LIBREAS.Library Ideas

Die Idee LIBREAS und das Institut für Bibliothekswissenschaft.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. Dezember 2018

Manuskriptfassung des Grußworts von Ben Kaden auf der Festveranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft am 02. November 2018 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.

Ben Kaden bei seinem Grußwort auf der Veranstaltung 90 Jahre Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 02. November 2018

Ben Kaden beim Grußwort am 02. November 2018 (Foto: Maxi Kindling)

 

I

Die Berliner Bibliothekswissenschaft mit ihrem Institut wird, grob gerechnet und Pausen ausgeblendet, 90 Jahre alt. Einschränkungen sind bei der Zuschreibung zweifach notwendig: Erstens weil es natürlich bibliothekswissenschaftliches Denken in Berlin auch außerhalb des Instituts gab und gibt. Und zweitens, weil das Institut an sich kein Kontinuum ist. Vielmehr besitzt es eine wechselvolle Geschichte, deren Aufarbeitung bzw. Aufzeichnung jetzt zum Jubiläum nur ein Kratzen an der Oberfläche darstellte. Klar, man schürfte hier und da und da und hier auch mal tiefer. Aber eigentlich sieht man jetzt erst wirklich, was da an Geschichte und Geschichten hervorblitzt und Stoff für mindestens vier, fünf Promotionsvorhaben angedeutet. Oder Großaufsätze, z. B. für LIBREAS.

LIBREAS, diese hier 2004/2005 begründete elektronische Open-Access-Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. bald namentlich erweitert wie das Institut in Zeitschrift für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, begleitete etwa 13 dieser 90 Jahre, Das Institut war demnach um die 77, als wir mit LIBREAS begannen, eher noch sogar 76 oder 75. Ich überlege, nach wie vor ergebnisoffen, an welchem Schlüsseldatum oder -ereignis man die Idee zu LIBREAS. Library Ideas festhaken könnte.

Fester gehakt ist die Natur von LIBREAS als eindeutig typische Berliner Schöpfung. Das Projekt dieser Zeitschrift ist Ergebnis dieser berühmt-berüchtigten Mischung aus Gestaltungswillen, Dreistigkeit, Naivität und viel Improvisation, die so typisch war für das, was in gar nicht so entfernter Nachbarschaft von diesem Ort [dem Grimmzentrum, für das zeitgleich zur Gründung von LIBREAS die ersten Spatenstiche gesetzt wurden] den Mythos des Aufbruchsberlins begründete, ein Mythos, von dem die Stadt noch heute zehrt. Ich erinnere mich gut, wie wir nach offiziellen oder inoffiziellen Institutsfeiern gern noch in kleiner Gruppe in der Böse-Buben-Bar, im Aufsturz oder, auch das gab es noch, im Tacheles vorbeischauten und irgendwann von der ersten (oder zweiten) Straßenbahn des Tages im matten Morgenlicht nachhause geschunkelt wurden. Das Magisterstudium ließ auch Raum für längere Nächte.

Zugegeben: Wir waren mit LIBREAS eventuell etwas spät dran für das eigentliche Aufbruch-Aufbruchsberlin, denn die Baulücken im Scheunenviertel wuchsen langsam zu und die Clubs der Mitte und im Prenzlauer Berg begannen sich dank steigender Mieten und Lärmschutzklagen intensiver mit Zukunftsfragen zu befassen. Und manche sagen angesichts dieser unserer leichten Nachzüglerei, als wäre das notwendig, vielleicht, dass eine solche gar nicht so untypisch ist für die Bibliothekswissenschaft.

Das stimmt natürlich kaum und noch weniger für LIBREAS, denn Aufbruchsstimmung allein hätte uns nur wenige Jahre zuvor bestenfalls zu einem bei Copy-Clara aufgelegten Bibliotheks-Zine gebracht. Wir brauchten das Internet und zwar in einem Verfügungs- und Reifegrad, der so ein Unterfangen auch ermöglicht. Und wir mussten ja auch selbst erst in Kompetenzen und Persönlichkeit und nicht zuletzt in einem organisatorischen Rahmen den, wenn man so will, Umschlagpunkt hin zu LIBREAS erreichen.

Ich denke daher, dass wir ziemlich exakt auf dem Punkt auch der Zeit landeten. Denn uns ging es ja doch nicht vorrangig um Clubkultur und Hedonismus, obwohl man uns in der Mailingliste INETBIB durchaus schon mal in die Kategorie der (dieses Jahr verschwindenden) Zeitschrift Spex – dem Magazin für Popkultur einsortierte. Oder, bis vor wenigen Jahren, einfach als Studentenblatt beschrieb und / oder abtat. Ja, wir studierten und wir flimmerten auch ganz gern durch das, was vom ungezähmten, offenen, wenig definierten neuen Berlin in den 2000er noch greifbar war. Aber zugleich erschlossen wir uns eine der eher weniger vom Ruf des Glamourösen und Wilden gezeichneten Disziplin, eben diese sonderbare Bibliothekswissenschaft mit ihrer Katalogkunde, der Geschichte der Fachinformationsprogramme der Bundesrepublik Deutschland, bibliotheksrechtlichen Grundlagen, hier und da noch einem Ausläufer Paläografie und an ihren avantgardistischeren Stellen Shannon und Weaver und, auch das, die Idee von Douglas Lenats Cyc-Projekt.

Zu diesen Programmpunkten der Lehre, die aus der Rückschau für eine Disziplin im Umbruch angemessen disparat erscheinen, aber nicht wenigen Kommilitoninnen und Kommilitonen einiges an Verwirrung stifteten, die gar nicht so selten zu Studienfachwechseln in überschaubare Erkenntnisfelder führte, gesellten sich nach und nach unsere eigenen Vorstellungen von dem, was eine Bibliothekswissenschaft in den fortschreitenden 2000er Jahren eigentlich sein sollte.

Und so ging es in LIBREAS darum, eine Perspektive sowohl in der Form als auch im Inhalt auf Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft anzubieten, die eben die unsere war und ist. Ein Zugang auf das Fach, der unserer Meinung nach jeweils in der Luft lag und liegt, denn natürlich treibt uns, wenn auch vielleicht mittlerweile noch differenzierter, diese Grundidee weiter an.

Wir waren – vergleichsweise – jung und brauchten das, was LIBREAS werden sollte, auch um herauszufinden, was wir als angehende Bibliothekswissenschaftlerinnen und Bibliothekswissenschaftler eigentlich sein wollten. Auf eine bestimmte Art brauchen wir es vielleicht auch heute noch.

Und zu dieser, nun ja, Herausforderung, die Inhalte des Lehrplans in einen stimmiges Bild des Fachs zu fügen, addierten sich externe Herausforderungen.

II

Als unser Studium begann, hatte sich das Institut gerade aus den Zerwürfnissen und Unklarheiten der 1990er Jahre halbwegs befreit, nur um durch eine neuerliche Kürzungsidee im Präsidium der Humboldt-Universität ein weiteres Mal grundlegend in Frage gestellt zu werden. Die großen Hintergründe kannten nur die Wenigsten von uns. Aber die Infragestellung des IB nahmen wir erwartungsgemäß sehr persönlich, zu Recht übrigens, denn sie betraf uns und unsere Zukunftsplanung ja auch in genau dieser Weise.

