LIBREAS.Library Ideas

Aufmunterer. Brauchen wir ihn?

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 18. August 2013

Von Karsten Schuldt

Zu: Janes, Joseph (edit.) / Library 2020 : Today’s Leading Visionaries Describe Tomorrow’s Library. Lanham ; Toronto ; Plymouth, UK : The Scarecrow Press, 2013.

Vielleicht benötigt das Bibliothekswesen an sich Bücher und Zeitschriften-Schwerpunkte, die fragen, wie die Zukunft sein wird. Nicht unbedingt, um wirklich die Zukunft der Bibliotheken zu eruieren, sondern als eine Art Spielwiese, auf der (a) sich gegenseitig versichert werden kann, dass die Bibliotheken auch in Zukunft wichtig sein werden, (b) dass sie sich verändern werden, (c) auf der gleichzeitig ganz unterschiedliche, oft auch widersprüchliche oder kaum ernstzunehmende, Zukunftsperspektiven gezeichnet werden können und wo (d) sich die Möglichkeit bietet, sich über bestimmte Entwicklungen aufzuregen. Zu vermuten ist, dass die Bedeutung von (a) zu (d) abnimmt, auch ist in einigen solcher Sammlung gerade der Punkt (d) ausgelassen. (Vielleicht aus Angst, das jemand von ausserhalb des Bibliothekswesens diese Sammlung lesen und ein schlechtes Bild gewinnen könnte.) Zudem fehlt praktisch immer die Möglichkeit, (e) dass jemand den Status quo gut findet oder ihre / seine Ängste vor den kommenden Änderungen kund tut. Das solche Positionen existieren, tönt regelmässig in den Sammlungen zur Zukunft der Bibliotheken an, aber immer nur als Enemy within, als Angst des vorgeblich entwicklungsunfähigen Personals oder einiger Leitender, die zu überwinden sei.

Zu fragen ist allerdings nach der Funktion dieser Sammlung. Sicherlich: Über die Zukunft nachdenken soll dabei helfen, zu verstehen, welche Voraussetzungen auf Bibliotheken zukommen. Die Moderne hat bekanntlich die Überzeugung in die Welt gesetzt, dass sich ständig alles ändert und ändern muss, um besser zu werden. Kehrseite dieses Diskurses ist, dass, was und wer sich nicht ändert, untergehen würde. Dies scheint gar nicht mehr wirklich begründet werden zu müssen. Unterschiede scheinen eher darin zu bestehen, ob dies ständigen Veränderungen als Bedrohung oder Möglichkeit angesehen oder aber eher als normale Arbeitsgrundlage angenommen werden; allerdings gilt dies nicht nur für das Bibliothekswesen, sondern für unterschiedliche Teile der Gesellschaft.

Zu kritisieren allerdings ist die Layoutwahl des Titels. Als wären die 1970er Jahre wieder gefragt.

Zu kritisieren allerdings ist die Layoutwahl des Titels. Als wären farblich die 1970er Jahre wieder gefragt.

Diese Gedanken drängen sich beim Lesen von Library 2020: Today’s Leading Visionaries Describe Tomorrow’s Library auf. Das Buch ist eine Sammlung von 23 kurzen Beiträgen von Personen, die im US-amerikanischen Bibliothekswesen in unterschiedlichen Positionen aktiv sind (in Bibliotheken unterschiedlicher Typen, in der Ausbildung, Forschung oder Beratung). Allen Beiträgen ist gemeinsam, dass sie mit der Aufforderung begannen, den Satz zu vervollständigen: „The library in 2020 will be…“ Im letzten Beitrag gibt dann der Herausgeber – entgegen der Behauptung, es nicht zu tun – eine Zusammenfassung der vorhergehenden Texte.

Erfrischend ist an den Texten, dass in ihnen relativ offen gesprochen wird. Offenbar fühlen sich die Beteiligten unter ihresgleichen. Die Texte, die so erscheinen, als würden sie zu Marketingzwecken von bibliothekarischen Verbänden geschrieben sein und vor allem betonen, wie wichtig Bibliotheken seien, halten sich stark in Grenzen. Einige der Beitragenden versuchen, die gestellte Aufgabe eher spielerisch zu meistern, was nur manchmal erfolgreich ist. Einige Texte argumentieren aus eigener Betroffenheit und führen die eigenen Bibliotheken als Beispiel an – was teilweise auch zu erstaunlichen Aussagen führt, wenn zum Beispiel Ruth Fraklis (Direktor Prairie Trails Public Library District) Bibliotheken als Teil des war on gangs beschreibt –, andere beziehen sich auf einen grösseren Rahmen. Es gibt im Buch zwar eine grobe Unterteilung der Texte in die Bereiche Stuff, People, Community, Place, Leadership and Vision und dies umreisst auch einige wichtige Themenbereiche, die immer wieder angesprochen werden. Zudem tauchen selbstverständlich beständig die Entwicklung digitaler Angebote und technischer Möglichkeiten sowie die Frage, welche Rolle gedruckte Bücher 2020 spielen werden, auf.

