LIBREAS.Library Ideas

Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. Juni 2013

Karsten Schuldt

[Zu: Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013]

 

In Frankreich, so scheint es, werden interessantere Bücher zum Bibliothekswesen publiziert als im DACh-Raum. Die Studie Des pauvres à la bibliothéque von Paugam und Giorgetti ist nur eines davon. Auf der einen Seite untersuchten die beiden Forschenden eine sehr spezielle Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern einer sehr speziellen Bibliothek, nämlich Obdachlose in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris. Diese Bibliothek ist eingelassen in das radikal-demokratische Grundkonzept des Centre, welches wiederum innerhalb einer Metropole – also auch einem Anziehungspunkt für sehr unterschiedliche Personen; die anderswo kaum ein sozial akzeptables Leben führen könnten – verortet ist. Auf der anderen Seite legen die beiden Forschenden etwas, was im deutschsprachigen Raum praktisch vergebens gesucht würde, vor: eine (ethnologische) Untersuchung der Nutzung einen Bibliothek, die auf soziologische Theoriebildung zurückgreift und diese widerum informieren kann.

Dies ist noch nicht einmal beispiellos im französischen Bibliothekswesen. So legten im Jahr 2000 drei Forschende eine ebenso soziologische Untersuchung zur Nutzung der gleichen Bibliothek vor. [Evans, Christophe ; Camus, Agnès ; Cretin, Jean-Michel (2000) / Les habitués : Le microcosme d’une grande bibliothèque. [Paris] : Bibliothèque publique d’information – Centre Georges Pompidou, 2000] Zugleich ist die Diskussion um die tatsächliche soziale Rolle der Öffentlichen Bibliothek in Frankreich weiter fortgeschritten als in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. [Dies gilt auch für das englisch-sprachige Bibliothekswesen, für das stellvertretend auf die erste Ausgabe 2013 der Library Review verwiesen werden soll, die sich vollständig mit dem Thema Public Libraries and the Homeless beschäftigt und in der sich auch eine englisch-sprachige Zusammenfassung des hier besprochenen Buches findet – leider alles hinter eine Paywall.] Grundsätzlich lohnt es sich, über den Rhein zu schauen.

Fragilité, Dépendance, Rupture

Paugam und Giorgetti legen eine Studie vor, deren Ergebnisse nur mit einiger Vorsicht – da es sich, wie gesagt, um eine sehr spezielle Bibliothek handelt – übertragen werden können, aber deren Design in anderen Bibliotheken sinnvoll angewendet werden könnte. Es werden in ihr soziologische Theoriebildung, Beaobachtung und Interviews verbunden. Aufgebaut ist die Studie auf ein in früheren Arbeiten von Paugam erarbeitet Struktur vom Leben in Obdachlosigkeit. Diese postuliert, dass es unterschiedliche Stufen der sozialen Desintegration beim Leben ohne festen Wohnsitz gäbe. Grob unterteilt in Fragilité ( Prekarität), Dépendance ( Abhängigkeit von gesellschaftlicher Unterstützung) und Rupture ( Bruch mit der gesellschaftlichen Integration) implizieren diese Stufen ein sehr unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Ziele, der Personen, die von ihnen betroffen sind. (Und dies selbstverständlich immer als Idealtypen, die in der Realität komplexer sind.)

Dabei darf Obdachlosigkeit in Wetseuropa nicht als das Leben auf der Strasse verstanden werden, sondern ist zumeist gekennzeichnet von Leben zwischen unterschiedlichen Unterkünften, die aber alle prekär sind (Heime, Unterkünfte, „Couchsurfing“ etc.).

