LIBREAS.Library Ideas

Über Philatelie, Bibliophilatelie und eine Briefmarke aus Kansai.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. Oktober 2017

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

„I got rid of my stamp collection the other day.“ So begann der Journalist Eugene L. Meyer unlängst ein Opinion-Piece in der New York Times (Stamped Out. NYTimes.com, Sept. 29,2017). Bemerkenswert daran ist bereits, dass das Thema Philatelie überhaupt noch in die Diskurssphäre einer Tageszeitung gelangt. Andererseits stellte ebenfalls die New York Times unlängst in ihrer Rubrik „Stamp Notes“, die sie offenbar im Schnitt einmal pro Jahrzehnt bestückt, eine wunderbar zeitgemäße Neuausgabe vor, die sogar in den erweiterten Horizont der Bibliophilatelie passt, da sie ein Kinderbuch würdigt: The Snowy Day von Ezra Jack Keats (siehe Maria Russo: ‘The Snowy Day’ Captured in New Stamp Series. NYTimes.com, Sept. 22, 2017). Maria Russos kleine Kolumne über Peter im Schnee adressiert natürlich auch und zwar nicht ohne Melancholie einen Erinnerungsraum – The Snowy Day erschien 1962. Zugleich zeigt sie jedoch, wie wichtig und sinnvoll Erinnerungskulturen sind und welche eigenwillige und positive Rolle Postwertzeichen dabei spielen können:

„More than half a century later, that world hasn’t arrived — not even in children’s books, where brown children are still far underrepresented, relative to their percentage of the population. Peter is still, in a sense, a figure out of a dream. But those stamps will remind us that the dream still stands strong.“

Eugene L. Meyers Text ist dagegen eine eher typische Abhandlung, die man in ähnlicher Form leider schon Dutzende Male lesen konnte und zwar auch ziemlich identisch zum behaupteten Niedergang der Kultur des gedruckten Buches. Das Sammeln von Briefmarken ist, so das Bild, eine vergehende Leidenschaft, ähnlich vielleicht wie Modelleisenbahnen, der eine davonalterende Generation noch ein wenig nachhängt. Aber an sich ist es schon so gut wie ausgestorben, weshalb seine eigene Sammlung nun nichts mehr wert ist, wie ihm Händler versichern. Die Briefmarkensammlung ist aus dieser Warte eine unglückliche Fehlinvestition, die man längst hätte abstoßen sollen. „[T]here was a time when people cared about stamps“ hebt der Schwanengesang an und führt zum Briefmarkenkundler Franklin D. Roosevelt zurück und zu einer Zeit, in der es an jeder Schule eine Arbeitgemeinschaft der jungen Philatelisten gab. Heute wird „Junge Philatelie“, wie Meyer von der Fachhändlerin Judy Johnson erfährt, in einer anderen Altersspanne verortet: „“Trying to bring in the younger 30-to-50-year-old crowd is really difficult,” she said.“ Ähnlich dem Antiquariatsmarkt scheint auch der Briefmarkenhandel ein sterbendes Gewerbe zu sein. Der Blick daheim auf drei Regalmeter geerbte Alben, deren Wert sich auf ein persönliche Zuschreibung eingedampft ist, betätigt dies.

Stamped Out offenbart aber zugleich, wo das Problem liegt und zwar in der selben Form, die einem auch auf Sammlerbörsen unmittelbar ins Auge springt: Die Welt der Philatelie schafft es kaum, das Medium der Briefmarke und die Aktivität eines vertiefenden Umgangs mit ihr neu zu interpretieren. Die Frage, was Philatelie im 21. Jahrhundert sein kann, wird von der Empirie in der Regel beantwortet als: Ein Echo des 20. Jahrhunderts mit den Protagonisten, die damals schon dabei waren.

Abgesehen von einer schmalen Hochpreiselite ist das Sammeln von Briefmarken in der Tat eine sehr unwirtschaftliche Betätigung. Andererseits sind die Einstiegskosten so gering, dass es auch nicht viel kostet, Für den Preis eine semi-professionellen digitalen Kamera oder auch eines aktuellen iPhones kann man sich mit philatelistischen Material für eine Dekade ausstatten. Bleibt die Frage, was man damit will.

Möglicherweise kann man mit der Bibliothekswissenschaft kann eine Antwort finden. Briefmarken sind hochdichte Informationsträger und Zeugnisse. Genauso wie andere Publikationen lassen sie sich sie sammeln, erschließen und verfügbar machen. Die Ebene des Sammelns ist die traditionell ausgeprägteste. Mit Album, Vordruckblättern und Michel-Katalog saßen jahrzehntelang die Sammler und in geringerem Maße Sammlerinnen an Sonntagnachmittagen in ihrer Wochenendstille und versuchten alle Marken, die in einem bestimmten Land oder zu einem bestimmten Motiv erschienen sind, zusammenzutragen, einzusortieren und somit für sich zu bewahren. Es ging um Vollständigkeit und eine der schönsten Seiten diese Tätigkeit war mutmaßlich ihre inhaltliche Leere, die so regenerativ wirkte wie anderen ein stundenlanges Warten an einem Waldsee auf einen anbeißenden Fisch.

Die zweite Dimension, also die Erschließung, verweist auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Objekten und zwar über die bloße Registratur nach Katalognummer hinaus. Man achtete darauf, wer eine Marke entworfen hat, welche Ereignisse sich mit einer Ausgabe verbanden und betrat damit einen deutenden Raum, wenngleich nicht zwingend einen interpretativen und kommunikativen. Die Briefmarke wurde immerhin zum Zeichen, dass auf etwas außerhalb ihrer bloßen Objekthaftigkeit verweist und dass sich zu lesen lohnt. Sie spiegelte Welt und erwies sich als Zugangsmedium zu dieser, das umso mehr an Aussagekraft gewinnt, je mehr man sich der Bedingungen ihrer Produktion und Zweckzuschreibung befasst.

