LIBREAS.Library Ideas

Den Zugang zu Büchern einschränken, um die Community zu retten

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 13. Mai 2015

Zu: Knox, Emily J. M. (2015) / Book Banning in 21st-Century America (Beta Phi Mu Schloars). – Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Karsten Schuldt

In den USA – aber nicht nur da, sondern auch in anderen Staaten des globalen Nordens – werden Bücher in Bibliotheken und Schulen in unterschiedlicher Form zensuriert: Mal werden sie aus dem Bestand einer Schulbibliothek oder einer Öffentlichen Bibliothek genommen, mal von Leselisten von Schulen gestrichen oder von obligatorischer zu fakultativer Schullektüre erklärt, mal werden Systeme aufgebaut, um den Zugang zu einem Buch von der expliziten Zustimmung der Eltern von Schülerinnen und Schüler abhängig zu machen. Emily J.M. Knox untersucht in ihrem Buch Book Banning in 21st-Century America (Knox, 2015) – und zuvor schon in einem Artikel (Knox, 2014) – die Denkweisen und Argumente derjenigen Personen, die solche Verbote initiieren oder es zumindest versuchen, indem sie sich bei Library Boards oder School Boards beschweren.

Dabei ist das Begehren dieser „Book Challenger“ – wie Knox sie nennt – auf den ersten Blick absurd in einer Zeit, in welcher der Zugang zu Medien so einfach und umfassend ist wie heute: Wen jemand ein Buch lesen will, gibt es für sie oder ihn einfache Wege, an dieses zu gelangen. Wieso also dann den Zugang zu einem Buch in einer Bibliothek oder einer Schule einschränken? Knox zeigt, dass es den Challengern darum geht, in einem Kampf um die moralische Deutung der Welt in ihrer jeweiligen Gemeinde zu bestehen. Bibliotheken und Schulen werden dabei ein zumeist als zusammengehöriges Feld des Kampfes verstanden, deshalb werden sie von Knox auch gemeinsam behandelt.

Es gibt schon eine ganz Anzahl von Büchern, die sich mit der Reaktion auf solche „Angriffe“ auf den Zugang zu Büchern befassen, beispielsweise „True stories of censorship battles in America’s libraries“ (Nye & Braco, 2012) oder Aktionen gegen diese Angriffe, insbesondere die von der ALA und anderen Organisationen jährlich veranstaltete Banned Books Week (http://www.ala.org/bbooks/bannedbooksweek). In diesen wird sehr schnell jegliche Beschwerde gegen ein Buch als Zensur bezeichnet und den Beschwerdeführerinnen und -führern unterstellt, rückwärtsgewandt zu denken und zu handeln. Knox – selbst klar Verteidigerin des Rechts auf freien Zugang zu Medien – differenziert genauer und schafft es damit, dass tatsächliche Denken der Challenger darzustellen. Dieses ist selbstverständlich nicht einfach rückwärtsgewandt, sondern basiert immer auf Überzeugungen über den Zustand der US-amerikanischen Gesellschaft, die von allen Challengern allen mehr oder minder geteilt werden. Dabei sehen sich die Challenger selbstverständlich auf der richtigen Seite, ansonsten würden sie eigenen Anstrengungen nicht unternehmen, die sie auch in den USA oft in Widerspruch zu einem grossen Teil ihrer jeweiligen Communities setzen.

Das Analyse von Knox baut auf den schriftlichen Quellen solcher Beschwerden – die in den USA eine Behandlung in School und Library Boards nach sich ziehen und keinen reinen Verwaltungsakt, wie das in den meisten europäischen Staaten der Fall wäre –, auf Besuchen öffentlicher Sitzungen solcher Boards, in denen diese Fälle behandelt wurden sowie Interviews mit einer Anzahl der Challenger auf. Die untersuchten fünfzehn Fälle fanden sich über die gesamte USA verteilt. Insoweit ist die Datenbasis konkreter als in vielen anderen Werken, die sich mit solchen Book Challenges beschäftigen.

