LIBREAS.Library Ideas

LIBREAS.Dokumentation. Heute: Die Analyse Eric Steinhauers zum Aufruf Publikationsfreiheit.de

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Dokumente by Ben on 12. März 2017

von Ben Kaden (@bkaden)

1.

LIBREAS versteht sich seit je nicht nur als elektronische Zeitschrift für Bibliothekswissenschaft bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die im Sinne einer Fachzeitschrift mehr oder minder wissenschaftlich ermittelte Erkenntnisse formalisiert von Autor*innen zu Leser*innen transportiert. Sondern auch als Debattenmedium (siehe auch die entsprechende Kategorie dieses Weblogs). Das bietet sich einerseits bereits wissenschaftsstrukturell an, da die harte einschlägige Forschung oft nach wie vor in internationalen High-Impact-Journals bzw, zumindest in Web-of-Science registrierten Titeln wie dem De-Gruyter-Journal Bibliothek Forschung und Praxis publiziert werden. Das reicht für das Forschungsaufkommen wenigstens in der deutschsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft eigentlich vollkommen.

Nichtkommerzielle bzw. Grassroots-basierte Open-Access-Titel wie Informationspraxis, Perspektive Bibliothek oder 027.7 und schließlich auch LIBREAS funktionieren, wenn es ihnen gelingt, konzeptionell, inhaltlich oder in Hinblick Zielgruppe und Netzwerk Nischen zu besetzen. Angesichts des vergleichsweise Austrocknen inhaltlicher Diskussionen auf der Liste inetbib, kann man auch vermuten, dass der dort lange spürbare Bedarf nach informellerem Austausch über diese Medien und sicher auch durch die mittlerweile u.a. dank hypotheses.org strukturierteren deutschen wissenschaftlichen Blogkultur – als besonders relevant ist Klaus Grafs Archivalia zu erwähnen – von diesen digitalen Kommunikationsformen abgeschöpft wird. Zugleich haben sich Diskussionen zunehmend Richtung Twitter verlagert, da das Medium schneller und sichtbarer (und auch noch weniger reguliert) Meinungen und Hinweise kommunizierbar macht. Dass es zugleich auf Mittel der systematischen Wiederauffindbarkeit und damit die Idee des nutzbaren Archivs verzichtet, war lange für viele Vertreter*innen aus Bibliothekswesen und der Bibliothekswissenschaft eine Hürde. Mittlerweile scheint dieser Aspekt nicht mehr so sehr zu stören. Wir wollen dies zukünftig trotzdem stärker adressieren und werden ausgewählte Beiträge in einer gesonderten Kategorie u.a. anderem in diesem Blog dokumentieren. Den Auftakt macht heute die Debatte um die Petition zur Publikationsfreiheit (publikationsfreiheit.de).

2.

Ein Problem fast aller jüngeren Debatten, das es freilich trotz Listenarchiv bereits bei der inetbib gab, ist, dass die fehlende diachrone Ebene besonders in Digitalisierungsdebatten mehr zu einer regelmäßigen Wiederholung von Klischees und Bauchgefühlurteilen führt, als zu wachsender Differenzierung. Nur selten gelangt man daher zu einer Art Abschlusssynthese, auf die alle Folgediskurse aufsetzen können.

Wie typisch dies allgemein ist, zeigen der Aufruf zu Publikationsfreiheit.de sowie die neuerdings, in Form zugegeben sehr zeitgemäß, von Uwe Jochum auf Github veröffentlichten Stellungnahmen zu Urheberrecht, Open Access sowie Buch- und Digitalkultur. Im Kern ist man an vielen Stellen immer noch auf dem Erkenntnisniveau des Heidelberger Appells, also im Jahr 2008. Viele Argumente sind noch älter. Fast scheint es, als hätte man sich bequem in der Reiz-Reaktionskette eingerichtet, bei der die üblichen Verdächtigen, Roland Reuß, Uwe Jochum, Vittorio Klostermann,, mit in der Regel in eskalationsorientierte Rhetorik verpackten Attacken aussenden, gern die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor allem über Thomas Thiel und Twitter vor allem über Alexander Losse (Stroemfeld, Handmedium) als Multiplikatoren einsetzend. Es ist eigentlich eine überschaubare Gruppe, die man bei Gelegenheit durchaus mal mittels Verfahren der Sozialen-Netzwerkanalyse visualisieren könnte. Aber eine mit Einfluss, die es immerhin schafft, der Direktion der DNB eine Art Entschuldigungstext für das Feuilleton abzuringen, was natürlich entsprechend als Sieg gefeiert wird. Das „wir haben gewonnen“ ist insofern aufschlussreich, weil es zeigt, dass es nicht um Dialog und Verständigung geht, sondern um das kompromisslose Durchsetzen der eigenen Vorstellungen. Dass dazu gemeinhin der alte rhetorische Kniff eingesetzt wird, dem Gegenüber genau dies zu unterstellen, ist nur passend. Bietet man das Gespräch an, wird dies, zumindest bei Stroemfeld, als Heuchelei abqualifiziert. Bietet man Brücken an, wird man verhöhnt.

