LIBREAS.Library Ideas

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In den Kindheitserinnerungen von Ljudmila Petruschewskaja.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 5. März 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Dass erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Kindheitsbegegungen mit Buch und Bibliothek die Keimzelle ihrer späteren Berufung sehen, ist erfahrungsgemäß eher Regel als Ausnahme. Auch die 1938 geborene russische Autorin Ljudmila Petruschewskaja weicht davon in keiner Weise ab, wie ihre unlängst unter dem Titel The Girl from the Metropol Hotel übersetzten und publizierten Erinnerungen (New York: Penguin, 2017) unterstreichen. Erstaunlich und bestürzend sind jedoch die Umstände. Als Kind so genannter Volksfeinde – ein Ausdruck, der als „Enemies of the People“ derzeit durch Donald Trump wieder gruseligerweise popularisiert wird  – war ihre Kindheit ein Leben, oft mehr Überlebensversuch, am absoluten Nullpunkt der sowjetischen Gesellschaft. Das in den Schilderungen spürbare Ausmaß an Armut und Ausgeschlossensein kann man eigentlich nur erschüttert zur Kenntnis nehmen. Ein Nachvollzug scheitert aus der heutigen Sicht, denn so vieles scheint nach den Maßstäben des Jetzt und Hier schlicht (und glücklicherweise) unvorstellbar. Die Familie, also ihre Mutter, ihre Tante, ihre Großmutter, sie selbst, galten jedem als Feind

„to our neighbors, to the police, to the janitors, to the passers-by, to every resident of our courtyard of any age. We were not allowed to use the shared bathroom, to wash our clothes, and we didn’t have soap anyway. At the age of 9 I was unfamiliar with shoes, with handkerchiefs, with combs; I did not know what school or discipline was.“ (S.67f.)

Zahlreiche Familienmitglieder verschwanden im Mahlwerk der stalinistischen Verfolgung oder in Massengräbern des deutschen Vormarsches: „Her end was terrible: she, her mother, and her little son were buried alive, along with other Ukrainian Jews, by the advancing Nazis.“ (S.7)

Mit dem Bombenkrieg 1941 wurde die nun kleine Familie von Moskau nach Kuibyschew (seit 1991 wieder Samara) evakuiert und blieb dort vorerst hängen. Ljudmila Petruschewskajas Mutter hatte das Moskauer Literaturinstitut jung und schwanger verlassen, also ihr Studium unterbrochen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände erhielt sie sechs Jahre später eine Zulassung, steckte aber in Kuibyschew fest. Reisen waren nicht ohne Weiteres möglich. Rein zufällig bot sich jedoch, so Ljudmila Petruschewskaja, auf dem Heimweg vom Markt die Möglichkeit in der Lokomotive eines Zuges nach Moskau mitzureisen. Zum Zimmer und zu ihrer Familie konnte sie vor der Abfahrt nicht mehr und verschwand so im Sommerkleid und mit einer Flasche Speiseöl für vier Jahre aus dem Leben ihrer Tochter und aus dem Kosmos des Elends von Kuibyschew in ein Moskauer Studium, in dem Armut und Hunger treue Alltagsbegleiter blieben.

In Kuibyschew gab es weder Schuhe noch ausreichend Lebensmittel insbesondere für die Volksfeinde. Mangels Schuhwerk schwand insbesondere im Winter die Möglichkeit zum Schulbesuch und Ljudmila erinnert sich, wie sie sehnsüchtig durchs Fenster einem Mädchen nachblickte, das durch den Schnee zur Schule stapfte. Spielzeug war ein unerreichbarer Traum und oft war es bereits ein Wunder, wenn das Mädchen nicht Opfer der Alltagsgewalt ihrer Zeit wurde. Wenige Stunde mit einer streunenden Katze, die das Mädchen zu Silvester in der Kammer erlebte, prägten sich als kaum fassbares Glück ein. Manches in den Geschichten haben tatsächlich einen Hauch des Märchenhaften. Eine plötzliche Wendung zur Rettung tritt freilich nirgends in Prinzengestalt durch die Tür. Ljudmila Petruschewskaja rettete sich selbst durch einen zähen Kampf unter den Bedingungen der jeweiligen Gegenwart und die sollten noch lange Zeit hart bleiben.

