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LIBREAS Call for Papers LIBREAS #24: Zukünfte

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Call for Papers by libreas on 1. Juli 2013

Update: Wir haben auf mehrfache Bitte den Redaktionsschluss bis zum 14.02.2014. verlängert. 

„Der Bibliothekar muß Kritiker und Architekt sein – Zerstörer des Veralteten und Bildner seiner eigenen Zukunft.“ (Stummvoll, 1965, 26)

„So besehen ist die Frage nach der Zukunft der Bibliothek im Kern die Frage nach der Zukunft der Druck- und Schriftkultur.“ (Gradmann, 2005, 99)

„Die Bibliothek des späten 20. Jahrhunderts, wie wir sie kennen, wird uns 2050 nicht mehr begegnen.“ (Kaden, 2006, 43)

Was ist es eigentlich, dieses Verhältnis zwischen Zukunft und Bibliothek? Ist es ein gesundes? Die Zukunft ist, seit die Moderne begonnen hat, immer gleich um die Ecke, immer Bedrohung und Verheißung zugleich, als greifbarer Fortschritt oder als möglichst zu vermeidende Apokalypse. Die Zukunft treibt Entwicklungen, man strebt ihr entgegen oder fürchtet sie. Die Zukunft war die virtuelle Sphäre des Handelns bevor wir dem Cyberspace eine www-codierte Form gaben. Sie ist motiviert aus den Unzulänglichkeiten des Heute, sie ist ein Versprechen, bisweilen auch eine Wette. Und sie ist vor allem: ungewiss und unvermeidlich.

Aus vergangenen Zukünften

Die Deutsche Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen schrieb 1928 auf dem Höhepunkt des Richtungsstreits:

„Die deutsche öffentliche Bücherei steht an einem entscheidenden Wendepunkt ihrer Entwicklung. Große neue sachliche Arbeitsbereiche, mit deren Bewältigung erst die volkstümliche Bücherei ganz zu sich selbst kommen wird, haben sich aus einem dreißigjährigen Arbeitsgang herauskristallisiert, zugleich aber geht die volkstümliche Bücherei im Zusammenhang mit Davesplan und Kulturabbau der Gemeinden, schweren elementaren Existenzkämpfen entgegen. Will sie die sachliche Arbeit ersprießlich leisten und die Existenzkämpfe erfolgreich bestehen, dann bedarf sie in sich selbst eines großen Maßes von Festigkeit und Einheit. Hieran fehlte es in den letzten Jahrzehnten der volksbüchereipolitische Kämpfen […].“ (Deutsche Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen 1928, V)

Die Terminologie ist vielleicht eine andere, die Problemstellung leicht anders (obwohl: es geht um Geld und darum, dass alles schlechter wird), die Empfehlung ist vielleicht etwas anrüchig geworden. Aber die Struktur der Argumentation lässt sich so oft finden, wenn es um die Frage der Zukunft von Bibliotheken geht.

Gleichwohl wissen wir als Bibliothekswesen schon lange, dass es so, wie es vorhergesagt wird, nicht unbedingt kommen wird:

„Wir wissen nicht und können es auch nicht wissen, wie die Bibliothek der Zukunft aussehen wird, Prophezeien ist eine schwere und ungewisse Sache; wir können uns daher mit diesem Problem nur mit einem recht unbestimmten Grad von Wahrscheinlichkeit befassen.“ (Stummvoll 1965, 1)

Nicht zuletzt wissen wir, dass das, was wir heute als drängende Frage stellen, in kurzer Zeit ein veraltetes Thema sein kann. Die Fragestellungen einer bibliothekarischen Konferenz 1977 lauteten zum Beispiel:

”1. First of all, do we want, do we need computerised information services?

2. If so, what kind of service should we have?

3. Where should it be located?

4. What will it cost?

5. Finally, how should it be paid for?“ (Fleming 1977, 3)

Heute haben wir für die meisten dieser Fragen klare Antworten.

Zugleich drängt sich, je länger je mehr, auch ein Verdruss auf, wenn es um die Frage nach der Zukunft der Bibliotheken geht: Wiederholt sich nicht einfach alles immer wieder in leicht verschobener Terminologie? Ist es nicht so, dass eher die Bibliotheken getrieben werden, statt dass sie selber ihre Zukunft bestimmen? Ist die Diskussion um die Zukunft nicht eine zeitlose und lästige Debatte? Sollten wir nicht lieber eine ewig währende Gegenwart annehmen, in der wir uns auf Umweltentwicklungen hin optimieren? Wäre dies nicht der realistischere Weg?

Leptolepis

Was von den Gegenwarten bleibt ist bisweilen nur ein Abdruck. Da kann man noch so weiterbildungsbewusst und/oder biegsam sein – und soweit unsere paläo-ichthyologischen Grundkenntnisse reichen, schwärmte dieser Leptolepis sogar einmal in einer Schule (in Mittelfranken). Irgendwann in ferner Zukunft zeigt sich selbst der dickste Fisch des jeweiligen Präsens nur als ein Schatten, wie zufällig auf einer Schiefertafel gehoben. Der Kalkstein ist übrigens tatsächlich nicht nur für ein einschlägiges Jurastudium relevant. Sondern er war auch das Material, das Alois Senefelder für seine Flachdruckplatten nahm. So zeigt sich, dass sowohl die Erdgeschichte seit Ur-Garnelen-Zeiten wie auch die Steindruckkultur seit etwa 1800 aus dem selben Stoff geschnitten sind. Dass die Knochenfische mit einem dezidierten Zukunftsbewusstsein durch ihre Meereswelten schwammen und schwimmen scheint aus menschlicher Sicht unwahrscheinlich. Denn der Mensch hat die Zukunft erfunden und zwar hauptsächlich für sich. Als Konstruktionsmaterial bleiben ihm dafür zwangsläufig nur die Spuren der Vergangenheit. Beziehungsweise die Spuren vergangener Zukünfte. Eine schöne Eigenschaft von bestandsorientierten Bibliotheken (nach manchen Diskursen eine aussterbende Spezies) ist bekanntlich, dass sie diese Spuren (auch für die Zukunft) nachvollziehbar halten. Sie sind mit dieser Eigenschaft das Solnhofen unserer Kulturgeschichte. Beiträge zu dieser Facette von Zukunft in der Bibliothek sind für LIBREAS #24 selbstverständlich hoch willkommen. Vielleicht auch, damit eines Tages die Fachleute der digitalen Archäologie auf einer Partition eines e-doc-Servers auf Spuren von Kopf und Rückgrat stoßen, die einen ganz  besonderen Horizont der Geschichtlichkeit der frühen Digitalkultur nachverstehbar machen.

Die Zukunft der Zukunft

Schwierig wird es dann, wenn dies dazu führt, dass sich die Daseinsform selbst auflöst. Man benötigt Distanz, um die eigene Situation, die eigenen Möglichkeiten mit dem eigenen Wunschbild abzugleichen. Alles Konkrete eines Blicks in die Zukunft mag falsch sein. Aber sie gibt uns die Möglichkeit zum distanzierten Blick.

Daher kommen wir um die Zukunft nicht herum. Wir wissen, dass wir nicht wissen können, was morgen sein wird. Aber wir können uns verständigen, was wir morgen sein wollen. Und danach handeln.

Wie wird die Bibliothek der Zukunft sein? Wird in Zukunft noch eine Bibliothek sein oder werden wir von anderen Dingen sprechen? Was wird die Bibliothek beerben? Wird sich überhaupt etwas verändern in naher oder weiter Zukunft? Werden die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich ändern? Welcher Gestaltungsspielraum bleibt? Und wenn, wer wird für die Bibliotheken sprechen? Wollen überhaupt wirklich alle in eine (ähnliche) Zukunft? Und wie entwickelt sich die Spannung in der Gleichzeitigkeit von Innovationsanspruch und dem Luxus (scheinbarer) Anachronismen, die je größer scheint, je größer die Einrichtung ist?

In der Ausgabe # 24 möchte die LIBREAS die Zukunft in die Gegenwart (dieser Ausgabe) holen und ruft deshalb dazu auf, Artikel (oder andere Beiträge) zu den Fragen der Zukunft der Bibliotheken, der Medien und aller damit zusammenhängender Themen, Gebiete und Institutionen einzureichen. Als Fragestellungen drängen sich auf:

  1. Fragen der erwartbaren Zukunft. Was können wir nach all den vorhergesagten Veränderungen, die dann doch nicht eintrafen und den Veränderungen, die eintraten, ohne dass sie vorhergesagt wurden, tatsächlich über die Zukunft und die Bibliotheken sagen? Was werden ihre Funktionen sein? Was wird das Personal tun? Wie werden die Gebäude aussehen? Wie wird die Bibliothek heißen?
  2. Wie verstrickt ist die Zukunft der Bibliothek in die Zukunft der Medien-, Kommunikations- und Wissenskulturen?
  3. Welche Zukünfte sind wünschenswert? Und welche nicht? Ist es sinnvoll, über die Zukunft zu reden, wenn die Gegenwart nicht greifbar ist?
  4. Wer oder was ist es eigentlich, dass die Zukunft der Bibliotheken bestimmt? Welche Interessen werden umgesetzt? Wieso? Wie? Wie kann man dies unter Umständen verhindern, ändern, fördern?
  5. Welche Zukünfte prägten die Vergangenheit? Was wünschte man sich, was traf ein, was blieb aus?
  6. Welche Zukunft haben die Wissenschaften, in denen die Bibliothek, ihre Prozesse, Aufgaben und Rollen analysiert werden? Und wie gestalten diese Bibliotheks-, Informations- und Kulturwissenschaften die Zukunft der Bibliotheken?
  7. Bibliotheken und Science Fiction. Nicht zuletzt ist auffällig, dass gute Science Fiction so gut wie nie ohne Bibliotheken oder Informationssysteme auskommt. In Solaris trifft Kris Kelvin wichtige Entscheidungen in der Bibliothek, der Anhalter durch die Galaxis ist direkt eine Community Publication und in Star Trek ist der Computer, welcher offensichtlich eine semantische Maschine darstellt, grundlegend wichtig. Wieso eigentlich ist es offenbar so schwierig, sich eine Zukunft ohne Bibliotheken vorzustellen?

Die LIBREAS begrüßt alle Versuche, sich diesen Fragen zu stellen und freut sich auf Einreichungen zum Thema. (Einreichungen zu anderen Themen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft und des Bibliothekswesens sind ebenso erwünscht.) Hinweise zur Einreichung finden sich unter http://libreas.eu/authorguides/, Deadline für die Ausgabe # 24 ist der 30.10.2013 14.02.2014.

LIBREAS-Redaktion

(Berlin, Bielefeld, Chur, Mannheim, Potsdam)

Literatur

Deutsche Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen (Hrsg.) (1928) / Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen volkstümlichen Bücherei. – (Schriften zur Büchereifrage). – Leipzig: Verlag von Quelle & Meyer.

Flemig, M. G. (1977) / Introduction by Professor Fleming, Pro-Rector Imperial College. In: Conference on the Future Role of Computerised Information Services at the University of London : 25 January 1977 ; Proceedings. – London: Resources Co-Ordinating Committee, University of London, S. 5.

Gradmann, Stefan (2005) / Hat die Bibliothekswissenschaft eine Zukunft? In: Hauke, Petra (Hrsg.) Bibliothekswissenschaft – quo vadis? – München: Saur, 2005, S. 96-102.

Kaden, Ben (2006) / Gegenwart, Zukunft und Ende der Bibliothekswissenschaft. In: Hauke, Petra; Umlauf, Konrad (Hrsg.) Vom Wandel der Wissensorganisation im Informationszeitalter. – Bad Honnef: Bock+Herchen, S.29-48.

Stummvoll, Josef (1965) / Die Bibliothek der Zukunft : Automationsprobleme im Bibliothekswesen. – (Biblios-Schriften ; 42). – Wien: Österreiche Nationalbibliothek.

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Call for Papers: Forschungsdaten, Metadaten, noch mehr Daten. Forschungsdatenmanagement

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. Dezember 2012

Call for Papers für die LIBREAS-Ausgabe #23
Thema:
Forschungs- und andere Daten sowie ihre Organisation und Rolle in Bibliothek und Wissenschaft
Einreichungsfrist: bis 31.05.2013 14.07.2013 19.08.2013
gewünscht sind: Beiträge, die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Daten und Bibliotheken reflektieren, annotieren, dekonstruieren und/oder analysieren
disziplinäre Einschränkungen: keine
Rückfragen: redaktion@libreas.eu

„Eine Forschung, die zunehmend durch die kooperative Tätigkeit weltweit vernetzter Communities und durch den Einsatz Computerbasierter Verfahren bestimmt ist, erfordert nun einmal die kontinuierliche und vor allem langfristige Verfügbarkeit von Publikationen und Forschungsdaten über das Internet. Nicht nur die Notwendigkeit, Forschungsergebnisse durch den Rückgriff auf die diesen Ergebnissen zugrunde liegenden Daten verifizieren zu können, sondern auch die produktive Nachnutzung von Forschungsdaten in anderen Kontexten setzt voraus, dass digital kodierte Information über Jahrzehnte hinweg authentisch verfügbar bleibt.“ (Matthias Kleiner. Vorwort. In: Heike Neuroth et al. (2012), S. 9)

„Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb.“ (Kurt Tucholsky. In: Neue Leipziger Zeitung, 19.08.1930)

 

Wissenschaft produziert heute neben Erkenntnis vor allem immense Datenmengen. Die enorme Steigerung beruht in erster Linie auf der Entwicklung und Verfügbarkeit von Technologien zur Datenproduktion und -verarbeitung. leistungsstärkere Rechner und Messgeräte produzieren und vernetzen immer mehr Daten. Wo viele Daten sind, kommen fast naturgesetzlich immer noch mehr hinzu. Die Datenmengen, eines  Large Hadron Collider (LHC) in Genf sind derart umfangreich, dass sie nicht einmal mehr an einer zentralen Stelle gespeichert werden können, sondern auf das LHC Computing Grid verteilt werden müssen. Aber auch im Alltag entstehen immer mehr Daten „nebenher“, beim Surfen im Netz, beim Chatten, beim Taggen von Dateien usw. Nahezu jeder Klick erzeugt auch neue Daten.

Die Entwicklung führt zu umfassenden Änderungen der Wissenschaft, ihrer Methoden und besonders den Anforderungen an ihre Werkzeuge sowie an die Wissenschaftsinfrastrukturen. Datenintensive Forschung braucht angemessene Hilfsmittel. Physikerinnen und Physiker, die mit Daten aus LHC-Experimenten arbeiten wollen, müssen lernen, Daten aus dem Grid zusammensammeln und auszugeben. Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die theoretische Modelle zum Zusammenhang von Hochschulsystem und Städteplanung über mehrere Staaten hinweg testen wollen, können dafür auf eine umfassende Datenlage zurückgreifen. Sie müssen aber diese kennen, finden und weiterverarbeiten können.

Angesichts dieser empirischen Wende könnte das Testen theoretischer Modelle bald der Vergangenheit angehören. Jim Gray formulierte die These, dass wir in die Zeit des vierten Forschungsparadigmas eintreten würden. (Hey, Tansley & Tolle, 2009) Die Forschungsdatenbestände würden zu groß werden, um überhaupt noch anders als mit explorativer Statistik, also einer Art Datenhermeneutik, auswertbar zu sein. Ob dies für alle Wissenschaften zutrifft, ist offen.

Folgerichtig wird die Bedeutung von langfristig und offen verfügbaren Forschungsdaten für den Forschungsprozess immer stärker betont. Man entwirft Systeme, die die Reputation einer Forscherin, eines Forschers an die erstellten Daten binden sollen. Diese Diskussion überdeckt eine andere Wahrheit: Immer noch sitzen die Theologinnen und Theologen an ihren Schreibtischen und produzieren nicht viel mehr Daten als in den Jahrhunderten zuvor. Sie benutzen aber möglicherweise zunehmend digital vorliegende Quellen. So geht es vielen Disziplinen: Einige, wie die Physik oder die Klimaforschung, erzeugen permanent riesige Datenmengen. Bei anderen ist vielleicht nicht das Wachstum der eigens produzierten Datenmengen überwältigend. Wohl aber die Zahl der durch die Digitalisierung direkt abrufbaren Datenbestände. Um diese ordentlich zu nutzen, sind adäquate Erschließungs- und Vermittlungsverfahren sowie Werkzeuge notwendig.