Diese Funktion erfüllt sie nach wie vor, auch wenn die traditionelle Form der Ausstellung von Briefmarken in entsprechend komponierten Schautafeln auf Briefmarkenausstellungen, also in etwa einer Darstellungsform, die man in der Wissenschaft von konferenzbegleitenden Postersessions kennt, ihre Anziehungskraft weitgehend verlor. Diese Tafelkunde markiert einen Übergang zur dritten Interaktionsform mit dem Medium Briefmarken: dem Verfügbarmachen, das heute leichter mit digitalen Mitteln bewerkstelligt werden kann. Das Briefmarkensammeln als solitäres Hobby mag seine kontemplativen Reize haben, die allerdings, wie Stamped Out treffend herausstellt, nur noch in der Nische Lieberhaberinnen und Lieberhaber findet. Es wird aber wie alle Kulturartefakte nur überleben können, wenn eine Aktualisierung gelingt. Dafür braucht es Sichtbarkeit und Kommunikation.

Eine andere und aus meiner Sicht fruchtbarere Herangehensweise wäre folglich, Formen von Diskursen, vielleicht eine Art Social Reading von Briefmarken zu entwickeln, in denen diese mit ihrer Spezifität sowohl medial wie auch inhaltlich einer Rolle spielen können. Naheliegend sind hier design-theoretische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Twitter-Timelines wie Kitteclub zeigen, wie erfrischend, gegenwärtig und anziehend Briefmarken potentiell dargestellt werden können. Ein Diskurs ist das eher noch nicht. Aber Sichtbarkeit wird erreicht. Und er Aspekt der Freude an der Beschäftigung wird sehr unterstrichen.

Ein Problem der, wenn man so will, Diskursivierung der Philatelie könnte in der Abgeschlossenheit der bisherigen Kommunikationen zum Gegenstand liegen. Die Kanäle sind entweder die verkehrten oder sehr exklusiv. Sehr aussagekräftig ist zum Beispiel, dass viele der wenigen Aufsätze zur Philatelie, die sich im Web of Knowledge finden lassen, mit der Darstellung beispielsweise großer Mediziner auf Briefmarken befassen und irgendwo unter Vermischtes in den Zeitschriften der entsprechenden Wissenschaftsgebiete erschienen sind. Die Zitationshäufigkeiten für solche Nebenaufsätze liegen erwartungsgemäß oft bei Null.

Einschlägige philatelistische Fachpublikationen sind entsprechend oft zwar sorgfältig und quasi-wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest im monografischen Bereich – werden aber kaum aus dieser Warte gesehen. Zudem ist die Philatelie meist bestenfalls eine Feierabendwissenschaft, weshalb sie zwar als Disziplin gedacht aber nicht praktiziert werden kann. Es fehlt jegliche akademische Rahmung. Die wenigen philatelistischen Spezialbibliotheken kämpfen regelmäßig um ihren Erhalt.

Die Publikumszeitschriften dagegen versammeln recht breite, im besten Fall populärwissenschaftlich aufbereitete Artikel und Berichte, die sich als Nebenbeilektüre für die Sammler_innengemeinschaft eignen, meist jedoch so gut wie keinen Appeal für Außenstehende besitzen. Diese eigenartige Exklusivität, die man auch sehr auf den Briefmarkenmessen atmen kann, ist aus meiner Sicht einer der großen Gründe, warum die philatelistische Welt so sonderbar überholt wirkt, massenmedial oft in einer Linie mit dem Klischee der Bibliotheken mit ihren Attributen staubig und funktional obsolet.

Wie bei Bibliotheken stellt sich auch für die Philatelie die Herausforderung, sichtbar zu vermitteln, dass das historisch gewachsene und sich verhärtete Abziehbild eines bestimmten Typus nicht zwingend der Realität entsprechen muss. Gerade der Schwung, der mit der Visualisierung von Kommunikation und zum Beispiel der Erblühen der Bildtheorie, spürbar ist, lässt sich sehr gut auf das Medium der Briefmarken anwenden. Alles was man tun muss, ist Briefmarken als Text bzw. als semiotische Objekte zu begreifen.

Ihre Narrativität ist naturgemäß sehr begrenzt. Sie sind Funktionstexte, bei denen ein Aussagegehalt in einer formal hochbegrenzten im Detail aber erstaunlich variablen Form eigentlich sehr erstaunlich an eine andere Objektfunktion – der Freimachung einer Postsendung – gebunden werden. Sie sind Träger sowohl von Metadaten (einerseits des Funktionswerts als Postwertzeichen, andererseits einer geographischen und unmittelbar bzw. mittelbar zeitlichen Einordnung) sowie einer inhaltlichen Bedeutungsebene, nämlich dem Motiv. Hinter diesem steht meist ein Ausgabeanlass, mindestens jedoch die Feststellung, dass die zuständigen Stellen dieses konkrete Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen repräsentierenden Kommunikationsakt ausgewählt haben. Der Kern dieses Aktes ist auf der elementarsten Ebene: Das konkret Gezeigte ist adäquat und typisch genug, um als Repräsentation einer bestimmten Vorstellung in die Welt geschickt zu werden. Selbstverständlich spielen auch Aspekte der Verkaufbarkeit eine Rolle, was zu einem Mangel an negativ besetzten Motiven führt. Und wenn, dann mitunter nicht sehr klug. Für die in dieser Hinsicht sehr interessante Ausgabe zur Topographie des Terrors wurde zum Beispiel unglücklicherweise der Postkartenwert von 45 Cent gewählt, was sie für den Hausgebrauch (=Urlaubspost) im Jahr 2017 fast disqualifiziert. Ein Bestseller wurde die Marke naturgemäß nicht.

Die enge Bindung des Motivs an ein konkretes Land – bzw. im Bereich der modernen Privatpost oft an eine bestimmte Region – rückt das Phänomen der Briefmarkengestaltung also in den Kontext einer, wenn auch sehr niedrigschwelligen, Geschichts- und Identitätspolitik. Wenn sich so etwas wie Leitkultur an einer Stelle abbildet, dann hier. So widmen sich die aktuellen Briefmarkenausgaben der Deutschen Post zwei idyllischen Landschaftsdarstellungen (Badische Weinstraße und Markgräflerland), einem sehr einschneiden Ereignis aus der deutschen Fernsehgeschichte (Das Millionenspiel), der Tradition der deutschen Antikenforschung (300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmann) sowie einer Würdigung der gesellschaftlichen Wirkung der katholischen Kirche (50 Jahre Justitia et Pax). An alle diese Ausgaben kann man die Fragen stellen, wofür genau die Motive stehen, warum sie 2017 als relevant erachtet werden und wie sie grafisch umgesetzt sind. Sie spiegeln, wenn auch in einem Zerrspiegel, die Gegenwart mit ihren Werten und ästhetischen Vorlieben. Richtet man die Fragen an ältere Ausgaben, erzählen diese folglich viel über eine Vergangenheit. Je mehr Hintergrundwissen man erwirbt, je besser man sie zu lesen lernt, desto komplexer werden diese Geschichten.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Briefmarke Japan General Library, Kansai University.