Personen, welche der Stufe Fragilité zugeordnet werden, versuchen zumeist, direkt aus der Obdachlosigkeit auszusteigen. Diese Personen zeigen in der Untersuchung auch ein Verhalten, dass geprägt ist von Versuchen, in die französische Gesellschaft (wieder) einzusteigen. Gerade bei Flüchtlingen ist dies gezeichnet von Lernaktivitäten in der Bibliothek, insbesondere dem Französisch-Lernen. Die Bibliothek wird zudem aktiv genutzt, um Informationen über den Arbeitsmarkt oder über Unterstützungsleistungen einzuholen. Gleichzeitig wird von diesen Personen aktiv versucht, ihre ökonomische und gesellschaftliche Situation nicht offen darzustellen. Paugam und Giorgetti beschreiben einige Strategien, dies zu tun, beispielsweise das Besuchen der Bibliothek in Anzug und Kostüm. Gleichzeitig versuchen diese Personen in den Interviews, sich von den „echten Armen“ abzugrenzen und ihre eigene Situation als Übergang darzustellen. Dabei besuchen sie die Bibliothek auch wegen ihres Habitus als „intellektuelles Zentrum“. Das Arbeiten in der (grossen und bekannten) Bibliothek verleiht den Personen, so Paugam und Giorgetti, ein positive Identität. So stellt die Studie auch eine Höherorientierung der bevorzugtes Literatur durch diese Personen fest, die, wenn sie gefragt werden, betonen, eher Weltliteratur oder den französischen Literaturkanon zu bevorzugen als „einfache Belletristik“.

Personen, die auf der Stufe Dépendance verortet werden, nutzen die Bibliothek oft als Lebensraum und als Ort, von dem aus Unterstützungsleistungen organisiert, also recherchiert, werden können. Auch diese Nutzenden sind nicht per se auffällig, sondern versuchen, sich dem Alltag der Bibliothek (beziehungsweise des gesamten Centre Pompidou) anzupassen. Dabei kommt ihnen die Grösse des Centre zupass. Dennoch sind sie auffällig, da sie sich ständig in der Bibliothek, der auch als geschützter Raum wirkt, aufhalten. In der Studie werden Beispiele von Personen angeführt, die fast täglich acht Stunden in der Bibliothek verbringen. Hauptinteresse dieser Personen ist, neben der Recherche nach Unterstützungsleistungen zum Überleben und zum Ausstieg aus ihrer sozialen und ökonomischen Situation, die Strukutrierung ihres Alltags. Sich in der Bibliothek aufhalten und lesen gilt ihnen als sinnvolle Tagesgestaltung.

Nur Personen, die der Stufe der Rupture zugeordnet werden, stimmen überhaupt in Ansätzen mit den Vorurteilen über Obdachlose überein, aber auch das nicht wirklich. (Wie eigentlich auch zu erwarten war.) Zwar nutzen einige dieser Personen die Bibliothek auch als Aufenthaltsraum; aber nicht übermässig. Zudem stellen sie nicht die Mehrzahl der Personen sans domicile fixe. Die Bibliothek – und wieder eigentlich das gesamte Centre Pompidou – stellen für sie Aufenthaltsräume da, die zwar nicht vom Leben „auf der Strasse“ abgetrennt sind, aber doch im Gegensatz zu anderen Orten relativ sicher sind. Diese Personen versuchen immer wieder einmal, die Regeln auszutesten, sind aber auch schnell bereit, sich den Regeln, die sie getestet haben, unterzuordnen, um diesen Raum nicht zu verliehren. Ihr Interesse an der Bibliothek ist hauptsächlich der geschützte Raum.

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Personen die Bibliothek sehr gezielt zur Gestaltung ihres eigenen Lebens nutzen und zwar immer wieder ausgehend von ihrer sozialen Situation und den Zielen, die sie sich realistisch zu setzen bereit sind. Sie alle sind der Bibliothek gegenüber positiv eingestellt. Gleichwohl die Bibliothek ganz explizit keine Sozialarbeit betreibt, erfüllt sie für diese Personen eine soziale Funktion und zwar durch die offene Angebotsstruktur.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen (zumindest in der den Grossstädten und Metropolen) lässt sich lernen, dass die Interessen und Nutzungsweisen der Personen ohne festen Wohnsitz nicht mit so einfachen Modellen wie Zielgruppenanalysen oder einfachen Interviews zu erfassen sind. Die soziale Realität ist offensichtlich zu komplex. (Und gleichzeitig wirkt die Bibliothek als gesellschaftlich relevant positiv, ohne direkt daraufhin gestaltet zu sein.)

