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LIBREAS.Library Ideas LIBREAS.Dokumentation. Heute: Thesen des Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII) zu den Voraussetzungen einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI)

Posted in LIBREAS.Dokumente by Ben on 27. April 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

Spricht man über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer systematischen Organisation von digitalen Forschungsdaten (Forschungsdatenmanagement) sowie ihrem übergreifenden Nachweis und idealerweise auch ihre Verfügbarmachung per Publikation, sind vor allem drei Gruppen von Stakeholdern zu berücksichtigen. Die erste fasst in etwas die Forschungspolitik-, administration und -förderung. Die zweite besteht aus der Forschungsinfrastruktur, also Bibliotheken, Rechenzentren, Netzwerkanbietern etc. Beide Gruppen haben sich, verkürzt formuliert, weitgehend darauf verständigt, dass das Ziel einer offenen Wissenschaft (Open Science und Open Scholarship) erstrebenswert ist und man daraufhin arbeiten sollten, sie als Normalmodus zu etablieren. Und dazu zählt auch die möglichst weitreichende (=offene) Verfügbarkeit der Daten, die bei der Forschung entstehen. Die Hauptgründe dafür sind die Forschungstransparenz und die Nachnutzung.

Dass die Hauptakteure, nämlich die dritte Gruppe in Gestalt der Forschenden, die diese Daten produzieren, potentiell rezipieren, vielleicht bewerten und möglicherweise nachnutzen, noch nicht flächendeckend in diese Richtung streben, erweist sich bei diesem Streben als Herausforderung. Oder auch: Hürde. Theoretisch sind sie sogar oft mit im Boot. Praktisch jedoch scheuen sie jedoch einerseits den zusätzlichen Aufwand, wenn es an den tatsächlichen Schritt hin zu Forschungsdatenpublikationen geht. Oder sie finden, wie gleich noch einmal angedeutet wird sogar nachvollziehbar, Gründe, warum es in ihrem konkreten Fall jeweils nicht möglich ist, diesem Ziel zu folgen.

Empirisch zeigt sich, dass die Forschungsdatenpublikation abgesehen von vereinzelten wissenschaftsethisch besonders motivierten Ausnahmen, eigentlich nur dort funktioniert, wo externe Anreize einen gewissen Druck ausüben, beispielsweise bei Zeitschriften, die entsprechende Supplemente einfordern. Oder aber, wenn sich Förder- und Verwaltungsinstitution intensiv so in der Sache engagieren, dass eine Nicht-Umsetzung der Ansprüche der offenen Wissenschaft konkrete nachteilige Wirkungen für die betroffenen Forschenden erwarten lässt.

Andererseits weiß man aus den Open-Access-Debatten, dass sich offene Wissenschaft zumindest hierzulande nicht mandatieren lässt. Zudem gibt es tatsächlich eine ganze Bandbreite von Gründen, die im Einzelfall gegen eine offene Zugänglichmachung von Forschungsdaten sprechen. Selbst wer subjektive Verwertungsziele (Stichwort: Daten als wissenschaftliches Kapital) nicht akzeptieren möchte, sollte zumindest dann eine entsprechende Zurückhaltung akzeptieren, wenn beispielsweise anthropologische, psychologische oder sozialgeografische Forschungen sensible Fragestellungen so bearbeiten, dass eine Offenlegung der Daten eine Bloßstellung oder Gefährdung der zum Forschungsgegenstand gewordenen Personen nach sich zöge.Ähnliches hört man aus der Zoologie, in der die Habitate seltener Arten eben nicht mit Geocodierung nebenbei an potentielle Trophäenjäger vermittelt werden sollen.

Überall dort, wo Wissenschaft eine besondere Verantwortung für ihre Gegenstände hat, wird man den Anspruch an radikale Offenlegung differenziert betrachten müssen. Und selbst wo Gefährdung nicht das Problem darstellt, fällt die Tür für Feldforschung möglicherweise dann einfach zu, wenn die zu Beforschenden davon ausgehen müssen, demnächst mit ihren Einstellungsmustern über Google Scholar und ein bisschen improvisierte Soziale-Netzwerk-Analyse trotz Anonymisierung identifizierbar zu werden. Oder die Anonymisierung greift so weit, dass man aus den Daten nicht mehr viel herauslesen kann. Die One-Size-Fits-All-Lösung passt nachvollziehbar nicht und ein wichtiger Schritt wäre, dies auch in Metadebatten anzuerkennen.