Ansichtskarte: Kinderbibliothek und Internat in Zhigulyovsk

Eine Ansichtskarte aus Schiguljowsk. / Es ist gar nicht mal so weit – schon gar nicht für russische Verhältnisse, von Samara / ehemals Kuibyschew nach Schiguljowsk. Allerdings existierte Schiguljowsk in den 1940er Jahren noch gar nicht in der Stadtform, die es heute hat, sondern wurde erst nach dem Ausbau der Ölindustrie entwickelt. Das verringert die Zahl der Gründe, in den 1940er Jahren an diesen Ort zu fahren zusätzlich und auch so lässt sich keine direkte Verbindung der Stadt mit Ljudmila Petruschewskaja ermitteln. Selbst in der auf der Ansichtskarte aus dem Jahr 1979 gezeigten Kinderbibliothek war sie bestenfalls in einer Zeitschrift präsent, wozu man freilich die Bestandsinformationen aus dieser Zeit benötigte und das wäre jetzt etwas zu viel der Recherche. Ljudmila Petruschewskaja hatte zu diesem Zeitpunkt gerade den Juri-Norstein-Trickfilm Die Geschichte der Geschichten (Сказка сказок) geschrieben, den man sich nach der Lektüre ihres Erinnerungsbuches durchaus noch einmal anschauen könnte. Ihr Durchbruch als Autorin stand noch bevor. Neben dem nicht ganz von der vor ihm liegenden Kinderzeitschrift (oder dem Fotografen) begeisterten Mädchen in der Bibliothek zeigt die Ansichtskarte die Kinderpoliklinik in der Friedensstraße (улица Мира) von Shiguljowsk, die sich, wie Google Streetview vermittelt, seit dem Zeitpunkt der Aufnahme kaum verändert hat.

Eine Besonderheit der Konstellation in der Biografie der Autorin, die sich möglicherweise als Rettungsmittel erwies, lag in der Tatsache, dass Ljudmila Petruschewskaja aus einer Ahnenreihe der damals so genannten Intelligenz stammte. Ihre Großväter waren Akademiker, ihre Großmutter wurde von Wladimir Majakowski umschwärmt. Das Mädchen Ljudmila kannte zwar kaum Klassenzimmer von innen, konnte aber früh gut und schnell lesen. Die immerhin 5000 Bände umfassende Bibliothek ihres Großvaters mütterlicherseits, dem aus Gnade und Akademie gefallenen Sprachwissenschaftler Nikolai Yakovlev, blieb ihr allerdings verschlossen:

„In the entire library I could read only one book: The Description of the of the Land of Kamchatka by Stephan Krasheninnikov. It had the sour smell of old paper. The other 4,997 volumes were in foreign languages: for example, the complete works of Goethe illustrated with Gustave Doré’s nightmarish figures with horns.“ (S.78)

Eines der Bücher, eine besondere Ausgabe des Eugen Onegin, verschwand eines Tages heimlich zu einem Buchhändler, u.a. um Ljudmila von einer Nasennebenhöhlenentzündung zu befreien. Zwar war ihre Mutter fast naturgemäß und in jedem Fall als Studentin eine begeisterte Leserin:

„she consumed mountains of books (she was majoring in literary studies) and took literature so seriously that simple reading for pleasure she considered a sacrilege.“ (S.5 f)

Wer allerdings so viel aufgeben musste, um überhaupt zu überleben, hängt am Ende vielleicht auch nicht so sehr an einer einzelnen Ausgabe, auch wenn diese einst General Alexei Petrowitsch Jermolow gehörte. Oder doch? Später, in den 1950ern, als sich die Situation halbwegs stabilisiert hatte und das Mädchen Ljudmila in der Oberschule eine weitere Prägung in Richtung Literatur durch den von ihm vergötterten und von Ljudmila Petruschewskaja in einem Kapitel des Buches zutiefst gewürdigten Lehrer Aleksandr A. Plastinin („Sanych“) erhielt, setzte bei ihrer Mutter ein deutliches Kompensationshandeln ein:

„Mama kept buying books maniacally – her entire family library had perished during the arrests – and I kept reading it.“ (S.128f.)

Und gleich darauf folgt die Würdigung der öffentlichen Bibliothek nicht nur als Lese- sondern auch als Zufluchtsort. Und als einer der Bildung obendrein:

„After school I always went to the library instead of home, where nothing good awaited me. The librarians took advantage of my addiction, and for every two books I requested, they forced me to read at least one on the school curriculum.“ (S.129)

Auf diese Weise hatte die Schülerin auch Maxim Gorkis Die Mutter gelesen, auf unorthodoxe Weise interpretiert und das Eis zu dem für sie sehr wichtigen Lehrer gebrochen. Auch hier: Die Verkettung von Umständen, ein prinzipielles Lebensthema der Schriftstellerin und natürlich waren es auch Zufälle, die sie zum Journalismus und damit weiter in Richtung dessen transportierten, was sie heute ist. Aber da sich die Bibliothek mit einer einzigen weiteren Erwähnung aus der Universitätszeit bereits wieder aus dem Erinnerungsbuch verabschiedet hat, soll dazu hier nichts weiter verraten werden. Denn zweifellos ist The Girl form the Metropol Hotel eine eindeutige Lektüreempfehlung wert. Die Kindheit der Ljudmila Petruschewskaja ist – in der Schilderung – schrecklich und märchenhaft zugleich (inklusive böser Stiefmutter), wobei das Schreckliche sich auf die unausweichlich furchtbaren und unmenschlichen Folgen aller Versuche einer totalitären Ordnung der Gesellschaft bezieht und das Märchenhafte auf diese sonderbare Kraft der Kindheit, die es offenbar schaffen kann, noch dem größten Elend Momente des Zaubers abzugewinnen.