Forschungsdesign

Neben dem soziologischen Wissen, dass vor der Studie vorhanden war, nutzten die Forschenden ein grundsätzlich einfaches Forschungsdesign, welches allerdings eine relativ lange Forschungszeit und Offenheit für Beobachtungen und das sich Einlassen auf Situationen erforderte. Auf der einen Seite wurden Beobachtungen durchgeführt. Personen, die mehr oder minder auffällig waren und deren Verhalten in der Bibliothek wurden von einer Forschenden beobachtet und diese Beobachtungen in einem Forschungstagebuch eingetragen. Die Personen wurden so beschrieben, dass die Forschenden die Beobachtungen mehrere Tage zusammenfassen konnten; gleichzeitig waren die Personen anonymisiert.

Eine andere Forschende sprach im Verlaufe der Untersuchung Personen an, die beobachtet wurden und befragte sie, wenn diese zustimmten, in strukturiert-narrativen Interviews (also anhand eines Fragebogens durchgeführten Interviews, bei denen die Interviewten möglichst frei antworten konnten).

Die Auswahl der Personen, die beobachtet und interviewt wurden, bedurfte einer relativ grossen Beobachtungsgabe. Ansonsten wäre es zum Beispiel schwierig, Personen zu erkennen, die ihre soziale Situation gerade verstecken wollen. Sie bedurfte auch einiges an Fingerspitzengefühl bei den Interviews und den möglichst objektiven Beschreibungen der Beobachtungen, welches sich mit einer langjährigen Forschungspraxis erarbeitet werden musste.

Die Auswertung der Daten bedurfte ebenso einer grossen sozialen Offenheit. Die Einzelfälle durften nicht als reine (bedauernswerte) Einzelfälle betrachtet, aber auch nicht einfach subsumiert werden. Dabei half die soziologische Theoriebildung, auf die zurückgriffen wurde; welche die Forschenden bei der Zusammenstellung der Daten und Auswertung leitete, da sie nicht darauf angewiesen waren, einfach nur Daten zu berichten (etwas, was notwendig ist, wenn man ohne Theoriebildung einfach nur Umfragen macht), sondern in der Lage waren, Aussagen und Verhaltensweisen in ein Modell der gesellschaftlichen Nutzung von Bibliotheken als Ort und Infrastruktur zu integrieren, dieses Modell zu erweitern und aus diesem Modell Erklärungen für Verhaltensweisen abzuleiten.

Le Livre

Das Buch ist in einem eingängigen Französisch geschrieben. Zur Erläuterung der Ausführungen werden sowohl die Aufzeichnungen aus dem Beobachtungstagebuch als auch den Interviews angeführt. Weite Teile der Erklärungen bestimmter sozialer Ansichten werden überhaupt von Interviewaussagen getragen.

Paugam und Giorgetti sind beide sozialwissenschaftlich Forschende und halten sich deshalb auch erfrischend klar mit konkreten Handlungsanweisungen zurück. Während in deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl sehr schnell der Ruf nach einer Praxisanleitung erhoben würde – im Sinne von: Was genau soll die Bibliothek tun? Wo sind die abzuarbeitenden Checklisten? etc. – beschränkt sich die Studie darauf, zu beschreiben und verständlich zu machen. Dies gibt den Kolleginnen und Kollegen in Paris die Aufgabe, die Erkenntnisse der Studie selber zu interpretieren; dabei aber sind sie dazu aufgefordert, diese nachzuvollziehen, was ein sinnvolles Zurücktreten von der Praxisfrage erzwingt beziehungsweise ermöglicht und vor Augen führt, dass die gesellschaftliche Situation so komplex ist, dass sie mit einfachen Werkzeugen nicht zu bearbeiten ist. Gleichzeitig legt die Studie damit die Möglichkeit an, über den – wie schon gesagt sehr speziellen – Einzelfall der Bibliothek im Centre Pompidou hinaus etwas über die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken durch Personen in sozial und ökonomisch prekären Lagen zu lernen.

Bibliotheken für Menschen in Armut, lokale Ansätze

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 18. März 2012

Zu: Leslie Edmonds Holt ; Glen E. Holt (2010) / Public Library Service for the Poor : Doing All We Can. Chicago : American Library Association, 2010.