Selbstverständlich kann man in der gleichen Weise eine Briefmarke befragen, die unlängst in meine Sammlung zur Bibliophilatelie fand. Leider – Stichwort Hintergrundwissen – erweist sich ihre Geschichte, die allein auf der Dechiffrierung des vorliegenden Objekts beruht, als eher flach.

Die aus Japan stammende Ausgabe zeigt die Hauptbibliothek der Universität von Kansai (関西大学総合図書館) und zwar getreu lokaler ästhetischer Präferenzen zur Zeit der Baumblüte. Das Idealbild wird durch den makellos blauen Himmel verstärkt. Ein kleine Gruppe Menschen ist mit etwas Abstand zum Eingang konzentriert als wartete sie auf eine Führung durch die Bibliothek oder über das Gelände. Die Szenerie ist idyllisch, keinesfalls dramatisch und harmoniert recht gut mit der sachlichen Architektur des Hauses. Das spektakulär auskragende Vordach über dem Haupteingang der Bibliothek erkennt man aus dieser Perspektive und Auflösung nicht und erahnt es nur, wenn man von seiner Existenz weiß.

Die Gestaltung der Marke und vor allem die Druckqualität lassen zugleich sofort erkennen, dass es sich bei dem Exemplar nicht um eine offizielle Ausgabe der japanischen Post sondern um eine selbst gestaltete Marke handelt, wie sie auch die Deutsche Post mit ihrem Dienst der „Briefmarke Individuell“ ermöglicht. Traditionelle Sammler verabscheuen solche Angebote meist zutiefst, da sie der auch von Eugene L. Meyer beklagten Briefmarkenflut („It is all just too much, even for the die-hards.“) noch einen völlig unüberschaubaren Ozean an individualisierten Postwertzeichen hinzufügt. Dieser als zusätzliche Einnahmequelle der Postdienstleister in vielen Ländern eingeführte Dienst sorgt jedoch für eine interessante und bisweilen sehr unterschätzte Wendung der philatelistischen Kultur, da er die Briefmarkengestaltung im Prinzip demokratisiert. Diese Marken verhalten sich zu den offiziellen Ausgaben in etwa wie Zines zu Verlagspublikationen. Und wie die Zines bleiben sie außerhalb jeder systematisierten Verzeichnis- und Archivierungskultur. Was das Phänomen eher noch spannender werden lässt.

Jeder kann nun, womöglich auch aber erfahrungsgemäß nicht zwingend motiviert durch ein Mimikry der traditionellen Exzeptionalisierung des Gezeigten durch das Zeigen, ein Motiv seiner Wahl zu einem zugelassen Postwertzeichen werden lassen. Aufgegriffen wird dies u.a. auch in der politischen Kunst. Im vorliegenden Fall der Kansai-Ausgabe wählte man den 1985 eröffnete Neubau der Universitätsbibliothek als Motiv. Verwendung fand vermutlich eine in ähnlicher Form bereits publizierte Fotografie, also denkbar eine offizielle Aufnahme aus dem Archiv der Hochschule. Daher ist davon auszugehen, dass die Einrichtung auch Auftraggeberin dieser Ausgabe war. Über den Ausgabeanlass und Verwendungszusammenhang der Marke ist leider nichts bekannt. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit diesem Neubau auch in gewisser Weise die Hinwendung zur Digitalisierung an der Bibliothek eingeleitet wurde, ein Trend, der Phänomene wie individualisierte Briefmarken überhaupt erst technisch realisierbar macht. So schließt sich zumindest über Umwege ein Kreis. Zugleich ergänzt diese individualisierte Bibliotheksbriefmarke eine etwas vernachlässigte Nische in meiner Sammlung zur Bibliophilatelie.

Berlin, 01.10.2017

(Ich danke Takao Kobayashi für Informationen zur Kansai-Ausgabe.)

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Hart aufgeschlagen. Die Sonderbriefmarke „100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek“.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 3. Oktober 2012

Für die Freunde gehobener Briefmarkengestaltungskunst ist der Jahresausklang  nach einem eher durchwachsenen Jahr 2012 durchaus versöhnlich. Peter und Regina Steiner legten zum 13.09. eine fantastische Marke der Serie „Für die Kinder“ vor. Anna Berkenbuschs Entwurf für die Thüringer Landschaftsmarken „Drei Gleichen“, die am 11.10. an die Schalter kommt, überzeugt in ihrem Minimalismus. Für die Briefmarke zum Jubiläum „100 Jahre Domowina“ entwarf die Buchillustratorin Kitty Kahane eine zauberhafte Vogelhochzeit. Die Ausgabe zum ersten amtlichen Postflug (Entwurf Annegret Ehmke) bekommt (bis auf den etwas faden Bogenrand) den Gegenstand unaufgeregt so zu fassen, wie es dem Anlass angemessen ist. Und gleiches gilt für die ebenfalls sehr schlicht gehaltene Ausgabe „50 Jahre Vatikanisches Konzil“. Selbst die denkbar simple Jahreszeitenmarke „Herbstferien in Deutschland“ nimmt man gern zur Hand, befeuchtet gut gelaunt die Gummierung und klebt sie fröhlich auf den Brief an einen wichtigen Menschen. Und schließlich entspricht  die von Annegret Ehmke gestaltete 85 Cent (=Büchersendung, ab 01.01.2013 leider nicht mehr)-Briefmarke „200 Jahre Deutsche Bibelgesellschaft“ erwartungsgemäß wenig revolutionär aber dafür präzise genau dem Beuteschema, das alle Bibliophilatelisten umtreibt.

Die Auswahl des Motivs für die langerwartete Ausgabe „100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek“ ist dagegen leider besonders aus bibliophilatelistischer Sicht eher eine wirklich und fahrlässig dahingeschenkte Gelegenheit. Unverbindlicher als mit einem aufgeschlagen Buch (in rotem Leineneinband) und einem unmotiviert eingelegtem gelben Lesebändchen hätte man dem Anlass kaum begegnen können.