Das ist sicher notwendig, um eine innere Kohärenz zu bewahren, die sich Selbstzweifel nicht leisten kann, besonders, nachdem man sich jetzt nun schon über Jahre derart aggressiv mit einer bestimmten Position präsentierte. In ihrem Grundsatz fechten sich die, wenn man das Label über die DNB-Mahnwachen ausdehnen möchte, Verteidiger der Handmedien-Kultur gegen eine wie auch immer begründete Beschränkung von Wissenschafts- und Publikationsfreiheit, einen gefühlten Feldzug gegen das Medium Buch, die Lesekultur, den Buchhandel, wissenschaftliche Verlage oder auch dem Schreiben und Denken an sich sowie schließlich auch der Demokratie (der @Stroemfeld-Twitterfeed spiegelt die Bandbreite und vor allem auch den Stil höchst komprimiert). Schuldig bzw. Feinde sind Bibliotheken, DFG und Funktionseliten, die der IT- und Beraterlobby auf den Leim gehen oder andere Motive haben, die allesamt darauf abzielen, die Kultur des Buches und damit die mittelständischen Wissenschaftsverlage zu vernichten und zwar mithilfe einer Urheberrechtsreform, die Bedingungen der aktuellen Leitmedialität – nämlich des Digitalen – für Wissenschaft und Bildung neu definieren soll. Als Anlass für solche Vermutungen dienen ausgewählte Programmschriften, Diskussionsbeiträge und nun auch Urheberrechtsreformvorlagen, die zu Tatsachen extrapoliert, jedoch so gut wie nie mit Fakten unterlegt werden.

Mitunter liefern Vertreter des Bibliothekswesens wie Rafael Ball mit hemdsärmligen Bemerkungen gegenüber Tageszeitungen dankbar angenommene Munition. Nun sollte sich Rafael Ball sicher nicht vor jeder Äußerung fragen, was zum Beispiel sein Berufskollege Uwe Jochum dazu sagen würde. Dissens ist Teil jedes Diskurses und jede*r sollte frei äußern, was er beizutragen gedenkt. Schwierig wird es erst dann, wenn man eine absolute Deutungshoheit beansprucht und das eigene Weltbild als das einzig akzeptable präsentiert, wofür man dann gemeinhin ein Feindbild, und sei es noch so absurd, konstruiert. Oder, mal eine Lage niedriger, wenn es um banale Rechthaberei geht.

Als Reaktion auf die Attacken der genannten Verteidiger der Handmedien-Kultur gibt es in der Regel, ebenfalls meist ebenfalls von üblichen Verdächtigen, verwunderte bis empörte Tweets, Klarstellungen, Gegenargumente und ein bisschen Polemik, die einem Stich ins Wespennest gleicht und sofort Ausrufe unfairster Behandlung nach sich zieht, wie ebenfalls die Timeline des Twitterstroms des Stroemfeld-Verlags reichlich illustriert. Am Ende gibt es dann oft einen freundlichen und verständigen Kommentar von Matthias Ulmer (wie diesen), der wahrscheinlich auch sieht, dass der übergriffige Stil, derer, die in gewisser Weise das diskursive Schaufenster der Interessenvertretung der Verlagsseite bilden, in zu hoher Dosis die Botschaft und damit das Ziel beschädigt. Leider twittert er nicht. Und kurz darauf erscheint im Buch Forschung & Lehre der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit einiger Berechenbarkeit die nächste Polemik eines der genannten Autoren und der Kreislauf beginnt von vorn.

3.

Wie man aus diesem ziemlich unfruchtbaren Zirkel ausbrechen kann, bleibt unklar. Man kann und möchte trotz allem ja auch die Stimmen derer berücksichtigen, die sich – ob begründet oder nicht – um die Zukunft des Buches als ihrem Leit-, Lieblingsmedium bzw. -produkt sorgen. Andererseits ist anzunehmen, dass die Twitter-„Dialoge“ und auch die FAZ-Artikel für das Gesetzgebungsverfahren zum Gesetz zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft (UrhWissG) bestenfalls schmückendes Begleitwerk sind. Der Gesetzgeber wird die mittlerweile auf dieser Seite zahlreich vorliegenden Stellungnahmen als Anmerkungsapparat heranziehen. Unbestimmbar ist derweil die Rolle der mit viel Brimborium inszenierten Petition zur Publikationsfreiheit unter publikationsfreiheit.de, die eine öffentliche Meinung abbilden soll und wuchtige Namen der alten deutschen Geisteswissenschaftskultur wie Jürgen Habermas, Dieter Henrich oder Ottfried Höffe als Unterstützer listet. Das leuchtet und wirkt zweifellos. Und lässt sich gut als Argument verwenden, um zu dem Schluss zu gelangen, den Thomas Thiel unlängst in der FAZ zog:

„Die mehr als tausend Professoren unter den mehr als viertausend Signataren des Appells sind ein deutliches Zeichen, dass die Allianz auch von vielen Wissenschaftlern nicht mehr als Repräsentantin anerkannt wird, sondern als wissenschaftsferne Elite, die ihr eigenes technokratisches Spielchen treibt.“

Das ist selbstverständlich eine Feststellung mit erheblicher Reichweite: Die Tatsache, dass 1000 Professoren auf dieser Webseite unterschrieben haben, delegitimiert also die Rolle der „Allianz der Wissenschaften“, die wohl eigentlich die Allianz der Wissenschaftsorganisationen meint. Diese wird, nah an der Verschwörungstheorie, als technokratische Elite mit in jedem unwissenschaftlichen Zielen charakterisiert. Die Botschaft an die Wissenschaftler*innen sowie an die Politik lautet: Glaubt der Allianz nicht, sie will euch hintergehen. Das greift bedenklich auf aktuelle Spielarten der diskursiven Manipulation zurück und zeigt deutlich, wie wenig man überhaupt gewillt ist, Dialog und vielleicht sogar Verständigung zu suchen. Genaugenommen ist die hier sichtbare Strategie, knallharten Lobbyismus über die Behauptung eines Ausnahmezustands und damit ein Notwehrargument zu begründen. Der Aufruf ist dadurch, dass er in den Kontext zur Gesetzesinitiative gerückt wird, ein Musterbeispiel dessen, was man heute als Fake News bezeichnet. Das ist insofern schädlich, weil das massierte Zünden solcher Nebelkerzen am Ende alle verunsichert.

Was man in jedem Fall tun kann, ist das empirisch verfügbare Material aufzuschlüsseln und dadurch verständlicher zu machen. Eric Steinhauer nahm sich dieser Aufgabe in seinem kapselschriften-Blog an. Der Stroemfeld-Verlag und der mehr oder weniger Ableger @handmedium reagierten daraufhin mittels auf Twitter in einer Weise, die deutlich macht, warum diese Debatte so unersprießlich ist. In völlig überzogener Weise wurde die Analyse Eric Steinhauers de facto als „“faschistoid“ bzw. „demokratiefeindlich“ bezeichnet und mit dem sehr eindeutig konnotierten Konzept eines „Euthanasieprogramms“ also mit Verbrechen des Nationalsozialismus in Beziehung gesetzt. Gerade, dass „faschistoid“ und „Euthansieprogramm“ parallel auftauchen, macht es schwer, hier einen anderen Bezug zu sehen. Es passt gut in die rhetorische Eskalationskette der ganzen Debatte, die allerdings nachweislich vorwiegend von einer Seite kommt. Jeder Hinweis darauf wird entweder ignoriert oder als unzulässig abgebügelt. Man will das, was man sagen will, so sagen dürfen, wie man es will. Aber müssen alle, die es hören und lesen auch so hinnehmen? Eric Steinhauer meint berechtigt, dass viele diese Wortwahl als problematisch empfinden. Eigentlich sollten es alle sein. Es bleibt nach wie vor unverständlich, wieso Leute dieser intellektuellen Liga ihre Argumente aus so tiefen Schubladen holen.

Stroemfeld-Twitter

Tweet des Stroemfeld-Verlags zu Kritik an Publikationsfreiheit.de

stroemfeld
Tweet des Stroemfeld-Verlags zu Kritik an Publikationsfreiheit.deSo sehr man also das Recht der Stroemfeld-Vertreter und von Alexander Losse anerkennt, sich auch polemisch bis aggressiv für eine Sache einzusetzen, so sehr sollte man nicht aus dem Blick verlieren, dass es hier am Ende „nur“ um die Anpassung einiger urheberrechtlicher Regelungen geht. Insofern sollten sich auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Matthias Ulmer überlegen, ob sie auch bei dieser Eskalationsstufe mitgehen möchten und diese Frankfurter-Twitter-Ströme als ihre informellen Sprachrohre anerkennen. Die Unterzeichner*innen des Aufrufs sollten sich vielleicht auch fragen, auf welcher rhetorischen Kutsche sie hier eigentlich unfreiwillig mitfahren.

Abgesehen davon sei allen an dieser Stelle nochmals die Lektüre der Analyse Eric Steinhauers angeraten, der einige wichtige Punkte für weitere Diskussionen benennt. Insbesondere dieser Aspekt sollte für Diskussionen um die Zukunft des wissenschaftlichen Publikationswesens stärker diskutiert werden:

„Dass die Verlage offenbar den Kontakt zu den jüngeren Hochschullehrern verloren haben und damit Gefahr laufen, massiv ihre Zukunft zu verspielen. Diese Gefahr besteht unabhängig von dem Ausgang der geplanten Urheberrechtsreform.“

Wir werden dies u.a. an dieser Stelle, also in LIBREAS, selbstverständlich weiter verfolgen.

Dokumentation Beitrag von Eric Steinhauer, erstveröffentlicht auf kapselschriften.blogspot.de am 10.März 2017:


Heute im Watch-Blog: publikationsfreiheit.de

In engem zeitlichen Zusammenhang zur Publikation des Referenten-Entwurfes für ein zeitgemäßes, den digitalen Bedürfnissen in in Bildung und Wissenschaft angepasstes Urheberrecht wurde von Verlegerseite die Internetseite publikationsfreiheit.de an die Öffentlichkeit gebracht.

Die Seite, die von der „MVB Marketing und Verlagsservice des Buchhandels GmbH“ betrieben wird, tritt unter dem suggestiven und positiv besetzten Begriff der Publikationsfreiheit an, um angebliche Bedrohungen des wissenschaftlichen Publikationswesens durch verschiedene politische Vorhaben wie die Förderung von Open Access oder die Reform des Urheberrechts abzuwehren.

Im Zusammenhang mit der Freischaltung der Seite haben einige Verlage begonnen, ihre Autoren anzuschreiben und sie zur Zeichnung von publikationsfreiheit.de zu ermuntern. Sieht man sich die allerersten Unterzeichner an, so wurde Wert darauf gelegt, gerade Professorinnen und Professoren für die Kampagne zu gewinnen. Es wurde in diesem Blog schon darauf hingewiesen, dass dabei auch grob falsche Angaben über den Inhalt der geplanten Urheberrechtsreform geäußert worden sind. Autorinnen und Autoren hatten so das Gefühl bekommen, sie würden durch die Neuregelungen etwa für elektronische Semesterapparate regelrecht enteignet, was freilich Blödsinn ist.

Gleichwohl (oder gerade deshalb?) war die Kampagne bislang recht erfolgreich. So konnten bis heute 5.129 Unterschriften gesammelt werden.

Interessierte Kreise nutzen diese beeindruckende Zahl bereits für ihre politischen und publizistischen Zwecke. Sie glauben, zeigen zu können, dass die geplante Urheberrechtsreform nicht den Interessen der Wissenschaft dient, wehrt sich diese doch deutlich dagegen. Auf publikationsfreiheit.de kann man es ja nachlesen.