Von Karsten Schuldt

Würde im deutschsprachigen Bibliothekswesen ein Buch zum Thema „Bibliothekarische Dienste für Menschen in Armut“ publiziert, wäre das wieder nur ein Beispielsammlung (auch wenn sie „Best Practice“ genannt würde) oder aber irgendwer könnte sich nicht zurückhalten, ungeachtet des Inhalts das Buch gleich „Handbuch“ zu nennen und damit den Anspruch zu erheben, wirklich alles zum Thema zu sagen.

Glücklicherweise tun Leslie Edmonds Holt und Glen E. Holt weder das eine noch das andere. Genauer: Sie kritisieren, (more…)

Have and Have-Nots? (The New Digital Divide, I)

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 12. März 2012

Von Karsten Schuldt

Zu: Eubanks, Virginia / Digital Dead End : Fighting for Social Justice in the Information Age. — Cambridge, Massachusetts ; London, England : MIT Press, 2011 (978-0-262-01498-4).

 

Digital Dead End: Fighting for Social Justice ist vor allem ein Beitrag zu einer – längst notwendigen – Debatte um den New Digital Divide. Nicht die Frage allein, ob alle Menschen einen Zugang zu Digitalen Medien haben, sondern die Frage, wie diese Technologie für unterschiedliche Menschen funktioniert, welche Gesellschaft sie evozieren, welche Machtverhältnisse sie produziert und reproduziert (sollten) im Mittelpunkt dieser Debatte stehen. Oder anders: Wie Menschen Technologie nutzen, wie diese Nutzung von ihrer sozialen Position determiniert ist und was sie ihnen tatsächlich ermöglichen oder nicht ermöglichen kann. Gleichzeitig ist dieser Beitrag ein sehr US-amerikanischer. So schafft es die Autorin beispielsweise, über Armut, Rassismus und Geschlecht zu sprechen, ohne die Worte Klasse oder Schicht wirklich zu benutzen. Die postmoderne Sicht auf die Individuen, die der Autorin eigen ist, schafft es zwar, die individuellen Geschichten zu schreiben und Potentiale zu benennen; soziale Strukturen aber kann sie höchstens benennen, nicht wirklich kritisieren. Alle Veränderung, die sie beschreiben kann, ist individuell. Insoweit steckt die Autorin ganz offensichtlich in einem anderen emanzipatorischen Diskurs, als den europäischen. Das sollte bei einer Lektüre der Buches mit bedacht werden.

Ausserdem ist dieses Buch hochgradig politisch. (more…)

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 7 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 3. Juni 2011

„Ich nutze die Zeit und spreche mit einer Kundin [der Lebensmitteltafel] über ihren Weg zur Tafel. Eine Geschichte unter ähnlichen Geschichten. Einzigartig in ihrer Dramatik aus der Sicht der Erzählenden. Typisch aus der Sicht der Zuhörenden.“ (Selke, Stefan / Fast ganz unten : Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird. – Münster : Verlag Westfälisches Dampfboot, 2008, S. 148)

Eine der quasi-literarischen Figuren aus Berlin, mit der Hunderttausende von Schülerinnen und Schüler im Unterricht bekannt gemacht werden, ist Christiane F. Deren Lebensgeschichte die Gesellschaft hinab, über Babystrich und Drogenkonsum, ist selbstverständlich eine journalistisch und literarisch bearbeitete, aber gleichwohl eine, die auf der realen Situation im West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre basierte. Und die das Bild von Berlin mitgeprägt hat. Dabei ist Christiane F. Selbstverständlich über das Buch und den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zum Objekt sozialpädagogischer Erklärungen und Gutmenschtum geworden, ohne das den Menschen, die am Bahnhof Zoo angelangt waren, damit Hilfe zukommen zu lassen. Aber man kann Film und Roman fraglos zugestehen, das Thema der Straßenkinder und des Drogenmissbrauchs unter Jugendlichen in Deutschland sichtbar gemacht zu haben. Die Formulierung „Armut in einem reichen Land“ wurde erst einige Jahre nach dem Roman hauptsächlich durch die Armutsstudien, die von den Gewerkschaften und Sozialverbänden angeregt wurden, populär; aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, wenn in einem der wohlhabendsten Länder der Welt Jugendliche ziel- und zukunftslos auf der Straße leben müssen, wurde schon durch die Reportage zu Christiane F. und den Erfolg des Buches dominant.