(Berlin, 04.03.2017)

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Die Bibliothek in der Literatur. Reed Gračevs Disput über das Glück.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. Oktober 2014

von Ben Kaden (@bkaden)

I

Es gibt auf dem deutschen Buchmarkt (und vermutlich muss man sagen: in der deutschen Buchkultur) vermutlich nichts, was die russische Literatur so wunderbar entfaltete wie die Zusammenarbeit der Friedenauer Presse mit dem Übersetzer Peter Urban. Hätte es sie nicht gegeben, fehlten uns nicht nur fantastische Ausgaben im Regal. Wir wüssten vermutlich auch sehr wenig über Daniil Charms und so gut wie nichts über Leonid Dobyčin (vgl. auch hier) und schon gar nichts über Reed Gračev (Рид Грачев). Dessen Texte in der jüngst erschienenen Zusammenstellung zu einem Band mit dem denkbar schlichten Titel „Tomaten“ wird das letzte Produkt dieser wunderbaren Kooperation sein, denn Peter Urban starb im Dezember 2013.

Die Übersetzungen zu Gračev, der auch in Russland gerade erst ein wenig wieder entdeckt wird, erarbeitete Peter Urban bereits schwer erkrankt, wie die Herausgeberin des Bändchens, Brigitte van Kann, in ihrem Nachwork ausführt, das zugleich mutmaßlich der erste deutschsprachige Text über Gračev und dessen Biographie sein dürfte. Das schmale und wie bei der Friedenauer Presse üblich haptisch hochwertig broschierte Bändchen enthält nun mit der Erzählung „Disput über das Glück“ einen der wunderbarsten Texte mit Bibliotheksbezug, die uns dieser Literaturherbst hinblättert.

Reid Gracev - Tomaten. Erschienen 2014 in der Friedenauer Presse

Das Glück ist tomatenrot, ein wenig angestoßen und eventuell auch etwas traurig. So jedenfalls könnte man einen Beitrag zu einem entsprechenden Disput als These formulieren und zwar exakt deshalb, weil sich Glück hier auf das Empfinden bezieht, das einen umfängt, wenn man die wunderbare und hier sichtbar durch entsprechenden Gebrauch gezeichnete Ausgabe der Tomaten hinter sich (=gelesen) und vor sich (=nach dem Lesen) liegen hat.

Wie auch in den anderen Erzählungen geschieht in der 1961 (im Original: Диспут о счастье) erstpublizierten mehr Betrachtung als Kurzgeschichte auf den ersten Blick gar nicht so viel: einer Bibliothek vermutlich im Puschkin-Lyzeum von Zarskoje Selo (im daneben liegenden Katharinenpark beschäftigt sich der Wind mit dem Bewegen der Bäume, über dem Schulgebäude beschäftigt sich ein Flugzeug mit dem Steigflug) treffen ein Dutzend Senioren und eine unbestimmte, kleine Zahl Soldaten aufeinander, um sich zu erläutern, was das ist, dieses Glück. Die Gastgeberin ist die Bibliothekarin und ihr gegenüber tritt eine weitere Frau als Gegenfigur auf, die „in einer strengen Jacke“ und mit „ernstem Blick“ zunächst die Rolle einer Beobachterin übernimmt und zugleich bei der Bibliothekarin ein Kreisen eines eigenen Glückskonzeptes anregt. Zwei vereinzelte Personen stehen zwei Gruppen – den Alten und den Jungen – gegenüber, begleiten deren Glücksvorstellungen ohne jedoch selbst in den Disput einzugreifen und ohne sich diesen Glücksentwürfen anzuschließen.

Das Glück der Bibliothekarin ist nichts, auf das man zustrebt. Es ist vielmehr – die „bleiche Sonne vor dem Fenster“, das „Rauschen der Bäume im Park“, die „Soldaten mit ihren rosigen Gesichtern und den Schiffchen auf den Knien“ – ein ganz tiefes bescheidenes Daseinsglück, eine Einsicht die sie durchaus gern mit den Anwesenden und der Fremden in der Ecke teilen würde. Sie meint jedoch „es sei besser nichts zu sagen, denn man könnte sie missverstehen, und die unbekannte Frau hätte womöglich ihre eigenen Vorstellungen vom Glück und ihr könnte missfallen, was die Bibliothekarin dachte.“

Die Anwesenheit des undurchschaubaren Beobachters verhindert die Aussage: Wo man missverstanden oder Missfallen erregen kann, da sollte man also schweigen. Oder, wie zu Flucht oder Tarnung, darüber hinweg sprechen, „[u]nd die Bibliothekarin sagte die üblichen Worte, die Bibliothekare zu sagen haben, wenn sie Dispute über das Glück eröffnen.“