Dazu kommt, dass ein Datensatz allein noch keine Nachvollziehbar- oder Nachnutzbarkeit sichert, selbst wenn er unter CC0-Lizenzen bereitgestellt wird. Man braucht also eine Reihe von Kontextinformationen von Algorithmen und Source-Code über Prozessbeschreibungen bis zur Gerätekonfigurationen, die es ebenfalls mit zuliefern gilt. Open Methodology wird in der Openess-Debatte bisher von Open-Access- und Open-Data-Diskussionen überdeckt, ist aber zwangsläufig ein relevantes Element offener digitaler Wissenschaft und je komplexer diese wird, desto mehr wird Open Methodology an Bedeutung gewinnen. (vgl. dazu auch diesen Blogpost bei eDissPlus)

Eine anderse leicht identifizierbares Hindernis ist der Mangel selbst von Basisdiensten sowie Best-Practice-Fällen, die als adäquat und nachhaltig wahrgenommen werden und wahrgenommen werden können. Es gibt seitens der Infrastruktur und vieler Bibliotheken zahlreiche Pilotprojekte, Workshops, Informationsseiten und Beratungsangebote, die aktuell jedoch vor allem eine Ermittlung von Bedarfen und Unsicherheiten als Ergebnis haben und selbst häufig dank Befristung der Stellen und Projektlaufzeiten nur temporäre Phänomene sind. Eine zentrale Frage vor allem bei publikationswilligen Forschenden adressiert jedoch insbesondere die Langzeitarchivierung und -verfügbarkeit. Nachhaltigkeit schwebt ohnehin als leuchtendes Zeppelin über der Landschaft aller Infrastrukturdiskurse.

Nachhaltig wirken – auch das eine Erkenntnis aus zahlreichen Interviews u.a. im Fu-PusH– und im eDissPlus-Projekt – in diesem Bereich allerdings tatsächlich vor allem Erfahrungen mit großartig angekündigten Digitalprojekten, die über zwei oder drei Jahre ein schönes Resultat hervorgebracht haben, noch zwei weitere Jahre halbwegs ehrenamtlich am Leben gehalten wurden, um schließlich bestenfalls noch als Spur im Internet-Archive auffindbar zu sein.

Um die Forschenden als Zielgruppe zu überzeugen, dass der Mehraufwand für eine qualitätsvolle Forschungsdatenpublikation auch lohnt, braucht es also mehr als Motivationsvorträge und kurzfristige Vorhaben. Neben überzeugenden Best-Practice-Fällen muss man ihnen langfristig stabile Strategien anbieten, nicht zuletzt, um auch die dauerhafte Abrufbar- und Zitierbarkeit einer Datenpublikation zu sichern. Bibliotheken werden hier gern angesprochen, weil sie traditionell als beständig und Bestände bewahrend gelten. Das stimmt natürlich nicht immer, aber das Image bleibt und ist auch ein Schlüssel, um entsprechende Dienste zu etablieren. Für Bibliotheken ist es zugleich ein willkommener Bereich, um ihre Dienste für die digitale Wissenschaft zu erweitern, wenngleich oft unter den oben beschriebenen Bedingungen der Projektforschung und -entwicklung und oft notgedrungen mit begrenzter lokaler Reichweite.

Will man jedoch umfassend offene Wissenschaft und als deren Grundlage u.a. offene Forschungsdaten, so braucht man sehr offensichtlich eine übergreifende Lösung, die Dauer verspricht und einlöst. Denkbar wären ein disziplinärer Ansatz oder ein nationaler – möglicherweise analog zur Deutschen Nationalbibliothek als Archiv für das deutsche Verlagsschriftum. Ein Deutsches Forschungsdatenarchiv wird es allerdings kaum geben und es wäre auch für eine cloudifzierte Forschungslandschaft vermutlich nicht so richtig zeitgemäß. Wenn digitale Forschung, dann passt eher die Idee des Netzwerks.

