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Ein Beitrag zur Bibliotherapie

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 15. März 2019

Zu: Laura Freeman (2018). The Reading Cure: How Books Restored My Appetite. London: Weidenfeld & Nicolson, 2018

 

Von: Karsten Schuldt

Lesen hilft.

Bibliotherapie ist eine Sammelbegriff für verschiedene Formen der Selbsttherapie und der angeleiteten Therapie, bei der Bücher – vor allem literarische Texte und Selbsthilfebücher – genutzt werden. Sie ist erstaunlich erfolgreich. Insbesondere für solche Formen, in denen sie therapeutisch begleitet wird, liegen zahlreiche positive Forschungsergebnisse über ihre Wirksamkeit vor. (Wohl weit mehr als für andere Themen, die aktuell im Bibliothekswesen umgesetzt werden.) Sarah McNicol und Liz Brewster (McNicol & Bewster 2018) legten letztes Jahr ein Überblickswerk für die Bibliothekspraxis vor, in dem auf die Geschichte von Bibliotherapie eingegangen und Anwendungsmöglichkeit präsentiert, aber vor allem darauf eingegangen wurde, was Bibliothek tun können, um Bibliotherapie – vor allem die durch Nutzerinnen und Nutzern „selbstgesteuerte” – zu unterstützen. Gerade in englisch-sprachen Staaten (GB, Neuseeland, Australien) existieren auch lokale und nationale Unterstützungsstrukturen, um über Bibliotheken, Menschen, die davon profitieren können, Bibliotherapie zu ermöglichen.

Das Bibliotherapie funktioniert und oft auch andere Therapien, Heilungsprozesse und Krisenverarbeitungen unterstützt, ist gut dokumentiert. Nicht bei allen, aber bei vielen Menschen. Was fehlt – so wird bei McNicol und Brewster klargestellt – ist eine Theorie, die erklärt, warum sie das tut.

 

Lesen hilft.

Laura Freeman, Journalistin in London, erzählt in ihrem Buch The Reading Cure, wie sie durch das Lesen von Romanen, Kriegsberichten, Lyrik und anschliessend Kochbüchern nach und nach die Anorexie, welche sie in ihrer Jugend entwickelte, überwand und wieder zu einem positiveren Verhältnis zu sich selbst und zum Essen fand. Nicht so, dass sie sich als „geheilt” verstehen würde, aber doch so, dass sie heute eine weit bessere Lebensqualität hat.

Das Buch ist ein reflektierter, gut lesbarer First-Hand-Bericht dazu, wie selbstgesteuerte Bibliotherapie funktionieren kann, mit individuellen Spezifika, aber doch so, dass die Chancen des „Heiles durch Lesen” offensichtlich werden. Es fällt leicht, gerade wenn man selber an Literatur und Sprache interessiert ist, die Autorin sympathisch zu finden und ihrer Geschichte zu folgen, was vielleicht ein Manko ist, wollte man das Buch als Werbung für Bibliotherapie einsetzen – zu leicht wäre es zu unterstellen, dass die Autorin zu sehr eine reine Idealfigur für Literaturbegeisterte ist. Aber für den Fall, dass man daran interessiert ist, einen ersten Einblick in die Möglichkeiten von selbstgesteuerter Bibliotherapie zu erhalten, ist es ein empfehlenswerter Einstieg.

 

Lesen hilft.

Die Geschichte Freemans beginnt in ihrer Jugend, in der sie mit 14 Jahren Anorexie entwickelt. Für den Prozess gibt es äussere Umstände (die Kultur in der Schule, in der sie geht und die mit sehr viel Druck einhergeht), aber die alleine erklären nie, warum jemand diese Krankheit entwickelt und jemand anders nicht. Vielmehr versucht die Autorin mit diesem Buch, auch nach aussen klar zu machen, wie sie sich innerlich fühlte. Sie benutzt das Bild einer Bibliothek – eher die eines englischen Herrenhauses – in ihrem Inneren, welche zerschmettert wurde: Die Bücher auf dem Boden, die Glasscheiben zertrümmert, die Stühle und Tische umgeschmissen. Das Buch ist eine Geschichte davon, wie sie diese Bibliothek wieder aufrichtet.

Man erlebt zuerst mit, wie die Anorexie immer schlimmer wird, wie die Autorin also ein Bild von sich als falsch, schuldig, ständig Fehlentscheidungen treffend entwickelt, die sich zudem ständig Strafen auferlegt (sie entwickelt einen Drang zu Laufen, über Stunden, durch jedes Wetter, obwohl ihr Körper selbstverständlich mehr und mehr geschwächt ist). Das Essen fällt dabei Schritt für Schritt fort: Sie entwickelt Abneigungen gegen einzelne Bestandteile, gegen ganzen Gruppen von Essen, gegen das Essen allgemein. Aber, darauf legt sie Wert, das sind Symptome ihres eigenen Innenlebens. Sie muss durch mütterliche und ärztliche Intervention gerettet werden: Über Monate daheim bleiben, dann einen Status der „funktionalen Anorexie” entwickelnd (also selber soviel zu Essen, dass sie überlebt).