Entsprechend kräftig zündete das generell aus der Empörung über die Kürzungspolitik des damaligen Präsidiums an der HU ausbrechende Momentum von Studierendenungehorsam auch in der Dorotheenstraße 26. Da gestreikt wurde, erwarben wir in diesen Monaten weniger bibliothekswissenschaftliche, dafür andere, ganz besondere Kompetenzen, die uns u. a. auch auf die Straße, in die Zeitungen und in Funk und Fernsehen führten und mehr und mehr auch ins Internet. Ziviler Ungehorsam mit allen medialen Mitteln und inhaltlich gerichtetes Engagement konnten, wie wir erfuhren, erstaunlich viel bewirken. Neu war in dieser Zeit um 2002/2003, im Gegensatz zu den Empörungswellen vorhergehender Studierendengenerationen, die Dynamik und Rolle, die plötzlich digitale Kommunikationsmedien spielten, welche sich zu diesem Zeitpunkt rasant unter dem ganz frischen Stichwort Web 2.0 ausbreiteten. Die Idee, überhaupt eine digitale Stimme zu haben und sich auch abseits traditioneller Publikationsstrukturen quasi-publizistisch wahrnehmbar machen zu können, war zumindest in unserer Erfahrungswelt halbwegs neu, sehr auf- und anregend. Es brodelte in den Räumen der Universität und köchelte, was neu war, auch im Netz.

In den Semestern danach ebbte das Brodeln ab und das Köcheln suchte sich eine neue Form. Denn obwohl sich das Institut – zunächst unter Auflagen – halbwegs gerettet fand, blieben wir unruhig, auch schwungvoll, nun wieder stärker mit eigentlichen Bibliotheksthemen befasst. Und plötzlich kamen in dieser zunächst zieloffenen Unruhe mehrere entscheidende Aspekte für die Gründung von LIBREAS zusammen.

Als erstes ist ein Seminar namens Von der Idee zu Buch zu nennen, aus dem wir übernahmen, wie leicht sich, wie wir meinten, thematische Aufsatzpublikationen, also auch Zeitschriften, zusammenstellen ließen. Ein Dank gebührt also Petra Hauke, die uns wichtiges formales Grundwissen und die Idee zum Publizieren mitgab.

Zweitens war da ein Seminar zum Internationalen Bibliothekswesen, das uns mit Elisabeth Simon und dem Bibspider-Verlag und damit auch verlegerischem Handlungswissen in Kontakt brachte und ebenfalls einen wichtigen Anschub gab und dazu die sonderbar traurig-tröstliche Bemerkung von Frau Simon “Wenn es das DBI noch gäbe, wäre Ihre berufliche Zukunft sicher”. Daher danken wir auch Frau Simon und Walburga Lösch vom Bibspider-Verlag.

Drittens gab es eine Institutsleitung, die uns unglaublich viel freie Hand ließ. Ich selbst war Studentischer Mitarbeiter bei Professor Walther Umstätter, was mir sehr viel bedeutete und mich erstaunlich stark prägte, obwohl wir eigentlich gar nicht so sehr auf einer Linie lagen, aber eventuell gerade deshalb. Die Bausteine und Erfahrungen, mit denen ich begann, das Feld der Bibliothekswissenschaft intellektuell zu bearbeiten, verdanke ich zu überwiegenden Teilen ihm. Ich danke ihm nicht nur aus der Perspektive von LIBREAS, sondern ganz persönlich sehr dafür.

Zu meiner Anstellung gehörte der Luxus, sich bequem in der Saur-Bibliothek einrichten zu können. Gefühlt lebte ich tatsächlich eine Weile dort mit dem Blick auf den stattlichen, vielleicht melancholischsten Kastanienbaum in Berlin-Mitte und den über die Jahre konsequent unentschiedenen Innenhof, der sich jedem Versuch der Fachschaft, ihn gemütlicher zu machen, mit betonharter Sprödigkeit erfolgreich widersetzte. Betonhart deshalb, weil tatsächlich, wie sich zeigen sollte, unter einer dünnen Schicht nahezu unfruchtbarer Erde eine Decke Beton lag. In dieser Bibliothek also hatte ich die Möglichkeit, meinen, wenn man so will, geistigen Passionen fast ungestört nachzugehen, zu denen das Denken im Schreiben gehörte und damit die Produktion von viel Text. Auch war ich mit der Betreuung der Webseiten von Professor Umstätter und dem Institut betraut, was mir, man muss es schon sagen und kann es im Internet Archive auch nachschlagen, die Durchführung vieler Experimente auf dem Gebiet des Webdesigns ermöglichte. Beides – das Schreiben und das HTML-Coden – war zwangsläufig Voraussetzung für LIBREAS. Auch dafür also, dass ich dies so frei entwickeln durfte, möchte ich Professor Umstätter unbedingt außerordentlich danken.

