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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: In Vladimir Nabokovs Glory.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 11. August 2013

von Ben Kaden

Vladimir Nabokovs kleiner, wundersamer Roman Glory (Originaltitel: Подвиг, Deutsch: Die Mutprobe), geschrieben auf Russisch in den frühen 1930er Jahren in Berlin, ist genau genommen ein Buch der Postkarten und Briefe, denn diese Formen interpersonaler Medien ziehen vielfältig, beziehungsprägend und somit entscheidend Schicksalsfäden zwischen den Protagonisten. Das Zitat:

„In the mornings she would wait for the postman just as avidly as during her son’s years at Cambridge, and now, when a letter came for Martin (and it was not often), in an office envelope, addressed in a spidery hand and bearing a Berlin postmark, she felt the keenest joy and, snatching the letter, hurried to his room.“ (Nabokov, 2006, S.105)

mag hier als Beispiel andeuten, wie sehr das Buch eigentlich ein „Briefroman“ ist. (Ein wenig ausführlicher hatte ich mich in dieser Randbetrachtung damit auseinandergesetzt, Kaden, 2009.)

Bibliotheksbezüge sind in Glory dagegen außerordentlich rar, was auf den ersten Blick ein wenig verwundert, da ein Handlungsschwerpunkt in der durchaus detailliert beschriebenen Universitätskultur von Cambridge liegt, wohin die Hauptfigur, Martin Edelweiss, zum jungen Nabokov nicht nur in der Wahl der Hochschulstadt durchaus biografische Parallelen aufweisend, statt wie zunächst nach Genf zum Studium der russischen Literatur und zur Nebenkarriere als Meistertorwart des Trinity-Fußballteams zog. Letztlich scheint ihm das zweite wichtiger gewesen zu sein. In seinen – Speak, Memory – Erinnerungen an seine eigen Zeit in Cambridge vermerkt Nabobov nicht nur die eher sparsamen wissenschaftlichen Ambitionen:

„Scholastically, I might as well have gone up to the Inst. M.M. of Tirana.“ (Nabokov, 1989, S.268)

sondern sehr offen und mit Nachdruck:

„Not once in my three years in Cambridge – repeat: not once – did I visit the University Library, or even bother to locate it (I know its new place now), or find out if there existed a college library where books might be borrowed for reading in one’s digs.“ (ebd.)

Was er im Nachgang möglicherweise auch deshalb bedauerlich gefunden haben könnte, da der Bibliotheksdirektor zu Nabokovs Zeit in Cambridge (1919-1922) nicht nur seine letzten Dienst- und zugleich Lebensjahre (so war es einmal: Man blieb bis zum Ende im Beruf.) verbrachte, sondern eben dieser Francis Jenkinson seine erwartbare buchwissenschaftliche Hingabe offensichtlich mit einer entomologischen zu koppeln verstand (so war es einmal: Multidisziplinarität war auch individuell üblich.).

Der zunächst ebenfalls zoologisch (bzw. ichthyologisch) bemühte Student Vladimir Nabokov (vgl. Boyd, 1999, S. 280) veröffentlichte immerhin relativ früh in seiner Studienzeit, also in diesen Jahren, seine erste englischsprachige Arbeit und zwar in der Zeitschrift The Entomologist: „A Few Notes on Crimean Lepidoptera“ (Vol. 58, Iss. Jan 1920, S. 29-33). Naturgemäß blieb auch das Krim’sche Märchen des Teenagers Martin nicht ohne entomologische Spuren. („The crickets kept crepitating […]“, Nabokov, 2006, S. 16) Wobei das schönste diesmal lepidopterologische Detail im Kapitel 21 aufflattert, in dem Martin, soeben einen alpinen Fels hinabgestürzt, auf einem bücherregalbreiten („A width of a bookshelf underfoot […]“) Gesims über dem Abhang steht und weder vor noch zurück kann:

„He experienced faintness, dizziness, sickening fear, yet at the same time he observed […] the entirely black butterfly that fluttered by with enviable casualness like a quiet little devil and began to rise along the rock face; …“ (Nabokov, 2006, S.70)

