein aus dem Dienst am Objekt. Mit Aufklärung hat die sich daraus leider bis heute oft ableitende Empiriefrömmelei jedoch wenig zu tun. Ein Dogma kämpft hier nur gegen das andere und für wirklich Intellektuelle war dieses Preisboxen um die Wahrheit noch nie ein besonders attraktives Spektakel, zumal sie meist nur von den billigen Plätzen zusehen durften. Nun wäre eine post-sachliche, also konsequent entdogmatisierte Wissenschaft nicht mehr Wissenschaft wie wir sie kennen, schätzen und als sinnvoll erachten. Sondern vielleicht systematisierte Intellektualität. Oder eben das, was man im besten Sinne meinte, als man Humanities eben nicht als Sciences konzipierte.

Die Digital Humanities und die quantitative Literaturwissenschaft sind nicht, wie man häufig vermutet, eine Weiterentwicklung der geisteswissenschaftlicher Praxen, sondern eine neuartige Annäherung an deren Bezugspunkte. Was dann durchaus sympathisch ist, wenn nicht Max-Weber-Adepten im gleichen Zug, diese weicheren Ansätze als inferior herausstellen, weil sie davon ausgehen, dass auch Literatur vor allem empirisch ist und damit in die Irre wandern. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert sind der Literatur und der Kunst die Ansprüche der Empirie nämlich vor allem eins: gründlich suspekt. Literatur geht es – wie übrigens auch der Dekonstruktion – nicht mehr um die Spiegelung der Welt, sondern darum, sich den Spiegeln so gut es geht zu entziehen, das Bild zu biegen, um das sichtbar zu machen, was dahinter liegen könnte. Diese Art von Literatur zielt nicht auf Wahrheit und vermutlich macht sie diese für viele unheimlich und für ein paar Freunde des Close-Readings eben doch reizvoll. Wenn diese kreativ genug sind, nicht auf Wahrheitsanspruch zu lesen, gelingt es sogar, etwas Fruchtbares und Anschlussfähiges daraus abzuleiten, das keine Statistik jemals hergibt.

VI

Nun ist zu beantworten, worin dieses Fruchtbare bestehen könnte. Hinweise liefert vor allem der Blick in die Gegenwart bzw. in die etwas jüngere Vergangenheit, also in die Entfaltungszeit des Michael Krüger’schen „Digitalen Zeitalters“ (als besäße der Äonen-Bezug noch irgendeinen diskursiven Wert). Wer sich die Entfaltung der digitalen Kultur der vergangenen zwei Jahrzehnte ansieht, erkennt unschwer, dass ihr Erfolg durch die Kombination zweier Grundprinzipien begründet ist: das des Narrativen und das der Statistik. Plattformen wie Facebook sind biografischer Abbildungsraum und Sozialkartei herunteradressiert auf die kleinste kulturelle Einheit: Das Individuum. Während uns die Zahlen (Freunde, Likes, Shares, etc.) – Übernahme aus der Ökonomie – unseren Erfolg bei der sozialen Einbindung (Netzwerk) unseres Lebens präzise nachweisen, benutzen wir die Narration unserer Selbste dazu, diese Zahlen (unsere soziale Akzeptanz) zu beeinflussen. Selbstverständlich zählt im nächsten Schritt nicht nur die Quantität, sondern auch – FOAF – die Qualität unserer Kontakte.

Etwa in der Mitte dieser zwei Jahrzehnte öffentliche Netzkultur liegt eine Zäsur. Die ersten zehn Jahre etablierten den digitalen Kommunikationsraum noch weitgehend nach dem Muster der analogen Welt (massenmediale Kommunikation hier, private Kommunikation per E-Mail, Chat, P2P-Filesharing da und obendrauf noch ein paar Versandhäuser mit Online-Katalogen) wogegen mit dem sogenannten Web 2.0 die Trennwände nach und nach durchlässig wurden, so dass mittlerweile auf unseren Privatprofilen sichtbar wird, welche Zeitungsartikel wir abgerufen und welche Musiktitel wir abgespielt haben. Das Besondere als Basis der Handlungsstrukturen rückt in den Vordergrund. Wir schwanken zwischen Me-too und Me-first, letzteres mit der Chance, ganz früh im Trend zu sein und damit zu punkten (das Pyramidenspiel des Sozialprestiges) und zugleich mit dem Risiko, fehl zu gehen.