Wie soll Forschungsdatenmanagement funktionieren? (more…)

Call for Papers / Ausgabe #22 Recht und Gesetz

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 24. Oktober 2012
[ Call for Papers #22 als PDF]

von Redaktion LIBREAS – Ausgabe #22 von LIBREAS

Call for Papers Recht und Gesetz
Das als Gesetz und Verordnung kodifizierte Recht zieht in das gesellschaftliche Leben Grenzen ein. Damit setzt es die Vorbedingungen des Zusammenlebens und gibt den Individuen und Institutionen Orientierung für ein – in diesem Bezugsrahmen – normativ richtiges Handeln. Es kann Macht zuteilen oder aberkennen. Obwohl die Gesetze selber einer ständigen Kritik unterliegen, die Umsetzung der Gesetze und Verordnungen ebenso als Quelle der Friktionen bekannt ist und gegen die meisten Gesetzgebungsverfahren der Einwand erhoben wird, nicht ausreichend transparent zu sein: Bibliotheken, Informationseinrichtungen, Dienstleister im Informationsbereich, die bibliotheks- und informationswissenschaftliche Forschung können diesen Rahmen nicht verlassen. Sie wollen es gar nicht, wenngleich insbesondere das Urheberrecht politischem Druck ausgesetzt ist, welcher zum Teil auch vom Bibliotheks- und Informationswesen getragen wird.
Aber was genau heißt in der Bibliothekspraxis, das Gesetz nicht zu übertreten? Wie sieht der Raum, den das Gesetz für die Informationspraxis umreißt, eigentlich genau aus? Was darf getan werden und was nicht? Wie unterscheiden sich diese Räume im internationalen Rahmen? Repräsentiert das Recht die gesellschaftlichen Anforderungen an Informationsnutzung? Sollten die Gesetze, insbesondere – sofern vorhanden – Bibliotheksgesetze, aus Sicht der Informationseinrichtungen und ihrer Akteure, geändert werden? Wie sollten sie aussehen? Damit möchte sich die LIBREAS Ausgabe #22 beschäftigen. Uns interessiert zudem die Frage, wie Bibliotheken und Informationseinrichtungen eigentlich mit den möglichen Grenzen des Gesetzes umgehen? Wie verhindern sie ungewollte Übertretungen? Was tun sie, wenn sie doch solcher angeklagt werden? Oder sind sie, wie ihnen manches Mal vorgeworfen wird, viel zu vorauseilend und nehmen sie sich damit selber Rechte weg? Übertreten sie zum Teil die einen Rechte – zum Beispiel ihrer Nutzerinnen und Nutzer – um andere Rechte – zum Beispiel die der Content Provider – zu weitgehend durchzusetzen?
Nicht zuletzt erheben insbesondere Bibliotheken innerhalb des Diskurses „Informationskompetenz“ immer öfter den Anspruch, ihre Nutzerinnen und Nutzer dazu anzuhalten, die Rechte aller Beteiligten am Produktionsprozess von Medien zu achten. Was ist damit eigentlich gemeint? Ist das überhaupt sinnvoll und berechtigt? Sollen Bibliotheken das tun oder ist das nicht, wenn überhaupt, Aufgabe dieser Beteiligten alleine? Sollen Bibliotheken Piraten sein, sollen sie die Interessen von Verlagen und Labeln vertreten, von Künstlerinnen und Autoren oder radikal die der Nutzerinnen und Nutzer? Oder sollen sie ganz und gar neutral bleiben?
Zuletzt drängt sich auf, dass Informationseinrichtungen und Bibliotheken als Infrastruktur gerade im Prozess der Rechtsprechung relevant sind. In Gerichten und Kanzleien sitzen, zumeist verteilt und als One Person Libraries organisiert, Kolleginnen und Kollegen und tragen dafür Sorge, dass die rechtlichen Prozesse geführt werden können. Ebenso werden gesetzgebende Institutionen von Kolleginnen und Kollegen direkt unterstützt. Während ihre Arbeit offenbar im Gegensatz zur (medizinischen) Autopsie nicht cool genug für Fernsehserien sind – warum eigentlich? – würden wir uns freuen, wenn einmal ein Licht auf sie und ihre verantwortungsvolle Arbeit geworfen wird.
Wir rufen dazu auf, insbesondere aus der Praxis – egal ob in den Einrichtungen und bei der informationsbezogenen Arbeit, als auch aus der politischen und gesetzgeberischen Praxis – zum Themenbereich Recht und Gesetz Beiträge für die nächste Ausgabe der LIBREAS einzureichen. Dem Thema entsprechend werden sie hoffentlich kritisch und reflexiv sein. Wir freuen uns auf spannende Diskussionen, Berichte aus der Praxis und widerstreitende Positionen.

Redaktionsschluss für die LIBREAS #22 ist der 31. Januar 2013. Für Einsendungen oder weitere Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktion LIBREAS (redaktion@libreas.eu) oder einzelne Redakteurinnen und Redakteure (www.libreas.eu/formal/impressum.htm).