In dieser Woche hat unter der boulevardesken Überschrift „Wie man ein Monstrum nährt“ Thomas Thiel der der F.A.Z., die in Urheberrechtsfragen seit geraumer Zeit die unrühmliche Rolle eines tendenziösen Kampagnenblattes spielt, nun auch die Seite publikationsfreiheit.de für sich entdeckt. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „Appell für die Publikationsfreiheit, der in der Wissenschaft für Furore sorgt“.

Dann wird Thiel konkreter: „Die Allianz der Wissenschaften, die den Reformentwurf enthusiastisch begrüßt, ist geübt darin, jede Kritik als Verlagslobbyismus abzuwiegeln. Wenn sie im Namen von Bildung und Innovationskraft die großzügigen Ausnahmen vom Urheberrecht verteidigt, tut sie das aber nur bedingt im Namen der Wissenschaft. Die mehr als tausend Professoren unter den mehr als viertausend Signataren des Appells sind ein deutliches Zeichen, dass die Allianz auch von vielen Wissenschaftlern nicht mehr als Repräsentantin anerkannt wird, sondern als wissenschaftsferne Elite, die ihr eigenes technokratisches Spielchen treibt.“

Wow! Denkt man. Das ist ja unglaublich. Wie kann man nur so gegen „die“ Wissenschaft arbeiten?!

Vermutlich war es dem viel beschäftigen Redakteur einer Qualitätszeitung nicht möglich, sich die Liste der Unterzeichner genauer und vor allen Dingen kritisch anzusehen. Kein Problem. Dafür gibt es ja das Internet. Und so reiche ich gerne ein paar Fakten nach. Ich habe mir nämlich die Seite – ganz konservativ – ausgedruckt und bin ALLE Unterzeichner durchgegangen. Soweit sie Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer sind, habe ich ihr biographischen Angaben nachgeschlagen (Wikipedia, Homepage, Kürschners Gelehrtenkalender). Herausgekommen ist ein ziemlich interessantes Bild davon, was genau „die“ Wissenschaft ist, die man auf publikationsfreiheit.de findet.

Es handelt sich um 1.108 Professorinnen und Professoren, wobei Angehörige ausländischer Hochschulen, die von der Urheberrechtsreform in Deutschland ja nicht betroffen sind, nicht gezählt werden. Dafür wurden auch Personen berücksichtigt, die ihren Titel nicht genannt haben, mir selbst aber als Hochschullehrer bekannt waren. Wer zu den „Professoren“ zählt, wurde auf Grundlage der Selbstbezeichnungen denkbar weit gefasst. Und so wurden auch die vielen Honorarprofessoren oder Klinikärzte berücksichtigt.

Was war nun das Ergebnis?

Um es in einem Satz zu sagen: Knapp 40 % der Unterzeichner sind „Rentner“ (435 Personen). Über 55 % sind älter als 60 Jahre (613 Personen). Lediglich 16 % der Unterzeichner sind jünger als 50 Jahre (180 Personen). 

Das bedeutet, es haben sich mehrheitlich Personen über Open Access und eine digitalfreundliches Urheberrecht geäußert, die damit in der Praxis GAR NICHTS zu tun haben bzw. eine analoge wissenschaftliche Sozialisation durchlaufen haben. Die überwältigende Mehrheit der Professorenschaft, vor allem die jüngere Generation, ignoriert publikationsfreiheit.de. Es besteht überhaupt kein Anlass, wie Thiel des in seinem Beitrag in der F.A.Z. tut, einen auf „dicke Hose“ zu machen. Bei Licht besehen, ist die Kampagne ein einziger Misserfolg für die Verlage. Sie erreichen die nachfolgende Wissenschaftlergeneration trotz hübscher Internetseite offenbar nicht mehr.

Es ist auffällig, dass die Unterzeichnungen in Clustern erfolgen, plötzlich finden sich ganz viele Juristen, dann wieder Mediziner, dann kommen die Chemiker, dann die (Sozial)Pädagogen, die Philosophen und die Germanisten. Berücksichtigt man die im Appell engagierten Verlage, so haben wir es hier mit der etwas bejahrten und betagten Autorenschaft von rund einem Dutzend Verlagen zu tun. Für „die“ Wissenschaft ist das dann doch etwas dünn.

Geschenkt ist, dass es eine zweistellige Zahl von Doppelzeichnungen gab, die teilweise mehrere Tage auseinander liegen, offenbar eine Reaktion auf mehrere Verlegerbriefe. Erstaunt ist man auch, dass sich berühmte Professoren jenseits der 80, ja sogar jenseits der 90 (selbst?) beteiligt haben.