Wobei dies erstaunlicherweise in der Gegenwart so selten vorkommt, dass man als am „üblichen“ ein Sekunde länger als eben üblich hängen bleibt und zu meinen versteht, wohin Reed Gračev seine Bibliothekarin und damit uns lenkt. Hilfreicher ist es womöglich sogar noch, wenn man weiß, dass Dispute über das Glück in der Lyrik des eben in Zarksoje Selo geborenen Sohn Anna Achmatova vorkommen. Lew Nikolajewitsch Gumiljows Leben war in Stalins Sowjetunion zwar typisch aber völlig fernab von dem, was man landläufig als glücklich bezeichnen würde: früher Verlust des Vaters durch politische Gewalt, mehrfacher Ausschluss vom Studium, Verbannung nach Norilsk, Weltkriegsteilnehmer, denkbar hohe Hürden für die wissenschaftliche Arbeit, zeitweise Zuflucht im Bibliothekarsberuf, wieder Lagerhaft, wobei er dort immerhin das Glück hatte, wenigstens zeitweise in die vergleichsweise erträgliche Rolle des Bibliothekars der Lagerbibliothek zu gelangen. Insofern war, wie für viele Intellektuelle und intellektuelle Dissidenten seiner Zeit die Bibliothek ein zentraler Ort und bereits in seiner Kindheit häufiger Gast in der Stadtbibliothek seiner Kindheitsstadt Beschezk. Das Gedicht „Disput über das Glück“ ist, soweit ich sehen kann, nicht exakt datiert, entstand aber vor 1940, denn da hatte es seine Kommilitonin an der Leningrader Universität, Tatiana Stanyukovich, schon im Notizbuch. Gumilev vereinigt in seinem Disput-Gedicht acht Glückskonzepte, die Dschinghis-Kahn bei einigen seines Heeresführer abfragt und zusammenfasst. Am Anfang steht dort ein Falke und am Ende ein Dolch und zwischendurch liest man von Pferden und Mädchen, also all dem, was bedeutsam war, für die Männer der Inneren Mongolei. Glück ist überall Entwurf. Die Realität ist Verlust und Bedrohung und eventuell: Hoffnung.

II

Was war nun Glück für den jungen Reed Vite, dessen ungewöhnlicher wirklicher Vorname – er bekam noch einen Iosifovič dazu – unschwer erkennbar einen Faden zu dem Journalisten und Kommunisten John Reed zieht, dem 1919 in den USA die Anklage wegen Hochverrats drohte, vor der er nach Moskau flüchtete und es ist einer dieser eigenwilligen Züge der Weltgeschichte, dass sie ihre Motive immer wieder wiederholt, wenngleich Edwards Snowden nun wirklich kein Kommunist ist. Reed starb jung (mit 33) an Typhus im Land seiner Ideale und bevor er die Garstigkeiten Stalins (der immerhin Reeds Beschreibung der Oktoberrevolution Ten Days That Shook the World verbieten ließ, weil er seine eigene Rolle darin zu wenig gewürdigt sah und Trotzkis zu sehr) erleben konnte und wurde in einem Ehrengrab an der Kremlmauer beigesetzt. Gračev wurde deutlich älter und starb nach herben Erfahrungen des Breschnew-, Spät- und Postsozialismus‘. Jemand hat seinen Grabstein fotografiert und ins Internet gestellt.

Reed Vite verlor beide Eltern bei der Blockade Leningrads und durchlief eine Kindheit in Waisenhäusern und in der, mehr oder weniger, Obhut von Verwandten. Die Elternlosigkeit und die Sehnsucht nach seinen Wurzeln werden später Zentralmotive seiner Geschichten. Er galt als äußerst talentiert, versuchte sich an einer Übersetzung von Camus Der Fremde und übertrug Saint-Exupery ins Russische bevor er ab 1959 nach Abschluss seines Journalismusstudiums bis in die späten 1960er Jahre eine konzentrierte und innerhalb der Leningrader Literaturlandschaft sehr nachhaltig wirkende, unumstritten großartige Prosa schrieb. In Erinnerung an seine Mutter, die Journalistin Mauli Arsenjevna Vite, die ihre Artikel mit dem Nachnamen ihres Vaters unterzeichnete, nannte er sich Gračev. Irgendwann in den frühen 1960ern entstand ein Foto, dass ihn mit Andrej Bitov, Aleksandr Kushner und Jakov Gordin zeigt – die frühe nachstalinistische Sowjetunion in Leningrad schien nicht der schlechteste Startpunkt für einen jungen Schriftsteller gewesen zu sein, was auch Brigitte van Kann in ihrem Nachwort zu Tomaten betont. Für das Publizieren wäre Moskau besser gewesen. Leningrad hatte dafür die Gorozhane (Die Urbanisten), das Café Saigon am Newski Prospekt, eine wildere Samisdat-Kultur und eine Institution namens LITO, eine offizielle aber vergleichsweise wenig reglementierte lokalen Schriftstellervereinigung, in der sich Gračev engagierte und die zunächst als Sprungbrett zu funktionieren schien. Er galt bald weithin als einer der literarischen Hoffnungsträger seiner Generation. An dieser Stelle hatte er zugleich, was vermutlich niemand ahnte, den Höhepunkt seiner Schriftstellerlaufbahn bereits erreicht.

Dass seine Wirkung weitgehend auf seinen engeren Kreis, oft dem um Lidiya Ginzburg , der sich in Gračevs Wohnung in der Scheljabow Straße traf, begrenzt blieb, lag nicht an die Qualität der Texte – wie die nun auch auf Deutsch vorliegende Sammlung eindrücklich unterstreicht. Sondern daran, dass er kaum gedruckt wurde. Ein Manuskript lag seit 1962 beim Verlag, ein Vertrag war unterschrieben und er hoffte darauf, publiziert zu werden. Aber in der zweiten Hälfte der 1960er bricht die Perspektive allmählich. Krankheit und Armut sind die beiden Koordinaten, in denen er sich gefangen sieht. Die Publikationsmöglichkeiten schwinden in der sich wieder straffenden Kulturpolitik der Sowjetunion weiter. Er verbringt Zeiten in psychiatrischen Kliniken. Dass ihm Joseph Brodsky 1967 bescheinigte, der beste russischsprachige Schriftsteller dieser Zeit zu sein, half nicht. Im selben Jahr erscheint ein massiv zusammengekürztes Prosabändchen, was Gračev, wie Bitov und Gordin in der Rückschau berichteten, keinesfalls als Glück, sondern als reine Demütigung empfand. Gde tvoi dom? – Wo bist Du zu Hause? war der Titel, es gab ein graues Holzschnittcover und eine Auflage von immerhin 30.000. Die Geschichte vom Disput über das Glück ist darin nicht enthalten, wohl aber das auch in Tomaten übersetzte Meisterstück der Suche nach Heimat oder Ankunft „Der Zahn tut weh“. In den 1990ern wird er erstmals umfassend gedruckt, aber es kommt zu spät. Ausgerechnet 1994, in dem Jahr, in dem sein Werk erscheint, verliert er seine Wohnung und ist zeitweilig obdachlos. Er wird entführt und verliert ein Bein. Am 01. November 2004 stirbt er in St. Petersburg. Die wenigen Fakten, die sich über sein Leben zusammentragen lassen, verweisen nirgends auf Glück. Aber vielleicht liegt es doch irgendwo verborgen und möglicherweise zeigt sich in der Bibliothekarin aus Zarskoje Selo, immerhin erschaffen von Gračev, doch eine Ahnung davon.

III

Der Disput in der Bibliothek am Katharinenpark ist genau genommen keiner, denn die RentnerInnen erkennen trotz aller unterschiedlichen Annäherungen an das Thema, „das sie alle glücklich waren oder glücklich gewesen waren, und als sie das erfuhren, bekamen die alten Frauen und Männer einen rosigen Hauch im Gesicht und sahen von fern den Jungen ähnlich.“ Am Anfang steht in der Retrospektive aufs Glück die Arbeit, dann folgt die Freundlichkeit (eines Mediziners) und schließlich die Distanz zu den Spießbürgern, was sicher alles bedeutsam war in der Sowjetunion von 1960. Das Glück ist, alles in allem, allen dasselbe.

Die Soldaten tragen zur Diskussion nichts bei, halten geduldig äußerlich die Fassung und streben innerlich zum Kino, also, wenn man so will und wenn es gut läuft, zur Perfomativität des Glücks. Wobei es gar keine Alternative zu geben scheint: „Vor allem lächelten sie. Und wer nicht lächelte – lachte. Und wer nicht lachte – sang.“ Das Glück ist, alles in allem, allen dasselbe.

Die Frau (die Fremde) in der Ecke bleibt undurchschaubar, fast bedrohlich. Ihre Jacke ist erst „streng“, dann „seriös“, dann „düster“, dann „schwarz“ und schließlich „unansehnlich“. Sie durchläuft eine kleine Karriere vom Ernsten zum Schäbigen und zwar in den Augen der irritierten und nach außen hin ebenfalls ganz teilnahmslos wirkenden Bibliothekarin, die erst zum Fenster in die „rote“, also sinkende, nicht mehr „bleiche“, also etwa zwei Stunden früher hoch stehende, Sonne sah und dann – Klammer zu – „die üblichen Worte [sagte], die Bibliothekare sagen, wenn sie Dispute über das Glück beenden.“ Wie bewusst die Formulierung „den Disput beenden“, also mit einem Machtwort schließen, gewählt ist, mag man vermutlich erst in Rückgriff auf das Original entscheiden. Die Frau mit der Jacke hört sich an, was über das Glück gesagt wird, macht sich Notizen, schaut streng auf die, die reden und verschwindet, ohne etwas jenseits der Strenge über sich und ihre Interessen erkennbar werden zu lassen. Auf einmal ist sie aus dem Blick. Die Besucher des Disputs verabschieden sich und auch die Bibliothekarin ist frei. Alle gehen ihrer Wege, auf die Straße.

Die Besucher erfreuen sich nun und dort am sichtbaren Gegenwartsglück der „fortschrittlichen Sowjetjugend“, das sie jeweils aus ihrer Perspektive und für sich immer richtig ausdeuteten. Die jungen Menschen selbst „waren einfach jung, waren einfach schön und waren trunken vor Glück. Sie gingen einfach ins Kino.“

Auch die Bibliothekarin sieht all dies und das Glück der Jugend, diesem Idealalter des Sozialismus und würde sich, wenn sie könnte, womöglich sogar einreihen, ins Kino gehen und lächeln. Es geht nicht.

