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Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 24. Februar 2017

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden)

Update 27.02.2017: Im Anschluss an die Veröffentlichung des nachstehenden Beitrags korrespondierte ich ausführlich mit Julien Reitzenstein und erfuhr mehr zu den Hintergründen der Angelegenheit. Grundlegend lässt sich festhalten, dass die Sachlage differenzierter zu betrachten ist, als es zum Beispiel das Echo auf Twitter vermuten lässt. Ich halte es daher aus zwei Gründen, also einerseits der Fairness halber, die allen Positionen Raum zugestehen soll und andererseits, um die Debatte mit aus meiner Sicht notwendigen Zusatzinformationen zu bereichern,  für geboten, meinen Ursprungskommentar mit weiteren Ausführungen zu ergänzen.

In dieser Woche kam eine, glücklicherweise, erstaunliche und aus Sicht der Herausgeberschaft einer Zeitschrift, die auch Rezensionen veröffentlicht äußerst unersprießliche Angelegenheit ans Licht. Auf der zentralen deutschsprachigen Webplattform für die Geschichtswissenschaften, H-Soz-Kult, war 2016 eine Besprechung des Historikers Sören Flachowsky erschienen, der sich mit der Arbeit mit dem Titel Himmlers Forscher : Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS (Paderborn: Schönigh, 2014) des Historikers Julien Reitzenstein auseinandersetzte. Julien Reitzenstein fand am Besprechungstext offenbar einiges unzulänglich. Diese Mängel schienen ihm gravierend genug, um die Ebene des fachlichen Disputs sofort zu verlassen und sowohl den Rezensenten wie auch die Herausgeber von H-Soz-Kult mit einer vom Landgericht Hamburg angesegneten Unterlassungserklärung zu konfrontieren.

Michael Wildt und Rüdiger Hohls haben den Vorgang mit sichtbaren Bemühen um Transparenz auf der Seite beschrieben und betonen, was eigentlich jedem Leser und jeder Leserin der problemlos über die amerikanische Mutterseite noch verfügbare Orginalrezension klar sein dürfte:

„Nach unserer Einschätzung entbehrt Reitzensteins gerichtliches Vorgehen gegen den Rezensenten jeder wissenschaftlichen Grundlage. Über die vorstehend angeführten Kritikpunkte an der Studie Reitzensteins sollte es möglich sein, sich im Rahmen eines wissenschaftlichen Dialoges auseinanderzusetzen.“

Zudem erläutern sie in einem zweiten Text, der nun auf H-Soz-Kult anstelle der Rezension Himmlers Forscher auftaucht, warum sie von einem weiteren Rechtsweg absehen:

„Vor dem Landgericht Hamburg erwirkten Reitzensteins Anwälte am 27. Juli 2016 im Eilverfahren ohne mündliche Verhandlung einen Unterlassungsbeschluss. Ein Rechtsvertreter von Flachowsky war am Verfahren nicht beteiligt. Diesem Beschluss zufolge darf Flachowsky einen bemängelten Halbsatz nicht mehr veröffentlichen, dessen Inhalt wir hier deshalb auch nicht wiedergeben dürfen. Da die Kosten allein dieses Verfahrens, mehr als 2.600 Euro, vom Rezensenten aufzubringen waren, hat sich H-Soz-Kult in Abwägung der Verhältnismäßigkeit und zum Schutz des Rezensenten im August 2016 bereitgefunden, diesen Satz aus der Online-Veröffentlichung der Rezension zu streichen.

Nachdem dies umgesetzt und in einer Redaktionsnotiz an der Rezension dokumentiert war, erreichten Anfang November 2016 die Redaktion von H-Soz-Kult und Flachowsky neue Aufforderungen durch Reitzensteins Anwaltskanzlei, weitere Unterlassungsverpflichtungserklärungen abzugeben.