Geschenkt ist auch, dass die Teilnahme ohne Identitätsprüfung möglich ist, so dass auch ein „Johannes Gutenberg“ und „a.k.“ mitmachen konnten.

Ebenfalls geschenkt ist, dass erstaunlich viele der ansonsten sehr wenigen Studenten, die den Appell unterzeichnet haben, aus Heidelberg kommen … An diesem „Knochen“ können Freunde von Verschwörungstheorien behaglich nagen.

Interessanter ist schon, dass mit Ausnahme von Horst-Peter Götting von der TU Dresden, der als Vertreter sehr verlagsnaher Positionen im Urheberrecht seit vielen Jahren bekannt ist, KEIN EINZIGER renommierter Urheberrechtler unterzeichnet hat. Klar, man will sich angesichts der merkwürigen Faktendarstellung des Appells ja nicht blamieren.

Erwähenswert ist auch, dass die Anzahl der Namen von Mitarbeitern des Thieme-Verlages, die sich unter dem Appell finden, mit rund 140 fast an die Zahl der „U-50-Küken“ unter den Professoren heranreicht. Näher untersuchen könnte man auch, warum die jüngeren Professorinnen und Professoren oft von Fachhochschulen und dort aus den Bereichen (Sozial)Pädagogik und Wirtschaft kommen.

Wirklich spannend aber ist etwas ganz anderes. Ich greife noch einmal die Worte von Thiel aus der F.A.Z. auf: „Die mehr als tausend Professoren unter den mehr als viertausend Signataren des Appells sind ein deutliches Zeichen, dass die Allianz auch von vielen Wissenschaftlern nicht mehr als Repräsentantin anerkannt wird …“ Wenn wirklich etwas klar geworden ist, dann dies: Dass die Verlage offenbar den Kontakt zu den jüngeren Hochschullehrern verloren haben und damit Gefahr laufen, massiv ihre Zukunft zu verspielen. Diese Gefahr besteht unabhängig von dem Ausgang der geplanten Urheberrechtsreform.

Politiker lassen sich gerne von Zahlen beeindrucken. 5.000 Namen auf einer Webseite machen was her. Keine Frage. Repräsentativ freilich sind sie nicht. Und von den über 1.000 Professoren bleiben bei Licht besehen ein paar Hundert im aktiven Dienst übrig. Als Kampagne ist publikationsfreiheit.de unwichtig, als Problembeschreibung jedoch alarmierend. Wenn es nicht gelingt, Verlage und ihre Produkte in die digitale Welt von heute einfach und unkompliziert einzubinden, so wie es im geplanten Urheberrecht vorgesehen ist, sieht es düster aus.

Die Lage ist viel zu ernst, um sie den Marketing-Heinis der Verlage oder einem kurzsichtigen Tendenzjournalismus zu überlassen. Hier ist mutige politische Gestaltung gefragt. Im Referenten-Entwurf der geplanten Urheberrechtsnovelle kann man alles Erforderliche nachlesen.


Ende der Dokumentation

(Berlin, 12.03.2017)
 

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4 Antworten

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  1. Ben Kaden said, on 14. März 2017 at 17:49

    Zum den Appell auf publikationsfreiheit.de sind, wie es sich bei aktuellen Debatten gehört, einige Links zu ergänzen:

    – Eric Steinhauer analysierte die unter dem Schlagwort „Publikationsfreiheit“ kumulierten Probleme noch einmal detailliert in diesem Text auf kapselschriften: Ein Erklärbär zu publikationsfreiheit.de (13.03.2017)

    – Uwe Jochum lieferte heute eine Erläuterung, warum man (bzw. eine „Liebe N.N.“) den Aufruf trotz aller Skepsis unterschreiben sollte: Der unsichtbare Autor (14.03.2017)

    – ich war von Uwe Jochums Argumentation derart irritiert, dass ich für den LIBREAS-Tumblr eine kurze Anmerkung notierte: Bitte Werke nicht beforschen. Wie Uwe Jochum für publikationsfreiheit.de wirbt. (14.03.2017)

    – Der Tweet des Tages zum Thema kommt von @handmedium, also vermutlich Alexander Losse, der zum Gesetzesentwurf im Anschluss an Uwe Jochum schreibt:

    Ja, sagen wir es ohne Ironie: Der Referentenentwurf ist böse. Und die ihn befürworten? Ja, je nach Höhe ihrer Einsicht, sind sie es auch. [08:30 – 14. März 2017]

    Lesenswert und exemplarisch für die Twitter-Debatte ist schließlich noch dieser Thread.