Diese relativ leicht erfass- und visualisierbare Statistik unseres Kulturverhaltens hilft uns einerseits, einen statistisch stabilisierten Überblick über unsere Nutzungsaktivitäten in äußerst komplexen Medien zu gewinnen und andererseits, dies in die Autofiktion unserer Identität einzubinden. Was wir von Max Weber also übernehmen können, ist der subjektive Sinn und das darin Eingebettete, das irreduzibel ist auch vor der Summe des einzeln Geteilten. Dieser subjektive Sinn geht, so eine Ergänzungsthese, nämlich nicht vollständig darin auf, was wir denken, was andere in unser Handeln hineinlesen sollen, sondern er wird auch permanent eigeninterpretiert und zwar vor dem Horizont unserer Selbstwahrnehmung und in Hinblick auf die Stimmigkeit unseres Eigennarrativs.

Die Explizierungsmedien für unser soziales Handeln helfen uns nun, die permanente Fortschreibung dieser Identitätserzählung so systematisch zu pflegen, wie es sonst bestenfalls mit einem penibel geführten Tagebuch möglich gewesen wäre. Das Reizvolle für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist in diesem Zusammenhang die zu beobachtende Ausweitung dokumentarischer Praxen in die Selbstverwaltung der Identität. Wo wir unser Leben, die Spuren, aus denen wir Erinnerung generieren können, expliziert aufzeichnen und damit, teilweise öffentlich sichtbar, nachprüfbar machen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir unsere Lebensgestaltung im Sinne eine dokumentierten Kontinuität und Stimmigkeit dieser Gesamtverläufe ausrichten. Dass der Sozialdruck, entstehend aus den geteilten Reise-, Konsum- und Aktivitätsbilanzen der Anderen, eine erhebliche Rolle spielt, ist unübersehbar.

Unser Web-Selbst wird so auf bestimmte Effekte hin manipuliert bzw. manipulierbar und unser, nennen wir es mal so, Offline-Selbst daran angepasst. Gerade bei Phänomenen wie dem Online-Dating entstehen erfahrungsgemäß häufig Differenzen aus dem geweckten Erwartungsbild (oder dem angenommen geweckten Erwartungsbild) und dem tatsächlich einlösbaren Offline-Original. Rein strukturell unterstützen die Plattformen die Verwandlung unserer sozialen Repräsentation in eine vermeintlich objektiv (Statistik) bewertbare Warenförmigkeit. Dies gilt also nicht nur in Hinblick auf unsere Adressierbarkeit für Werbung, sondern auch hinsichtlich des Repräsentationsdrucks auf unsere sozialen Kontakte, die uns jederzeit aus ihrem expliziten Netzwerk entfernen können, wenn wir ihnen als unpassend oder irrelevant erscheinen.

An der Schnittstelle zum professionellen Umfeld sind entsprechende Effekte noch deutlicher. Wo potentielle Arbeitgeber in den Besitz von Partyfotos und auf dieser Grundlage zu für uns realweltlich negativen Entscheidungen kommen können (eine große Debatte vor einigen Jahren), wirken diese Strukturen automatisch auf unser Verhalten zurück. Jedes aktuelle Mobiltelefon hat eine Kamera – wir können also überall fotografiert werden und müssen entsprechend überall adäquat wirken. Fast freut man sich, dass diese Spitze der Verhaltenslenkung noch nicht in Umsetzung ist und sich die Partytouristen in Berlin-Mitte nach wie vor benehmen als gäbe es weder Instagram noch ein Morgen. Und schließlich gibt es noch diejenigen, die keine Lust (mehr) auf die Nutzung dieser Verwaltungsmedien haben, denen die Gefahr der Fremdbeobachtung und / oder der Aufwand solcher Selbst(bild)kontrolle zu hoch ist. Offen ist allerdings, was wird, wenn eine virtuelle Repräsentation normativ wird, vielleicht sogar staatlich gesteuert. Wer das für absurd hält, der sollte sich einmal mit der Geschichte des Personalausweises befassen. Dann erscheint fast folgerichtig, dass früher oder später eindeutige digitale ID-Marker für unsere virtuellen Repräsentationen als notwendig eingeführt werden.

VII

Eine schöne Herleitung der generellen digitalkulturellen Entwicklung bis heute bietet in einer nahezu enzyklopädischen Form (immerhin nach dem Untergang der Enzyklopädien und damit der Vorstellung, man könne einen allgemeinen Kanon des Faktenwissens in einer geschlossenen Form abbilden) eine im Mai erschienene und noch erhältliche Sonderausgabe des zentralen Begleitmediums der Netzkultur – der Zeitschrift Wired: Wired. The first 20 years. (Interessanterweise wurde das mittlerweile zum popkulturellen Parallelmedium etablierte und weitaus anarchischere Vice Magazine fast zeitgleich gegründet. Wer die Jahrgänge dieser Publikationen bewahrt hat, dürfte für eine Genealogie der populärkulturellen Gegenwart mitsamt der dazugehörigen Kulturindustrie eine solide Forschungsgrundlage besitzen.)