100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek - Sondermarken mit Ersttagsstempel

Mit Vollstempel wird es abstrakt. Und vielleicht dadurch etwas ansehnlicher. Ansonsten ist die Briefmarkenausgabe zum Jubiläum bedauerlicherweise eine verschenkte Hunderprozentige. Schade. (Die 10 Euro-Gedenkmünze zum Ereignis ist dagegen vergleichsweise ein Stempelglanzpunkt.)

Sicher rühren bei solchen herausragenden Anlässen immer viele Köche im gestalterischen Brei herum, aber so sehr man sich auch müht: das verdächtig an ein Stockphoto erinnernde Ergebnis des Kommunikationsdesigners Wilfried Korfmacher ist in seiner stereotypen Schlichtheit eines, das man sich eher trotz als aufgrund des Designs ins Album steckt.

Mehr noch: Nicht einmal das Klischee wird konsequent ausgespielt. Selbst wenn man gewohnt ist, auch mit halbgaren Resultaten eher nachsichtig umzugeben: Angesichts der eminenten Bedeutung von Jubilar und Jubiläum und des Potentials im Topos „Nationalbibliothek“ handelt es sich um eine blanke Enttäuschung. Weder Rückschau noch Hinwendung zur Integration digitaler Entwicklungslinien kommen in irgendeiner Form zur Geltung. Die geschichtliche Dimension im Kontext der deutschen Teilung, die Bibliothek als zentrales Erkenntnisnarrativ gerade im 20. Jahrhundert, ihre Aufgabe als Speicher (bzw. kulturelles Gedächtnis) all dessen, was seit 100 Jahren in Deutschland (und im deutschsprachigen Raum) in allen dazwischen liegenden historischen Fassungen erschien oder wenigstens die Bibliothek selbst als vielschichtige Metapher hätten zahllose Ansatzpunkte ergeben.

Diese Umsetzung wirkt dagegen derart unmotiviert und lieblos wie der Beschreibungstext der Postphilatelie zur Ausgabe:

„Die Deutsche Nationalbibliothek bietet neben der Nutzung ihrer Sammlungen in Leipzig und Frankfurt am Main Dienstleistungen für Bibliotheken, Buchhandel, wissenschaftliche Einrichtungen und individuelle Benutzer an.“

Das ist nicht falsch, jedoch in etwa so angemessen, wie der Hinweis, dass man mit einem Lamborghini Aventador auch rückwärts einparken kann.

Und auch die parallel erschienene Sammelmappe „Bibliotheken“ wirkt eher wie hastig nebenbei konzipiert. Die Anschaffung als Basis für eine bibliophilatelistische Sammlung lohnt dennoch dann, wenn man die Ausgaben nicht einzeln beim Briefmarkenhändler zusammensuchen will. Wobei man auf diesem Weg wieder deutlich unter dem Preis der Mappe bleiben dürfte.

Immerhin die traumhafte Ausgabe „500 Jahre Weltkarte von Martin Waldseemüller“ liegt der Kollektion genauso bei wie  die berühmte Marke „Universitätsbibliothek Saarbrücken“ aus dem Mai 1953. Letztere zeigt übrigens, dass mitunter auch eine simple, gut gestochene Gebäudeansicht als Würdigung einer Bibliothek überzeugen kann.

Nun hat die Deutsche Nationalbibliothek das Problem mehrerer Standorte. Die beiden Ersttagsstempel bilden das ab und zeigen, was in Richtung einer Architekturabbildung auch für die Marke denkbar gewesen wäre. Vermutlich sind aber die Hürden für eine Doppelausgabe, wie es bei den Jugendmarken 2011 (Astronomie) hervorragend umgesetzt wurde, ein wenig zu hoch für ein schlichtes Nationalbibliotheksjubiläum. Und überdurchschnittlich mitreißend, das muss man auch zugeben, war eigentlich kaum eine bibliophilatelistische Emission in der eutschen Ausgabegeschichte.

Gerade deshalb hätte man zum aktuellen Ereignis mal etwas wagen können und vielleicht auch müssen. Stattdessen unterbot man sich noch ein bisschen weiter und repräsentiert den Kulturspeicher der Nation durch einen aufgeblätterten Oeckl mit Lesezeichen. Man mag nur hoffen, dass das nicht richtungweisend für das nationale Bibliothekswesen ist.

Zu befürchten bleibt aber genau das, jedenfalls wenn man Andreas Platthaus‘ Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von den Feierlichkeiten liest:

„Wäre nicht Alexander Skipis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch als Gratulant aufgetreten, hätte der Abend eine Unverbindlichkeit gehabt, wie sie im Buche [sic!] steht. So aber wurde zumindest noch ein vehementes Plädoyer fürs Urheberrecht gehalten […]“

Gerade diese Institution hätte für ihr Jubiläum doch etwas mehr an Schöpfungshöhe verdient.

Ben Kaden / 03.10.2012

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (8): Über Leidenschaft, Routine und Philatelie

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 9. August 2012

Ben Kaden

Wer lebt, der weiß, dass es die kleinen stabilen Rhythmen des Alltags sind, die uns die notwendige Orientierung geben, um nicht permanent anfällig für innere und äußere Rebellionen zu werden. Routinen geben Sicherheit und bilden somit im besten Fall die Voraussetzung, auf ihnen als Fundament eine Glanzleistung nach der anderen herunter zu polieren. Nun ist die postmoderne, spätkapitalistische und hochbeschleunigte Lebenswelt nicht mehr unbedingt rundum darauf ausgelegt, balancierte, auf Muße setzende, soziale institutionalisierte Wiederholungshandlungen (vom Kirchgang bis zum konzentrierten dreigängigen Mittagessen) überhaupt zu akzeptieren. Selbst wer sehr selektiv seine Blogrundschau und E-Mail-Kommunikation angeht, erkennt schnell, dass ganz wie von selbst am Morgen die entsprechenden Sammelbecken wieder vollgelaufen sind, die am Vorabend mühsam leergeschöpft wurden. Wer hier in diesem Kontext kommunizieren will, muss andere Strategien finden.