Während sie sich in den ersten Jahren ihrer Krankheit zum Jahreswechsel selber Ziele setzte, die mit weniger Essen zu tun hatten – zum Beispiel noch mehr Dinge nicht zu essen oder mit noch mehr Selbststrafen zu reagieren – wurde ihr das bei den mütterlichen und ärtzlichen Interventionen verboten. 2012 setzte sie sich deshalb ein anderes Ziel: Das gesamte Werk Charles Dickens zu lesen. Es war das Jahr des 200. Geburtstages des Autors. Über das Jahr las sie alle seine Veröffentlichungen, systematisch in Reihenfolge ihrer Publikation. Einzig die Weihnachtsgeschichte verschob sie bis zu diesem Feiertag. Dies ist folgerichtig: Menschen mit Anorexie scheinen solches systematische, geradezu kompromisslose Vorgehen auszubilden – zumindest bei Freeman traf das zu. Das schlägt sich nicht nur in ihrem Umgang mit Essen (gar kein Zucker, gar kein Ei und so weiter) und ihrem eigenen Körper (einen Happen zuviel sind so und so viel Stunden zu Laufen) nieder, sondern auch im restlichen Leben: Systematisches Vorgehen. Das hilft auch, die Autorin studiert zum Beispiel erfolgreich im Laufe der von ihr berichteten Jahre, wird ebenso erfolgreich Journalistin, am Ende Freelancerin.

Die Bücher Charles Dickens sind offenbar angefüllt mit Essen. Szenen über Szenen von Essen. Frühstück, Mittag, Abendessen, Snacks zwischendurch, im Gasthaus, im Pub, daheim. Das ist nicht unbedingt das, wofür Dickens bekannt ist, aber das ist, was Freeman einen Zugang zu Essen verschaffte. Bei Dickens traf sie auf einen für sie neuen Gedanken: Das Essen etwas Positives sein kann, nicht nur etwas, auf das man achten und wofür man sich bestrafen muss. Man darf sich nicht vorstellen, dass das alleine schon dazu führte, dass sie wieder zu essen begann. Aber am Ende des Jahres, zu Weihnachten, im Kontext ihrer Familie und vor dem Hintergrund, dass auch in der Weihnachtsgeschichte von Dickens gegessen wird, traute sie sich das erste Mal seit Jahren einen kleine Löffel des Weihnachtspuddings zu essen. Danach musste sie wieder Stunden Laufen gehen. Aber es war ein Anfang.

2013 dann wendete sie sich – vor dem Hintergrund, dass ein Jahr später die hundertjährige Wiederkehr des Beginns des ersten Weltkriegs nahte – Berichten und Literatur von britischen Soldaten aus diesem Krieg zu. Auch hier, ungewollt und unerwartet, traf sie, eingebettet in einen grösseren Kontext, auf ein sehr positives Bild von Essen. In den Schützengräben wurde durch Essen ein Stück Normalität gefunden. Bei Aufenthalten hinter der Front oder auf Heimaturlaub wurde das Essen immer und immer wieder zum Thema, immer wieder auch positiv. Solche Schilderungen brachten sie immer mehr dazu, sich langsam dem Essen anzunähern. Es ist ein langsamer Prozess und es ist gibt auch keine direkte Übersetzung: Die Autorin bereite sich nicht bestimmte Gerichte zu, nur weil sie von diesen las. Sie näherte sich dem Essen an, räumte die Bibliothek im Kopf auf. Aber dann traute sie sich doch etwas mehr zu. Immer wieder einmal.

Das geht über weite Strecken des Buches weiter. Die Autorin beobachtete sich selber und ging dann dazu über, auch beim Lesen und dann bei der Annäherung ans Essen systematischer vorzugehen. Es gibt Rückschläge, dies ist kein Bildungs- oder Entwicklungsroman. Gerade in den letzten Monaten, in welchen sie fest angestellt in einer Redaktion arbeitet, und in der Foodtrends, die Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel und eine strikte Kontrolle des eigenen Essens propagieren, es bis in die Feuilletons schaffen, entwickelte sie wieder neue Abneigungen. Stress und die allgemeine Propagierung von Verzicht hatten eine direkte, negative Auswirkung auf ihr Leben und Wohlbefinden. Am Ende schilderte sie auch, dass sie von all den Nahrungsmitteln, Schokolade weiterhin aus ihrem Leben ausgeschlossen hat: In ihrem Kopf hat sich an Schokolade das Bild festgeheftet, welches sie früher mit noch weit mehr anderen Nahrungsmitteln verbunden hatte: Das des bevorstehenden Chaos. Ein Stück Schokolade würde praktisch den Damm öffnen, welcher das Chaos zurückhält, dass sie versucht von sich abzuhalten. Das ist selbstverständlich nicht rational, aber zeigt auch, wie die Krankheit weiter wirkt.