„Aber sie war nicht mehr jung und wusste was Glück ist. Deshalb beschloss sie, es niemandem zu sagen.“

Ihr Glück ist so sinnlich wie vergänglich. Was die Bibliothekarin eingangs über das Glück denkt, wiederholt sich. Es sind die rauschenden Bäume, die sinkende Sonne, es ist auch, vielleicht, das ungefilterte, auch unwissende Glück der Anderen (das Lächeln, das Lachen, das Singen) und das steigende Flugzeug. Es steigt über die gesamte Geschichte. Am Ende dreht es sich weiter durch den Himmel „zu einer rostbraunen Wolke“ hinauf. Das ist eigentlich alles.

(19.10.2014)

Quellen

Reed Gračev (2014) Tomaten. Acht Erzählungen. Aus dem Russ. übers. von Peter Urban. Hrsg. und mit einem Nachw. von Brigitte van Kann. Berlin: Friedenauer Presse (Seite zum Buch beim Verlag)

Рид Грачев [Reed Gračev] (1967) Где твой дом : Рассказы. Москва Ленинград : Сов. писатель, 1967

Carol Ueland (1999) Unknown Figure in a Wintry Landscape: Reid Grachev and Leningrad Literature of the Sixties. The Slavic and East European Journal. Vol. 43, No. 2, S. 361.-369. DOI: 10.2307/309550

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (7): Ex Libris

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. März 2013

(Anmerkung: Aufgrund widriger digitaltechnischer Probleme kann der Beitrag, der eigentlich für Freitag gedacht war, erst am heutigen Samstag erscheinen.)

zu: Emily Jacir (2012) ex libris, 2010-2012.  Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.

von Ben Kaden

Am Anfang eine Schachtel:

In einer dieser frischen Buchhandlungen mit Drang zur Nische, die man in Zentral-Berlin erstaunlicherweise bei abendlichen Wandelgängen plötzlich gern dort entdeckt, wo man gestern noch nicht einmal eine leeres Lokal wahrgenommen hatte (war es ein Schuster? Ein asiatisches Restaurant?), wobei diese rapide Vermehrung nicht nur darin ihre Ursache haben dürfte, dass, wie mir vor kurzem in der lauten Salontangotanzwelt des Clärchens Ballhaus der Vertreter eines mittelgroßen deutschen Literaturverlages eher bestätigte als mitteilte, nahezu alle aufstrebenden SchriftstellerInnen jedenfalls seines Hauses innerhalb des Berliner S-Bahnrings mindestens Zweitwohnung nehmen, was ganz eigene Probleme nach sich zieht, die Reisekosten aber kalkulierbar hält, entdeckte ich halb unter anderen Bänden versteckt nah der Kante eines Präsentationstischchens für Neuerscheinungen ein Buch von der Art, auf die man eher selten stößt, weil man von ihnen nichts weiß, sie Buchhändler eher selten von sich aus ins Sortiment nehmen, die aber dem bibliobibliothekarischen (im Gegensatz zum technobibliothekarischen) Blick ohne Umschweife ihre Relevanz offenbaren und daher auch alsbald in irgendeiner Verkaufsstatistik erscheinen.

Viele Exemplare der Dokumentation zu Emily Jacirs Ex Libris-Projekt dürften sich in dieser freilich nicht aufeinander addieren (der Amazon Verkaufsrang liegt derzeit in der Höhe „Viertelmillion“, also in einem Bereich, wo eine einzelne Bestellung gleich einen Satz um tausend Positionen nach vorn zur Folge hat) und aus bibliophiler Sicht macht das eher schlichte Büchlein wirklich nicht allzu viel her. Aber die Geschichte dahinter ist für uns unvermeidlich bemerkenswert.

Der Band spiegelt den Beitrag der Künstlerin für die dOCUMENTA (13). Dieser besteht aus Nahaufnahmen von bzw. aus Büchern, die im Palästinakrieg Ende der 1940er Jahre aus verlassenen öffentlichen Bibliotheken und vor allem aus Privathäusern in Palästina gezielt übernommen und nun zum Teil mit dem Vermerk „Abandoned Property“ (AP) in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt werden. Die Bände waren, wie Gish Amit in seinem Aufsatz Ownerless Objects? (In: Jerusalem Quartely, 33 / Winter 2008) ausführt, aufgegeben. Und zwar, weil ihre Besitzer vor dem Krieg flohen. Kurt Warman, damaliger Direktor der Nationalbibliothek in Israel, reagierte schnell und forderte von  seiner Regierung, was er umgehend erteilt bekam: Die Zuständigkeit für diese zurück- und verlassenen Bestände.

