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Das Kunst-Buch als Objekt.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 8. Januar 2016

Karsten Schuldt

Zu: Cella, Bernhard ; Findeisen, Leo ; Blaha, Agnus (Hrsg.): NO-ISBN: on self-publishing. Wien: Salon für Kunstbuch ; Köln: Buchhandlung Walther König, 2015. ISBN: 978-3-86335-818-1

 

I.

„NO-ISBN“ (ein Buch, dass ironischerweise eine ISBN hat) gibt einen Einblick in die Praxis der Selbstpublikation, vorrangig von Künstlerinnen und Künstlern, die Bücher als Teil ihrer Kunstpraxis erstellen und vertreiben. Die Grenzen dieser Praxis sind fliessend, insoweit gibt es auch zahlreiche Verweise zu anderen Praktiken des Selbstpublizierens, insbesondere aus politischen Gründen.

Ausgangspunkt des Buches ist der Salon für Kunstbuch den Bernhard Cella in Wien betriebt – als Ort, der als Art sozialer Skulptur das Abbild eines Buchladens darstellt, aber auch als Salon für zeitgenössische Kunst wirkt. Im Salon versammelt Cella – „versammeln“ als Begriff bietet sich an, da das Buch durchzogen ist von Verweisen auf Bruno Latour – Kunstbücher, dass heisst Bücher, die von Künstlerinnen und Künstlern als Teil ihrer Kunstpraxis hergestellt werden. Dabei handelt es sich nicht um Kataloge, sondern um eigenständige Werke. Die Diskussion dieser Praktiken in „NO-ISBN“ stellen klar, dass es bei diesen Büchern nicht per se um das Buch als Informationsträger geht, sondern zum Beispiel um das Buch als Objekt, um das Material, das für das Buch verwendet wird, um den Prozess des Buchmachens als künstlerischen Akt oder auch, beziehungsweise gleichzeitig, als widerständiger Akt, der alternative Produktionsziele und -wege etabliert und andere Distributionswege eröffnet.

Laut Cella (und anderen Beitragenden des Buches selber) befindet sich die Praxis der Herstellung von Kunstbüchern aktuell im Aufwind. Ausgang hätte diese in den 1960ern genommen, insbesondere bei Künstlerinnen und Künstlern, welche die Demokratisierung der Kunst anstrebten. Gleichzeitig hätte es vor allem in den südamerikanischen Diktaturen Gruppen gegeben, die sich der Produktion von selbstverlegten Publikationen als Praxis bedienten und dabei politische Ziele und Kunst verbanden. Im Buch selber wird auf weitere Vorbilder oder Parallelbewegungen – Fanzines, Samisdat, feministische Publikationspraxen, historisch vor allem die Arts and Crafts-Bewegung – verwiesen. Einig über die Geschichte der Selbstpublikation ist sich niemand, einzig, dass die Praxis der Herstellung von Kunstbüchern heute zu einer immer mehr verbreiteten geworden ist, scheint als Überzeugung geteilt zu werden. Aber auch das ist schwer zu überprüfen. Was Kunstbücher auszeichnet, ist, dass sie oft in Kleinstauflagen erscheinen und dann auch oft ausserhalb des normalen Publikationssystems.

Ausgangspunkt des Buches sind die rund 20% Publikationen, die sich im Salon für Kunstbuch finden, die gänzlich ohne ISBN erschienen – und damit heute aus dem Buchhandel herausfallen. Obgleich es heute einfach ist, eine ISBN zu erhalten, scheint es gerade nicht Ziel dieser Bücher zu sein, in den „normalen“ Kreislauf einzutreten. (Was auch Bibliotheken beschäftigen sollte, deren Erwerbungspraxis für Bücher fast vollständig auf der ISBN basiert.) Insoweit ist es gar nicht klar, wie viele Kunstbücher eigentlich existieren; nur, dass sich in Wien mit der Zeit viele angesammelt haben.

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II.

„NO-ISBN“ schliesst an diesen Phänomenen an. Inhaltlich ist es strukturiert durch mehrere Interviews mit Bernhard Cella selber, die immer wieder durch andere Beiträge zu Fragen der Produktion von Kunstbüchern (und ähnlichen Publikationen) unterbrochen werden. Dem steht eine Biographie der im Salon für Kunstbuch versammelten Werke ohne ISBN voran. Das Thema erzeugt die Erwartung, dass das Buch selber ein Kunstbuch sein müsste. Ganz ist es das nicht, aber es nähert sich dem an. Verlegt bei Walther König, der als Verlag für Experimente bekannt ist, mit einer teilweise von Beitrag zu Beitrag wechselnden Typographie – die aber auch nicht zu wild ist –, zahlreichen Bildplatten und in einem sonderbaren, kleinem Format, vermittelt das Buch selber den Eindruck von ausgesuchten Materialität und Experiment. Das das Buch neben dem Umschlag noch einmal im bedruckten Papierumschlag daherkommt scheint einerseits auf die Geschichte des Buchhandels – des ja so in den ersten Jahrhunderten des Buchdruckes Bücher verkaufte – zu verweisen und macht andererseits aus dem Buch tatsächlich ein Objekt. Es ist eine gute Repräsentation von Eigenheiten, die im Buch selber Kunstbüchern zugeschrieben werden. Oder anders gesagt: Die Form entspricht recht gut dem Thema, da sie über das Buch als Informationsobjekt hinausweist.