Redaktion LIBREAS
(Berlin, Bielefeld, Chur, Mannheim)

Call for Papers / Call for Pictures LIBREAS #21: Bilder, Graphen, Visualisierungen

Posted in LIBREAS Call for Papers by libreas on 19. März 2012

[Call for Papers / Call for Pictures # 21 als PDF]

von Redaktion LIBREAS

Bilder, Graphen, Visualisierungen – Ausgabe #21 von LIBREAS

Call for Papers / Call for Pictures

Platon schlug in seinem Liniengleichnis eine Trennung des Wahrnehmbaren von der Erkenntnis vor. Die gegenwärtige Wissenschaftspraxis tritt dagegen ganz gern über den Strich und benutzt das visuell Wahrnehmbare gern als Erkenntnismethode.

Entsprechend erweisen sich Bildtechniken heutzutage in vielen (natur-)wissenschaftlichen Gebieten für die Wissensproduktion und -darstellung als unerlässlich. In der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist zunächst die Übersetzung von Daten aus dem Umfeld der Wissenschaftskommunikation in verschiedenartige diagrammatikalische Darstellungsweisen zu beobachten. So schlug Derek de Solla Price 1965 in seinem Aufsatz Networks of Scientific Papers vor, die Beziehungen zwischen bibliographischen Referenzen für die Bestimmung von Forschungsfeldern heranzuziehen. Dieser Ansatz markiert vielleicht nicht die Geburtsstunde, wohl aber ein maßgebliches Multiplikationsmoment des Wissens darüber, wie die Visualisierung von Relationen einen Zugewinn an Einsicht mit sich bringen kann.

Stellte man dabei zunächst die Verbindung zwischen wissenschaftlichen Aufsätzen über Referenzen als symmetrische Matrix dar, gewann später die Übertragung der Anordnung der Matrizen als Netzwerkdiagramme für die Beantwortung übergreifender bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Fragestellungen an Bedeutung. Solche Verfahren beschränken sich nicht mehr nur auf bibliographische Daten, sondern vernetzen diese wiederum mit weiteren Datentypen. So entstehen neue Formen der Messung von Rezeption und Zitation wissenschaftlicher Literatur.

Zudem sind Bilder, Graphen und die Beschreibungen ihrer Produktion Sammlungsgegenstände von Bibliotheken und Informationseinrichtungen. Waren die Sammlungen zunächst auf die Objekte orientiert, erlaubt ihre Überführung in das Digitale neue Formen der Darstellung, Erschließung und Rezeption auch des Erstellungs-, Be- und Verarbeitungsprozesse. Die Objekte (oder auch Dokumente) werden geöffnet, durchdringbar, in gewisser Weise digital transzendiert und verschmelzen in der radikalsten Interpretation mit anderen Objekten und Nutzungen zu einem unablässigen Strom von Datenprozessen, bei denen die Festlegung „Das ist ein Dokument“ willkürlich möglich und also neu zu definieren ist.

Für besonders auf Bilder gerichtete Wissenschaftsdisziplinen, wie beispielsweise die Kunst- und Bildwissenschaft, entwickeln sich Werkzeuge und Methoden, welche die auf Erkenntnis gerichtete Auseinandersetzung mit Bildern technisch unterstützen, mit weiteren Sammlungen verknüpfen und ebenfalls zu Öffnungen der Forschungsfragen sowohl quantitativ wie auch qualitativ nach sich ziehen. Im Großen wie im Kleinen entstehen unzählige Varianten, neue Verknüpfungen sowie deren Abbildungen.

Stadtplan

Eine Urform der Visualisierung ist die Landkarte. Eine spätere Abwandlung der Stadtplan. Und in diesem Fall handelt es sich sogar um einen Stadtplanungsplan.

In der LIBREAS-Ausgabe #21 möchten wir uns dem vorangehend Skizzierten wie gewohnt in möglichst offener Form widmen. Wir schlagen daher eine thematische Dreiteilung des Themenfeldes vor:

1. Für den Bereich der „Theorie“ wünschen wir uns Beiträge, die Anschlüsse zwischen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sowie dem sich stark institutionalisierenden Feld der „Bildwissenschaft(en)“ diskutieren. Sie hinterfragen mit ihrem multidisziplinären Werkzeugkasten, grob gesagt, die Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen von Bildern, womit sich die Frage nach Integrationsmöglichkeiten der Theorien, Methoden und Ergebnisse in die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ergibt. Ben Kaden wies im letzten Sommer in einem Beitrag für das LIBREAS.Weblog beispielhaft auf eine Gemeinsamkeit zwischen Bild- und Bibliothekswissenschaft hin: „Konzept oder Disziplin? – das ist auch unsere Frage.

2. Im zweiten Themenfeld „Sammlungen“ laden wir zu Beiträgen ein, die in Form von Werkstattberichten Bildsammlungen an Bibliotheken und Informationseinrichtungen sowie Verfahren der Erschließung und Präsentation im Umfeld der von diesen Einrichtungen angesprochenen Nutzergruppen beschreiben.

3. Schließlich möchten wir für die Beantwortung von bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Fragestellungen den Produktionsprozess von Visualisierungen erfahrbar und reproduzierbar machen. Diese Beschreibungen sollten nach einer kurzen Erläuterung der jeweiligen Fragestellung die Charakteristika der Datengewinnung aufzeigen, die gewählten Visualisierungsmethoden einleiten (sowie umsetzen) und die einzelnen Schritte der Computation dokumentieren. Neben klassischen bibliothekarischen Datenquellen sind neue Formen der wissenschaftlichen Kommunikation, wie sie beispielsweise im Feld der Altmetrics diskutiert werden, von besonderem Interesse. Auch die Übertragung derartiger Metriken auf das Feld Kulturanalyse, wie es unter dem Schlagwort Culturomics seit einigen Jahren an Popularität gewinnt, kann hier eine Rolle spielen.