Die Auswertung der Daten erfolgte auf der Grundlage zweier Theorien, die sich im Buch aber nur sehr schwach – eher in Schlagworten als in Theoriegebäuden – zeigen; nämlich erstens die Vorstellung, dass Menschen jeweils einen „Worldview“ hätten, aus dem heraus sie die Gesellschaft und Realität verstehen und interpretieren würden (Berger/Luckmann) und zweitens dem Verständnis von Diskursen als symbolischen Kämpfen um Definitionsmacht (Bordieu). Wichtiger ist für das Buch die Darstellung der US-amerikanischen Philosophietradition, die ausgehend von der schottischen Aufklärung ein positivistisches Verständnis von Wahrheit etabliert hätte. Dieses Verständnis geht als „common sense“ davon aus, dass Wahrheiten immer eindeutig seien und zumeist auch einfach als das, was sie sind, zu erkennen wären. Ein solches Denken schliesst ein, dass jede Wahrheit immer eindeutig und klar zu sein hätte und andere Meinungen deshalb per Definition falsch sein müssen. Zudem ist für die Analyse der Daten ein gewisse evangelistische Tradition wichtig, welche die Bibel als Buch, in dem eindeutige Wahrheiten stehen würden, die von allen Denken einfach erkannt werden könnten, in den Mittelpunkt der Glaubenspraxis stellte. Diese Einschätzung von Büchern als Wahrheitsträgern – und nicht als Texte, die unterschiedlich interpretiert, verstanden und gelesen werden könnten – ist laut Knox die Grundlage des Denkens über Bücher bei Challengern, selbst wenn diese nicht aktiv religiös seien.

Auch wenn die theoretische Basis gering ist, stellt Knox‘ Analyse doch einige wichtig Punkte klar: Die Challenger teilen grösstenteils ein relativ einfaches Weltbild. Sie schätzen Bücher als Medien – fast nie gehen sie gegen andere Medienformen wie Filme oder Spiele vor – hoch ein, gleichzeitig verstehen sie Texte immer so, als würden sie eindeutig genau das ausdrücken, was direkt geschrieben steht, ohne jede Interpretationsmöglichkeit. Zudem sind sie davon überzeugt, dass die US-amerikanische Gesellschaft sich nicht einfach verändern würde, sondern einem moralischen Verfall anheim gefallen sei. Ständig verweisen sie auf eine Zeit vor vierzig oder fünfzig Jahren, in der noch die richtige Moral vorgeherrscht hätte. Bezogen wird dies zum Beispiel auf die Geschlechterverhältnisse, auf das Verhältnis junger gegen ältere Generationen und den Bereich der (gesellschaftlich sichtbaren) Sexualität. Knox interpretiert die Book Challenges auch als Reaktion auf diese sichtbaren Veränderungen, schon weil es diese angebliche Vergangenheit, auf die sich von den Challengern oft bezogen wird, selbstverständlich nicht gegeben hat, sondern diese als Gegenbild zur heutigen Gesellschaft erst konstruiert wird.

Challenger sehen sich zumeist in einem symbolischen Kampf. Es gäbe Kräfte – manchmal werden diese religiös als teuflisch dargestellt, manchmal nicht –, welche die Gesellschaft zerstören und zum Beispiel andere Geschlechterverhältnisse einführen wollten, beispielsweise Organisationen wie „Planned Parenthood“. Innerhalb dieses „cultural wars“ sehen die Challenger vor allem ihre Community bedroht und versuchten, mit ihrem Verhalten die Deutungshoheit über diese Community zu erlangen. Deshalb sei ihre Sprache zumeist martialisch und ihr Verständnis von Diskussion autoritär: Es gälte ihre Wahrheit, alles andere sei falsch. Gleichzeitig seien die Challenger davon überzeugt, das ihre Interpretation eines Textes oder einer Situation die einzig richtige sei, dies sei common sense. Deshalb legten sie regelmässig Auszüge aus den Büchern, die sie kritisieren, den Beschwerden bei, in der Annahme, dass andere Menschen diese Stellen einfach genauso interpretieren würden wie sie.