Kehrt man vom Geröll jenseits der Baumgrenze zur Bibliothek zurück – und Martin kehrt immerhin bald nach diesem Erlebnis nach Cambridge zurück – ist angesichts der bekundeten Bibliotheksignoranz Nabokovs ein Detail bemerkenswert. Im 16. Kapitel fragt ihn nämlich Sonia Zilanov, seine zu dieser Zeit in London lebende Sehnsuchtsperson und jüngere Tochter der russischen Familie, die ihn, als Bekannte seiner Mutter (der Vater, Mihail Platonovich, übersandte ihr einst den Brief mit Nachricht vom Tod ihres Mannes), in England in Empfang nehmen sollte, was in Folge Martins plötzlichem Aufeinandertreffen mit einem Freudenmädchen namens Bess vor einem Londoner Schmuckgeschäft und dann in einem Hotelzimmer erst im zweiten Anlauf und erst im Kapitel 12 (statt 11) gelang, bei einem Besuch im Universitätsstädtchen:

„And what’s that pinkish house over there?“

Erstaunlicherweise muss Martin auf der kleinen steinernen Brücke über die gemütlich fließende Cam nicht überlegen, sondern antwortet unverzüglich:

„That’s the library building …“ (Nabokov, 2006, S.55)

Genauer will es zehn Seiten später Sonias Vater Vater bei einem weiteren Besuch wissen und auch diesmal könnte Martin wenig gleichgültiger sein:

„[W]hen he encountered Sonia, he instantly had the sensation that he stood in relief against a dark background. The same thing had happened on her last visit to Cambridge (she had com with her father, who had tormented him with questions about the age of various colleges and the number of books in the Library, while she and Darwin [sein bester Freund und Sonias für Martin sehr schmerzliche Tändelei] kept quietly laughing about somehting or other) […]“ (Nabokov, 2006, S. 65)

Die beiden anderen Anspielungen auf Bibliotheken in Glory haben einen Berliner Hintergrund. Die Zilanovs sind mittlerweile in die russische Emigrations-Metropole Berlin gezogen – 1923 gab es in Berlin ca. 360.000 (!) Asylanträge russischer Flüchtlinge – und in der Tat war Berlin in diesen Jahren der intellektuelle Hotspot russischer Kultur wahrscheinlich weltweit (es erschienen 1923 allein 39 russische Zeitschriftentitel in Berlin (auch Mihail Platonovich Zilanov arbeitet nun dort als Redakteur einer Wochenzeitung) und es gab 86 russische Verlage und Buchhandlungen, vgl. Urban, 2003, S. 11 und 17) und ein großer Teil von Nabokovs russischer Prosa ist von diesen Eindrücken wundervoll durchtränkt, was seine Werke auch zu einzigartigen Zeitdokumenten dieser Jahre macht.

Über Sonia gelangt Martin nun in einen dieser zeittypischen Kreise russische Schriftsteller, die sich in diesem Fall um den mittelmäßigen aber umso selbstsichereren Stepan Bubnov (der schließlich mit Sonias Hilfe Martins Träumereien plagiiert) gruppieren, wobei Martin bewusst wird, dass er, was das literarische Zeitgeistwissen betrifft, das sich durchaus auch in Emigrantenkreisen stabil in Bezug zu den in Petrograd und Moskau publizierten Neuerscheinungen zusammenfügte, nicht mithalten kann. Zum Status des farblosen Beobachters verurteilt, von Sonia mitleidig belächelt, versucht er mittels Parforce-Lektüre aufzuschließen:

„In compensation, shamed by the backwardness of his erudition, he devoted every hour of rain to reading, and very soon became familiar with that special smell, the smell of prison libraries, which emanated from Soviet literature.“ (S.114)

Mit realen Gefängnisbüchereien und deren Duft hat das freilich wenig zu tun. Vielmehr sprüht Nabokov hier eine treffende Metapher für die unter kontrollierten Bedingungen und auf bestimmte Ziele vorsortierte bzw. geschriebene Literatur in den Raum (allerdings noch vor der Hochzeit des Sozialistischen Realismus), welche, wenn man die Schraube der Deutung noch einen Tick weiter drehen möchte, wie eine Bibliothek dem Kollektiv (hier: dem eingesperrten) übergeben wird.

Was Nabokov an dieser Stelle recht frühzeitig meinte, wird u.a. in einem Interview aus dem Jahr 1965 mit Robert Huges für das New Yorker Bildungsfernsehen Thirteen bestätigt :

„Die Sowjetliteratur… Nun , in der ersten Phase nach der bolschewistischen Revolution, in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren, konnte man zwischen den gräßlichen Platitüden der Sowjetpropaganda noch die verlöschende Stimme einer älteren Kultur ausmachen. Der primitive und platte Geist zwangsverordneter Politik […] bringt nur primitive und platte Kunst hervor. Das gilt zumal für die ’sozialistisch-realistische‘ und ‚proletarische‘ Literatur, wie sie im sowjetischen Polizeistaat gefördert wurde. Die Gorillas in Schaftstiefeln haben dort Schritt für Schritt das echte Schriftstellertalent, das Ausnahmeindividuum, das fragile Genie ausgerottet.“ (Nabokov, 1993. S. 98f.)

Der monolinguale und etwa ein Jahrzehnt ältere Bubnov faszinierte Martin, den der Nabokov’sche Weitblick zu diesem Zeitpunkt des Romans noch nicht ereilt hatte, zunächst sehr und mit großer Freude begleitete er diesen als eine Art Übersetzungsfamulus:

„Bubnov knew no language other than Russian, so that when he had to go to the State Library for his research and Martin happened to be free, he willingly took him along. Martin’s command of German being mediocre, he was glad when a text chanced to be in French, English, or, better still, Italian. True, he knew that language even less than German, but particularly prized his scant knowledge […]“ (Nabokov, 2006 S.115)

Mit der Erkenntnis, dass die Staatsbibliothek zu Berlin offensichtlich auch für die russischen Emigranten im Berlin der frühen 1920er Jahre ein wichtiger Anlaufpunkt war, dürfte allerdings die schöne Traube Glory hinsichtlich bibliothekarischer Bezüge bereits nahezu vollständig ausgepresst sein. Unter der motivischen Saftpresse des Eisenbahnwesens, beispielsweise, wäre die gloriose Rebe sicher weitaus ergiebiger und vielleicht sogar, wie man bei Andrej Bitow (1996) nachlesen kann, zum Thema Glauben. Und natürlich auch zur üblichen Grausamkeit verschmähter Liebe und unverstandener Träume. Aber hier geht es um die Bibliothek in der Literatur und die zwei, drei unvermeidlichen Schleifen, die sich wie von selbst dazuflochten, mögen da als Blick über den thematischen Rand reichen. Und vielleicht als Dreingabe noch eine kleine Ernüchterung aus der wohlvertrauten Mitte Berlins:

„The toy shops on the once elegant Friedrichstraße had thinned out and lost their sparkle, and the locomotives in their windows looked smaller and shabbiert. The pavement of this street had been torn up, and shirt-sleeved workmen were drilling, and digging deep smoky holes, so that you had to pick your way over planking, and sometimes even across loose sand. In the Panopticon of Waxworks on Unter den Linden the man in a shroud, energetically climbing out of his grave, and the Iron Maiden, that instrument of strong and hard torture, had lost their ghoulish charm.“ (Nabokov, 2006, S.110)

Dass diese Zeilen nahezu passgenau auf die Gegenwart geworfen werden könnten – es gibt ein blasses Madame Tussauds Unter den Linden und (nach Berliner Verhältnissen) nicht allzu weit davon wie in Ergänzung mit dem Berlin Dungeon ein weiteres Gruselkabinettstückchen sogar inklusive einer „Alten Bibliothek„, Baustellen wie beschrieben markieren den Kreuzungspunkt der benannten Straßen und nicht mehr viele Spielwarenläden gibt es auch heute noch in der Friedrichstraße – lässt nämlich Nabokovs Glory im Wechselspiel mit dem heutigen Berlin in einer fast verstörenden Überzeitlichkeit erstrahlen.

(Berlin, 11.08.2013)

Literatur

Andrej Bitow (1996) Die Unsterblichkeit eines Mückenstichs: Ein Russe liest Nabokov. In: DU: Die Zeitschrift der Kultur. Heft 6 , 1996, S. 44,45,106
Brian Boyd (1999) Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899-1940. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
Ben Kaden (2009): Nabokov, Benjamin und Sharapova – einige philatelistische Marginalien. In: postiques.wordpress.com / http://postiques.wordpress.com/2009/12/09/nabokov-benjamin-und-sharapova-ein-paar-philatelistische-marginalien/
Vladimir Nabokov (1920) A Few Notes on Crimean Lepidoptera. In: The Entomologist. Vol. 58, Iss. Jan 1920, S. 29-33
Vladimir Nabokov (1989) Speak, Memory. New York: Vintage.
Vladimir Nabokov (1993) Deutliche Worte. Reinbek beim Hamburg: Rowohlt
Vladimir Nabokov (2006) Glory. London: Penguin.
Thomas Urban (2003) Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. Berlin: Nicolaische Buchhandlung

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