Abschließend bleibt aus gegebenem Anlass zu betonen, dass es LIBREAS als Diskursmedium nicht darum geht, rundum wissenschaftlich abgedichtete Fachaufsätze zu publizieren. Wir lieben offene Fragen, denn darin liegt für uns die Essenz der Erkenntnissuche.

Entsprechend sind Essays, Problematisierungen, kritische Literaturschauen und Diskussionen Beitragsformen, die wir ausgesprochen gern lesen und publizieren. Darauf, dass beim Thema Visualisierung auch die bildorientierte Auseinandersetzung mit den Fragestellungen nahe liegt, müssen wir vermutlich nicht gesondert hinweisen.

Redaktionsschluss ist der 15.06.2012. Für Rückfragen oder eine inhaltliche Diskussion steht die Redaktion wie immer sehr gern zur Verfügung.

Online Scheitern #20 Libreas. %§§//0101010111101

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Scheitern by libreas on 7. März 2012

Wie es sich bei diesem Thema fast schon gehört: Später als geplant, nach technischen Schwierigkeiten und unvorhergeplanten Unfällen, zudem geisteswissenschaftlich spät Abends, während in einigen Städten schon Ruhe eingekehrt ist und in anderen die vorletzten Runden geordert werden.. ist die Nummer #20 der LIBREAS erschienen.

Titelbild LIBREAS Ausgabe 20 - Scheitern

Zur LIBREAS Ausgabe 20 - Scheitern

Diese Ausgabe 20 hat den Schwerpunkt Scheitern. Leider liessen sich aus verschiedenen Gründen nicht alle versprochenen Artikel realisieren. Wir hoffen dennoch, dass sich Lerneffekte ergeben haben und weiter ergeben. Nicht von ungefähr hat das Thema eine ganze Anzahl von Gesprächen angestossen.

Abgesehen vom Scheitern beschäftigen sich weitere Artikel mit der Informationswissenschaft (des letzten Jahres) als Feld, mit den Argumentationen in den Debatten um Urheberrecht und Piratentum sowie mit elektronischer Literatur. Besonders freut uns, dass ein Artikel eine Diskussion um die Sozialen Aufgaben von Bibliotheken aus der vorherigen Ausgabe der LIBREAS aufnimmt. Solche Debattenbeiträge sind uns immer willkommen und wir hoffen auf weitere.

Ausserdem hat uns das Thema zum zweiten Mal – noch der Ausgabe 13 zur Popkultur – zum Erstellen einer Play- bzw. Songliste veranlasst, die wir als Hintergrund zur Lektüre empfehlen.

(Der Call for Papers für die nächste Ausgabe erfolgt postwendend in einigen Tagen.)

(red.)

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Noch wenige Stunden mit TwapperKeeper!

Posted in LIBREAS.Scheitern, LIBREAS.Visualisierung by libreas on 4. Januar 2012

Ungeachtet der Frage nach dem Wert von Twitter für die Bemessung wissenschaftlicher Kommunikationen (vgl.  Die Buzzermeter. Warum die Tweetmetrics den Menschen stärker in den Blick nehmen sollten) wird am 6. Januar mit TwapperKeeper ein Online-Archiv vom Netz genommen, das der Debatte eine wichtige, non-propritäre Quelle für zukünftige Twitter-Studien hätte bieten können.

Wie kann ich meine Archive sichern?

Wir haben hier bereits früh einen Weg dargelegt, wie sich Archive leicht anhand eines Hash-Tags aus TwapperKeeper heraus sichern lassen, was in viele Verbesserungen und Alternativen mündete:

Dank dieser weitaus offeneren und elaborierteren Arbeiten ist es in den nächsten Stunden noch möglich, persönlich, organisatorisch oder für die Begleitforschung bedeutsame Archive  zu sichern.

Was uns fehlen wird?

Am Beispiel der Twitter-Kommunikation während der Bibliothekartage der Jahre 2010 (#bibtag10) und 2011 (#bibtag11) wird deutlich, welches Potential TwapperKeeper etwa für längerfristige Untersuchungen der (bibliothekarischen) Konferenzkommunikation über Twitter hätte spielen können. Die folgende Skizze soll einen Einstieg in die Fragestellung bieten, wer wen im Rahmen der Bibliothekartage 2010 und 2011 erwähnt bzw. referenziert und wer sich überhaupt an der Kommunikation beteiligt hat.

Kommunikationsnetzwerk während #bibtag10 und #bibtag11 zwischen "Konferenzteilnehmern".

Zum Zoomen als pdf

Alternativen zu TwapperKeeper?!

(more…)

Scheitern in der Schreibwerkstatt: Aus der Redaktion der LIBREAS. Library Ideas.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Projektberichte, LIBREAS.Scheitern by libreas on 11. Dezember 2011

LIBREAS-Redaktion

Beim Thema Scheitern ist die Arbeit an LIBREAS. Library Ideas überhaupt nicht auszunehmen. Vielmehr ist die Herausgabe jeder Ausgabe mit mehr Scheitern und Kompromissen verbunden, als mit Erfolgen. Dies lernt man sehr schnell, wenn man sich auf ein Projekt wie LIBREAS einlässt: Zu jedem publizierten Artikel, zu jeder umgesetzten Idee, zu jedem eingehaltenem Anspruch lässt sich auch das Gegenteil anführen. Ist das eine Eigenheit unserer Redaktion? Überhaupt nicht. Egal, in welche Redaktion man Einblick erhält, es ist ähnlich. Dabei unterscheiden sich nicht einmal wissenschaftliche, journalistische oder literarische Publikationen groß voneinander. Der Unterschied liegt höchstens darin, dass das Scheitern dort praktisch nie ein öffentliches Thema ist.

Warum machen wir das dann überhaupt? Das ist nicht so klar, wie es vielleicht nach außen erscheint. Die Zeitschrift lebt vom Engagement Einzelner und diese Einzelnen haben immer wieder unterschiedliche Meinungen, die zumindest in Redaktionskonferenzen und in den Tagen vor der Veröffentlichung einer neuen Ausgabe jedesmal neu zur Sprache kommen. (more…)

Grab your TwapperKeeper Archive before Shutdown!

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Scheitern by libreas on 9. Dezember 2011

Yesterday, TwapperKeeper announced:

Twapper Keeper’s archiving is now available in HootSuite! As a result, we will be shutting down Twapper Keeper. Existing archives will be kept running until Jan 6, 2012, after which you will not be able to access your archives anymore.

For those who wants to save archives before the shut down, this very simple R-code may give you an idea . It allows you to query for archived tweets referencing a hashtag. Furthermore, it downloads up to 50.000 archived tweets containing this hashtag as csv-file from TwapperKeeper.

require(XML)

hashtag <- "ala11" #your hashtag

tweet.df <- data.frame()

url <- paste("http://twapperkeeper.com/rss.php?type=hashtag&name=",hashtag,"&l=50000", sep="")

doc <- xmlTreeParse(url,useInternal=T)

tweet <- xpathSApply(doc, "//item//title", xmlValue)

pubDate <- xpathSApply(doc, "//item//pubDate", xmlValue)

tweet.df <- cbind(tweet,pubDate)

write.csv(tweet.df,"myTweets.csv")

More

Gary Green: No More Access To Your Twapper Keeper Archives .

Cornelius Puschmann: Academic replacements for TwapperKeeper.com

(NJ)

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Flip-Flops. Zur Wissenschaft vom Scheitern. Ein Nachtrag zum LIBREAS-Call for Papers #20.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Scheitern by Ben on 22. September 2011

von Ben Kaden

„Menschen, Organisationen und Staaten scheiten im Grunde gleich:
wenn Planungen mit Realität konfrontiert werden.“

So überraschend das Thema der LIBREAS-Ausgabe 20 manchem erscheint, so sehr scheint sich LIBREAS thematisch mitten im Zeitgeist zu bewegen (vgl. z.B. hier). Was nicht verwundert, kreisen die Mediendiskurse doch bereits so lange um die Gefahr des Zusammenstürzens diverser Bausteine der Grundfesten unseres Daseins, dass man sich fast über den  die Eurokrise wenige Tage auf den zweiten Schlagzeilenrang verschiebenden Papst-Besuch schon aus diesem Verdrängungsgrund freut. Dass ein Fußballtrainer am selben Tag mit Burnout zurücktritt und damit sein Scheitern zugibt, offenbart dagegen wieder die unvermeidliche Allgegenwart des Themas. Einzig der offene Umgang mit dem nach wie vor in weiten Kreisen der Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft bedauerlicherweise mit den üblichen „Du bist nicht ok!“-Vorwürfen persönlicher Schwäche, eigenem Versagen, mangelnden Willen und grundsätzlicher Unfähigkeit gleichgesetzten Prozess, mag überraschen. An sich bleibt Scheitern jedoch ein Tabu. Oder zieht in unsere Diskurse als ein vernebelndes Tabuwabohu, dass wenigstens rhetorisch selbst in der größten Niederlage noch ein Strohhälmchen Positives findet und genau dieses ins Zentrum der Aufmerksamkeit zerrt. So zum Beispiel die dämliche Annahme, dass alles, was einen nicht umbringt, nur stärker macht. Steh auf, wenn du ein Kämpfer bist. (more…)

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Scheitern. Die nächste Ausgabe von LIBREAS # 20 (CfP)

Posted in Hinweise, LIBREAS Call for Papers by libreas on 12. September 2011

Es ist keine Verlautbarung des Scheiterns der aktuellen Ausgabe # 19, ganz im Gegenteil. Parallel zur Fertigstellung der LIBREAS # 19, die in Kürze bekannt gegeben werden kann, erscheint der Call for Papers für die folgende Ausgabe.

Call for Papers: Libreas #20: Scheitern

Der projektorientierten Wissenschaft ist das Scheitern inhärent – beziehungsweise allen Unternehmungen, die sich in Projekten organisieren. Anders wäre es eigentlich auch nicht denkbar: Projekte werden als mögliche Aktivitäten geplant und präsentiert. Jedes Projektziel ist perspektivisch angelegt und baut auf der Erfüllung von Bedingungen auf, zu denen beispielsweise ausreichender finanzieller Support und das Vertrauen in die Verfügbarkeit kompetenter personeller Ressourcen gehören. Sicherlich sind wir alle, wenn wir Projekte betreuen, versucht, die Eventualitäten abzustecken. Wenn das nicht hilft, werfen wir in den Anträgen Nebelbomben und hoffen, dass es niemand merkt. Doch selbstverständlich Scheitern Projekte in großer Zahl – das wissen alle, aber kaum jemand sagt es laut. Vielmehr wird der Eindruck aufrechterhalten, alle Projekte wären erfolgreich. Auch dieser Eindruck ist leicht zu erzeugen: Noch mehr rhetorische Nebelbomben; Projektberichte, die keine Ergebnisse präsentieren, sondern Aktivitäten; zudem ein ständiges Betonen noch offener Fragen. Auch wir in der LIBREAS-Redaktion sind das Scheitern gewohnt. Keine fünfzig Prozent der angedachten Artikel werden wirklich geschrieben, einige Themen kommen nicht zustande. Das ist keine Ausnahme, sondern in den meisten Redaktionen normal. Die Online-Zeitschrift bildungsforschung.org überzog zum Beispiel das Erscheinen ihrer vor einigen Wochen erschienen aktuellen Ausgabe um rund ein Jahr.

Die Bibliothekspraxis ist vom Scheitern nicht ausgenommen. In vertraulichen Gesprächen ist von Projekten zu hören, die scheiterten: Kooperationen, die nicht zustande kamen; Werbemaßnahmen, die keinen oder gegenteiligen Effekt hatten; Schulklassen und Studierende, die sich von Recherchetrainings unbeeindruckt zeigten; besonders aufgebaute Bestände, die nicht genutzt werden und Software, die nicht funktionierte.

Doch es sind vertrauliche Gespräche und interne Arbeitssitzungen, auf denen dieses Scheitern, das teilweise öfter aufzutreten scheint als der Erfolg, Thema ist. Öffentlich hört man davon nichts bzw. äußert sich Scheitern ansatzweise in Diskussionen und Veranstaltungen rund um die Themen Nachhaltigkeit und Geschäftsmodelle. Sowohl die Wissenschaft als auch das Bibliothekswesen scheint die Vorstellung fest verankert zu haben, dass nur Erfolge nach außen hin kommuniziert und dargestellt werden dürfen.

Wieso eigentlich? Welchen Effekt hat dieses Vorgehen? Warum scheint es so schwer, öffentlich Scheitern einzugestehen, wenn doch zumindest unter der Hand darüber geredet wird? Führen die eingesetzten rhetorischen Nebelbomben nicht dazu, dass Projektberichte immer weniger sinnhafte Aussagen enthalten? Sinkt nicht mit jedem von Erfolgsmeldungen durchzogenen Vortrag und jedem von den Schwierigkeiten schweigenden Artikeln zu Projekten die Glaubhaftigkeit solcher Kommunikationsangebote? Schwerwiegender vielleicht die Frage: Vergeben wir uns nicht alle wichtige Lernmöglichkeiten?

Im persönlichen Leben scheint das Scheitern eine positive Bewertung erfahren zu haben, was gerade mit der zunehmenden Beratungsliteratur einhergeht. Scheitern gilt als einer der Hauptgründe für Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Eine gescheiterte Beziehung bietet immer Möglichkeiten, über sich und andere Menschen zu lernen – auf dem Weg in bessere Beziehungen. Gescheiterte Kommunikationsversuche im persönlichen Bereich – egal, ob im Sportverein, im politischen Gremium oder im Club – gelten als Antriebsgrund für das Überdenken des individuellen Selbstbildes. Scheitern scheint heute als Teil des individuellen Lebens nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt zu werden. Weiter noch: Die Wirtschaft, an der zu orientieren sich Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik ebenso gerne rühmen, wie die Spitzen des Bibliothekswesen, sieht das Scheitern von unvernüftigen (ergo kreativen) Projekten und Unternehmungen als Innovationsmotor an. (Vgl. Hutter, Michael / Das Potenzial des Irrationalen : Scheinbar Unvernünftiges kann sich als kreativ durchsetzen. – In: WZB Mitteilungen 132/2011, S. 7-9)

Warum also sollen wir in Wissenschaft und Bibliothekswesen nicht gerade vom Scheitern lernen? Davon, wie und vor allem warum bestimmte Projekte nicht funktionierten. Davon, wie Projektergebnisse differenziert dargestellt und bewertet werden. Davon, wie speziellen Angebote nicht angenommen, Erwartungen sich nicht erfüllt haben. Davon, wo Geld und Personal vollkommen sinnlos eingesetzt wurde. Auch davon, wo man Sackgassen beschritt, die niemand anders wieder beschreiten müsste – wenn man sie denn öffentlich machte. In der wissenschaftlichen Ausbildung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass auch eine negative Antwort auf eine Forschungsfrage ein wissenschaftliches Ergebnis sein kann – weil man immerhin das weiß. Ist es möglich, dieses Wissen auch in den laufenden Betrieb von Bibliotheken und der Wissenschaftspraxis einzubringen?

Die 20. Ausgabe der LIBREAS soll sich dem gesamten Themenbereich des Scheiterns widmen: Was scheitert wieso? Kann man das verhindern und sollte man es überhaupt verhindern? Was kann man aus dem Scheitern lernen? Mit welchen rhetorischen Kniffen maskiert man Scheitern am besten und wie deckt man diese wieder auf? Wir rufen dazu auf, diese Debatte erfolgreich werden zu lassen und sich an ihr mit Berichten, Artikeln, Meinungsäußerungen zu beteiligen.

Redaktionsschluss ist der 31.12.2011 . Für Rückfragen oder eine inhaltliche Diskussion steht die Redaktion gerne bereit.