Ebenfalls großer Dank gebührt Michael Heinz, der einerseits die Erkundungen des Webdesigns im Livemodus der Webseite sogar unterstützte als ausbremste und, wichtiger noch, andererseits schließlich LIBREAS all den Webspace bereitstellte, den wir brauchten und haben wollten.

Peter Schirmbacher, der den Webgestaltungsexperimenten, aus heutiger Sicht nachvollziehbar, ein Ende und die Stilvorgaben des Corporate Design der Humboldt-Universität durchsetzte, ist ebenso zu danken wie Rainer Kuhlen. Denn beide gaben als Lehrende dem Gründungsteam von LIBREAS, jeweils aus unterschiedlichen Richtungen, entscheidende konzeptionelle Stöße Richtung Open Access, Informationsethik, Commons und elektronisches Publizieren.

Und sechstens leistete, obwohl er nur sehr kurz bzw. viel zu kurz am Institut wirken durfte und deshalb oft nur eine Fußnote, wenn überhaupt, in der Historiographie des Instituts bleibt, auch Roland Wagner-Döbler einen erheblichen Beitrag. Neben der erfreulich kritischen Vermittlung von Grundlagen der Webusability in der Lehre zählt dazu die intensive Anregung, sich verstärkt mit der Soziologie des wissenschaftlichen Kommunizierens zu beschäftigen. Zugleich motivierte er uns zum offenen Experimentieren, begleitet von einem Satz, den ich, mit etwas mehr einschlägiger Lebenserfahrung, sehr unterstreichen möchte: “Nutzen Sie die Spielräume, die Sie als Studierende haben. Es ist unwahrscheinlich, dass sich Ihnen später noch so viele Freiheiten bieten.”

III

Wir wussten, welche Freiheit er meinte und gründeten zu dritt, Maxi Kindling, Manuela Schulz und ich mit der genannten und noch mehr Unterstützung und nur ein bisschen Gegenwind im Herbst 2004 die Zeitschrift LIBREAS. Im März 2005 erschien zum Bibliothekartag in Düsseldorf die erste Ausgabe und seitdem darf sich diese Zeitschrift in dem eingangs geschilderten Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Geist entfalten.

Das Institut gab uns, auch nachdem wir uns tatsächlich sogar formal zu zu akzeptierenden Bibliothekswissenschaftlerinnen und Bibliothekswissenschaftlern entwickelt hatten (also den Abschluss hatten), immer, wenn wir es brauchten, Obdach und Unterstützung. Es gewährt uns beides auch heute noch. Vielen Dank dafür und insbesondere auch an Michael Seadle, der uns immer wieder Ressourcen zur Verfügung stellte.

Es ist unabweisbar: LIBREAS ist eine Art Kind des Instituts. Dieses Kind ist mittlerweile naturgemäß aufgeblüht, erwachsener geworden, weitgehend ausgezogen, fortgegangen, viel in der Welt unterwegs. Es schreibt aber regelmäßig nach Hause – aus Chur, Hannover, München und anderswo.

Und steht ein 90ster Geburtstag an, dann kommt LIBREAS selbstverständlich zur Feier und es gibt auch ein kleines Geschenk, das aus dem besteht, was LIBREAS am besten mitbringen kann: Eine Ausgabe der ersten Open-Access-Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft in Deutschland, gegründet am Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahre 2004. Es ist zugleich unsere 34ste. Das Thema: 90 Jahre Bibliotheks*wissenschaft in Berlin.

(Berlin, November 2018)

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