Die neuen Routinen sind also solche, die aus den Dingen selbst entstehen (häufig spricht man vom Sachzwang) und vor allem erst einmal ein Phänomen der Masse. Glücklicherweise gibt es darin nur wenige Akteure, die durchgängig originell kommunizieren. Denn hochqualitative und –relevante Informationen in dieser Frequenz würde uns endgültig über die Kante stoßen und eine informationelle Emigration in die Offline-Welt quasi aus Gründen der Selbsterhaltung erzwingen. Daher erweist sich die Mehrzahl der zu verarbeitenden vermeintlichen Informationen am Ende erfreulicherweise doch als redundant und also verzichtbar.

Es bleiben zwei Probleme: Erstens weiß man vorher nicht unbedingt, wo etwas redundant ist und wo nicht und muss leider doch die meisten Nachrichten erst einmal öffnen und sichten. Und zweitens gibt es trotz allem irgendwo erstaunlicherweise immer wenigstens ein oder zwei Leute, die offensichtlich kein Problem haben, ein informationelles Dauerfeuer mit höchster Relevanz in ihre Umwelt strahlen zu lassen, also Leuchtturmdenker und -rhetoriker neuer Generation, die auf Hochleistungsdenken und -analysieren trainiert in einer für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Geschwindigkeit immer sofort exakt das sagen oder schreiben, was man selbst nach langer Überlegung nicht besser hätte ausdrücken können. Das sind die Olympioniken der intellektuellen Arbeit und wer mit ihnen zu tun hat, vergöttert sie entweder, eifert ihnen nach oder hasst sie.

Ich weiß nicht genau, wie die Routinen dieser diskurslenkenden Protagonisten unserer Gegenwartskultur aussehen und ob sie sich wie ich jeden Monat auf den ersten oder zweiten Donnerstag freuen, an dem die Deutsche Post traditionell ihre Briefmarkenneuausgaben an die Schalter bringt. Ganz sicher würde es ihnen aber nicht passieren, dass sie einen Monat zu früh (nämlich an diesem Donnerstag) in der Erwartung, einen Text über die Briefmarkenemission zur Deutschen Nationalbibliothek für den LIBREAS-Countdown schreiben zu können, zu der ihnen nahe liegenden Poststelle eilen, um dort nur Zuschlagsmarken mit Dampflokomotiven und eine Würdigung von Kaiser Otto I. vorzufinden. Die Peinlichkeit ist deshalb besonders groß, da ja erst vorgestern in diesem Weblog das korrekte Ausgabedatum der Bibliotheksbriefmarke genannt wurde (13.09.). So stimmt zwar die Routine, nicht jedoch ihr Inhalt. Die daraus entstehende Irritation ist naturgemäß erheblich.

Wenn also die philatelistische Feier von 100 Jahren Nationalbibliothek verschoben werden muss, kann man vielleicht wenigstens zur Kompensation ein kleines selbstgewähltes dazwischen schieben: Vor 55 Jahren (leider auch nur ein Circa-Wert, der Ausgabetag war nämlich der 18.10.1957), also noch im vorrevolutionären Kuba, erschien eine Sonderbriefmarke zu Ehren der kubanischen Nationalbibliothek, begleitet von einer zweiten, die ihren ersten Direktor, Domingo Figarola Caneda, mit seinem berühmten Seitenblick zeigt.

Briefmarken Kuba Nationalbibliothek José Marti

Bibliophilatelisten sehen sofort die Lücke auf diesem Bild. Es fehlt die Tarifa general de precios de medicina, also die dritte Marke im Satz zur kubanischen Nationalbibliothek. Die Apothekenpreisliste aus dem Jahr 1723 war immerhin die erste Publikation die auf Kuba gedruckt wurde. Und die 4 Cent-Marke fehlt nicht nur auf dem Bild, sondern sogar in meiner Sammlung. Die Nationalbibliothek José Marti hat die Broschüre, die mittlerweile natürlich selbst eine Preziose ist, dagegen im Bestand. Und berichtet auf dieser Seite darüber.

Die Einrichtung selbst wurde 1901 gegründet und zwar per Militärerlass der USA, die zu dieser Zeit als Ergebnis des „Splendid Little War“ (John Hay) zwischen Spanien und den USA die Insel kontrollierten. Die Briefmarke zeigt den Neubau aus der Mitte der 1950er Jahre, der dann auch erst den Namen José Marti erhielt und offensichtlich erst im Juni 1957 offiziell übergeben wurde, was zwar das Ausgabedatum nicht jedoch die Jahreszahl 1956 erklärt. Möglicherweise feierte man damit einfach nur die Fertigstellung des 15 Stockwerke zählenden Gebäudes. Finanziert wurde der Bau übrigens über eine zeitweilig erhobene gesonderte Zuckersteuer – eine Hingabe an das Bibliothekswesen, die heute und in unseren Breiten kaum mehr denkbar ist.

Domingo Figarola Caneda, dessen 160sten Geburtstag man in diesem Jahr hätte feiern können, hat dies allerdings nicht mehr mitbekommen. Aber es hätte ihn sicherlich gefreut. Zwar ein Bibliophiler, bibliothekarisch aber doch ein Quereinsteiger bekam er eine Expressweiterbildung im British Museum und musste zeitlebens mit schwindenden Etats kämpfen. Seine eigene Sammlung war ohnehin bereits in den Bestand der Bibliothek integriert. Zusätzlich finanzierte er jedoch Ankäufe für die Nationalbibliothek mit Teilen seines nicht sonderlich üppigen Gehalts – auch hier ist eine bewundernde Anerkennung der Hingabe mehr als angemessen, selbst wenn die Bibliotheksgeschichte sicher zahlreiche Beispiele eines solchen Idealismus‘ enthält. Dass er sich permanent mit seinen Vorgesetzten anlegen musste, die der Nationalbibliothek weitaus weniger Wertschätzung angedeihen ließen, ist vielleicht eine ähnliche Konstante der Bibliotheksgeschichte. Das Hauptproblem leidenschaftsgetriebener Idealisten im Kontrast zu pflichtbewussten Routinearbeitern ist ja seit je, dass sie sich ausgerechnet in ihrem Überborden an Fantasie nicht vorstellen können, dass jemand anderes gar kein Interesse daran haben könnte, sich von der Begeisterung anstecken zu lassen.