Mit Christiane F. wurde auch der Bahnhof Zoo bekannter. Damals eigentlich der Eingangsbahnhof zum Zentrum Berlins – heute gibt es praktisch mit Zoo, Alexanderplatz und Potsdamer Platz drei Zentren – wurde es nun auch zum Symbol des gesellschaftlichen Absturzes. „Sich am Bahnhof Zoo rumtreiben“ wurde zum Synonym für ein gescheitertes Leben. Dies verhinderte nicht, dass der Bahnhof selber immer noch einer der wichtigsten Umsteigebahnhöfe Deutschlands und West-Berlins blieb (schließlich fahren hier nicht nur die Fernzüge ein und aus, sondern es kreuzen sich zudem zahlreiche Linien des Personennahverkehrs), aber es gab immer auch Versuche der Bahn, das Image des Bahnhofs zu verbessern. Immer wieder musste zum Beispiel die Stadtmission, die auf der Rückseite des Bahnhofs untergekommen ist, um ihre Existenz kämpfen, obgleich allen, die an der Mission vorbeikommen, sofort deren Notwendigkeit als soziale Einrichtung einsichtig wird. Hinter dem Bahnhof Zoo wird heute außerdem eine der zwei Berliner Obdachloszeitungen ausgegeben. Der „Babystrich“ existiert weiterhin, nur etwas weiter entfernt.

Die Bahn hat um das Image des Bahnhofs gekämpft und ihn beispielsweise massiv umgebaut. Heute ist er vollgestopft mit Einkaufmöglichkeiten und Imbissangeboten. Die Umgebung hat sich allerdings gegen die Bahn entwickelt. Sie hat einen gewissen sozialen Abstieg hinter sich, nachdem ihre Bedeutung als Zentrum durch die beiden anderen Zentren zurückging. Hat sich dies auf die Drogen- und Obdachlosenszene am Bahnhof Zoo ausgewirkt? Stefan Thomas hat diese Frage untersucht und dabei ein Jahr lang als Praktikant der Jugendhilfe am Bahnhof Zoo gearbeitet und geforscht. Um es kurz zu sagen: Die Szene hat sich zwar verändert, aber sie ist allen Verdrängungsversuchen der Bahn zum Trotz weiter existent. Armut lässt sich halt nicht mit Repression, Vertreibung und Stadtverschönerung bekämpfen, sondern nur mit einer sinnvollen Armutspolitik.

„Der Bahnhof ist […] zu einem Sammelplatz sozial desintegrierter Jugendlicher geworden. Die Lebenslage der jungen Menschen war schon vor dem Anschluss an die Bahnhofsszene von extremen Formen der Armut, sozialer Ausgrenzung und Isolation gekennzeichnet. Die jungen Menschen wissen aufgrund vorangegangener Ausschließungsprozesse schlicht um keinen anderen Ort, an den sie sich wenden könnten. Längst haben sie alle Perspektiven verloren, haben aufgrund von Problemen im Elternhaus keine Zuhause mehr, haben ohne Schulabschluss und Arbeitsstelle kaum eine Aussicht, ihren Status als Sozialhilfeempfänger jemals zu überwinden. Sie sind schlicht damit überfordert, in der modernen Gesellschaft ihren eigenen Platz zu behaupten. ‚Bahnhof Zoo‘ ist nicht die Endstation eines unverhofften Abrutschens in den Drogenkonsum. Vielmehr wird der Bahnhof die letzte Möglichkeit, um überhaupt noch irgendwo dazuzugehören und sozial eingebunden zu sein. Dagegen erscheint die Integration in die Gesellschaft aufgrund einer Vielzahl biographischer Brüche gescheitert.“ (Thomas, Stefan / Exklusion und Selbstbehauptung : Wie junge Menschen Armut erleben. – [Campus Forschung ; 946]. – Frankfurt ; New York : Campus Verlag, 2010, S. 12f.)