Ein aktuelles Diskussionspapier des Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII) fasst nun einige Grundideen für ein solches mit dem Namen Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) zusammen. Umsetzen kann der Rat freilich nichts. Sein Papier ist daher ausdrücklich als „Diskussionsimpuls“ konzipiert.

Der Ansatz wählt also nicht das Modell einer Zentralinstitution sondern schlägt einer Konsortiallösung vor. Die Fachgemeinschaften sollen sich dabei mit aus ihrer Sicht kompetenten Infrastrukturpartnern zusammenfinden und um gemeinsam eine feste Basis („insbesondere organisatorisch und personell“) aufzubauen, die es ermöglicht, die Leitziele der NFDI zu realisieren: (1) Nachhaltigkeit, (2) Qualitätssicherung, (3) Interoperabilität, (4) gute Nutzbarkeit. Diese Ziele leiten sich aus der für digitale Wissenschaft (wörtlich „Digitalzeitalter“) formulierten Prämisse ab, nach der diese Arte von Wissenschaft „gut verfügbare, verarbeitbare und archivierte Daten“ benötigt. Zugang, Nutzbarkeit und Bewahrung sind folglich die drei Pfeiler funktionierender digitaler Dateninfrastrukturen. Die NFDI soll als eine solche ein Anlaufpunkt insbesondere auch für die zentralen Problembereiche Datenschutz, Datensouveränität, Datenintegrität und Datensicherheit sowie eine Vermittlungsstelle zu den internationalen Diskussionen und Entwicklungen sein.

Bevor es soweit kommen kann, braucht es, wie das Papier genauso wie Erfahrung in einschlägigen Infrastruktur- und Wissenschaftsbereichen zeigt, viel Austausch und zwar sowohl in den Communities wie auch übergreifend. Die zwei Dutzend Thesen des RfII sollen einen solchen Diskurs anregen, was sich auch darin zeigt, dass der jeweils letzte Stichpunkt zu den drei Zielgruppen – Fachgemeinschaften, Infrastrukturen, Konsortion als Synthese beider – offen ist. Umso erstaunlicher ist daher, dass der RfII seinem Papier zwar freundlicherweise eine Creative-Commons-Lizenz zuwies, sich aber für die Variante „Keine Bearbeitung“ (CC BY-ND) entschied. Da die Thesen bzw. mehr noch eine Wunschliste obendrein in einem PDF-Dokument mehr oder minder versteckt wurden, müssen wir zumindest die Formatierung etwas anpassen, wenn wir sie hier nachfolgend dokumentieren.

Man wird kaum einem der Punkte in diesem Anforderungskatalog widersprechen können. Denn wer will schon argumentieren, dass Infrastrukturanbieter nicht die „Kompetenz zur Entwicklung sowohl generischer als auch fachlich hinreichend maßgeschneiderter Dienste“ haben sollten. Wenigstens in einem bundesweiten Konsortium. Genau genommen ist das auch nicht die eigentliche Herausforderung. Diese wurde leider ausgespart und wäre auch eher eine These für Unterhaltsträger und Wissenschafts- bzw. Infrastrukturfinanzierung gewesen. Für diese Akteure muss nämlich noch ergänzt werden: Es bedarf der Bereitschaft, für das Ziel einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) als Grundbaustein einer auf Open-Science und -Scholarship orientierten deutschen Wissenschaftslandschaft zureichend und dauerhaft Mittel zur Verfügung zu stellen. Alle anderen Punkte sind dem nachgeordnete Detailfragen.

