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Wie genau wird die Sammlung jetzt „divers“?

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 23. März 2015

Zu: Caldera, Mary A. ; Neal, Kathryn M. (edit.): Through the Archival Looking Glass : A Reader on Diversity and Inclusion. Chicago : Society of American Archivists, 2014.

 

“I offer […] the fact – painful though it may be – that unless and until archivists of the so-called majority culture immerse themselves in the challenging, sometimes harsh, frequently perplexing, and usually nuanced world of diversity issues, it is unlikely that our profession, our institutions, our programs, our collections, and our researchers will achieve truly fundamental and enduring success in achieving the goals – unclear as these may often be – of multiculturalism in archives.” [Greene, Mark A.: Chapter 2. Into the Deep End : One Archivist’s Struggle with Diversity, Community, Collaboration, and Their Implications for Our Profession. In: Caldera & Neal (2014), 23-59, hier: S. 25]

Through the Archival Looking Glass ist erstaunlicherweise vor allem ein Buch, dass den Eindruck vermittelt, dass es doch von Zeit zu Zeit weiter geht mit den Entwicklungen im Archivbereich (und dadurch auch im Bibliotheksbereich), dass die Kritiken und Diskussionen auch eine Wirkung haben und nicht immer nur Rückzugsgefechte darstellen, kurz: das es besser wird. Sicherlich: Es geht um gewichtige Themen, um weiterhin vorhandene Ungerechtigkeiten und um die strukturelle Unstetigkeit aller Sammlungen. Aber die Haupterkenntnis des Buches ist doch die, dass sowohl die Kritik an der mangelnden Diversität von Archiven als auch die postmoderne Kritik an monolythischen Konzepten von „Archiv“ in der Profession angekommen ist. Sicherlich: In der US-amerikanischen Profession des Archivwesens, aber immerhin. Das macht Hoffnungen.

Okay, Diversity. Was jetzt?

Thema der Aufsatzsammlung ist die Frage, wie Archive (wieder: vor allem solche in der USA, ein Text beschäftigt sich zum Teil auch mit Australien) Diversität umsetzen können, vor allem in drei Themenbereichen: (1) in der Darstellung und der Entwicklung von Archivmaterialien, (2) in der Profession, also dem Personal der Archive und Ausbildungseinrichtungen selber und (3) in grundsätzlichen Fragen der Archivtheorie und archivalischen Traditionen. Das bedeutsame dabei ist, dass es nicht darum geht, Diversität einzufordern und die Bedeutung von Diversität zu begründen. Das scheint alles nicht mehr notwendig zu sein, vielmehr geht es darum, wie sich die Forderungen, die sich aus dem Anspruch nach mehr Diversität ergeben, umsetzen lassen. Offenbar hat die Archivszene – zumindest die im Buch veröffentlichte, aber die scheint recht breit zu sein – akzeptiert, dass eine Sammlung immer eine Auswahl darstellt, die nur dann fair und ethisch sein kann, wenn sie eine gewisse Breite an Quellen, Inhalten und Zugängen schafft und dass ein Archiv dies nur erreichen kann mit einem für die Diversität der Gesellschaft offenem Blick sowie einer dies unterstützenden Infrastruktur.

Selbstverständlich ist das kein Ende der Debatte, sondern eher der Anfang weitergehender Arbeit. Aber darum geht es ja zum Beispiel auch beim postmodernen Denken: Die ständige Reflexion motivieren. Nimmt man nämlich den Anspruch von Diversität ernst, wird alles komplizierter und zahlrieche, zuvor als immergültig verstandene Vorstellungen werden hinterfragt. Die Texte im Buch sind voll dieser Hinterfragungen. Eine einfaches Beispiel findet sich im ersten Kapitel, in welchem zwei Spezialbibliothekarinnen (die mit Archivmaterial arbeiten), die gleichzeitig aus zwei unterschiedlichen minoritären Gruppen (im Bezug auf die gesamte US-amerikanische und australische Bevölkerung) stammen, ihre Arbeit diskutieren. Beide beobachteten in Einrichtungen, in denen sie angestellt waren oder sind die Tendenz, darauf zu achten, auch ein diverses Personal einzustellen. Das würde aber auch dazu führen, dass immer wieder genau diesem Personal und niemand anders die Aufgabe gegeben würde, Diversität herzustellen:

“We find it troubling when others assume that a staff member from a traditionally underrepresented group will automatically take on the work of ‚increasing diversity‘ through building collections and challenging existing barriers between an institution and underserved communities, whether or not that work is actually in his or her job description. The organization as a whole must carry out this work.” [Lore, Valerie ; Ramos, Marisol: Chapter 1. Identity and Inclusion in the Archives : Challenges of Documenting One’s Own Community. In: Caldera & Neal (2014), 1-22, hier S. 3]