III.

Eine mehrfach wiederholte These ist, dass die technische Entwicklung heute dazu geführt hätte, dass Buch und Information getrennt wären: Bücher seien nicht mehr unbedingt das beste Medium für die Vermittlung und Verbreitung von Informationen; diese Funktion sei elektronisch oft viel besser zu erfüllen. Insoweit würde sich die Bedeutung des Buches ändern (können). Zudem hätte die technische Entwicklung es möglich gemacht, selber relativ einfach Bücher zu produzieren. Ebenfalls mehrfach findet sich in „NO-ISBN“ der Verweis darauf, welche Arbeit diese Buchproduktion noch bei der Arts and Crafts Bewegung war und wie leicht dagegen heute Self-Publishing, Kopieren oder Print on Demand wäre.

Durch diese Entwicklung wäre es möglich, heute mehr Entscheidungen aus künstlerischen Erwägungen heraus zu treffen. Beispielsweise wäre es heute eine bewusste Entscheidung, ein Buch zu machen und keine Homepage oder selber zu drucken und von Hand zu binden – und das gerade nicht anders machen zu lassen. Zudem seine die Kosten für die Produktion eigener Bücher soweit gesunken, dass es möglich sei, diese in eine Ökonomie des Tausches und Schenkens einzubinden.

Dabei scheint es für die Selbstpublikation von Künstlerinnen und Künstlern sehr unterschiedliche Gründe zu geben. Zumindest spekulieren die Texte in „NO-ISBN“ zum Teil sehr gegensprüchlich. Eine Vermutung ist die, dass es aus Gründen der Demokratisierung von Kunst oder auch als Kritik am Kunstmarkt und / oder Buchmarkt getan wird. Andererseits gibt es auch die Position, dass genau das nicht der Grund wäre, sondern das es eher der Reiz wäre, ohne die ganzen Filter und Institutionen, die ansonsten bei einer Publikation mitwirken, zu publizieren. Ebenso gibt es die These, dass es zumindest teilweise vor allem das Interesse am Objekt Buch und seiner Ausgestaltung – zum Beispiel der Verwendung bestimmter Materialien, bestimmten Papiers oder bestimmter Tinte – sei, welche die Produktion von Kunstbüchern vorantreiben würde. Zugleuch durchzieht die Beiträge des Buches die Diskussion, ob die Kunstbücher als politische Statements bewertet werden könnten oder nicht. Wie schon angedeutet, scheint das Buch inhaltlich eher eine Versammlung um ein Phänomen – die Kunstbücher ohne ISBN, die offenbar in immer grösserer Zahl erscheinen – zu sein, als ein endgültiges Werk. Dies greift letztlich auch die Idee des Salons – von dem Culla behauptet, dass es in Wien, aber nicht in Berlin oder Paris funktionieren würde – als nur wenig geordnetes Gespräch interessierter Personen auf.

IV.

Grundsätzlich ist es anregend, da es das Buch in einen ganz anderen Zusammenhang stellt, als im Buchhandel (und Bibliotheken). Das Buch als Objekt künstlerischer Praxis – oder des Sammelns als eigene künstlerische Praxis – darzustellen, fragt nach dem Status dieses Objektes, dass sich als Kunstbuch zwischen der Aura der Authentizität und dem Prinzip der einfachen Reproduzierbarkeit bewegt und damit zum Beispiel die Frage aufwirft, ob ein anderes Ziel damit angestrebt wird, als die grösstmögliche Verbreitung (wie sie im „normalen“ Buchhandel, aber auch Bibliotheken, als „Ziel“ aller Bücher angenommen wird). Am Ende ist die Vermutung immer, dass es darum gehen würde, die ästhetische Erfahrung von Kunst durch die Auseinandersetzung mit dem Objekt und dem Produktionsprozess zu ermöglichen und dies für möglichst viele Menschen.

Bemerkung für Bibliotheken

Bezogen auf Bibliotheken provoziert „NO-ISBN“ Fragen danach, was eigentlich das Ziel der ganzen Sammlung von Büchern in Bibliotheken, vor allem Öffentlichen Bibliotheken, ist und / oder sein sollte. Eingebunden in den Kreislauf des „normalen Buchhandels“ streben sie eigentlich danach, vielen Menschen möglichst viele Bücher zugänglich zu machen. Auch viele Leseförderprogramme scheinen darauf hin zu zielen, noch mehr Bücher an noch mehr Menschen zu verbreiten. „NO-ISBN“ und die Auseinandersetzung mit Kunstbüchern – die, nebenbei gesagt, auf immer mehr Art Book Fairs, die zum Teil schon von Bibliotheken unterstützt werden, recht einfach zu erwerben sind – scheint das Potential zu haben, diese Recht einfach gefasste Ziel zumindest in Frage zu stellen. Wenn sich im Kunstbuch wirklich Objekt und Information voneinander trennen, was sollte Bibliotheken dann daran interessieren? Das Objekt oder die Information?

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