Es ging u.a. um zwei weitere Passagen in der Rezension, deren Wiederholung nun untersagt sein sollte. Die Redaktion von H-Soz-Kult kann nicht ausschließen, dass Herr Reitzenstein sich jetzt bemüht, in einzelnen, kostenträchtigen Verfahren sämtliche gewünschten Änderungen per Unterlassungsverpflichtungserklärungen bzw. gerichtlichen Entscheidungen gegen unseren Rezensenten durchzusetzen. Sören Flachowsky hat angesichts dieser Entwicklung seine Rezension zurückgezogen, um nicht in weitere juristische Auseinandersetzungen verwickelt zu werden. Auch wenn wir überzeugt sind, dass keines dieser Verfahren zugunsten von Reitzenstein im Rahmen von Klageverfahren vor der Pressekammer eines Landgerichtes ausgehen würde, wollten wir Herrn Flachowsky als H-Soz-Kult-Autor nicht möglicherweise langwierigen und kostspieligen Rechtsstreitigkeiten aussetzen. Daher hat sich die Redaktion von H-Soz-Kult entschlossen, die Rezension vollständig vom Netz zu nehmen.“

Was aus Sicht Sören Flachowskys und der Herausgeber nachvollziehbar ist, ist für das wissenschaftliche Rezensionswesen leider problematisch, da von hier aus das Signal gesendet wird, dass man mit anwaltschaftlicher Unterstützung und zumindest mit dem Landgericht Hamburg im Rücken wissenschaftliche Kritik relativ leicht depublizieren lassen kann. Wenigstens für Außenstehende erschien die Besprechung weder als Verriss noch als Schmähung und damit problemlos im zulässigen Rahmen dessen, was der § 193 StGB zum Tatbestand der Beleidigung im Zusammenhang mit der Wissenschaftskritik vermerkt:

„Tadelnde Urteile über wissenschaftliche, künstlerische oder gewerbliche Leistungen, desgleichen Äußerungen, welche zur Ausführung oder Verteidigung von Rechten oder zur Wahrnehmung berechtigter Interessen gemacht werden, sowie Vorhaltungen und Rügen der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen, dienstliche Anzeigen oder Urteile von seiten eines Beamten und ähnliche Fälle sind nur insofern strafbar, als das Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form der Äußerung oder aus den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht.“

Ungeachtet dessen ist eine Aufladung gerade des wissenschaftlichen Diskurses, der auf dem Austausch von gegenläufigen Deutungen lebt, mit der Gefahr, Widersprüche sofort mit kostenpflichtigen Unterlassungserklärungen zu adressieren, höchst zweifelhaft und müsste sowohl aus Sicht der grundgesetzlich verbrieften Wissenschaftsfreiheit wie auch der Meinungsfreiheit eigentlich schlicht unzulässig sein. Klaus Graf kumuliert das auf Archivalia in der Forderung Gerichte sollten sich aus dem wissenschaftlichen Rezensionswesen raushalten!

Für Julien Reitzenstein ist das Ergebnis vermutlich ebenfalls nicht besonders befriedigend und insgesamt ein Lehrstück über Wissenschaft im Digitalen. Die Rezension ist keineswegs aus dem Netz verschwunden und wird intensiv studiert, u.a. um zu verstehen, wo eigentlich das Problem liegt. Er selbst hat damit eine über sein Fach hinausreichende Bekanntheit vor allem als besonders dünnhäutiges Diskursverweigerer erlangt und den einen oder anderen zusätzlichen Twitter-Spott auf sich gezogen. Innerhalb seiner Disziplin wird man sich verständlicherweise in Zukunft mehrfach überlegen, ob man seine Arbeiten rezensiert oder überhaupt adressiert. Für einen nachhaltigen Streisand-Effekt ist die Sache vermutlich zu unbedeutend, auch wenn Birte Förster in ihrer Anmerkung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zutreffend vermerkt:

„Mehr Prominenz für eine Rezension ist kaum zu erreichen, und die Zirkulation des Originalbeitrags, den H-Soz-und-Kult zwar von der eigenen Seite, nicht aber von den Festplatten der Wissenschaftsgemeinschaft löschen konnte, wird ihr Übriges tun. So ist Reitzensteins Vorgehen ein Paradebeispiel dafür, wie man Kritik nicht widerlegt, sondern in Umlauf bringt.“

Man kann nur hoffen, dass dieser schnelle Gang zum Rechtsbeistand keine Schule macht, da sonst das wissenschaftliche Rezensionswesen generell in Gefahr gerät. Das Schlimmste wäre, wenn sich nun ein Geschäftsfeld für eine neue Abmahnindustrie eröffnete, was übrigens anders als beispielsweise der unter UrhWissG bekannte aktuelle Referentenentwurf zur Urheberrechtsreform (vgl. zu diesem Thema u.a. diesen Beitrag von Oliver Hinte) einen wirklichen Eingriff in die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit bedeutete. Noch bleibt der bedauerliche Fall des Julien Reitzenstein ein Einzelphänomen, aber auch wir bei LIBREAS überlegen nun selbstverständlich, wie wir mit eventuellen, so gelagerten Depublikationsanfragen umgehen. Eine Alternative für H-Soz-Kult wäre ja auch gewesen, die entsprechenden Textstellen zu schwärzen.

Aus wissenschaftssoziologischer Sicht sind auch die Kommentare auf faz.net zum Fall interessant. Ein Ernst Mayer merkt explizit auf Birte Förster bezogen an:

„Die junge Kollegin hat sich wahrscheinlich keinen Gefallen damit getan, diese Sache hier in der FAZ breit zu treten. Wie jeder gestandene Wissenschaftler weiss, können Rezensionen als Waffen im Gelehrtensteit eingesetzt werden, insbesondere wenn es darum, junge Wissenschaftler als Professoren zu verhindern. Ich arbeite nicht in diesem Fachbereich, habe aber so viele Bösartigkeiten erlebt, dass ich mich bei wirklich feindseligen Besprechungen immer frage, was dahinter steckt. Und das sollte jedem bösartig rezensierten Kollegen ein Trost sein. Die Leser sind nicht naiv und bilden sich eine eigene Meinung.“

und ergänzt in einem zweiten Kommentar:

„Auch Rezensenten seien hier gewarnt. Insbesondere kritische Besprechungen müssen ausgesprochen fair und höflich sein, sonst macht man sich den Rezensierten und sein Network zum Feind und das kann für junge Wissenschaftler das Karriereende bedeuten – was ich leider schon mehrfach erlebt habe.“

Wenn dem so ist – auch aus dem juristischen Bereich sind anekdotisch Fälle dieser Art bekannt – sollten die betroffenen Wissenschaftskulturen vielleicht auch einmal stärker darüber reflektieren, wie kleinlich, anachronistisch und wissenschaftsfeindlich diese Mißgunst gerichtete Grundverfassung eigentlich ist. Aus Sicht der Diskursethik, die gerade für die Wissenschaft eine sinnvolle Orientierung bietet und die besonders auch die prinzipielle Zwanglosigkeit und Herrschaftsfreiheit zur Bedingung macht, fallen diese Communities, wenn sie derart nachtragende Reaktionen auf Kritik zulassen, regelmäßig hinter die Mindestansprüche der wissenschaftlichen Kommunikation zurück.