Dabei ist es erfahrungsgemäß für die Sache fast gleichgültig ob es sich dabei um Vorgesetzte oder Untergebende handelt. Wo der Funke nicht zündet, die Routine also nicht gebrochen wird, da brennt man in der Regel als Fackelträger schnell aus, während die anderen das für sie Beste aus dem Licht machen, nämlich es von der sicheren Seite betrachten.

Domingo Figarola Caneda wurde immerhin von den Nachgeborenen mit einer Sonderbriefmarke bedacht. Und eine Bibliothek in der Güte, von der er immer träumte, haben sie schließlich auch noch gebaut. Insofern gleicht sich in der Weltgeschichte so manches ein bisschen aus. Eventuell hätte ja der Schriftsteller José Lezama Lima, dessen 36sten Todestag man heute in der kubanischen Nationalbibliothek gedenkt, erklären können, weshalb. Denn sein Steckenpferd war der Taoismus und zu diesem veröffentlichte er einmal (1965) einen schönen Aufsatz, von dem man heute nur noch den Titel als Metapher zitiert: Las eras imaginarias: la biblioteca como dragón. Unsere rationale Zeit hätte vermutlich aus Brandschutzgründen etwas gegen solche Verknüpfungen. Aber immerhin war Lao-tse, bevor er eine Art Gottheit wurde, ein Bibliothekar. Und entsprechend fällt es José Lezama Lima nicht schwer, zu folgender Einschätzung zu kommen:

„Así, toda biblioteca es la morada del dragón invisible, se apoya sobre la tortuga de espaldar legible.” (So erweist sich jede Bibliothek als eine auf den lesbaren Panzer einer Schildkröte gestützte Wohnstatt des unsichtbaren Drachen. / meine Langenscheidt-Wörterbuch-Übersetzung)

Man weiß also nie, woher die Flammen oder Wogen, die zwischendurch immer mal wieder alles verändern, eigentlich kommen. Weiß man aber, dass der Drache im Chinesischen Long genannt wird, lässt sich das Long-Tail-Prinzip auch anders interpretieren. Und dass man die Schildkröte im Chinesischen gui nennt und ein Graphic User Interface (GUI) als sichtbar machende Schnittstelle zu den dem Auge verborgenen Prozessen in der Maschinerie des Digitalen dient, dürfte Buchstabenmystiker zu abenteuerlichen Schlüssen hinreißen.

Ob man aber über eine Beschäftigung mit der biblioteca como dragón eine Art Tao der Bibliothek erkennen kann und ob dieses Gegenstand der Unkonferenz sein sollte und ob es schließlich angemessen es, auf das metaphorische Potential der Wundertiere aus der Pangu-Welt (der Vogel Phönix und das Qilin fehlen noch) einzugehen, muss an dieser Stelle offen bleiben.

Dass das Wechselspiel von Leidenschaften, Interessen und Routinen das Drehmoment unserer Arbeit prägt, lässt sich dagegen kaum bestreiten. Und könnte dort thematisieren werden, wo wir nach den höchst seltenen Erden utopischer Elemente in unserem Fach fragen.

Digitale Philatelie, angedeutet. Zu einem aktuellen Aufsatz in der International Information & Library Review.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2012

von Ben Kaden

Zu:

Mangala Anil Hirwade; Ujwala Anil Nawlakhe: Postage stamps and digital philately: Worldwide and Indian scenario. In: The International Information & Library Review. Volume 44, Issue 1, March 2012, Seiten 28–39. http://dx.doi.org/10.1016/j.iilr.2012.01.001

Eine der Beobachtung nach häufig unterschätzte Stärke von Briefmarken ist ihr dokumentarischer Gehalt. Dabei stellen sie als lange Zeit hoheitliche Wertmarken äußerst ausdrucksstarke semiotische Kondensationen dar, die unzweifelhaft alles erfüllen, was man von Objekten des kulturellen Erbes erwarten kann.

Die Sammlerwelt goutiert allerdings, wie persönliche Messeerfahrungen zeigen, eine allzu hermeneutische Annäherung an ihre Gegenstände vergleichsweise selten. Hier ist es wie in vielen Lebensbereichen: Ästhetischer Reiz, Faktenhuberei oder die allseits dominante Frage nach einem möglichen finanziellen Gewinn dominieren diesen kuriosen Mikromarkt, auf dem wie bei fast allen Sammlermärkten aus ihrem ursprünglichen Funktionskontext gelöste Objekte weit über dem Materialwert über die Verbindung von Angebot und Nachfrage mit einem symbolischen Wert aufgeladen werden.

Briefmarke "State of Palestine" von Khaled Jarrar

Dies ist ein schönes Beispiel einer Briefmarke, bei der herkömmliche philatelistische Klassifikationsnormen ziemlich gefordert werden. Die Abbildung zeigt einen Jerichonektarvogel (Cinnyris osea), der sich einer Blüte nähert. Also Klasse=Fauna? Immerhin wurde bei der Stempelung sogar die Botschaft „Schützt die Natur“ als Maschinenwerbestempel mit dem WWF-Panda dazugefügt. Der Vogel ist allerdings deutlich – unter seinem englischen Namen Palestine Sunbird – in einer anderen Funktion unterwegs, nämlich als Bote eines möglichen State of Palestine. Allerdings gibt es diesen als briefmarkenherausgebende politische Entität nicht, weshalb die Marke eine nicht vorhandene Normalität vorspiegelt und insofern eine hochpolitische Aussage trifft: So könnte eine Dauermarke eines vollanerkannten Staates namens Palästina aussehen. Bzw. so lässt sie jemand aussehen. Dass man sie für die Frankierung von Briefen benutzen kann, ist ein Ergebnis ausgerechnet der Privatisierung der deutschen Post, die mittlerweile mit ihrem Produkt „Marke individuell“ durch Privatpersonen frei gestaltbare Ausgaben zulässt. Die Privatperson hinter dieser Marke ist der Künstler Khaled Jarrar. In gewisser Weise repolitisiert er das durch durch die Individualisierung von Briefmarken entpolitisierte Medium wieder und selbstverständlich wird eine entsprechend frankierte Sendung, wie die gezeigte gestern in Berlin eingeworfene, von der Deutschen Post anstandslos befördert und zugestellt. Es handelt sich also um a) eine offizielle deutsche Briefmarke mit b) dem inoffiziellen Motiv einer palästinensischen Ausgabe, die als Motiv c) einen hübschen Nektarvogel zeigt, der d) die Botschaft eines Wunsches nach einem ganz normalen (also auch Briefmarken emissionierenden) und unabhängigen Staat Palästina transportiert. Gibt es dafür eine Klasse bei der World Association for the Development of Philately (WADP)?