(Berlin, 27.04.2017)


Auf Seiten der beteiligten wissenschaftlichen Communities bzw. Fachgemeinschaften bedarf es

  •  einer kritischen Masse und einer hohen Formierungsdynamik/eines hohen Formierungsgrades von Produzenten und Nutzern digitaler Forschungsdaten und Forschungsmethoden, welche quer zu den Säulen Hochschulen/außeruniversitäre Forschung verläuft und eine große Zahl von Bundesländern übergreift,
  • einer an breiter und mittelfristiger Nutzbarkeit von Forschungsdatendiensten orientierten Denkweise,
  • einer gewissen Form der Selbststeuerung (oder eines breit akzeptierten Konzepts hierzu), welche Sprechfähigkeit, Meinungsbildungsprozesse und auch Entscheidungen bundesweit sichert. Hier können DFG-Fachkollegien, vorhandene Selbstorganisationsgremien wie nationale Fachgesellschaften, Fachforen, ganze Fachgruppen erfassende Plattformen oder auch „Räte“ sowie hinreichend breit vernetzte, erfolgreiche Verbundinitiativen eine Rolle spielen,
  • der Bereitschaft, Forschungsdaten-Bedarfe hinreichend fundiert und in der Breite zu ermitteln,
  • der Bereitschaft, der Nachnutzung von Daten eine hohe Priorität einzuräumen,
  • der Bereitschaft, digitale Auswertungsmöglichkeiten von Daten weiter zu entwickeln und sich hierzu in Forschungsdiskussionen einzubringen,
  • des Willens, Qualitätsstandards einzuhalten und weiterzuentwickeln,
  • […].

Auf Seiten der beteiligten Infrastruktur-Partner bedarf es

  • einschlägiger Erfahrung im Umgang mit digitalen (und ggf. zu verknüpfenden analogen) Forschungsdaten,
  • Serviceorientierung,
  • einer Nachhaltigkeit grundlegender Strukturen,
  • der Kompetenz zur Entwicklung sowohl generischer als auch fachlich hinreichend maßgeschneiderter Dienste,
  • einer nachgewiesenen Expertise auch hinsichtlich der fachlichen Bedarfe der Partner-Community bzw. Fachgemeinschaft(en)
  • einer aktiven Ausrichtung auf Kollaboration und Synergien,
  • eines ausgewiesenen, idealerweise evaluierten/zertifizierten Qualitätslevels bezüglich Datenbeschreibung, Datenhaltung, Datenschutz, Datensicherheit und der weiteren angebotenen Dienste,
  • eines Konzepts zur Nutzerberatung und zur Kommunikation mit Nutzerinnen und Nutzern, das auch fairen Zugang und Gleichbehandlung sichert,
  • eines auf künftige Belange ausgerichteten Personalentwicklungskonzepts,
  • […].

Gemeinsame Voraussetzungen der Konsortien sind

  • aktives Interesse auch an fachübergreifendem Austausch und die Bereitschaft, sich mit Belangen der Interoperabilität auseinanderzusetzen,
  • eine Anbindung sowohl an die universitäre als auch an die außeruniversitäre Forschung sowie ggf. an Kultureinrichtungen oder andere öffentliche nichtwissenschaftliche Einrichtungen,
  • die Bereitschaft zur langfristigen Mitwirkung in den Fachforen der NFDI,
  • eine gemeinsam vereinbarte Governance-Struktur für die Phasen des Einstiegs in die NFDI und die damit verbundenen gemeinsamen Aufgaben sowie für die Repräsentanz in der NFDI (bzw. eines akzeptierten Konzepts hierzu),
  • die Bereitschaft, inhaltliche Differenzen und organisatorische Konflikte im Rahmen von seitens der NFDI vorgegebenen Regeln auszutragen,
  • ein Konzept zur internationalen Ein- bzw. Anbindung der angebotenen Dienste,
  • die Bereitschaft, sich im wohlverstandenen Eigeninteresse in internationale Foren einzubringen (sowie die Möglichkeit einer sogleich internationalen Integration zu prüfen),
  • die Bereitschaft, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten auch in der Ausbildung von Fachpersonal zusammenzuwirken,
  • die Bereitschaft, für eine Akzeptanz von digitalen Arbeitsformen unter Forschenden zu werben sowie die Potentiale einer NFDI bekannt zu machen,
  • […].

(Quelle: Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII): Schritt für Schritt – oder: Was bringt wer mit? Ein Diskussionsimpuls zu Zielstellung und Voraussetzungen für den Einstieg in die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Diskussionspapier. Göttingen: April 2017)

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