Wired - das weiße Heft

Wired. Das weiße Heft, hier platziert auf einem Retro-Liegekissen. Auf der soeben erfundenen Moretti-Skala Close-Distant-Reading lautet die Leseempfehlung für diese Ausgabe: Mittel. Wer leichtgängigen kalifornischen Selbstbespiegelungsjournalismus mag, findet exakt was er erwartet, muss es also eigentlich nur überfliegen. Wer sich gern erinnern möchte, wie alles begann mit der Netzkultur, entdeckt die richtigen Schlüsselwörter (bzw. seine Madeleines wie Proustianer sagen würden). Wer sanftmütige Insiderscherze zur Ted-Talk-Präsentationspraxis sucht, bekommt Unterhaltung für die Länge von etwa 10 Tweets. Insgesamt ist die Ausgabe ein schmuckes Sammlerstück und wir werden in zehn Jahren sicherlich mit einigem Erstaunen und nicht wenig Freude an der Nostalgie wieder hineinblättern.

Diejenigen, die in den 1990ern mit der Netzkultur anbandelten, finden zudem im Jubiläumsheft eine Dokumentation einschlägiger Leitphänomene der eigenen Vergangenheit. Die Anknüpfungspunkte von A wie Angry Birds, Apps und Arab Spring über Friendster, Microsoft (sehr ausführlich), Napster (anderthalb Spalten), Trolling („But when skillful trolls do choose to converse with their critics, they poison the discussion with more over-the-top provocations masquerading as sincere statements.”, S. 160) und Wikileaks bis Z wie ZeuS sind jedenfalls vielfältig.

Ein schöner Trigger ist natürlich das Stichwort Blogs: 1998, als die meisten nutzergenerierten Inhalte noch bei Freespace-Anbietern wie Geocities oder tripod.com lagen, existierten, so erfährt man auf Seite 34, 23 Weblogs. Webweit. Ein Jahr später waren es ein paar zehntausend und der Schlüssel war eine vergleichsweise simple Webanwendung namens Blogger eines Zwei-Personen-Unternehmens namens Pyra Labs.

Diese Geschichte, genauso wie Google, das 2003 Blogger übernahm, zeigt den faszinierenden Kern der Digitalkultur. Die entscheidenden Entwicklungen waren immer durch das Engagement weniger Akteure (eine Porträtgalerie vom Präsidenten-Fotografen Platon präsentiert von Marissa Mayer bis Tim Cook all diese Lichtgestalten in Schwarz-Weiß), sehr simple Ideen, wenig langfristiger Planung und glücklicher Fügung geprägt. All diese Spuren sind so umfassend wie bei keiner anderen mächtigen Kulturentwicklung in der Menschheitsgeschichte dokumentiert. Die heutigen Big Player der Netzkultur begannen alle mit wenig mehr als vergleichsweise minimalem Budget und einer Idee. Wo man planvoll vorging und viel Geld investierte (kottke.com), ging es meist schief.

In die vom Ende der Geschichte erschöpften 1990er Jahre drang mit dem Internet eine frische Woge Zukunft und das Versprechen lautete, dass jeder, wenn er nur einen Computer und ein Modem und etwas Fantasie hatte, eine neue Welt nicht nur betreten, sondern sogar gestalten kann. (Und außerdem mit nur einer Idee sehr reich werden.) Für die Kulturindustrie wurden zu diesem Zeitpunkt die Karten neu gemischt, was viele Vertreter der etablierten Zweige weder verstanden noch überhaupt wahrnahmen. (sh. auch Sony, S. 136)

Das konnte natürlich auch scheitern, wie beispielsweise die Idee dank Hypertext nicht-lineare Narrationsformen durchzusetzen. „You can see this as a classic failure of futurism“, schreibt Steven Johnson zum entsprechenden Stichwort (S. 92), „Even those of us who actually have a grasp of longterm trends can’t predict the real consequences of those trends.” Wirkliche Webliteratur hat sich nirgends ein Publikum erobert und selbst wer nicht-lineare Texte liebt, liest seinen Danielewski (jedenfalls nach meiner Erfahrung) doch lieber als Blattwerk.

Die Übertragung des Vernetzungsprinzips auf die Reproduktion einer Verwaltungskartei für persönliche Kontakte wurde jedoch zum derzeitigen Zentralhabitat der Webpopulation. (sh. Facebook) Das man das Hauptgewicht tatsächlich auf Identität (das Gesicht) und nicht nur auf den Kontakt (ein Rolodex 2.0 hätte gewiss allein klanglich versagt) legte, ist Teil der Rezeptur.