Das heisst nicht, dass es falsch wäre, auf Diversität des Personals zu achten (und auch dazu gibt es Ansätze, die im Buch thematisiert werden), sondern das es darüber hinausgehen muss und unter anderem auch das schon vorhandene Personal dafür Verantwortung übernehmen muss. In einem Artikel (Sharon Thibeau, Sharon: Chapter 8. Building Diversity Inside Archival Institutions.) werden am Beispiel der National Archives and Records Administration langfristige Strategien durchgespielt, in einem anderen (Hartwig, Daniel ; Weidemann, Christine: Chapter 9. The Family and Community Archives Project : Introducing High School Students to Archives and the Archives Profession.) ein Programm entworfen, um Schülerinnen und Schüler aus minoritären Gruppen frühzeitig an die Profession heranzuführen und somit in Zukunft auch diverseres Personal in den Archiven zu haben.

Was heisst „Neutralität“?

Darüber hinaus ist eine ständiges Thema in den Texten die Frage, wie sehr eigentlich das Archiv (immer wieder vor allem das US-amerikanische) davon geprägt ist, vor allem von majoritären Gruppen der Gesellschaft konstituiert zu sein. Lore und Ramos geben ihren Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel auf, die angebliche Neutralität des Archives und die Idee, dass Archive vor allem Sammlungen nur Bewahren, zu hinterfragen:

“Calls for neutral categories and labels only work in an ideal world. The reality is that archives need to reflect our ever-shifting society and culture, and the act of reifying labels and categories is a danger to our information-rich institutions.” [Lore, Valerie ; Ramos, Marisol: Chapter 1. Identity and Inclusion in the Archives : Challenges of Documenting One’s Own Community. In: Caldera & Neal (2014), 1-22, hier S. 16]

Dies wird in mehreren Texten am Beispiel des Umgang mit Dokumenten von und über Native Americans dargestellt, zumeist im Zusammenhang mit Fallbeispielen. Grundsätzlich halten viele Archive in den USA solche Materialien, die oft unter relativ unethischen Umständen erstellt oder gewonnen wurden. Dazu gehören nicht nur geraubte Objekte, sondern zum Beispiel auch Aufnahmen und Notizen, die Forschenden von Natives in der Annahme zur Verfügung gestellt wurden, dass sie nur von den Forschenden benutzt würden, weil das Konzept „Archiv“ (oder „wissenschaftliche Publikation“) nicht unbedingt bekannt war. Ebenso wurden viele Aufnahmen von Ritualen, Tänzen, religiösen Stätten und so weiter gemacht, die nach dem Verständnis des jeweiligen Tribes nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, sondern nur Eingeweihten zugänglich sein sollen. Erarbeitet von einer Anzahl Archiven wurden 2007 Protocols for Native American Archival Materials publiziert, welche dem Umgang mit diesen Materialien regeln sollen. (Siehe auch die Präsentation von Jennifer R. O’Neal) Grundsätzlich gehen die Protokolle davon aus, dass die Tribes jeweils selber darüber entscheiden können, welche der vorhandenen Materialien wie und wozu zur Verfügung gestellt werden können. Die Texte im Buch, welche sich mit dem Thema beschäftigen, schildern, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit jeweils dadurch gelingt, dass auf beiden Seiten – dem jeweiligen Archiv und dem Tribe – Vertrauen aufgebaut wird und die Wünsche der Tribes auch akzeptiert werden. Dies kann dazu führen, dass Materialien für die Öffentlichkeit gesperrt werden und es zum Beispiel für Forschende notwendig wird, die jeweiligen Tribes anzufragen, bevor Zugang zu diesen Materialien freigegeben wird.

Dies kann im Widerspruch zum professionellen Selbstverständnis der Archive stehen, die ja (wie auch Bibliotheken) grundsätzlich davon ausgehen, dass freier Zugang zu möglichst vielen Materialien ein wichtiges Ziel darstellt. Das allerdings ist ein Preis, der zu zahlen ist, wenn man sich auf die Ansprüche unterschiedlicher Gruppen einlässt und nicht einfach auf der Entscheidungsfähigkeit von Archiven besteht. Gleichzeitig führten diese Prozesse aber auch dazu, dass viele Tribes überhaupt erst erfuhren, was über sie und ihre Geschichte an Dokumenten vorliegt. Zum Teil begannen sie anschliessend, mit diesen Materialien zu arbeiten. Offenbar wird in den im Buch präsentierten Beispielen, dass dies für die Archive positive Ergebnisse haben kann, beispielsweise wenn viele Dokumente in Zusammenarbeit mit den Tribes überhaupt kontextualisiert werden. Aber gleichzeitig ist es ein immer weitergehender, arbeitsreicher Prozess. Allerdings gilt einfach: Die Voraussetzungen haben sich gewandelt. Wurden zum Beispiel viele dieser Dokumente im 19. Jahrhundert von Forschenden erstellt, die davon ausgingen, dass die Tribes in kurzer Zeit zumindest als soziale Organisation aussterben würden und deshalb selbst bei wohlmeinendsten Fällen mit kolonialistischer Geste vorgingen und versuchten, „alles“ zu sammeln, ist heute klar, dass die Natives Teil der US-amerikanischen (und kandanischen) Gesellschaft bleiben werden und dass ihre Wünsche Respekt verdienen.1

Was ist ein Archiv?