„Die Kernidee bleibt dabei, daß der Diskurs zwischen Personen stattfindet, die mit ‚Diskursrechten‘ auf Autonomie und Gleichbehandlung ausgestattet sind. Erstere soll durch die Abwesenheit von Zwang und Täuschung, letztere durch die Abwesenheit von Privilegien, sowohl in der Frage des Diskurses als auch in den Sprecherrollen und zugelassenen Themen innerhalb des Diskurses, garantiert werden.“ (Neil Roughley: Diskursethik. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2: C-F, 2. neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler, 2005. S. 230)

Das klingt als Orientierung denkbar einfach und einleuchtend, auch wenn beispielsweise der Stroemfeld-Verlag regelmäßig auf Twitter zeigt (vgl. dazu auch diesen Beitrag), wie schwer sich solche Prinzipien besonders in die Flüchtigkeit digitaler Kommunikationskanäle übertragen lässt. Für die Wissenschaft ist das Problem aber gerade nicht von neue Kommunikationsformen sondern vor allem von alten hierarchischen Vorstellungen abhängig. Wenn, wie anekdotisch überliefert, es in den Rechtswissenschaften als Tabu gilt, dass Rangniedere die Arbeiten Ranghöherer besprechen, also wissenschaftliche Mitarbeiter_innen Kritik an den Arbeiten von Professor_innen äußern und sei sie noch so begründet und berechtigt, ist dies letztlich auch für das Erkenntnispotential eines Faches eher schädlich. Es ist nicht anzunehmen, dass der Fall Julien Reitzenstein hierzu eine größere Debatte anregen wird und auch die Frage, wie viel Kritik ein rezensierter Autor aushalten muss, bevor er sich zulässig beleidigt fühlen kann, wird hier nicht geklärt werden. Prinzipiell liegt der Maßstab aber besonders in der Wissenschaft sehr hoch, so dass man angesichts der aktuellen Angelegenheit zwar entsetzt und empört, jedoch nicht eingeschüchtert sein sollte. Und es bleibt ja auch noch die Hoffnung, dass sich nachfolgende Generationen der Wissenschaft, die die Diskurspluralität und Erkenntnispraxen der Gegenwart zu schätzen wissen und die Relativität und strukturelle Beschränkheit der nicht gerade seltenen Zwistigkeiten zwischen (vermeintlichen) Eminenzen, Koryphäen und Alpha-Forscher_innen durchschauen, auf dieses Spiel einfach nicht mehr einlassen.

(Berlin, 24.02.2017)

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9 Antworten

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  1. Dr. Bernd Dammann said, on 24. Februar 2017 at 21:07

    Audiatur et altera pars

    Der von interessierter Seite erstaunlich schnell und damit zugleich höchst leichtfertig ins wissenschaftsethische Abseits manövrierte Historiker Julien Reitzenstein, den ich persönlich nicht kenne, hat inzwischen zu seinem fachwissenschaftlich Anstoß erregenden Buch und dem dazu jüngst entfachten Drumherum eine Website eingerichtet (http://www.geschichtsmanufaktur.eu/5.html) und dort neben einigen sehr positiven Rezensionen zu seiner Studie auch eine persönliche Stellungnahme zu den Veröffentlichungen der letzten Tage eingestellt.
    – Link aufrufen und dann ‚home‘ anklicken: http://www.geschichtsmanufaktur.eu/index.html

    Sie trägt die Überschrift:
    „WAS SIE SCHON IMMER VON DER WISSENSCHAFT WISSEN WOLLTEN, ABER NIE ZU FRAGEN WAGTEN. oder Wer will man sein? NS-Relativierer oder Streithansel? Eine Stellung nehmende Polemik zu den konzertierten Veröffentlichungen über „Himmlers Forscher“ und seinen Autor am 22.02.2017.“

    Die willfährigen Helfershelfer von H-Soz-und-Kult sollten nach der Lektüre dessen, was Reitzenstein auf dieser Webseite ausbreitet und vorträgt, unter dem hier von Ben Kaden angesprochenen wissenschaftssoziologischen Blickwinkel vielleicht doch noch einmal überdenken, was sie dazu bisher so zum Besten gegeben haben.