Diese spannende Facette interessiert Mangala Anil Hirwade und Ujwala Anil Nawlakhe vom Department of Library and Information Science der Rashtrasant Tukadoji Maharaj Nagpur University in ihrem Text zur Digitalen Philatelie leider nur am Rande. Sie erwähnen zwar einige Gesichtspunkte, an denen sich wirkliche Fragestellungen anschließen könnten, bleiben im Ergebnis aber bedauerlicherweise bei einer nicht sehr viel Erkenntnis stiftenden Vorstellung einer Datenbank und der Wiedergabe einiger Abfragen u.a. zu indischen Briefmarkenausgaben mit dem thematischen Schwerpunkt. Eigentlich handelt es sich also, ich muss es derart kühl sagen, um einen umfänglich annotierten Linktipp mit ein wenig dahingeschenkten Problematisierungspotential. Auch philatelistisch spielt der Text bestenfalls in der unteren Sammelklasse. So ist bereits die erste Definition dessen, was eine Briefmarke ist, schwer tragbar:

„small pieces of colorful paper issued by the government of a nation or country”.

Das könnte auch auf Banknoten zutreffen. Die Definition wird später durch eine etwas euphemistisch „Definition analysis“ benannte Passage anhand von drei Zitaten aus Drittquellen (The Freedictionary, Wikipedia) etwas nachgeschärft und ist dann erwartungsgemäß recht zutreffend. Da die Wikipedia auch weiß, was unter Philatelie zu verstehen ist, findet sich dieser Kontext ebenfalls korrekt eingebunden. Für Wissensquizze lehrreich ist eventuell der Hinweis, dass man ebenfalls von Timbrologie bzw. Timbrophilie sprechen könnte, wogegen sich die dazu geordnete Timbromanie nicht ganz auf der gleichen Bedeutungsschiene bewegen dürfte. In ihrer weiteren Verortung sprechen die Autoren nicht unbedingt von mitteleuropäischen Verhältnissen, denn gegen jede dieser Aussagen kann man leichthändig Gegenbeispiele aufschichten:

„Philately is the study of stamps and its collection is considered the king of hobbies. It is equally right to say philately is a hobby of a king due to its costly nature and huge investment. Philately is perhaps the most popular´pastime.“

Die ehemalige Popularität des Hobbys erklärte sich ja gerade aus relativ kleinen ökonomischen Einstiegshürden. Jedenfalls in einer Zeit, in der selbst Behördenbriefe mit Briefmarken zum Abweichen versehen waren. Material, idealerweise zum späteren Tauschen, kam mit nahezu jeder Postzustellung ins Haus. Das parallel dazu eine kleine ausgewählte Schichte monegassischer Hochfinanzphilatelie eine übersichtliche Auktionswirtschaft am Leben erhält, ist wahr. Diese Sammlerelite existiert allerdings auch für Münzen, Uhren und Fabergé-Eier. Abgesehen davon sind Briefmarken heute nicht unbedingt etwas, womit man das Gros jedenfalls deutscher Freizeitgestalter erreicht.

Die Parallele zwischen Sammler und Bibliothekar wirkt ebenso etwas sehr übers Knie gezwungen:

„As a library associates with collection, philatelists like a librarian are responsible for collection development and collection management.”

Auch in diesem Fall könnte jedes Sammelgut in den Mittelpunkt rücken. Immerhin wird noch einmal deutlich, dass sehr vieles mehr als traditionelle Buch-, Zeitschriften- oder ähnliche Publikationen Dokumente sein können. Nur bewegt man sich hierbei auf der zackigen Grenze zum Archivgut. Den Status von Briefmarkenausgaben dahingehend zu diskutieren, wäre sicher eine spannende Herausforderung.

Denn in gewisser Weise sind Briefmarken natürlich auch Publikationen (man spricht von Ausgaben oder – etwas unschön – von Emissionen). und entsprechend neben der Funktion als Freimachung Informationsträger wie Kommunikationsmedium bestimmter Botschaften. Wichtig ist dabei, dass sie mehr oder weniger dezente Hinweis- und Erinnerungsmedien sind: Sie verweisen auf die Existenz eines konkreten Phänomens (z.B. Frankfurter Buchmesse), häufig verbunden mit einem aktuellen Zeitereignis oder einer Botschaft (z.B. Schützt die Wälder!).

Manchmal ergibt sich daraus sogar eine Kreuzung zu innerbibliotheksweltlichen Themen. Ich habe einmal bei LIBREAS zu diesem Bibliophilatelie genannten Thema einen Text verfasst und irgendwann ein Weblog abgebrochen.

Die Autoren diskutieren zwar kurz den Begriff der Bibliophilatelie und verweisen mit Larry T. Nix und Jerzy Duda auf Leitfiguren dieser äußerst überschaubaren Bewegung, ignorieren mich als Google-Champion zu diesem Suchbegriff allerdings. Womit ich selbstverständlich leben kann, zumal die Bibliophilatelie offensichtlich nur auftaucht, um Vollständigkeit anzuzeigen. Zum eigentlich Kern ihres Beitrags trägt dieser Nebenschauplatz wenig bei.

Die wirkliche Relevanz entfaltet sich dort um eine Ecke, wo es um Briefmarkensammlungen als Bewahrens wertes Sammlungsgut auch für Bibliotheken geht. Die Langzeitarchivierung erweist sich hier wie allen Druckmaterialien u.U. als Problem, besonders wenn die Ausgangsmaterialien, wie beispielsweise bei Provisiorien, Notausgaben, etc. entsprechend schlecht waren. Wenn die Autoren allerdings schreiben:

„In order to keep the record of these postal heritage or historical documents of national origin, digitization projects provide a golden path in line with the initiative of the digital library for preserving art, culture, and heritage.”

gehen sie wieder fehl. Ein goldener Weg ist die Digitalisierung keinesfalls, steht doch bei Briefmarken die Materialität und teilweise das Einzelstück noch stärker im Mittelpunkt, als bei anderen Druckmedien: Farbechtheit, Plattenfehler, Zähnungsvarianten und natürlich auch Stempelungen spielen eine Rolle, die bei reinen Digitalisierung postfrischer Beispielexemplare auf der Strecke bleiben müssen. Die philatelistische Tätigkeit ist grundständig Exemplar orientiert. Die Stärke Digitaler Philatelie liegt demnach hauptsächlich auf der Ebene des Nachweises an sich.