In seiner wirklich äußerst lesens- und empfehlenswerten Studie geht Thomas darauf ein, wie sich die aktuelle Szene am Bahnhof strukturiert. Eines der interessantesten Merkmale ist, das die Angst der Deutschen Bahn, die Obdachlosen-Szene könnte nicht nur ein negatives Image produzieren, sondern auch eine Gefahr darstellen, nicht zutrifft. Sicherlich muss die Bahn mit solchen Kleinigkeiten wie verdreckten Ecke hinten bei der Gepäckaufbewahrung kämpfen und Räume für Soziale Arbeit und Stadtmission zur Verfügung stellen. Aber angesichts dessen, dass die Bahn reichlich viel Geld von uns dafür einnimmt, uns nicht nur transportieren, sondern auch das Bild vieler Städte mit ihren eigenwilligen Architekturentscheidungen mitzuprägen, sollte sie – dass ist jetzt meine Meinung – auch ihre Verantwortung dafür tragen, den öffentlichen Raum Bahnhof auch für solche Sozialschichten zu verwalten und bereitzustellen, die ihn hauptsächlich als Aufenthaltsraum nutzen. Schließlich ist deren Armut ein Effekt der Gesellschaft, von der die Bahn als Firma lebt.

Die Obdachlosenszene am Bahnhof Zoo zumindest fällt nicht auf, wenn man nicht genau hinschaut. Sicherlich hat die Ironie der Bebauung den kürzesten Weg zur gemeinsamen Bibliothek von Technischer Universität und Universität der Künste vom Bahnhof direkt an der Stadtmission vorbei gelegt, so dass heute wohl mehr Studierende mit der gesellschaftlichen Realität Armut konfrontiert werden. Aber ansonsten gehen die Angehörigen der Szene im allgemeinen Treiben unter. Die Vorstellung, dass Obdachlose ungepflegt seien, bestätigt sich zum Beispiel nicht. Es gibt immer Ausnahmen, aber diejenigen, die nicht auf ihr Äußeres achten, sind auch in der Bahnhofsszene ausgeschlossen – außer, wie Thomas bemerkt, in Momenten, wo die Security gegen sie vorgeht. Dann kann es schon einmal zu Solidarisierungen kommen. Ebenso trifft die Annahme, obdachlos zu sein würde heißen, keine Wohnung zu haben, nicht zu. Obdachlose in Deutschland finden sehr wohl fast jede Nacht einen Platz zum Schlafen, in Notunterkünften, bei Bekannten, bei den wenigen Freundinnen und Freunden, die sie noch haben. Vielmehr ist Obdachlosigkeit durch einen ständigen Wechsel zwischen solchen unsicheren Wohnverhältnissen und dem unregelmäßigen, meist nur einige Monate währenden Zugang zu eigenen Wohnungen gekennzeichnet. Gerade Jugendliche, die der Szene am Bahnhof Zoo angehören, versuchen immer wieder, bei ihren zerrütteten Familien unter zu kommen, was aber – da sie ja zumeist nicht ohne Grund aus diesen Verhältnissen geflüchtet sind – sehr oft sehr schnell wieder scheitert.

Ansonsten verhalten sich die meisten Angehörigen der Szene unauffällig und auch unkriminell. Auch das konträr zum Bild der Obdachlosenszene in der Öffentlichkeit. Die meisten Menschen in Armut wollen dieser Armut auch wieder entkommen und halten sich, so möglich, an Vorschriften und Gesetze. Sicherlich ist der Drogenkonsum an sich kriminell, ebenso die Prostitution Minderjähriger, aber diese Formen der Kriminalität unterscheiden sich doch sehr von dem Bild der Gefahr, mit der die Szene am Bahnhof Zoo oft belegt wurde und wird. Wie wir in den letzten Monaten wieder leidvoll erfahren mussten, geht für die durchschnittlich sozial abgesicherten Mitglieder der Gesellschaft auf Bahnhöfen eine größere Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer durchschnittlichen Schul- und Berufskarriere aus, als von Obdachlosen oder Angehörigen der offenen Drogenszene.