Nicht zuletzt haben Challenger ein sehr reduziertes Verständnis von kindlicher Entwicklung: Für sie sind Kinder und Jugendliche immer gefährdet und „beschreibbar“. Dies gilt – nicht nur aber vor allem – für Sexualität: Für Challenger gilt zumeist als wahr, dass Kinder und Jugendliche entweder keine Ahnung von Sexualität hätten oder aber diese nur latent vorhanden wäre. Erst dadurch, dass ihnen Sexualität dargestellt würde, würden sie ein Interesse entwickeln – und zwar fast immer ein falsches, dass sie nie wieder überwinden oder verändern könnten. Deshalb müssten sie möglichst lange vor solchen Darstellungen geschützt werden. An sich gelten Kinder als gleichzeitig schwach – weil stark beeinflussbar – und höchst vorstellungsbegabt: Sie würden Texte immer direkt so erleben, als seien sie direkt involviert. Ein Abstandnehmen zum Dargestellten beim Lesen eines Texte ist für die Challenger zumeist nicht denkbar – dies würden nur Erwachsene können. Aus dem ergibt sich, dass Elternschaft von Challengern definiert wird als „Grenzen ziehen“ und Kinder „vor Dingen bewahren“, nicht zum Beispiel als „Anregung geben“. Sie verlangen dies dabei nicht nur von sich selbst, sondern eigentlich auch von allen anderen Eltern. Wer nicht ihren Definitionen folgt und andere Grenzen zielt, gilt ihnen zumeist als schlechter Elternteil.

Bibliotheken und Schulen sind für diese Challenger „public institutions“, von denen sie verlangen, dass sie ihren moralischen Code und ihren moralischen Vorstellungen teilen sollten und in der Community durchzusetzen helfen. Für die Challenger ist klar, was diese moralischen Codes sind – weshalb sie zum Teil wirklich überrascht sind, dass Menschen mit common sense andere Moralvorstellungen oder Erziehungsziele haben können – und das ihre Community diese teilen müsste. Zumeist tut die Community dies nicht und Beschwerden gegen Bücher werden auch oft zurückgewiesen. Dies – und anderes – führt dazu, dass sich Challenger oft als angegriffene Minorität fühlen, die letztendlich mundtot gemacht werden solle und sich deshalb zur Wehr setzen müsse.

Knox‘ Buch schliesst eine wichtige Lücke in der Diskussion um Zensur beziehungsweise Challenges von Büchern – wobei sie explizit darauf verweisst, dass es Challengers nie darum geht, ein Buch ganz zu verbieten, sondern immer darum, in ihrer Community den Zugang einzuschränken –, indem sie die „andere Seite“ zum Sprechen bringt. Gleichwohl tritt sie im Vorwort dazu an, den Bibliotheken (und Schulen) ein Wissen in die Hand zu geben, mit dem sie besser bei solchen Challenges agieren können. Wie genau dies vonstatten gehen soll lässt sie aber offen.

Bleibt ein wichtige Frage: Ist dies ein rein US-amerikanisches Phänomen? Es wäre zu einfach, die vorhandenen Tendenzen absurder religiöser und neu-rechter Bewegungen in den USA als Grund für Book Challenges zu benennen und sich in Europa davor sicher zu fühlen. Ein grosser Teil dieser Beschwerden wird möglich, aber auch sichtbar, durch das Vorhandensein von Library und School Boards. In Deutschland oder der Schweiz wäre es nicht so klar, an wen sich Challenger wenden würden, wenn sie ein Buch beanstanden wollten. Insoweit könnten solche Beschwerden auch einfach nicht bekannt sein. Gleichzeitig gibt es ähnlich absonderliche Bewegungen, die sich eine einfache, leicht zu erklärende und autoritär strukturierte Gesellschaft wünschen, auch in Europa; angefangen von den „Protestbürgern“ bis hin zu christlichen Sekten und Sondergruppen. Es würde sich lohnen, die Charakteristika der Diskurse von Book Challengern in den USA, die Knox herausgearbeitet hat, einmal genauer auf ähnliche Diskurse in Europa anzuschauen.

Literatur

Knox, Emily J. M. (2015) / Book Banning in 21st-Century America (Beta Phi Mu Schloars). – Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Knox, Emily J. M. (2014) / Society, institutions, and common sense: Themes in the discourse of book challengers in 21st century United States. – In: Library & Information Science Research 36 (2014) 171-178

Nye, Valerie ; Braco, Kathy (edit.) (2012) / True stories of censorship battles in America’s libraries. Chicago : American Library Association, 2012

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