    • Dr. Bernd Dammann said, on 24. Februar 2017 at 21:42

      P.S.:
      Wie ich gerade mit einem gewissen Befremden bemerke, hat Herr Reitzenstein seine persönliche Stellungnahme, die er unter der oben wörtlich zitierten Überschrift bereits ins Netz gestellt hatte, noch einmal zurückgenommen. Vermutlich, um sie in seinem schwebenden Verfahren wirklich auch gerichtsfest zu machen. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. An dem von mir unter Bezug darauf bereits Geschriebenen ändert sich dadurch jedoch nichts! B.D.

  2. irgendwer said, on 25. Februar 2017 at 23:49

    Sowohl der rezensierte Autor wie auch die Rezensionsplattform haben sich verdammt schwach verhalten (keinerlei öffentliche Gegendarstellung hier, kein nennenswerter Widerstand gegen Eingriffe dort). Beide Seiten haben dadurch letztlich die wissenschaftliche Debatte einem Rechtssystem ausgeliefert (je mehr oder weniger freiwillig versteht sich), das hier scheinbar keinerlei Jurisprudenz kennt. Dass in solchen Fällen „einstweilige Verfügungen“ etc. überhaupt verhängt werden können, ist zwar der eigentliche Skandal, aber einer, der nun leider nicht mehr zur Debatte wird stehen können.
    Dass der Vorgang bei der Forschergemeinschaft Befremden auslöst, ist wohl nur zu verständlich – aus wissenschaftlicher Sicht sogar apriori richtig. „Leichtfertig“ sind hingegen Kommentatoren, die (obwohl sie selbst ein „gewisses Befremden“ nicht unterdrücken können) meinen, sie müssten hier ad hoc den Autor als Aussenseiter vor einem System mit „willfährigen Helfershelfern“ in Schutz nehmen („leichtfertig“ ist allerdings für Kommentatoren, wie den zitierten Hrn. Mayer tatsächlich noch ein Euphemismus). Es sollte doch wohl klar sein: Wer Gerichte oder gar Anwälte über Texte und deren Formulierungen von Sachverhalten entscheiden lässt, ist (zumindest nicht zuallererst) an den dabei verhandelten wissenschaftlichen Fragen interessiert.

    • Dr. Bernd Dammann said, on 26. Februar 2017 at 13:21

      Werter Herr Irgendwer aus Nirgendwo,

      warum halten Sie eigentlich die Überlegung so entschieden von sich fern, dass die ergangene Eilentscheidung der zuständigen Kammer des Landgerichts Hamburg zuerst und vor allem dem Umstand geschuldet sein könnte, dass es dem Kläger und seinem Anwalt gelungen ist, bei Gericht glaubhaft zu machen, der Gang zu Gericht sei für den Kläger als ultima ratio die einzige ihm verbliebene Möglichkeit gewesen, sich über die Plattform von H-Soz- und -Kult in der eigenen Fachgemeinschaft wissenschaftsöffentlich Gehör zu verschaffen.

      Reitzenstein macht doch in einer vom Gericht ganz offensichtlich als wahr eingestuften Tatsachenbehauptung geltend, dass sein Anliegen, zu der von ihm beanstandeten Rezension eine Replik zu schreiben, von den dafür verantwortlichen Herausgebern und/oder Redakteuren bei H-Soz- und –Kult ignoriert bzw. (ad infinitum) verschleppt worden sei, und zwar, wie mir selbst scheint, in Manier ordinarialer Gutsherrenart:

      „Den Dialog habe ich mehrfach und intensiv gesucht. Außer Schweigen gab es keine Reaktion des Rezensenten und des Herausgebers. Sehr gern hätte ich eine Replik veröffentlicht – unzensiert.“

      Jede/r, der/die unter solchen Voraussetzungen und Bedingungen den Mut aufbringt, einem solchen neofeudalen Gehabe die Stirn zu bieten, findet jedenfalls meine volle Sympathie.

      H-Soz- und –Kult hätte sich den daraus folgenden Ärger wahrlich ersparen können, wenn es diesem Anliegen zügig stattgegeben hätte. Das auch von Ihnen stattdessen nun wiederholte Mantra der ‚H-Soz- und –Kult‘-Fraktion, seine Vorgehensweise belege, dass Reitzenstein nicht „(zumindest nicht zuallererst) an den dabei verhandelten wissenschaftlichen Fragen interessiert“ gewesen sei, verfängt als Schutzbehauptung bei mitdenkenden Leserinnen und Lesern folgerichtig auf Dauer nicht mehr.

      • irgendwer said, on 26. Februar 2017 at 15:55

        Herr Dammann, sie lagen mit Ihrem „gewissen Befremden“ schon richtig. Konnte der Autor in der ganzen wissenschaftlichen Publizität (und dem world wide web) keinen Weg finden um seine Gegenmeinung „unzensiert“ kund zu tun? Sie gehen scheinbar davon aus, dass eine „vom Gericht ganz offensichtlich als wahr eingestuften Tatsachenbehauptung“ auch eine solche ist. Das spricht für sich.
        Hier nur nochmal zum Argument, das Sie mit Ihrer Antwort nicht widerlegen, sondern gerade bestätigen: Es stellt sich uns doch so dar, dass beide Seite behaupten (!) das Gespräch gesucht zu haben. Im Gegensatz zu Ihnen muss ich keiner Seite glauben — oder wissen Sie mehr über das, was da vorher abgelaufen ist? (wenn nicht, ist Ihr Kommentar eben „leichfertig“). Weder die Rechtmäßigkeit der Klage (die allerdings angesichts der Originalrezension extrem zweifelhaft ist) noch die Entscheidung des Gerichts muss also beurteilt werden, um behaupten zu können, dass ein rezensierter Autor – aus wissenschaftlicher Sicht – fragwürdig handelt indem er den juristischen Weg einschlägt und dass es ihm also offensichtlich nicht zuerst um Sachlichkeit, „Wahrheit“ oder die Klärung von „Fakten“ (wie er selbst behauptet) gehen kann.

  3. Dr. Bernd Dammann said, on 26. Februar 2017 at 22:41

    @ Irgendwer:

    Ihre These, „dass ein rezensierter Autor – aus wissenschaftlicher Sicht – fragwürdig handelt, indem er den juristischen Weg einschlägt und dass es ihm also offensichtlich nicht zuerst um Sachlichkeit, „Wahrheit“ oder die Klärung von „Fakten“ (wie er selbst behauptet) gehen kann“, teile ich ganz und gar nicht.

    Auch die nach Artikel 5 Abs. 3 GG verfassungsrechtlich geschützten Bereiche von Wissenschaft und Forschung unterliegen nämlich dem Gesetzesvorbehalt nach Art. 5 Abs.2, indem sie „ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze“ finden, insoweit es sich beispielsweise um die allgemeinen Verkehrs- und Umgangsformen von Autoren und deren Kritikern in wissenschaftlichen Rezensionsorganen handelt. Einschlägig dafür und zugrunde zu legen ist auch in solchen Fällen das Presserecht, beispielsweise und in diesem Fall insbesondere unter dem Gesichtspunkt von Sinn und Zweck des Rechts auf ‚Gegendarstellung‘. Auch ausschließlich online arbeitende Organe aus diesem Genre sind von diesen zwingend zu beachtenden Rechtsvorschriften nicht dispensiert. Deswegen konnte ja auch die darauf spezialisierte Kammer des Landgerichts Hamburg in diesem Fall damit überhaupt erst befasst werden.

    Einen rechtsfreien Raum für wissenschaftliche Rezensionsorgane kann und darf es schon wegen des absoluten Vorrangs des Schutzes der personenbezogenen Grundrechte in einem demokratisch verfassten Rechtsstaat nicht geben. Es ist deswegen m.E. nicht zu beanstanden, wenn von dem vom Gesetzgeber eingeräumten personenbezogenen Rechtsschutz im Streitfall auch Gebrauch gemacht wird. Ich kann daran nichts Anstößiges finden.

    Es trifft zu, dass wir uns alle, insoweit wir Außenstehenden uns als nicht unmittelbar beteiligte Dritte an dieser vornehmlich wissenschaftsöffentlich geführten Debatte beteiligen, ausschließlich auf die unterschiedlich interessengeleiteten Darstellungen des streitigen Sachverhalts aus der Sicht der in diese Auseinandersetzung unmittelbar involvierten ‚Streithähne‘ einerseits und auf das Recht auslegende und anwendende Entscheidungshandeln eines Verfassungsorgans der rechtsprechenden Gewalt (Landgericht Hamburg) andererseits stützen können.

    Unter diesem Vorbehalt, der uns alle trifft, macht es wenig Sinn, Vertretern gegenteiliger Auffassungen zum Sachverhalt jeweils vorzuhalten, sie verfügten nicht über die dafür eigentlich erforderlichen Hintergrundinformationen. Es handelt sich vielmehr um konkurrierende Sichtweisen und vorläufige Erklärungsversuche, die für interessierte Dritte einen möglichst hohen Grad an Plausibilität und Realitätsnähe zu vermitteln bemüht sein sollten.

    Ich selbst bemühe mich dabei darum, auf den ersten Blick schwer durchschaubar erscheinende Vorgänge oder Sachverhalte so zu beschreiben und zu kennzeichnen, wie sie sich jedem halbwegs unbefangenen Betrachter der dabei zutage geförderten Sachverhalte in tatsächlicher Hinsicht und sinnstiftend darstellen. Dabei muss m.E. aus wissenschaftssoziologischer Sicht allerdings zwingend in Rechnung gestellt werden, dass die von Ben Kaden genannten konstitutiven Elemente des herrschaftsfreien wissenschaftlichen Diskurses idealtypischer Natur sind, aber mit der akademischen Lebenswelt und dem Hochschulalltag im Allgemeinen nur wenig gemein haben. Und in genau diesem Umstand sehe ich die eigentliche Quelle des hier in Rede stehenden Konflikts. Einseitig an eine Person adressierte Schuldzuweisungen, die von ihren demokratisch verbrieften Rechten Gebrauch macht, verschleiern diese Problematik.

  4. […] Anschluss an den am Freitag veröffentlichten Beitrag Der Fall Julien Reitzenstein vs. H-Soz-Kult und die Frage nach der Kritikfähigkeit in der Wissensc… korrespondierte ich ausführlich mit Julien Reitzenstein und erfuhr mehr zu den Hintergründen der […]

    • Dr. Bernd Dammann said, on 2. März 2017 at 06:37

      Von dem ziemlich uninformierten, aber durch hysterisch anmutende Zwischenrufe umso aufgeladener wirkenden Stimmengewirr twitternder und bloggender, ebenso männlicher wie weiblicher Wüteriche hebt sich diese beeindruckende und überzeugende Sachverhaltsschilderung wohltuend ab. Ben Kaden lässt uns teilhaben an der in Zusammenarbeit mit J. Reitzenstein an die tatsächlichen Sachverhalte gekoppelten Revision seiner ursprünglichen Annahmen, von denen seine Darstellung zunächst ausging. Er liefert damit ein Musterbeispiel und Glanzstück kritisch-rationalen Denkens in der aufklärerischen Tradition des ‚sapere aude‘: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!(E.Kant)“. Dafür gebührt ihm nach meinem Dafürhalten Respekt und Anerkennung.

  5. Dr. Bernd Dammann said, on 7. März 2017 at 11:34

    Bei amazon.de ist am 5. märz 2017 die Kundenrezension eines gewissen Herrn Kant zu Reizensteins Buch ‚Himmlers Forscher‘ gepostet worden. Ich halte sie für sehr informativ und deswegen für besonders lesenswert:

    /ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1488882338&sr=1-1
    keywords=julien+reitzenstein+himmlers+forscher#customerReviews


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