Das die Menschen keinen wirklichen Ausstieg aus der Armut schaffen hat mehr mit der gesellschaftlichen Exklusion zu tun, als mit ihnen selber. Martin Kronauer (Kronauer, Martin / Exklusion : Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. – 2., aktualisierte Auflage. – Frankfurt am Main ; New York : Campus, 2010) hat die Exklusion als gesellschaftlichen Prozess in theoretischer Hinsicht beschrieben und – inklusive einer süffisanten Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns später Einsicht, dass entgegen den Grundannahmen der Systemtheorie Exklusion in modernen Gesellschaften vorkommt – auch im theoretischen Diskurs verankert. Thomas beschreibt sie auf basalerer Ebene, wobei ersichtlich wird, dass Exklusion gerade nicht durch relativ einfache Angebote – wie dem Zurverfügung-Stellen von Medien oder einem kostenlosen Zugang, wie es Öffentliche Bibliotheken oft als ihren Beitrag zur Minderung der Armut beschreiben – alleine zu bewältigen ist:

„Die jungen Menschen scheitern […] im Behördenalltag an der respektvollen Distanz gegenüber der Amtsperson, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Ansprüche durchzusetzen haben; an den Zeitungsinseraten, die sie nicht lesen können; an den rechtlichen, handlungspraktischen und sprachlichen Barrieren; an den institutionellen Funktionen und Rollen, die sich nicht beherrschen. Was angesichts der institutionellen Exklusion bleibt, sind die Marginalbereiche des Lebens, wo die Überlebenssicherung durch die unmittelbar vorfindlichen und ad hoc erschlossenen Möglichkeiten der sozialen Lebenswelt sichergestellt wird.“ (Thomas, 2010, a.a.O., S. 156f.)

Stefan Selke schreibt in seiner ebenfalls äußerst informativen Studie über die Lebensmitteltafeln in Deutschland, die nach Schätzungen immerhin rund eine Million Menschen in Deutschland regelmäßig mit Lebensmitteln und anderen Waren ausstatten, in seinen abschließenden Thesen, dass „[ü]ber die Tafeln [und ihre Funktion] nachdenken, heißt, politisch zu denken und zu agieren.“ (Selke, 2008, a.a.O., S. 216) Das lässt sich aber auf alle gesellschaftlichen Einrichtungen übertragen, die den Anspruch erheben, gegen Armut vorzugehen oder das Leben der Menschen in Armut einfacher zu machen.

Auch wenn es in Deutschland ein beliebtes Spiel ist, verbietet sich beim Thema Armut jeder Sozialexhibitionismus. Menschen in Armut sind keine Anschauungsobjekte, keine Subjekte, an denen Gutmenschen ihr Gutmenschentum auslassen dürfen, sondern Personen, die in einem reichen Land strukturell ausgegrenzt werden, und das oft auch für Krankheiten wie dem Alkoholismus, die in anderen Sozialschichten zu einer Therapie führen würden, nicht zur Ausgrenzung. Hier nicht im Bild des Bahnhof Zoologischer Garten sind also die sehr wohl um die Ecke in der anderen Eingangshalle und hinter dem Photographierenden auch um halb zwei Uhr Abends anwesenden Mitglieder der Bahnhofsszene. Wenige Stunden vor und nach diesem Bild war der Bahnhof bevölkert von Menschen, die in Berlin unterwegs waren, gerade ankamen oder wieder fuhren. Auch zum Bibliothekartag werden viele Besucherinnen und Besucher an diesem Bahnhof vorbeikommen. Egal, wie sehr die Bahn sich um das Image des Bahnhofs sorgte und wie hässlich sie ihn letztlich umgestaltete: Er ist einer der belebtesten Orte West-Berlins geblieben. Die Bahnhofsszene der Obdachlosen und Armen fällt nicht auf. (Nerven tun eher die Scientologinnen und Scientologen, die vor dem Bahnhof oft versuchen, Menschen für einen Besuch in ihrer in Laufnähe befindlichen Sektenzentrale anzuwerben. Deshalb starten vor dem Bahnhof auch die monatlichen Proteste gegen Scientology.)