Daraufhin sammelten Bibliothekare – teilweise auch als in die israelische Armee embedded librarians – geschätzt 30.000 Bände ein. Der offizielle Zweck war, wie ein Memo Kurt Warmans zeigt, die Rettung der Bücher an sich mit der Horizontlinie einer eventuellen Rückgabe an die ehemaligen Eigentümer. Daher kennzeichnete man die Exemplare in den 1950er wenn möglich mit entsprechenden Herkunftsnachweisen. In den 1960ern wurden diese Namen durch das AP-Kürzel ersetzt. Dieser Schritt überführte diesen Sonderbestand, so Gish Amit, in eine Art besitzrechtliche Zwischenlage: Er gehörte nicht zum Bibliotheksbestand und er war doch nicht mehr auf die ursprünglichen Besitzer rückführbar. Und auch sonst bleibt unklar, jedenfalls aus der Position Gish Amits, welche Motivation wo und wie und vom wem hinter den Sammelaktionen parallel zum Militäreinsatz stand. Gish Amit zitiert aus einem Memo eines Dr. Strauss, Leiter des Eastern Science Department der Nationalbibliothek, der ein ganz anderes Opportunitätsfenster aufgehen sah:

„If a substantial number of these books is given to the National Library, we would be able to dramatically expand our research opportunities. Doubtless, we have first to bring into the National Library those books that are not current lyin our possession. As for the other books, we are mainly interested in classical literature publications… examining the books that have come into our hands therefore requires library processing with exact awareness of our needs, and it should be noted that in this aspect, the Eastern Department at the National Library far surpasses similar institutions in the rest of the Near East countries that, although they are wealthy in books, are not adequately organized and do not allow the reader and the researcher the kind of work that can be done here.”

Eine Nationalbibliothek im Aufbau in einem jungen, seine Kultur erst definierenden Land bekam nun die Gelegenheit, auf einen Schlag seinen Bestand erheblich zu erweitern. In diesem Fall mit Beständen, deren Schicksal sonst weithin in den dunklen Zügen dieses Krieges gelegen hätte und daher vermutlich Zerstörung und Verlust heißen müsste. Bibliotheksethisch stellt die Situation durchaus eine Herausforderung dar und die beiden Positionen – Bewahren für spätere Rückgabe oder Übernehmen zum Zwecke der Forschung – markieren zwei Seiten derselben Plakette. Die dritte Option, Belassen, schien nachvollziehbar unannehmbar.

Briefmarke Mount Scopus

„Tomorrow never comes until its too late“ – Wir popkulturellen Kinder der 1990er+ kennen die beatmusikalische Aufarbeitung des Sechstagekriegs zumeist nur dank der außerordentlich eingängigen Wiederverwertung des Stücks durch DJ Shadow (Six Days. (Single-CD) MCA Records, 2002). Entsprechend läuft die zitierte und von Shadow dramaturgisch perfekt reinszenierte Zeile des Kehrreims unwillkürlich los und in Schleife, wenn nur irgendwo der Bezug zum Berg Skopus auftaucht. Denn der Sechstagekrieg führte zur Wiedereröffnung des Universitätscampus auf eben dieser Jerusalemer Höhe, dessen Fünfzigjähriges Bestehen durch die gezeigte Sonderbriefmarke, die am 14. Januar 1975 an die israelischen Postschalter gelangte, Würdigung erfuhr. Die National- und Universitätsbibliothek befindet sich jedoch auf einem anderen Campus in Jerusalem. Sie stand zwar auch einmal im Zentrum einer Briefmarkenemission (am 17.09.1992 und damit pünktlich zum ראש השנה), jedoch liegt mir ausgerechnet dieser Satz mit drei Werten genauso wenig vor, wie das biblionumismatische Glanzstück der zum gleichen Anlass ausgegebenen Münze. Daher bleibt für heute nur diese bibliophilatelistische Halbgarheit als Notlösung.

Die 1970 in Bethlehem geborene Künstlerin Emily Jacir, die generell die Geschichte der Palästinenser in die Mitte ihrer Arbeiten rückt, interessierte sich in der Arbeit Ex Libris für die Spuren, die von den ursprünglichen Besitzern in den Exemplaren blieben. Bemerkenswert ist die Annäherung auch aus medial-transformativer Sicht: Bei Besuchen der Nationalbibliothek in Jerusalem fotografierte sie die Markierungen, Einschreibungen und auch Verletzungen des Materials mit der Kamera ihres Mobiltelefons, um diese Aufnahmen später für die Präsentation und den Begleitband drucken zu lassen. Für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema griff Emily Jacir zudem die library-processing-Perspektive des Dr. Strauss als Ausgangspunkt wieder auf: Sie sichtete den Freihandbestand nach AP-Titeln, um anhand der vorgefunden Exemplare die Fragen:

„Which books were deemed unimportant and insignificant and not worth collecting or preserving? Which ones were discarded? … Which books bypassed the “AP” designation and became part of the library’s general collections?” (S. 6)

zu reflektieren. Angesichts des Status der Arbeit als Teil der dOCUMENTA (13) schlug sie schließlich den Bogen zu den im September 1941 im Kasseler Fridericianum im britischen Bombardement verbrannten Bestände der Hessischen Landesbibliothek – übrigens auch Referenzpunkt der Documenta-Arbeit What Dust Will Rise des Künstlers Michael Rakowitz, der aus Steinen aus Bamiyan Bücher nachmeißeln ließ, die während der Bombenflüge im II. Weltkrieg in Kassel verloren gingen.

