LIBREAS.Library Ideas

Von wegen Pferdefleischeslust. Über Chrissie Bentleys „The Nympho Librarian and Other Stories“.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 26. April 2013

Eine Rezension zu Chrissie Bentley (2011) The Nympho Librarian and Other Stories. [ohne Ortsangabe]: CreateSpace. ISBN: 9781468106084

von Ben Kaden

“Get rid of the glasses, if I wanted to see a librarian I would be at library.” – ronsanchez am 26.01.2004 in einem Forum auf kinkondemand.com

„Wir ahnen ja, daß dort [in den Bibliotheken] auch das Amouröse, ja das Erotische seinen Platz haben muß und finden die Bestätigung bei [Philip] Larkin, der die Emporen für Verabredungen romantischer Art als besonders geeignet ansah und sich zu mehr als einer Mitarbeiterin hingezogen fühlte – über eine Kollegin, vertraute er einem Freund an, hätte er herfallen mögen wie ein Löwe über den täglichen Batzen Pferdefleisch…“ (Jan Wagner, 2013)

Es ist ein selten saftiges Bild, das der Schriftsteller Jan Wagner in seiner „Rede zum neuen Jahr“, die mindestens so sehr eine Hymne auf die Bibliothek wie Philip Larkins Library Ode ist, zum Delektieren bereitstellt. Tatsächlich verlor der außergewöhnliche Bibliothekar und Dichter Larkin mehr als sein Herz in der Stadtbibliothek.

Aber zunächst eben dieses und zwar als nicht wenig einsamer, sexuell so unerfahrener wie verwirrter 21-Jähriger Bibliothekar in Wellington, Shropshire an die schmale, bebrillte in der wirren Vielfalt adoleszierender Blüte gefangenen 16-jährigen Schülerin Ruth Bowman. In sein Tagebuch schrieb er zu dieser Zeit „Re sexual intercourse: always disappointing and often repulsive, like asking someone else to blow your own nose for you”. (vgl. Morton, 1993) Zu seiner Verteidigung ist zu ergänzen, dass er erst wenig verkehrsteilnehmende Erfahrungen und schlicht eine Heidenangst vor Sexualität an sich gehabt haben soll. So gehandicapt reduziert man als junger Mann das intime Verschmelzen denn auch gern auf eine Variation des Schnäuzens. Unbestritten war für Larkin das Thema Sexus (inklusive seiner Darstellbarkeit) zeitlebens mindestens so wichtig wie die Bibliothek.

Ob er damit typisch für Bibliothekare steht, ist mutmaßlich noch empirisch unbeforschtes Terrain. Doch bekanntermaßen lässt das Klischee entsprechende Kurzschlussfolgerungen zu. Den kreuzbraven brillenbeschlagen Strickjackenwesen – man denke nur an Donna Reed als Bibliotheksmamsell in Frank Capras Ist das Leben nicht schön? (Capras Antwort: Nur wenn man einen Mann wie George Bailey findet, der einen vor dem Bibliotheksdienst rettet.) – traut man entweder keine Sexualität zu. Oder eine sehr eigentümliche.

Für die zweite Variante gibt es einen Fantasieraum in der Pornographie. Reziprok findet sich dagegen selten ein Platz für die Pornographie im Realraum der Bibliothek. (Es sei denn im Schreibtischfach des Bibliothekars Philip Larkin.)
Abgesehen von der Pionierarbeit der progressiven BDSM- und Fetisch-Fans aus dem Armory in San Francisco, die zum Beispiel Bobbi Starr einmal als Bibliothekarin für ein griffiges Filmchen der Reihe Whipped Ass inszenierten, die Dominatrice Madison Young einen säumigen Nutzer namens Kade (sic!) demütigen ließ und auf deren Seite Darstellerinnen mit

„Maggie has the cute next girl look, with booming tits and ass. To see her on the street you would think her a Doctor or Librarian, no one would expect that a lifestyle submissive hides under those glasses.”

vorgestellt werden, erweist sich das weite Feld der Bildpornographie hinsichtlich Referenzen auf Bibliothek und Bibliothekskultur als weitgehend unbefriedigend.