Das weiße Wired-Heft selbst entspricht dem flockigen, anekdotengeschwängerten und niemals langweiligen Stil, der dem Web eigen ist, ist also auch ein gutes Zeitdokument journalistischer Standards der Netzkultur und lässt sich obendrein prima am Strand lesen. Idealerweise an einem mit Netzabdeckung, denn der Artikel zum Thema QR Code ist konsequent als QR Code-Verknüpfung eingedruckt. Mindestens so erstaunlich erscheint, dass die Firma 1&1 aus Montabaur auf Seite 193 eine Anzeige schaltet, deren Anmutung schon im Jahr 1993 in Wired altbacken gewirkt hätte. Aber vielleicht gerade deshalb.

VIII

Weiß man nach der Lektüre der Ausgabe präziser, wo wir nach 20 Jahren Wired (bzw. 20 Jahren Netzpopulärkultur) stehen? Vielleicht so viel, wie man über die Literatur einer Literaturgattung weiß, wenn man den Brockhaus-Artikel oder einen Moretti-Aufsatz zum Thema gelesen hat. Man hat einen Überblick und ein paar separate Fakten. Aber ohne unmittelbare Erfahrung bleibt es blanke Oberfläche. Die unmittelbare Gegenwartserfahrung zeigt eine gewisse Konsolidierung der Nutzungspraxen, die dafür mit dem Alltag verschmelzen. Die Wired-Ausgabe zeigt auf, was die vergangenen 20 Jahre eigentlich verschoben haben und nun sitzen wir hier vor den Macbook-Air und finden es eigentlich ganz okay, wenn es einen kleinen Sprung im Display gibt, also eine Brechung der Fassade. Im Hypertext-Eintrag heißt es: „and in the long run the web needed the poets and philosophers almost as much as it needed the coders.“ (S. 92)

Das Verhältnis scheint mir längst gekippt zu sein. Digitale Frühaufklärer wie Jewgeni Morosow und Gegenrevolutionäre wie Jaron Lanier sind längst im Metadiskurs auf Augenhöhe und in gleicher Dauerpräsenz wie die lange dominanten Futuristen und Heilsverkünder anzutreffen. Diese Vielstimmigkeit ist keine schlechte Entwicklung. Auch dahingehend geschah in den vergangenen Jahren sehr viel auch an Reifung. Alle, die über zwanzig sind, wissen, dass zwanzig Jahre überhaupt kein langer Zeitraum sind. Hält man sich vor Augen, wie grundlegend und disruptiv die Kulturverschiebung eigentlich wirkt (das Wired-Heft deutet es nur an), dann lief es – auch vor dem Horizont des geschichtlichen Wissens um kulturelle Verwerfungen) – geradezu friedlich und naiv ab, was sicher auch das Resultat einer schnellen und ziemlich umfassenden Bemächtigung, Steuerung, Moderation und Gestaltung dieser Prozesse durch einen nun digitalen Kapitalismus ist.

Die Entfaltung der Schattenseiten der Technologie, ihre Intrusivität hat sich bisher mit dem Emanzipationspotential die Waage gehalten. Ihres dystopischen Gehalt sind wir uns bewusst (und wer Nachholbedarf hat, sollte Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story lesen).

Die Einblicke in Tempora und Prism durch Edward Snowden sind sicherlich eine nächste Zäsur und ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Risiken eine Omnikodifizierung und Vernetzung unserer Lebenswelten. In jedem Fall zeigen sie die Notwendigkeit einer übergeordneten Gegenkontrolle zum angeordneten Monitoring unserer digitalen Handlungen. Entsprechend wichtig ist auch die Rolle der Intellektuellen und eines dekonstruierenden intellektuellen Diskurses dazu. Der muss nicht zwingend in der Wissenschaft geführt werden. Aber es würde natürlich der Wissenschaft nicht schaden, wenn sie ihn führte.

Das Fruchtbare dieses Bremsdiskurses wäre übrigens, dass die Gesellschaft beständig die gesamte Bandbreite ihrer Wertvorstellungen, Wünsche und Ängste gegenüber dem digitaltechnisch Machbaren und der Digitalkultur reflektiert, um früh und deutlich genug Einspruch erheben zu können, wenn etwas aus dem Ruder läuft und wenn neue Totalisierungstendenzen gleich welcher Art entstehen. Die Literatur schafft es, uns dafür sensibel zu halten, gerade in dem sie in der Nahlektüre berührt. Ich bin mir nicht sicher, wie die Stilanalytik des Distant Readings aus dem Stanford Literary Lab dafür einsetzbar wäre.

26.06.2013