Das Faszinierende an dieser und an Emily Jacirs Arbeit ist, welche Aura das gegenständliche Medium Buch, das sich derzeit erklärtermaßen durch die digitale Verwandlung in Dateien dematerialisiert, gerade auch in seinem Verloren-Gehen und Versetzt-Werden auffaltet. Das Bändchen Ex Libris selbst trägt, wie erwähnt, zugegeben nicht viel dazu bei und bietet auch keine direkten Antworten. Aber die kleine Sammlung von Fotografien der Namenszüge, Papiereinrisse, handschriftlichen Zueignungen, Stempelspuren und auch Fotografien weckt eine andere Assoziation: die einer erratischen Spurensicherung. Wir können nicht nur in den Büchern, wie können auch die Bücher selbst als Manifestationen von (vergangener) Existenz und Geschichte lesen. Jedes Exlibris verweist darauf, dass ein konkreter Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt dieses Buch in den Händen hielt, aufschlug und vielleicht nicht ganz selten in dieser Handlung ein kleines Stück in seiner individuellen Biografie verändert wurde.

Uns bleibt als Überlegung – gesetzt den Fall das Buch als Medium verschwindet auf breiter Front, was angesichts der sprießenden Buchhandlungskultur wenigstens in Berlin vollends absurd erscheint, aber sicher weiß man es ja nie – ob es für den kostbaren Eigensinn der Materialisierung von Leben, Wissen und Wissenwollen im realweltlichen Medium Buch irgendein Gegenstück in digitalen Medienräumen geben kann (oder ob wir eines programmieren müssen). Und im Anschluss, was dies für die Erinnerungskulturen und die Bibliotheken als gern selbsterklärtes Gedächtnis der Menschheit bedeutet? Zwei nur scheinbar unscheinbare Fragen surren also dazu als Nachhut auch des Lebens, das wir gelebt haben werden, durch den Raum: Wie werden wir uns erinnern? Und: Wie wollen wir uns erinnern? Letztlich müssen wir zudem aus professioneller Verpflichtung  ergänzend mit uns abklären, welche Rolle die Institution Bibliothek auch aus, wenn man so will, erinnerungsethischer Sicht, dabei spielen kann?

Am Ende eine Biegung:

Die Katze Erinnerung / raum:shift

Die Katze Erinnerung: Angeblich gibt es Parallelen zwischen dem liebsten Begleittier der Johnsonianer und dem der Bibliothekare. Die gezeigte Aufnahme soll genau darauf hinweisen und außerdem fügt sie auch sonst allerlei allegorisches Potential (das zerkratzte Parkett, die Höhlengleichnis-artige Ausplustern des Schattenschwanzes, die geometrisch exakte Rahmung und die beide Bezugspunkte dieses Textes) nicht ungeschickt zueinander.

(15.03.2013)

Über Paperbackups: Darf man Bücher wegwerfen und was hat Apple vor?

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 23. Januar 2012

von Ben Kaden

Container-Bücher und iDucation

Zwei erstaunliche Geschichten dominierten letzte Woche die Aufmerksamkeit (und zwar in dieser Reihenfolge): Zum einen vollzog sich in zwei Weblogs etwas, was man vielleicht als die Dale-Askey-Klaus-Graf-Kontroverse bezeichnen kann. Es geht dabei um die traditionelle Frage, inwieweit man Bücher in den Container werfen und also entsorgen darf. Dale Askey beschrieb in einem vielleicht etwas zugespitzt Why I no longer collect books betitelten Beitrag in seinem eher eine gegenteilige Einstellung evozierend „Bibliobrary“ genannten Weblog sehr ausholend, dass er beginnt, die für ihn völlig irrelevanten Teile seiner Privatbibliothek quasi als Entsorgungsvorlass auszusondern:

„Anything that remained after that went into a donation bin for the public library, until we realized that putting thrice-culled dregs into a donation bin was just pushing off the burden of disposal to others and wasting their time, so we started putting them in boxes (we didn’t want our own Nicholson Baker exposé moment), sealing them with epic amounts of duct tape, and chucking them in the dumpster.”

Klaus Graf reagierte in seiner etabliert konsequenten Art im netbib-Weblog mit einem nicht minder zugespitzt betitelten Beitrag Lasst tausend Bücher brennen.

In beiden Weblogs entsponnen sich rege Folgediskussionen, die sich nahtlos in eine übergreifende Debatte zum Ende des gedruckten Buches fügt, das, so liest man, durch einen Wandel in der Einstellung zum Medium dank E-Reader und flotten Konkurrenzmedien eingeleitet wird. Die zweite Story der Woche passt gut dazu: Der Technologie-Konzern Apple revolutioniert das Schulbuch und man darf gespannt sein, wie die nicht gerade als zimperlich bekannten Lobbyvertreter der Schulbuchverlage an dieser Stelle die Substanz zu retten versuchen. Dazu sind heute noch keine Aussagen möglich.

Zwei Buchkulturen

Aber für die Aspekte „Buchentsorgung“ und den Apple-Schritt liefert ein vielleicht nicht mehr jedem bewusster Aufsatz von Fritz J. Raddatz im Times Literary Supplement vom 25. September 1969 jeweils eine Art Antwort. (more…)