    Eine weitere Linksammlung gibt es auch im Infopool von IUWIS: Tag publikationsfreiheit.de.

  2. Ben said, on 18. April 2017 at 16:42

    Mittlerweile wurde aus dem Referentenentwurf für das UrhWissG ein Gesetzentwurf (vgl. die Pressemitteilung des BMJV vom 12.04.2017) und damit wird es wohl ab März 2018 einige neue Paragrafen für Bildungs- , Wissenschafts- und Bibliotheksurheberrecht zu beachten geben. Die Änderungen sowie eine sehr schön bündige Analyse des unter Publikationsfreiheit.de bekanntgewordenen Aufrufs finden sich derweil in einem sehr lesenswerten Beitrag von Alexander Peukert auf iRights.info dargestellt: Der Entwurf für ein Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz: Was geplant ist und was nicht.

  3. Ben said, on 28. April 2017 at 11:39

    Mittlerweile gibt es, wie der @handmedium-Twitterstrom von Alexander Losse meldet, eine ausführliche und empörte Reaktion Uwe Jochums auf die Analyse Eric Steinhauers:

    Die Unterschriften von Jürgen Habermas, von Dieter Henrich, von Jürgen Osterhammel, Axel Honneth, ja sogar die des ehemaligen DFG-Präsidenten Wolfgang Frühwald — alles das wird unter den einfachen Rubriken »geschenkt« und »erstaunlich« abgehakt[…]

    Der Beitrag ist zweifelsohne eine Bereicherung für die nun etwas stiller gewordene Debatte um den Urheberrechtsgesetzesentwurf und die Reaktion der Initiative Publikationsfreiheit.de. Aber leider weniger konstruktiv und mehr darauf angelegt, zu zeigen, wer hier sein Weltbild bestätigt sehen kann. Und das ist denkbar einfach gefaltet, wie an Aussagen wie dieser deutlich wird:

    Die Autoren, die zu entdecken begonnen haben, daß viele Bibliotheken nur möglichst billig einen möglichst großen Zugriff auf von den Autoren hervorgebrachten »Content« haben wollen, laufen der Gemeinwohlmaschine Bibliothek in Scharen davon und dokumentieren dieses ihr Davonlaufen per Unterschrift auf http://www.publikationsfreiheit.de.

    Dazu zählt auch, dass man mit allem Pauschalisierungswillen, den man braucht, um den deutlich problematischen Ansatz, von Publikationsfreiheit.de zu ignorieren und darin ein Mittel der Repräsentation der eigentlichen Wissenschaftsöffentlichkeit zu verstehen. Sozialpsychologisch ist es hochinteressant, wie hier Mechanismen einer Frontenbildung eingesetzt werden – Wissenschaftler vs. Bibliotheken – die es so natürlich nicht gibt. Dazu zählt dann auch, dass man dem Anderen auch immer ins Gesicht ruft, dass eigentlich er die Marionette ist, die die wirkliche Wirklichkeit nicht sieht:

    Aber es geht nicht mehr: Die Wirklichkeit ist da, und es ist ihr völlig gleichgültig, mit welcher Energie einige Bibliothekare versuchen, diese von ihnen als »falsch« wahrgenommene Wirklichkeit zu ignorieren und wegzureden.

    Dass übrigens eine Generationenlücke auf Publikationsfreiheit.de ins Auge fällt, erklärt sich für Uwe Jochum vor allem daher, dass die jüngeren Wissenschaftler_innen Angst haben, Position zu beziehen. Nur etablierte (oder emeritierte) Professoren und Hochschullehrer können also noch echte Staatsbürger und Demokraten:

    Sie können öffentlich protestieren; sie können es tun, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. So gesehen ist die von Eric W. Steinhauer analysierte Verschiebung im Alter der Unterzeichnenden eben nicht einfach als Beleg für eine irrelevante akademische Rentnerinitiative zu verstehen, sondern ganz im Gegenteil Beleg eines hochpolitischen Vorgangs: Zum einen nämlich ein Beleg dafür, wie sehr durch die Fördermacht der »Allianz« die Universitäten als demokratisch-offene Einrichtungen bereits beschädigt sind, und zum andern ein Beleg dafür, daß diese Beschädigung wahrgenommen und mit Protest quittiert wird, und zwar von ebenjenen, deren intellektuelles und erfahrungsgesättigstes Gewicht gar nicht bezweifelt werden kann.