Wer sich regelmäßig mit Papierschnitten an den Finger durch die vielen Bände des Scott’s Catalogue of Postage Stamps wühlt, wüsste eine Gesamtdatenbank der Briefmarken der Welt sehr zu schätzen. Abgesehen davon leisten die Katalogisierungsexperten von Michel, Yvert & Tellier oder Stanley Gibbons seit je hervorragende Arbeit auf diesem Gebiet und zunehmend liegen die Nachweise auch digital vor. Eine Welt- bzw. Verbunddatenbank zum Nachweis aller Ausgaben fehlt allerdings bis heute.

Interessant wäre in diesem Fall neben der separaten Digitalisierung besonderer Ganzstücke oder besonderer Exemplare vor allem die übergreifende Standardisierung dieser Daten, die auch die Integration von Sammlungsnachweisen beispielsweise der Postmuseen ermöglichte. Das vorgestellte WADP Numbering System (WNS) von World Association for the Development of Philately (WADP) und Weltpostverein ist immerhin ein sehr begrüßenswerter erster Ansatz. An deren Website www.wnsstamps.ch arbeiten sich nun die Autoren auf und ab und kommen u.a. zu dem Ergebnis, dass die Zahl der dort jeweils pro Jahr registrierten weltweiten Neuausgaben grob ab- und aufgerundet zwischen 5000 und 6500 Briefmarken schwankt. Aus irgendeinem Grund klafft in der Länderliste zwischen Georgia und Ghana, also dort wo man die bundesdeutschen Ausgaben erwartet in der Datenbank eine Lücke. Weshalb die deutschen Marken fehlen und ob noch andere Länder betroffen sind, wird leider nicht erklärt.

Ebenso unklar ist, weshalb ein Großteil des Aufsatzes von einer Liste „Country wise registrations in WNS database“ besteht. Jeder Leser mit Webzugang kann tagesaktuell die Verteilung abrufen und prüfen, ob Frankreich die philatelistische Nationenwertung dieser Datenbank nach wie vor vor Japan und den USA anführt. Dass die Tierwelt („fauna“, 6800 Marken) als beliebtestes Motiv bald abgelöst wird, steht nicht zu befürchten. Dazu ist der Abstand zur „Architektur“ (3610) zu groß. Letztere könnte freilich von der Flora (3490) überflügelt werden.

Wie die Kategorien voneinander abgegrenzt werden und auf welcher Grundlage die kategoriale Zuordnung der Einträge erfolgt, wäre da aus bibliothekswissenschaftlicher bzw. klassifikationstheoretischer Sicht hochinteressant gewesen. Denn nicht immer scheinen die Zuordnungen gut zu passen. So ist beispielsweise die Ausgabe „250 Jahre Zahlenlotto“ der Österreichischen Post dem Themenfeld „Economy & Industry (Banking & Currency)“ zugeordnet. Das stimmt schon irgendwie, überzeugt aber dennoch nicht auf ganzer Linie. Die Deutsche Nationalbibliothek führt Lottoliteratur nämlich fast stimmiger in der Sachgruppe 793 Spiel. Das deckt sich dann wieder halbwegs mit der Ausgabe „25 Jahre 6 aus 49“ der Österreichischen Post, die sowohl bei Economy & Industry wie auch Games & Toys einsortiert wurde. Nun will ich nicht über Gebühr pingelig sein, denn die Regelausgabe einer Sonderbriefmarke lässt sich relativ eindeutig einer Sachkategorie zuordnen. Daher funktioniert die Datenbank auch für den Alltagsgebrauch recht zufriedenstellend. (Andererseits finden sich in der Masse doch allerlei Zweifelsfälle, für die auch andere Zuordnungen denkbar wären.)

Mein Kummer mit dem Text liegt vielmehr hier: Wenn man nämlich einen Aufsatz in einer Art wissenschaftlichen Zeitschrift zum Thema Digitale Philatelie publiziert, könnte man durchaus auch mal über eine blanke Deskription einer Datenbank hinausgehen. Für mich zählt zu diesem Thema eine ganz andere Bandbreite, die von Weblogs zum Thema, der Kommunikation zu philatelistischen Fragen in Sozialen Netzwerken und anderen digitalen Plattformen bis hin zu aufbereitenden Sammlungsdarstellungen einzelner Institutionen reicht. Auch die Europeana weist einen Bestand von entsprechenden Digitalisaten nach: http://europeana.org/portal/search.html?query=philatelic.

Der Erkenntniswert des vorliegenden Aufsatzes lässt sich dagegen auf das Vermelden der Existenz der WNS-Datenbank mit dem Ziel eines einheitlichen globalen Nachweissystems für neuere Ausgaben (der Bestand reicht derzeit nur bis 2002 zurück) eingrenzen. Diese behandelt Briefmarken vorwiegend als Publikationen, die es anzuzeigen gilt. So bleiben die eigentlich spannenden Fragestellung der Konservierung und Digitalisierung von konkreten Objekten und Sammlungen, der Entwicklung philatelistischer Normdaten und ihr Austausch oder eben auch die Rolle von Briefmarken als Dokument des kulturellen Erbes und damit Sammlungsgutes mehr als unterbelichtet. Bei allem Enthusiasmus, den man den Autoren gern gönnt. Solche Sätze im Fazit:

„The nature of philately is undergoing its most dramatic change in history. This new electronic world is making philately more exciting and enjoyable than ever before!”

zeigen einerseits, wie wenig Anschluss die Autoren an die Welt der Philatelie haben (in der z.B. die Einführung personalisierter Briefmarken und jeder Wechsel im Druckverfahren als dramatischstes Verwerfung der Philateliegeschichte gelten) und andererseits, dass ihr Text vielleicht doch mehr in den Briefmarkenspiegel oder das Stamp Magazine gehört als in eine bibliothekarische Fachpublikation.

05.04.2012