 

Menschlicher Kontakt hilft.

Freeman schildert ihr langsames wieder-zum-Essen-finden Schritt für Schritt: Immer ausgehend von Lektüre traut sie sich dann irgendwann wieder an eine Form von Nahrungsmitteln heran. Aber nicht alleine. Es sind immer Situationen in Begleitung von anderen – einem Freund, ihrer Familie, Kolleginnen und Kollegen – und eher spontane Entscheidungen, etwas zu versuchen. Erst langes Überlegen, Abwägen, sich Vorstellen, wie es sein könnte – aber dann spontanes Handeln, mit dem Barrieren überwunden werden. Sie betont das auch: Die Lektüre alleine bereitet vor, aber die positive Atmosphäre mit anderen war es dann, was sie neue Schritte übernehmen liess.

Dabei zieht sich durch das Buch auch eine Reflexion der Autorin darüber, wie viele Probleme sie mit ihrem Verhalten gerade ihrer Mutter – die über Jahre ihre Tochter unterstützte, Wutausbrüche über sich ergehen liess und so weiter – und anderen bereitet hat. Im Nachhinein wird ihr das klar, während der heftigen Phasen ihrer Krankheit war es das selbstverständlich nicht.

Insoweit war zumindest für Freeman nicht nur das Lesen, sondern auch ein Unterstützungsnetzwerk wichtig, um dann am Ende selber die „Bibliothek in ihrem Kopf” aufzuräumen.

 

Bibliotherapie hilft.

Das Buch ist kein Buch über Bibliotheken. Sie kommen aber selbstverständlich immer und immer wieder vor. Irgendwo muss der ganze Lektürestoff ja herkommen: Dafür benutzt die Autorin Bibliotheken und Buchhandel nebeneinander. Eine Unterteilung macht sie dabei nicht. Es ist aber selbstverständlich ein Buch – deswegen wird es hier so ausführlich geschildert – welches zeigt, dass es sich lohnen würde, wenn Bibliotheken den eigenen Bestand und die eigene Bestandsarbeit nicht als reinen Hintergrund für neue und andere Angebote ansehen würden, sondern auch fragten, was eigentlich dieser Bestand für Wirkungen hat. Freeman zeigt, dass das Lesen nicht einfach eine Sache ist, die einfach „noch gemacht wird”, aber eigentlich im Digitalen und Innovativen aufgehen würde, sondern das Lesen für Menschen weiterhin eine wichtige Funktion in Bezug auf ihre geistige Gesundheit und ihr Wohlbefinden haben kann. Nicht für alle, nicht alleine; aber wenn, dann doch im relevanten Mass.

 

Selbstverständlich ist die Autorin dabei prädestiniert: Schon vor ihrer Krankheit lesebegeistert, während ihrer Krankheit darauf fixiert, zu lesen – das alles hat wohl dazu beigetragen, dass sie gerade über Lektüre wieder zum Essen fand. Das gilt selbstverständlich nicht für alle Menschen.

Damit zusammen hängt, dass sie von Sprache begeistert ist. Unerwartete, unbekannte Worte findet sie interessant. Sie erwähnt, dass sie solche gesondert vermerkt, wenn sie auf sie stösst, dann weiter über sie recherchiert und später versucht, sie in Texte „einzuschmuggeln”. So wurde sie auch auf die Ess-Szenen bei Dickens aufmerksam: Weil er viele, viele unbekannte, neugebildete Worte benutzte. Man merkt das aber auch positiv an ihrem eigenen Buch: Es ist ein flüssiges Englisch, wie man das von einer Journalistin wohl erwarten darf, aber gespickt von seltsamen, interessanten Worten, die das Lesen auch sprachlich zum Vergnügen machen.

 

 

Literatur und Links

Sarah McNicol ; Liz Bewster (edit.). Bibliotherapy. London: Facet Publishing, 2018

Books on Prescription AUS – https://booksonprescription.com.au

Books on Prescription NZ – https://booksonprescription.co.nz

Reading Well GB – https://reading-well.org.uk