    Für Uwe Jochum, der rhetorische Kabinettstückchen nachgewiesen ganz gut beherrscht, konnte auch keine andere Deutung herauskommen. Die Sache bringt es freilich keinen Meter weiter, so wie auch Publikationsfreiheit.de überhaupt kein Interesse zeigte, die Vorschläge des Referentenentwurfs zu diskutieren, sondern lieber, wie bestimmte Entwicklungen in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik Transformationsfolgen für Wissenschaft und Bibliotheken haben, in der sich manche Wissenschaftler_innen und wissenschaftliche Verlage nicht so recht wiederfinden. Statt sich aber immer mit schweren Keulen wie der einer Demokratiefeindlichkeit zu überheben, wäre es zweckmäßiger, die einzelnen Anliegen (Wissenschaftsurheberrecht, Beschäftigungsstrukturen in der Wissenschaft, Drittmittelfixierung etc.) in handhabbaren Portionen zu besprechen.

    Uwe Jochum: Statistik im Kontext. In: uwejochum.github.io, 27.04.2017

  4. Ben Kaden said, on 4. Mai 2017 at 14:49

    Ein durchaus lesenswerter Beitrag von Rudi Schmiede in Reaktion auf den am Samstag im Feuilleton der FAZ erschienen Text von Roland Reuß und Volker Rieble (Die Digitalisierung frisst unsere Rechte, siehe dazu auch eine Notiz im LIBREAS.Tumblr) findet sich im Archiv der Inetbib. Und da er auch auf den Publikationsfreiheit.de-Appell Bezug nimmt, soll er hier als Ergänzung zur Dokumentation registriert und ausschnittsweise zitiert werden:

    Ich habe nichts dagegen, dass besonders erfolgreiche Kollegen, die manchmal
    sogar zu Bestseller-Autoren arrivieren, aus ihren Publikationen zusätzliches
    Einkommen beziehen; insofern ist es folgerichtig, dass etwa Jürgen Habermas den
    vom Börsenverein initiierten Appell gegen die im Referentenentwurf
    vorgeschlagenen Neuregelungen unterschrieben hat. Man sollte aber diese
    Interessenlage nicht mit der der Wissenschaften insgesamt und der Masse der
    Autoren verwechseln. Es handelt sich hier um eine verschwindend kleine
    Minderheit von Autoren, während die große Masse de facto in
    Vertragsverhältnisse der Finanzierung und Subventionierung der großen – oder im
    Falle meines Faches – der kleinen und mittelständischen Wissenschaftsverlage
    eingebunden ist.

    Die vom Börsenverein und von Herrn Ulmer als seinem Sprecher vertretene
    Position ist anmaßend. Die Vereinnahmung der Urheberschaft der Autoren ist
    usurpatorisch. Die Nutzung in ihren Positionen teils unklarer, teils abseitiger
    Argumente wie durch Reuß und Rieble stellt eine Herabwürdigung der
    überwältigenden Mehrheit der wissenschaftlich Tätigen dar. Es sollte auch nicht
    unerwähnt bleiben, dass sich die – in der Tat ökonomisch bedrängten – vielen
    kleinen und mittleren Verlage durch diese Position, wie sie von Herrn Ulmer im
    Namen des Börsenvereins vertreten wird, zum Büttel der eigentlichen Profiteure
    im Feld der wissenschaftlichen Publikation – also der Großverlage wie Elsevier,
    Wiley, Springer etc. – machen. Ihnen gelingt es nach wie vor, mit ihren im
    internationalen Vergleich überragenden Profitraten die Publikationsszenerie
    ihren Interessen gemäß zu formen. Leider ergibt sich eine deutliche Mehrheit
    der publizierenden Wissenschaftler diesem scheinbar unausweichlichen Druck.

    Alles weitere hier: Rudi Schmiede: Re: [InetBib] Heute in der FAZ, 02.05.2017


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