Ein weiteres Thema, welches das ganze Buch durchzieht, sind Community-Archives, also Archive die von unterschiedlichen Gruppen zumeist in Eigenregie betrieben werden. Diese Einrichtungen entsprechen in den wenigsten Fällen den Standards, die Archive voraussetzen: Aufbewahrung in Privatwohnungen, Dachstühlen, Kellern oder Lokalen, keine ausreichenden bestandserhaltenen Massnahmen, unklare Systematisierung, unklarer Zugang, mündliche Sammlungsprofile und so weiter sind in diesen Community-Archives normal. Aber gleichzeitig sind solche Archive für die Gruppen, die sie betreiben, auch notwendig, um eine Identität aufzubauen und sich über die eigene Geschichte klar zu werden. Besprochen werden im Buch Archive von LTGB-Gruppen, von Asian-Americans und weiteren.

Die Texte im Buch gehen vor allem darauf ein, dass Archive diese Community-Archives ernstnehmen müssen. Es gehe nicht darum, diese Einrichtungen zu erziehen oder zu vereinnahmen, zumal man ihre Funktion im Rahmen der jeweiligen Community beachten müsse.2 Auch solch eine Vorgehen zwinge Archive zum Überdenken ihrer Arbeit. So würde bei einigen Communities das geschriebene Wort nicht die grosse Bedeutung haben, welche es im traditionellen Archiv hat. Die Schriftlichkeit vieler Dokumente wird so als ein Ergebnis des traditionellen Denkens in Archiven sichtbar, die spätestens dann relevant wird, wenn die Sammlung von Community-Archives übernommen werden. [Sangwand, T-Kay: Chapter 4. Revolutionizing the Archival Record through Rap: Cuban Hip Hop and its Implications for Reorienting the Archival Paradigm. In: Caldera & Neal (2014), 91-110.] Gleichzeitig gäbe es bislang in Archiven die mehr oder minder implizite Vorstellung, dass Communities, wenn sie einmal Kontakt mit einem Archiv hätten, die Arbeit von Archiven gut finden und deshalb auch Materialien für Sammlungen zur Verfügung stellen würden. Dies sei allerdings naiv und die reine Existenz von Community-Archives würde zeigen, dass dies nicht immer der Fall sei. Auch damit hätten die Archive umzugehen. [Greene, Mark A.: Chapter 2. Into the Deep End : One Archivist’s Struggle with Diversity, Community, Collaboration, and Their Implications for Our Profession. In: Caldera & Neal (2014), 23-59.]

Fazit

Zusammengefasst: Auch wenn es in diesem Buch um Archive und nicht um Bibliotheken geht, und auch wenn der Fokus auf den USA liegt, macht es vor allem Mut, dass die postmoderne Kritik nicht umsonst ist und dass eine Veränderung in solchen, manchmal etwas trägen Einrichtungen wie Archiven und Bibliotheken (die sich halt oft „modernisieren“, indem sie Hypes gut finden, neue Technologien einsetzen und aktuelle Buzzwords nutzen, aber weniger sich wirklich selbst als verändernde Einrichtungen in einer sich verändernden Gesellschaft begreifen wollen) möglich ist – und zwar nicht nur zum Schlechteren, sondern hin zu einer grösseren Diversität. Gleichzeitig, dass macht das Buch ebenso sichtbar, bedeutet auch das Arbeit. Aber das macht es spannender, in Archiven oder Bibliotheken tätig zu sein.

Fussnoten

1 Und sofort fällt auf, dass die deutschen Archive offenbar kein solches Protokoll für den Umgang mit Dokumenten aus und über die Menschen, die in den deutschen Kolonien lebten, besitzen. Obwohl das gewiss auch nötig wäre. Für Museen haben das Margit Berner, Anette Hoffmann, Britta Lange einmal diskutiert (Berner, Margit ; Hoffmann, Anette ; Lange, Britta: Sensible Sammlungen : Aus dem anthropologischen Depot (FUNDUS ; 210) Hamburg: Philo Fine Arts, 2011).

2 Siehe auch meine Rezension zu „Alana Kumbier (2014): Ephemeral Material – Queering the Archive.“ in LIBREAS 26, die solche Archive unter anderem aus der Trans-Community theoretisiert. Kumbier argumentiert ebenso, dass Commnunity-Archvies für die jeweilige Community einen identitätsbildende Funktion hätten, erst wirklich funktionieren würden, wenn sie diese Funktion übernehmen könnten und gleichzeitig zu existieren aufhören, wenn diese Funktion nicht mehr notwendig sei.

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