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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Der postsozialistische Tanz um die Kraft des Buches bei Mikhail Elizarov.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. Juni 2015

Eine Notiz zu

Mikhail Elizarov: The Librarian. London: Pushkin Press, 2015. (Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden (@bkaden)

Spuren der Institution Bibliothek in der Literatur sind bekanntlich ein beliebtes Nebenthema wenigstens von Teilen der LIBREAS-Redaktion. Dass wir dann auch mit Freuden die dieses Frühjahr publizierte Übersetzung (durch Andrew Bromfield) von Mikhail Elizarovs nicht unumstrittenen aber umso populäreren Romans The Librarian [Библиотекарь. Москва : Ad Marginem, 2007] einem Close Reading unterziehen, versteht sich von selbst. Allzu bibliothekarisch ist das von erheblicher und sonderbar archaischer Brutalität und nicht wenig Wahnwitz geprägte Geschehen um den „Bibliothekar“ Aleksei nicht. Umso konsequenter geht es jedoch in diesem so und so fantastischen Roman um Bücher und die in diesen wie auch immer codierte Macht.

Ein Veteran der Roten Armee und spätberufener, durch und durch sowjetischer Propagandaschriftsteller namens Dmitry Alexander Gromov, der bereits in der mittelspäten UDSSR scheiterte und weitgehend vergessen wurde, hinterließ, so der Einstieg in die Geschichte, eine kleine Zahl von Romanen mit so programmatisch-sanften Titeln wie „The Proletarian Way“, „Fly on Happiness!“ oder „The Quiet Grass“. (Das harmoniert sehr schön mit einigen sowjetischen Titeln anderer Gromovs. So weist die Russische Nationalbibliothek das Stück „Glückliche Minuten“ eines Valentin Vladimirovic Gromovs nach (publiziert 1941 in Engels).) Die oft schwer erträgliche Lektüre seiner Bücher ruft jedoch bei den LeserInnen, die sich durchringen, die Jungpionier- und Traktoristengeschichten dennoch in einem Zug komplett zu lesen, ganz besondere und die Persönlichkeit stark verändernde Effekte hervor, so dass sie im Kreise der Eingeweihten bald mit den passenderen Alternativtiteln „Book of Strength“, „Book of Joy“, „Book of Memory“, „Book of Power“, „Book of Endurance“ oder – sehr drastische Folgen nach sich ziehend – „Book of Fury“ sowie „Book of Meaning“ gehandelt werden.

Cover - Mikhail Elizarov; The Librarian (2015)

Zackig und feuerrot: Der Covergestalter der Pushkin Press, David Pearson, fand eine exzellente grafische Entsprechung für den Kampf ums Buch.

Die Eingeweihten bilden nun Lesekreise, die sich als „Reading Rooms“ um eines und als „Libraries“ um mehrere dieser Bücher entwickeln und dank der übernatürlichen Befähigungen, die ihnen die Lektüren verschaffen, ein neues, äußerst solidarisches Miteinander (wundersame Bindungskraft des gemeinsamen Kanons) oder auch rücksichtslose kriminelle Strukturen (außerordentliche Durchsetzungskraft) entfalten. Parallelen zu Entwicklungen im postsowjetischen Raum (der hauptsächliche Handlungszeitraum des Buches kreist um das Jahr 2000) sind hier sicher nicht zufällig eingeflossen sondern winken dem Leser als eine ganze Armada von (bzw. hin und wieder mit) Zaunpfählen entgegen. So erfahren wir über den ersten Bibliotheksgründer dieser Ära:

„Lagudov was cautiously selective, recruiting members of peaceable professions that had been reduced to poverty – teachers, engineers, modest workers in the cultural sphere – those who had been intimidated and morally crushed by the sweeping changes of recent times.” (S. 14)

Es geht den sich bildenden Bibliothekslogen allerdings vor allem im besten Fall um die Verteidigung dieser neuen Nische kleinen Glücks bzw. neuer Heimat / Gemeinschaft und in allen schlechteren um Konkurrenz und Macht. Wo am Anfang der Hauptlinie der Story – nach saftigen Behauptungsschlachten, agentenfilmartigen Intrigen zu Bestandssicherung oder –aufbau und der rigorosen Verfolgung eventueller Abspaltungen – ein halbwegs robustes, wenngleich sehr anachronistisches Disziplinierungssystem über einen Council of Libraries für Stabilität sorgt, in dem es im Zweifelsfall gut regulierte Duelle zwischen Lesezirkeln auf freiem Feld und auf Leben und Tod organisiert, gerät diese bibliophile Unterwelt alsbald aus den Fugen. Der unschuldige und orientierungslose Protagonist rutscht natürlich ohne es zu wollen und dafür mit erwartungsgemäß sehr zentraler Rolle mitten hinein.

Dahinter steht (a) ein typischer Ressourcenkonflikt, ein schnödes Eskalieren einer Welt mit enormer Nachfrage – jeder sehnt sich nach der Freude, die das Book of Joy spendet oder der Kraft, die ihm das Book of Strength vermittelt – und einem begrenzten Angebot sowie (b) ein komplexes Geflecht an Macht- und Positionskämpfen. Es geht dabei nicht eigentlich um den Inhalt der Geschichten Gromovs und auch nicht um deren Textlauf an sich. Das wäre zu einfach. Dann könnte man mit Neuauflagen noch ganz andere Verheerungen anzetteln und diese Art von Literatur zum neuen Standardsuchtmittel ausbauen. Kopien und Nachdrucke Gromov’scher Prosa bleiben erstaunlicherweise völlig wirkungslos. Die magische Wirkung, das Aufrufen ungeahnter Erinnerungen, Freuden, Kräfte etc. stellt sich allein über die in der Sowjetunion gedruckten Originalausgaben ein. Die gab es, nicht überraschend für die vielen vergessenen Autoren solcher SozLit, in hohen Auflagen zum Schleuderpreis. Sie wurden jedoch, ebenfalls nicht überraschend für die vielen vergessenen Autoren solcher SozLit, je nach Systemwendung bevorzugt ausgesondert und massenmakuliert. Wo zufällig doch noch vorhanden, werden entsprechend die öffentliche Büchereien geplündert und zwar sehr gründlich:

 „Soon not only the Books, but also the bibliographies of Gromov disappeared from every public library that was even slightly significant. Even in Moscow’s “Leninka” someone removed all the information from the card index. Consequently, during computerization the data on the missing author were not entered anywhere and Gromov formally disappeared. Someone also made free with the books on the shelves. Without the card index it was only possible to guess at the true number of publications.” (S. 19)

Das Ziel der Erstentdecker des Geheimnisses der Gromov’schen Schlüsselwerke um den oben erwähnte Lagudov ist nachvollziehbar das Verwischen aller Spuren, die zu Gromov führen könnten. Eventueller Konkurrenz und damit einem Kontrollverlust gilt es vorzubeugen. Dies gelingt nur bedingt und gerade die Geschichte der Altenpflegerin Yelizaveta Mokhova und der dementen achtzigjährigen Polina Gorn, die in ihrer Feierabendheimvernachlässigung gegen die Schlaflosigkeit das Book of Strength liest, erweist sich nicht nur als sehr hohe Messlatte für alle noch kommende Pflegeheimsplatterliteratur, sondern sorgt im Handlungsverlauf auch für eine Handlungspolarität, zwischen der der arme Alexei als „Bibliothekar“, unfreiwillig aber mit hohem Pflichtbewusstsein, gründlich aufgerieben wird.

Selbstverständlich will Elizarov, dem für das Buch 2008 den russischen Booker-Prize (Русский Букер) zuerkannt wurde, mit The Librarian keine bibliophil motivierte Schlachteplatte servieren. Jedenfalls nicht nur. Die Dichte der Gewalt mag unbedarfte westeuropäische Leser verwirren, ist aber in der postsowjetischen Kulturproduktion, egal ob Film oder Literatur, nicht selten. Das Rohe ist hier nur die Kruste für das Raffinierte. Jedenfalls kann man es so lesen. So findet sich im fortgeschrittenen Buch eine Passage, die benennt, worum es eigentlich geht, nämlich dass in den sieben Büchern dieses Tintenuniversums die Stützpfeiler menschlicher Kultur gebündelt und reaktivierbar tradiert werden („kind Memory, proud Endurance, heartfelt Joy, mighty Strength, holy Power, noble Fury and the great Design“, S. 276) Hier drückt sich durchaus eine zeitstabile Konnotation des Geschriebenen aus – eine kosmische Konzentration dessen, was Menschsein heißt, eine unendliche Bibliothek in sieben Stufen, die dem Menschen Unsterblichkeit sichert:

„He who reads the Books knows no weariness or sleep. Death has no power over him, because his heroic labour is greater than death. This reader is the perennial Custodian of the Motherland. He stands his watch in the expanses of the universe. His labour is eternal. The country under his protection is indestructible.
Such was the Design of the Books.” (S.276)

Das entscheidende Moment daran ist, dass diese gromov-graphische Ordnung eine zutiefst sowjetische ist, die nun in der nachsowjetischen Zeit eine sehr eigenwillige Entfaltung findet. Welche Art der Kultur hier von Mad-Max-haften Horden in Mikroapokalypsen jeweils umkämpft wird, bleibt freilich mehrdeutig. Und auch die Unsterblichkeit, auf die der Bibliothekar, zugleich Held und Opfer wider Willen, Alexei am Ende dieses fast klassischen Weges aus Unmengen an Blut, Schweiß und Lesen (und natürlich Tränen) in einem denkbar bedrückenden Szenario höchster Einsamkeit (mit weitem Referenzrahmen in andere literarische Dystopien) als „Curator of the Motherland“ zusteuert, stellt sehr elementar und unbeantwortbar die Frage nach dem Sinn. Was zu diesem hochgradig postmodern anmutenden und sich an vielen Stellen einfacher (und wahrscheinlicher auch höherer) Logik ziemlich hemdsärmlig entziehenden Buch exzellent passt. Es ist ein durchaus lesenswertes Beispiel zeitgenössischer (junger, wilder) russischer Gegenwartsliteratur, verfasst von einem Autor, der die Sowjetunion vor allem als Rahmen der eigenen Kindheit und Jugend erfahren hat (Elizarov ist Jahrgang 1971), in die Brüche, Desillusionierenden und Orientierungslosigkeiten nach 1990 sehr bewusst aber – im Gegensatz zur Generation der Eltern – unschuldig, also ohne biographischen Legitimationsdruck hineinwuchs und sich schließlich in einer putinistischen Gegenwart zum Schriftsteller entwickelte. Inwieweit sich das eigentliche Leitmotiv von The Librarian, die Sehnsucht der Vereinzelten nach einer neuen Form von Gemeinschaft und menschlicher Bindung und der Notwendigkeit, diese mit höchstem Preis gegen korrupte und skrupellose Angreifer zu verteidigen, als typisch für die Literatur dieser Generation darstellt, muss eine andere Wissenschaft mit ihrer Motivforschung durchdringen. Die einzige für die Bibliothekswissenschaft konkret relevante Passage (Kartenkatalog, Digitalisierung) ist oben zitiert.

(Berlin, 16.05.2015)

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