Auffällig aus Sicht der deutschsprachigen Bibliothekswesen ist, dass Bildung, welche ein Megathema in den Diskussionen im DACh-Raum darstellt, quasi nicht angesprochen wird. Nur am Rand tauchen Beispiele der Literacy Instruction als bibliothekarische Dienstleistungen auf. Offenbar ist diese Konzentration auf Bildung etwas, dass nicht universell als drängendes Thema des Bibliothekswesens angesehen wird. Ebenso sind Richtlinien, Standards et cetera kein Thema der Beiträge dieses Buches. Vielleicht sind sie so sehr als Bestandteil bibliothekarischer Arbeit akzeptiert, dass über sie einfach nicht gesprochen werden muss – obwohl man über sehr viel anderes spricht –, vielleicht aber scheinen sie auch einfach nicht so wichtig für die Zukunft. Erstaunlich ist, dass die gesamten Debatten um das neue Regelwerk, FRBR und Bibframe sowie um Forschungsdaten praktisch vollständig fehlen.

Davon abgesehen überraschen die einzelnen Texte kaum. Vielmehr scheinen sie das zu antizipieren, was aktuell als zwingend im US-amerikanischen Bibliothekswesens gilt: der Raum Bibliothek muss umgestaltet werden, die einzelnen Bibliotheken müssen sich an ihren Communities vor Ort orientieren (mit Community Engagement in Öffentlichen Bibliotheken und Konzepten wie den Embedded Librarians in Wissenschaftlichen), die Bibliotheken müssen sich selbst immer wieder neue Aufgaben geben und dabei auf die Communities reagieren, das Personal muss flexibel sein und sich beständig mit modernen elektronischen Kommunikationsmitteln auseinandersetzen. Zudem muss die Entwicklung der Bibliotheken strategisch geplant werden. Und es sollte mehr Geeks als Personal in Bibliotheken geben, aber die kommen auch so. Zu guter Letzt: Die Bibliothek wird es auch 2020 geben und irgendwie, wir wissen nicht wie, wird sie aussehen.

Mit diesem Themen fühlt sich das Buch sehr als Produkt der heutigen Zeit an, fast möchte man ihm ein Label wie „Sooooooooo 2012“ anhängen (auch wenn es 2013 erschien, sind die Texte 2012 offenbar geschrieben worden). Es gab im Laufe der Jahrzehnte regelmässig solche Werke zur Zukunft des Bibliothekswesens (worauf in einige Texte des besprochenen Buches auch verwiesen wird), die heute jeweils sehr zeittypisch erscheinen. Dieses Buch scheint einfach das neuste in dieser Tradition zu darzustellen.

Das muss nicht schlecht sein, aber es führt zurück zu der Eingangsfrage: Was ist eigentlich die Aufgabe dieser Publikationen im Bibliothekswesen? Helfen sie wirklich dabei, die Zukunft zu gestalten oder zumindest zu verstehen? Es scheint eher, dass sie Hinweise zur aktuellen Praxis in Bibliotheken geben und der Selbstversicherung der Bibliothekswesen dienen. Wirklich Neues erfährt man in ihnen praktisch nicht. Versteht man sie aber wirklich als Selbstversicherung, zeigt dieses Buch, dass zumindest des US-amerikanische Bibliothekswesen als solches lebendig ist und Debatten führt.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen ist aus solchen Publikationen zudem eines zu lernen, nämlich das die Debatten, die in und auf den deutschsprachigen Zeitschriften, Mailinglisten, Konferenzen geführt werden, nicht so alternativlos sind, wie sie vielleicht erscheinen. Konkret in diesem Fall (aber es lassen sich je nach Jahr und Fragestellung auch andere Fälle finden): Nur, weil fast alle Öffentlichen und Hochschulbibliotheken im DACh-Raum auf das Thema Bildung setzen und nur, weil in der Community das Forschungsdatenmanagement als wichtiges aktuelles Thema gilt, heisst dies nicht, dass dies weltweit – noch nicht einmal im gesamten globalen Norden – so gesehen wird. Andere Themen können auch diskursbestimmend sein, in den USA scheint es (wie auch in Australien und Neuseeland) zunehmend – wieder – die Konzentration auf die Community, in der die Bibliothek tätig ist, zu sein. Dies soll nicht heissen, dass man den US-amerikanischen Diskussionen folgen müsste. Vielleicht sind in den deutschsprachigen Gesellschaften tatsächlich Bildung und Forschungsdaten das wichtigste Thema für Bibliotheken. Aber es ist doch lehrreich und kann die Diskussionen entspannen, wenn wahrgenommen wird, wie sehr sich die – allesamt sich selber als zukunftsorientiert verstehenden – Debatten in strukturell nicht so sehr differenten Bibliothekswesen entwickeln.

Sollte man also dieses Buch lesen? Wenn man sich ein Wochenende eher entspannt mit Bibliotheken beschäftigen möchte, dann unterhalten diese kurzen Texte sehr wohl. Ansonsten enthält es aber kaum neue Erkenntnisse. Vielleicht kann man es gut als Popcorn-Flick für Bibliotheksinteressierte beschreiben: Unterhaltend, aber nicht nachhaltig nachdenklich machend.

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Walther Umstaetter said, on 19. August 2013 at 00:13

    Was las ich in einem Kommentar von „Elizabeth“ dazu: „Perhaps what I took away from the book was that publishers will really have to SELL ebooks to libraries and not rent them for 24 circus or whatever.“ und da geht es auch aus meiner Sicht wirklich um die Existenz der Bibliotheken und die der Bibliothekare! Es wäre auch nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Berufsstand weitgehend untergeht. So kämpfen die Verleger nicht weniger um ihre Existenz, und dadurch dass sie ebooks nur vermieten und nicht mehr verkaufen, hat ihre Lobby zumindest im Moment einen entscheidenden Etappensieg davon getragen.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: