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Kryptomnesie, schweig. Über das Phänomen des unbewussten Plagiats.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. Juni 2013

Eine Reflektion zu Oliver Sacks (2013) Erinnerung, sprich. In: Sinn und Form. 3/2013, S. 341-350

von Ben Kaden / @bkaden

„The present work is a systematically correlated assemblage of personal collections…“ (Vladimir Nabokov (1947 / 1989) Speak, Memory: an autobiography revisited. New York: Vintage Books.)

Der Literaturzeitschrift Sinn und Form verdanke ich, den von mir im Februar übersehenen (oder vergessenen) Beitrag des Neurologen Oliver Sacks in der New York Review of Books doch noch gelesen zu haben. Denn sie druckt ihn in ihrer aktuellen Ausgabe in Übersetzung und noch schönerem Satz (dafür ohne Fußnoten) ab. Oliver Sacks schreibt prinzipiell über das Vergessen, über die Lücken in der Erinnerung sowie das zugleich plötzliche Auftauchen verschüttet geglaubter Bilder und allein schon um sich mit der lebhaften Erfahrung dieser Phänomene nicht allein zu fühlen, lohnt die Lektüre.

Ich weise auf den Artikel hier jedoch noch aus einem anderen Grund hin. Er stellt nämlich einen sehr sinnvollen Beitrag zur derzeit etwas abgeflauten Plagiatsdebatte dar, die unlängst dank einer Verkettung mit hohen politischen Akteuren nicht nur in der Bundesrepublik über die Dauer von vielleicht zwei Jahren sogar titelseitentauglich war.

Unbestritten stellt ein vorsätzliches Plagiat sowohl auf dem Markt der Kulturproduktion wie auch in der Wissenschaft einen gravierenden Verstoß gegen eine ganze Reihe impliziter und expliziter Regeln dar. Gerade im wissenschaftlichen Betrieb führt ein Plagiat gemeinhin ähnlich wie die Fälschung fast unabwendbar zum Ausstoß aus der Diskursgemeinschaft.

Streiten kann bzw. sollte man allerdings über das Phänomen der Kryptomnesie, also, so Oliver Sacks, des „unbewussten Plagiat[s]“, bei dem das Wissen darum fehlt, dass sich bestimmte konkrete Gedanken, Ideen oder eine Formulierung nur so anfühlen, als stammten sie von einem selbst. Eigentlich jedoch, so das Prinzip wie ich es verstehe, wurden sie bei einer Lektüre oder einem Gespräch vom Gehirn, das eben nicht karteihaft präzise verbuchend arbeitet, ohne ausdrückliche Urheberangabe in irgendeinen Frontallappen gewickelt und warten nun dort so lange, bis sie durch einen assoziativen Querschläger erweckt plötzlich dienstbeflissen im Denkraum stehen, als hätten sie gerade erst jetzt und endlich ihre Formation gefunden. Wer meint, ihm wäre dies noch nie passiert, sollte mal in den Büchern und Exzerptmappen seiner Jugend blättern und wenn er keine hat, einfach bewertende Aussagen zum Thema meiden.

Oliver Sacks jedenfalls kann gut mitreden, denn:

„Wenn ich meine alten Notizbücher durchschaue, stelle ich fest, daß viele der dort skizzierten Gedanken jahrelang vergessen blieben, um später wiederbelebt und neu bearbeitet werden.“

Worin auch die Wurzel der höchst kuriosen Erfindung des Eigenplagiats liegt.

Ich vermag nicht zu bewerten, wo die Grenze des systematisch überschaubaren Schaffens liegt, aber es erscheint aus eigener Erfahrung äußerst nachvollziehbar, dass man im Leben nach einer gewissen Menge an verfassten Texten nicht mehr ganz genau weiß, welche Formulierung man wo eventuell bereits gesetzt und welche Idee man wie schon einmal geäußert hat. Oliver Sachs verweist auf ähnliche Erfahrungen:

„Manchmal führt dieses Vergessen zum Autoplagiarismus und ich ertappe mich dabei, ganze Phrasen und Sätze aus meinen früheren Arbeiten als neu zu präsentieren.“

Meine eigene Schreibpraxis legt mir den Verdacht nah, dass die Schwelle eher niedrig ist. Mit gezielter Volltextsuche könnte man möglicherweise gegenhalten. Mit forcierter Progression im Denken auch. Während ersteres schlicht albern aufwendig erscheint, dürfte das Zweitgenannte aus dieser Motivation heraus auch wenig mehr als eine Schrulle abgeben.

Nun fällt es Viellesern, zumal wenn sie querdenken, mitunter zu, dieselben Phänomene auch mit Äußerungen anderer zu erleben. Und Kindern sowieso. Oliver Sacks schildert den interessanten Fall der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller, die erst mit sechs Jahren zur Sprache fand und mit elf eine Geschichte mit dem Namen „The Frost King“ schrieb, die relativ exakt Magaret Canbys bereits zuvor erschienener Geschichte „The Frost Fairies“ entsprach.

Helen Keller sagte aus, dass ihr die Geschichte Magaret Canbys unbekannt sei – vermutlich hatte man sie ihr aber drei Jahre vorher in die Hand buchstabiert. Es kam dann, wie es gemeinhin bei solchen Fällen kommt:

„Die junge Helen wurde einer erbarmungslosen Inquisition ausgesetzt […].“

Wobei sich Magaret Canby menschlicherweise auf die Seite des Mädchens schlug.

Interessant ist dabei, dass anscheinend die Form der Rezeption Auswirkungen darauf hat, wie man sich an etwas Erfahrenes erinnert. Oliver Sacks schreibt:

„Keller selbst sagte, besonders häufig sei es zu solchen Aneignungen gekommen, wenn man ihr Bücher in die Hand buchstabierte, sie die Worte also passiv aufnahm. Manchmal könne sie in solchen Fällen die Quelle nicht identifizieren und sich auch nicht an sie erinnern, nicht einmal daran, ob die Anregung ihr selbst entsprungen oder von außen gekommen sei. Derartige Unklarheiten gab es selten, wenn sie aktiv, unter Verwendung der Blindenschrift las und die Finger übers Blatt bewegte.“

Wer sich bewusst mit Sprache und der sprachlichen Fassung von Ideen auseinandersetzt, weiß, wie schwer bis unmöglich es ist, etwas so zu sagen, wie es noch nie gesagt wurde (Formulierung) und noch viel schwerer, etwas zu in bekannter Form auszusprechen, das noch nie zuvor geäußert war (Idee). Unsere Existenz, besonders die Existenz in der Sprache, ist eine variable Entität, wobei es bei der Kommunikation naturgemäß gerade darauf ankommt, eine gemeinsame Sprache zu finden, um sich verständlich machen zu können. Eine Kernaufgabe schöpferischen Schaffens ist es fraglos, hier immer wieder kleine Verschiebungen zur Ausweitung des Denk- und Wahrnehmbaren zu versuchen. Eine Welt ohne Redundanz wäre nicht nur unmöglich, sondern auch sinnlos.

Was wir also bewerten, ist nicht die Schöpfung des gänzlich Neuen, sondern ein gelungenes Spiel mit der Variabilität. Die einfachste Option ist dabei die Verschiebung des Kontexts. Der berühmte, Karl Valentin zugeschriebene Satz „Es wurde schon alles gesagt – nur noch nicht von jedem.“ ist eine possierliche (und gelungene) Variation dieses. Jedes Individuum ist ein neuer Kontext. Verteidigt Margaret Canby Helen Kellers Variation des Frostkönigs mit den Worten:

„What a wonderfully active and retentive mind that gifted child must have!”

dann adressiert sie exakt die Tatsache, dass es mehr geben muss, als die Ankettung an die Schimäre einer Einzigartigkeit in der Fügung von Wort und Idee. Bei orthodoxen Urheberrechtlern dürfte solch eine Einstellung freilich zu poliertem Entsetzen führen. Und wie gelassen Margaret Canby geblieben wäre, wenn The Frost King nicht von Helen Keller sondern von George MacDonald geschrieben worden wäre, muss hier zum Glück nicht betrachtet werden. Aber der schrieb zur gleichen Zeit bekanntlich mit seinem Bibliotheksmärchen Lilith bereits in einem ganz anderen Universum.

Marc Augé / UdK / 11.06.2013

Ein Teil der Welt von Gestern. Die Publikation dieser kleinen Betrachtung zu Oliver Sacks verzögerte sich ausgerechnet, weil ein Vortrag mit dem Titel „Die Formen des Vergessens“ anstand. Marc Augé präsentierte in der Universität der Künste Berlin eine sehr von Literatur  (Stefan Zweig, Michel Leiris, Julien Gracq,  Simone de Beauvoir, Walter Benjamin) geprägte Abhandlung in Anschluss an sein dieser Tage erscheinendes Buch gleichen Namens. Form und Thema lassen sich vielleicht als eine spürbar von Altersmelancholie durchzogene Reflektion über Örtlichkeit und Erinnerung, also der Verortung erfahrener Zeit, beschreiben. Wer sich bereits mit der autofiktionalen Konstruktion des Erinnerns, mit der narrativ strukturierten retrospektiven Identitätsproduktion und der Aufnahme- und -gabe von Tagebüchern und persönlichen Journalen befasste, fühlte sich auf sehr angenehme Weise vor allem an das erinnert, was den Kanon der zentraleuropäischen Auseinandersetzung mit der Frage der Biographie als Spiel im Innersten ganz allgemein zusammenhält. Intellektuell blieb es daher mehr ein Abendspaziergang mit Marc Augé am Ufer der Syrten als eine erinnerungstheoretische Erschütterung. Die in der Ankündigung als “ besonders virulent“ bestimmte Frage nach „Vergessen und Erinnern in unserem digitalen Zeitalter“ kam leider nur im Nachhaken der Moderation zur Sprache und dabei nicht unbedingt sehr konstruktiv, weil die dazu herangezogenen Prämissen nicht differenziert genug und im Gegenzug im Versuch zu suggestiv waren, um überhaupt einen konstruktiven Halt für diese sicher gut gemeinten Haken bieten zu können. Marc Augé bewältigte aber auch diese Verständnishürde im Diskurs in herzlicher Alterssouveränität und schaffte es fraglos, sich als eine sympathische Lichtgestalt (sh. Abbildung) in die Erinnerung seines Publikums einzuschreiben.

Als Erfahrung bleibt: Je allgemeiner und narrativer die vertextende Auseinandersetzung mit egal welchem Gegenstand der Kultur wird, desto schwieriger ist es, die Abgrenzungs- und Originalitätsverpflichtung sauber umzusetzen, die vermutlich das Hirschhornsalz unserer Innovationskultur darstellt und zugleich nach dem Motto „Wer hat’s erfunden!?“ auch des Verwertungsprinzips, auf dem unsere Gesellschaft nicht minder fußt.

Besonders die Innovationswissenschaften basieren auf dem Me-first-Prinzip mit allen Vorteilen und allen harten Bandagen und schließlich der Erniedrigung, die man empfindet, wenn man nach jahrelanger Forschung kurz vor dem Durchbruch steht, auf eine Konferenz fährt und dann dort die Ergebnisse verkündet hört, zu denen zu gelangen man in den kommenden ein oder zwei Monaten erhoffte.

Die vergessene Referenz kennen allerdings auch weichere Disziplinen und besonders die Übergänge von einer kulturellen Nische in eine andere, wie Oliver Sacks am eigenen Beispiel erläutert. In diesem Fall hatte der Irische Dramatiker Brial Friel ein Stück – Molly Sweeney – verfasst, indem eine früh erblindete und trotzdem ziemlich zufriedene Physiotherapeutin in späteren Jahren, gedrängt von Ehemann und Chirurg, dank eines Eingriffs plötzlich sehen kann und damit all das Glück verliert, was sie vorher empfand.

Shirl Jennings war 51 und seit 48 Jahren ohne Augenlicht, als ihn seine Freundin zu einer Rekonstruktion der Sehfähigkeit drängte. Er konnte zwar sehen, sein Gehirn kam damit aber überhaupt nicht zurecht. Oliver Sacks verarbeitete die Geschichte für den New Yorker in einem Aufsatz, den er, wahrscheinlich an der weit verbreiteten und auch mir bekannten Selektivamnesie leidend, bei der man die Regel vergisst, dass nicht immer eine Wortspielerei erzwungen werden muss, „To See and Not to See“ nannte.

Oliver Sacks entdeckte also plötzlich Teile seines Textes als Formulierungen für die Bühne und

„schrieb an Friel, und er antwortete, er habe meinen Text tatsächlich gelesen und sei davon sehr berührt gewesen, zumal er damals selbst gefürchtet hatte, sein Augenlicht zu verlieren. Über die Wiederherstellung der Sehkraft habe er auch noch viele andere Krankenberichte gelesen. Friel kam zu dem Schluß, er müsse versehentlich einige Phrasen meines Berichts verwendet haben. Dies sei jedoch gänzlich unbewußt geschehen […]“

Der Psychologe, in Kenntnis des kryptomimetisierenden Eigensinns des Gehirns, akzeptierte das bzw. fand es sogar spannend. In der Tat wäre der New Yorker die denkbare unglücklichste Vorlage für ein Plagiat mit Vorsatz. Vergleichbar wäre höchstens noch, den sprechenden Titel eines Memoiren-Bands von Vladimir Nabokov für einen Aufsatz heranzuziehen, in der Hoffnung, es würde niemand merken.

Erinnerung, Sprich folgt zweifellos Eugene Garfields Uncitedness III. (Garfield, Eugene (1973): Uncitedness III. The Importance of Not Being Cited. In :Current Contents, 8 /1973, S.5-6) In gewisser Weise könnte man diese Form des Nicht-Zitierens als eine Art Ehrenplagiat verstehen: Eine Arbeit, eine Formulierung, eine Formgebung ist dann derart in der Kultur verinnerlicht wie der Wortschatz der natürlichen Sprache und damit allgemeiner Grundstock (eine Art Merton’sche Gigantenschulter) für alle darauf folgende Kulturschöpfung.

Das anerkannte Ehrenplagiat setzt zweifellos eine außerordentliche allgemeine Bekanntheit voraus, die – der Natur des Wortes außerordentlich entsprechend – nur sehr wenige erringen. Insofern dürfte es nur auf einen Bruchteil der entsprechend Fälle bedienen. Es kann aber auch, und dann wird es knifflig, eine individuelle Angelegenheit sein.

An Samuel Taylor Coleridge und dessen – ungekennzeichneten – Schelling-Nachschriften und Jean-Paul-Identifikationen zeigt Oliver Sacks auf, dass neben einer hohen inneren Verstörtheit auch eine (so empfundene) extreme ideelle Harmonie als Anlass von Übernahmen wirken kann, bei denen sich der Übernehmende nicht bewusst ist, dass er (sich) gerade übernimmt.

In die selbstnarrative Weltwahrnehmung der betroffenen Individuen werden diese Übernahmen mehr oder weniger als eigene Schöpfungen stimmig eingepasst, weshalb ihnen der Nachweis selbiger vermutlich mehr noch als jede mögliche rechtliche oder sittliche Folge mit der schlagartigen Erkenntnis, dass sie ihrer Erinnerung nicht trauen können, einen gehörigen Schock versetzt.

Eventuell wirkt wenigstens ein Stück weit beruhigend, von der langen Traditionslinie derartiger Referenz-Lapsus zu wissen und dafür könnte man dann Oliver Sacks danken.

Für die Plagiatsjagdgesellschaften und vielleicht auch für die dementsprechend oft kräftig nachgeschärften Prüfungsordnungen an den Hochschulen wird die Angelegenheit, sofern sie die Möglichkeit Kryptomnesie bedingter Übernahmen überhaupt berücksichtigen wollen, schwieriger.

Ob Turnitin, Ephorus, WCopyFind und die anderen Kandidaten vom Marktplatz der Plagiatserkennungsoftware hier präzis differenzieren können, vermag ich nicht zu bewerten. Die Erfahrungen und Erkenntnisse von Oliver Sacks jedenfalls deuten darauf hin, dass es nicht nur um einen Zeichenabgleich gehen kann – der obendrein vergleichsweise leicht zu manipulieren ist – sondern im Zweifelsfall, nämlich dann, wenn es darum geht, dass den Betroffenen Türen zufallen, um einen mit – kein Kalauer zum Fall Helen Keller  – Fingerspitzengefühl zu ergründender Gesamtzusammenhang.

(Berlin, 10.06.2013)

Eine Antwort

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  1. Walther Umstätter said, on 13. Juni 2013 at 16:32

    Die von Sacks gemachte Beobachtung: „Wenn ich meine alten Notizbücher …“ kann man auch sehr schön selbst verifizieren, wenn man sich eigene Randbemerkungen oder Notizen aus Vorlesungen, Lehrbüchern etc. ansieht. Im Prinzip ist unser gesamtes bewusstes Wissen nichts anderes als „Kryptomnesie“. Der Eigenanteil ist dagegen annähernd vernachlässigbar.
    Es sei darum hier kurz daran erinnert, dass Newtons viel zitierter Satz: „Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Giganten stehe.“ zwei Erkenntnisse deutlich machen sollte.
    1. Dass jede neue Einsicht nichts anderes ist als ein kleiner Baustein an dem unglaublich großen Bauwerk unseres Weltbildes von diesem Universum. Wobei es eine erschreckende Verzerrung dieses Weltbildes ist, wenn wir bei jeder neuen Erkenntnis so tun als hätte ein neuer Urheber wieder alles neu auf den Kopf gestellt. Wir rekonstruieren immer nur ein für uns neues aber insgesamt altes Inneres Modell dieser Welt. (Auch durch das heliozentrische Weltbild, hat die Sonne nicht aufgehört im Osten aufzugehen.) Das zeigt auch die Ortega Hypothese, die letztendlich deutlich macht, dass der geistige Fortschritt eines „Giganten“ immer auch der Widersprüche, der Bestätigung und der Vervielfältigung durch die restliche wissenschaftliche Community bedarf. Das entscheidende ist aber eigentlich das wir mutige Autoren brauchen, die bereit sind die Verantwortung für ein neues Wissen mit zu übernehmen, und damit ein Verantwortungsübernahmerecht (www.passwordonline.de/cms/news/28.-september-2012.html).
    2. Dass sich Newton, ebenso wie viele andere große Geister der Wissenschaft, darüber bewusst war, dass wir mit jeder neuen Erkenntnis nur etwas weiter auf das noch größer erscheinende Meer der Unwissenheit blicken.
    Es ist unglaublich wie viel Wissen wir von anderen übernehmen, und weil wir es für uns neu erwerben müssen, glauben, wir hätten es entdeckt.
    Insofern gibt es eine weitaus größere Menge an Uncitedness, als die meisten Wissenschaftler ahnen. In der gedruckten Wissenschaftswelt hatten wir im Science Citation Index schon aus Papiermangel durchschnittlich nur zehn Referenzen. Zehn Prozent der Aufsätze hatten gar keine Referenzen. Schon eine einfache Recherche zum Themenfeld der Uncitedness würde rasch zeigen, dass diese Zahl unmöglich sinnvoll zitiert werden kann, ohne ein mehrbändiges Werk zu schreiben. Das ist heute natürlich auch nicht notwendig, da solche Recherche von den Lesern leicht selbst durchgeführt werden können. Es führt hier zu weit aufzuzählen wie viele Gründe es gibt, nicht zu zitieren, aber bei den Plagiaten als Sonderform der Uncitedness, sind wirklich zwei zu nennen.
    1. Unbewusste Plagiate, bei denen man etwas liest, das beispielsweise die eigenen Intentionen unterstützt, was man kopiert, ohne die Quellezuzuordnen, und ohne später noch zu wissen, dass es nicht von einem selbst stammt.
    2. Bewusste Plagiate, bei denen man sich mit fremden Federn schmückt, und hofft, dass es die Leser nicht merken.
    Dass die bewussten Plagiate verboten sind, ist hinlänglich bekannt. Schwieriger ist es mit den unbewussten Plagiaten, da sie insofern Standard sind, als allgemein bekanntes nicht mehr zitiert wird (s. a. Uncitedness III). Man denke nur an die unzähligen geistigen Übernahmen die man von Eltern, Freunden, Lehrern oder eben aus der Literatur übernimmt, ohne zu wissen, was man wann, von wem wo hörte oder sah. Da aber das Urheberrecht die „kleine Münze“ kennt, sind natürlich schon die Unterschiede zwischen I. Newton, O. Sacks, B. Kaden und W. Umstätter zum selben Thema, trotz Übereinstimmung, urheberrechtlich zu unterscheiden.
    Die Frage nach dem „Eigenplagiat“ ist insofern bemerkenswert, weil ihm gegenüber die Selbstzitationen stehen, über die sich viele lustig machen, ohne zu merken, wie sie ihre Ahnungslosigkeit zu Markte tragen. Denn es ist doch selbstverständlich notwendig, dass man frühere Arbeiten zitiert, wenn man seit Jahren an einer bestimmten Problematik arbeitet. Auch hier sprach die fehlende Eigen-Uncitedness von Nationalsozialisten nach dem zweiten Weltkrieg für sich. Ihr Nachweis war nur oft schwer, weil die sogenannte Entnazifizierung dafür sorgte, dass unzählige Dokumente des „DrittenReichhes“ aus den Bibliotheken verschwanden. Ebenso schwer ist es nachzuweisen, wie viele Autoren täglich Gedanken anderer aufgreifen, um sie für sich weiter zu entwickeln. Insofern wissen wir aus Diskussionen, dass die Wissenschaft schon etliche Ideengeber hatte, deren Ideen aber durch die Uncitedness unter anderen Namen bekannt wurden. Mit einem Verantwortungsübernahmerecht würde deutlich, dass Menschen, die ein Wissen als zweit- oder dritt-Urheber übernehmen, die selbe Verantwortung für dieses Wissen tragen, und nicht nur Kopisten, also Redundanzvermehrer, sein dürfen.


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