LIBREAS.Library Ideas

Das Jahr 2011 in der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 31. Dezember 2011

Eine Rundschau von Ben Kaden

Zum Jahresende blickt man nicht selten auf Stapel von Publikationen, die durchzusehen man sich anschickte, es aber aus dem einen anderen Grund nicht mit dem gewünschten Erfolg umzusetzen verstand. Schichtarbeiter, zu denen ich zähle, neigen vielmehr sogar dazu, die Stapel mit den Jahren wachsen zu lassen. Dass man sie bei digitalen Publikationen nicht direkt materiell als Bürde des Unterlassens vor sich sieht, ist nur ein schwacher Trost.

Bevor ich nun mit der Aufschichtungstradition zu breche und 2012 mit einem leeren Tisch in einem frisch gelüfteten Raum beginne, möchte ich wenigstens stichprobenartig ein bisschen durch den virtuellen Haufen des bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Outputs tauchen und ein paar Nadeln herausheben, um sie als Pins in meine persönliche kognitive Karte des Fachs einzustecken. Die Auswahl ist notwendig voreingenommen und hoch selektiv.

Mir steht dabei die klassische Kennzahl – hoffentlich richtig – vor Augen, dass ein Wissenschaftler im Jahr ca. 1000 Aufsätze sichtet und etwa 100 liest. Und einen schreibt. An anderer Stelle wurde mir einmal vorgerechnet, dass man etwa 70.000 Seiten im Jahr lesen muss, um halbwegs auf dem aktuellen Stand der Wissenschaftsentwicklung zu bleiben. Im Terror dieser Werte gefangen arbeite ich mich wie die meisten meiner Peers durch einen nicht zu bewältigenden Berg an Publikationen und lege ab und an selbst noch ein drauf. Für die nachfolgende Rundschau habe ich in etwa das Jahrespensum eines Wissenschaftlers zusammengedampft. Mehr geht derzeit nicht. Für eine vollständige Durchsicht des Publikationsgeschehens eines Jahres müssten die Zeit zwischen den Jahren bzw. vielleicht sogar die Jahre bedeutend länger sein. Immerhin lässt sich für das nächste Jahr vornehmen, die Materialstapel gleich zeitnah vielleicht einmal im Monat zu bearbeiten und auf diesem Weg einen systematischeren Blick auf die bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Entwicklungen zu entwickeln. Dies würde auch dazu beiträgen, dem Referateansatz dieses Weblogs eine verlässlichere Form zu geben.

Selbstverständlich wäre es etwas unsinnig, den Zeitraum eines einzigen Jahres als repräsentative Eingrenzung für das Geschehen in einer Wissenschaft heranzuziehen. Zumal auf der Basis von Zeitschriftenpublikationen. Denn solche Beiträge stecken schon mal gern länger im Review- und Drucklegungsverfahren und stammen genau genommen oft bereits aus dem Vorjahr.

Wenn wir versuchen anhand der Zeitschriftenpublikationen des Jahres 2011 Trends für Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu ermitteln, ermitteln wir eigentlich, womit sich die Forschung 2010 beschäftigte. Andererseits sind die meisten der Beiträge tatsächlich erst irgendwann im Laufe des Jahres 2011 in unserer Aufmerksamkeit gelangt und haben unsere Forschungsperspektive daher in diesem Zeitpunkt auch erst beeinflussen können.

Die Wissenschaftskommunikation ist demzufolge ein stabil zeitversetzter Prozess, der, wenn man sich zum Beispiel die Entwicklung der Sozialen Netzwerke und ihrer gesellschaftlichen Rolle ansieht, immer einen Tick hinter einem allgemeinen Zeitgeist zu verorten scheint. Dafür ist die Perspektive weiter, denn der Leser sieht, wohin sein Tablet ihn tatsächlich trägt und liest drauf, was man im Sommer zuvor über eine mögliche Tragweite dachte. Wenn man Glück hat, gelingt aus dieser Lücke auf Seiten des Beobachters eine stimmige Extrapolation in die Zukunft.

Nachfolgend werden nun bar jedes Anspruchs auf Vollständigkeit stichpunktartig Kernaussagen, Trends, Erkenntnisse und Fakten zusammengestellt, die einige der Leitthemen und Haupttrends der internationalen Bibliotheks- und Informationswissenschaft des Jahres 2011 umreißen.

Lässt man die Lektüren des Jahres 2011 nun binnen einiger Nachmittagsstunden an Jahresendfeiertagen ihre Revue passieren, dann fällt für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Rückblick auf, dass es nicht unbedingt eine Disziplin der großen Durchbrüche, Erkenntnisexplosionen und Quantensätze handelt, sondern um ein Fach mit einerseits sehr heterogenen Themenstellungen und andererseits mit eher behäbigen Verschiebungen im Diskurs. Für die Wissenschaft dürfte das einem Normalzustand entsprechen: Die Paradigmenwechsel – sofern man an Kuhn glaubt – vollziehen sich natürlich dennoch und einige Tendenzen werden ich nachfolgend herausstellen. Aber wenigstens im Zeitschriftenbereich finden sich im gesichteten Korpus (besonders Journal of Documentation, Journal of Information Science, Journal of the American Society for Information Science and Technology, Knowledge Organization, Scientometrics) keine Leuchtturmpublikationen deren Strahlkraft geeignet ist, völlig neue Sichtweisen zu eröffnen oder wenigstens in eine deftige Wissenschaftskontroverse zu führen. Die Diskussionen zwischen Birger Hjørland (2011b, http://dx.doi.org/10.1177/0165551511423169) und Marcia Bates (http://dx.doi.org/10.1002/asi.21594) deuten immerhin an, dass etwas in dieser Art denkbar ist und wie es aussehen könnte. Und auch der Text von John Palfrey und Johnathan Zittrain (http://dx.doi.org/10.1126/science.1210737) als einer von wenigen interdisziplinären Ausreißern der Rundschau zu Science und Nature bestätigt eigentlich nur, dass unsere Disziplin notgedrungen ein Fach des Digitalen ist.

Um diese Aussage gleich wieder einzuschränken muss nochmals unbedingt auf die Subjektivität von Auswahl, Deutung und Schwerpunktsetzung verwiesen werden. Die Zusammenfassung schließt vorwiegend solche Quellen ein, die ich persönlich benutze, um mich ein wenig auf dem Stand des Forschungs- und Erkenntnisverlaufs in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu halten. Eigene Lektüreinteressen spielen bei der konkreten Titel- und Artikelauswahl keine geringe Rolle. Es kann also durchaus sein, dass ich den das Paradigma umstoßenden Beitrag schlicht nicht gesehen und/oder nicht als solchen erkannt habe. Berücksichtigt wurde zudem in diesem Fall ausschließlich Zeitschriftenliteratur (mit einer persönlichen Ausnahme, die eigentlich in der LIBREAS-Ausgabe 19 als Aufsatz erscheinen sollte…). Nach einen kurzen Zusammenfassung der Haupttrends werden einzelne, in meinen Augen notierenswerte Erkenntnisse, Einsichten, Positionen und Fakten in Form von Stichpunkten zwar grob geclustert, im Übrigen jedoch soweit als möglich neutral und unkommentiert abgebildet. (more…)

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 29 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 12. Mai 2011

Vor Jahren einmal, 2001 um genau zu sein, trat Frank Steffel für die Berliner CDU als Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl an. Das war und ist niemals eine gute Idee. Zwar dominiert die CDU in einigen Berliner Bezirken, aber die Regierung des Bundeslandes wird seit Jahren unter SPD, Linkspartei und Grünen ausgemacht. Für die im September 2011 anstehende Wahl lautet die Frage, ob Klaus Wowereit weiter Oberbürgermeister bleibt und wer aus der Linkspartei dann sein Vize wird oder aber, ob die Grünen es schaffen, die Regierung des zweiten Bundeslandes zu übernehmen. Das die CDU auch einen Bürgermeisterkandidaten hat, wird noch nicht mal wahrgenommen.
Dennoch war Frank Steffel einigermaßen medial präsent. Es war klar, dass er nicht gewinnen würde, aber er führte – im Gegensatz zu seinem heutigen Gegenstück, dessen Namen noch nicht einmal präsent ist – einen wahrnehmbaren Wahlkampf, der in gewisser Weise Miefigkeit und ein gewisses Verständnis der Großstadt miteinander verband. Die CDU in Berlin sah unter Steffel nicht aus, wie eine moderne Partei, aber doch wie eine, die bei aller Miefigkeit dem Rest der Metropole seine Metropolenhaftigkeit gelassen hätte.

Einer der prägensten Auftritte Steffels fand allerdings gar nicht in Berlin statt. Er besuchte damals das Oktoberfest in München und trat dort mit einer Rede auf, in welcher er unter anderem sagte, dass München die schönste Stadt Deutschlands wäre. Eine Verbeugung vor der Stadt, in der er sich gerade befand, könnte man sagen. Später änderte er seine Aussage und beharrte darauf, dass Rothenburg ob der Tauber die schönste Stadt wäre. Eine relativ nachvollziehbare und clever Aussage. Wer war schon je in Rothenburg ob der Tauber und könnte deshalb widersprechen? Zudem: diese Stadt hat ihren mittelalterlichen Habitus erhalten, gliedert sich in die Landschaft ein und bietet tatsächlich einige atemberaubende Anblicke. Selbst, wenn man andere Städte schöner findet, konnte man nachvollziehen, das jemand wie Frank Steffel, kleinständischer Unternehmer im Bereich Raumausstattung und ehrliche Haut, der für seine Partei einen von vorne herein verlorenen Wahlkampf führte, einfach weil es jemand machen musste nach dem Berliner Bankenskandal, Rothenburg ob der Tauber schön findet. Das war ehrlich, genauso wie seine Äußerung in München für den Anlass passend war.

Allerdings: die Boulevard-Presse in Berlin, die eigentlich der CDU nahe steht und selbst bei Bürgerentscheiden, die von vorne herein verloren sind, die CDU-Position stark macht – genau diese Boulevard-Presse machte aus Steffels Äußerungen einen Skandal. Wie könnte es sein, wurde in Berliner Kurier, B.Z. und Bild Berlin gefragt, dass jemand Oberbürgermeister in Berlin werden will, aber diese Stadt nicht liebt? Dabei wurde Liebe mit der Einschätzung gleichgesetzt, dass diese Stadt die schönste Stadt überhaupt sei, was ein sehr naives Verständnis von Liebe ist.

Und hier musste man tatsächlich einmal die Seite Steffels einnehmen: Niemand muss Berlin schön finden. Um ehrlich zu sein ist Berlin über weite Strecken hässlich, anmaßend und größenwahnsinnig. Nicht zu vergessen alt, geschichtsvergessen und unmodern, gleichzeitig voller architektonischer Sünden. Baustellen, Investionsruinen, Provisorien prägen die Stadt, ebenso ist die Kunst an den Häusern verbreitet. Dagegen haben auch die ganzen Investionsprogramme nicht geholfen. Zwar sieht die Stadt in einigen Bezirken kurz besser aus, aber auch nur, um in anderen Bezirken wieder hässlich zu sein. Zumal Investionsprogramme immer auch Investionsruinen hervorbringen, die dann wieder das Gesamtbild stören. Wer immer etwas anderes behauptet, sieht offenbar nicht richtig hin. Würde sich jemand zu der Behauptung versteigen, Berlin sei die schönste Stadt Deutschlands – wie es damals die Berliner Boulevard-Presse tat –, dann sollte diese Person von allen öffentlichen Ämtern ferngehalten werden. Sie lebt dann in einer anderen Realität. Vielleicht ist dies eine nette Realität, aber keine, mit der man Verantwortung für stadtpolitische Entscheidungen haben sollte. Diese Realität wäre einfach zu weit von der realen Stadt Berlin entfernt. Insoweit hatte Steffel recht, als er andere Städte als schöner als Berlin bezeichnete.

Allerdings ist es ja gerade nicht Schönheit, die man in Berlin sucht, sondern Anregung, Improvisation, Ausprobieren und ein Nachdenken über Potentiale. Das Unfertige, gar Gescheiterte ist immer ein interessanterer Spielplatz, als das Alte, dass zwar seine Form gefunden hat, aber sich auch nicht verändert. Rothenburg ob der Tauber mag schön sein und es gibt Menschen, die gerne dort sind, was auch ihr gutes Recht ist – aber Berlin ist einer der Orte, wo Eigentümlichkeiten und Möglichkeiten, Kunst und Improvisation, Zentren des Denkens und des Drecks aufeinander stoßen. Unfertig wie das Denken und so selbstbewusst voran tastend, wie die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die wir uns nicht nur bei der frei<tag> erhoffen.
Dabei sollte man sich nicht täuschen: auch das Unfertige hat schön Momente; solche, in denen man sich bestätigt fühlt, in denen man weiß, dass man nicht alleine ist, dass alles auch besser werden kann oder zumindest anders. Baustellen und temporäre Nutzungsweisen, die Oberbaumbrücke morgens um fünf, wenn man aus dem Watergate stolpert oder dem Trickster oder anderen Clubs, verlassene Flugplätze, die man umdefiniert – das steht eher für das wilde Denken, welches wir uns für die Unkonferenz wünschen, als die Urlaubshaltung, die einen in Rothenburg ob der Tauber erfasst. Urlaub, das ist praktisch Alltag.