Seiten wie Naughty Bookworms bleiben im Schulbildungsbereich stecken, die am Schauplatz College orientierten Dare-Dorm-Angebote in den Internatszimmern. Entsprechende Filmproduktionen wie Naughty Blonde MILF Librarians (2009) oder Fuck the Librarians (2012) benutzen mehr noch als der Klassiker Midnight Librarians (2001) Bücher, Regal und Brille ausschließlich und dem Genre gemäß lieblos als Staffage für den üblichen schematischen Aktionismus. Wobei beim letztgenannten Film immerhin die Beschreibung ganz neckisch daher kommt:

„Ever wonder what librarians do after hours when they remove their glasses, lose the orthopedic shoes and let their hair hang down? Do you think librarians have sex?“

Die erfrischendste Produktion in diesem Bereich ist bisher Joanna Angels Librarians (2011), die nicht nur neben der Altmeisterin Kimberly Kane mit Asphyxia Noir, Skin Diamond, Kleio und Draven eine Reihe der neuen, professionell-auf- und abgeklärt auftretenden Darstellerinnenzunft (nicht ohne Hipster-Nimbus) als Bibliothekarinnen zum Einsatz bringt, sondern auch einen knuffigen Plot besitzt:

„It was your average day at the Clitty City Public Library. Joanna Angel was running the place as usual, and Asphyxia, Draven and Kleio were stocking the shelves and rolling the carts. But everything changed when James Deen came in…and tried to take out a book! He had more than two-hundred overdue library books! A complete disgrace to the community. He still wanted that book, though…in fact, he wanted to rob the library clean! But the girls had pledged their souls to the Dewey Decimal System and refused to give in…if he wanted those books, he was gonna have to […]”

und so weiter und so fort.

Doch auch hier stößt Originalität wieder dort an ihre Grenzen, wo man sie üblicherweise entdeckt: bei der expliziten Darstellung der Sexualität, die keinerlei Knistern entfaltet, sondern sich in Standardeinstellungen erschöpft. Das Dilemma von Pornographie dieser Art liegt in der Absenz jeglicher Sinnlichkeit. Die rein visuelle Inszenierung des sportlichen Standardrepertoires bis zum Money Shot führt anscheinend unvermeidlich zu erheblichen Redundanzen und entgleitet damit in eine klinisch reine Langeweile. Bis auf wenige Ausnahmen ist diese Form der letztlich fast immer Fließbandpornographie in ihrer Uniformität vergleichbar mit der Systemgastronomie: Man bekommt immer nach den gleichen Abläufen exakt das serviert, was man bereits kennt.

Chrissie Bentley: Nympho Librarian

Chrissie Bentleys Nympho Librarian Stories ist mit knapp 60 Seiten Umfang tatsächlich kopfkissentauglich. Aber für geübte Leser höchstens etwas für eine Nacht.

Ein wenig besser stellt es sich im Bereich der geschriebenen Pornographie dar, bleibt hier doch visuell-fantasievolle Füllung des geschilderten mit eigenen Bildern möglich und wenn man möchte, kann man sich gern die Bibliothekarin oder den Bibliothekar (bzw. Nutzer und Nutzerin) aus der eigenen Bibliothek in entsprechende Rollen hineinimaginieren. (Man sollte es aber nicht unbedingt kommunizieren.)

Es gibt, wenigstens in den USA, eine regelrechte und blogaffine Liebhabergemeinde solcher früher als Schund und Schmutz (oft so pragmatisch fragwürdig wie semantisch berechtigt) bezeichneten Textergüsse, die berühmte und einschlägige Olympia-Press-Titel wie Heather Browns The Librarians Naughty Habit, Rod Walemans The Young Librarian oder Jessica Ludwigs Sex for Charity (Titel, die man übrigens vergeblich im Worldcat sucht) ganz offen im (LibraryThing-)Regal zeigt und mit typisch postmoderner Ironie zur ihrer Leidenschaft erklärt. Das dank diverser Presseberichte (u.a. bei der Paris Review vgl. Steinberg, 2012) mutmaßlich populärste Werk ist Les Tuckers The Nympho Librarian, von dem mangels Verfügbarkeit in Buchhandel und Bibliothek die meisten jedoch nur das berühmte Cover (vgl. Pierce, 2012) kennen.

Nun gibt es unter demselben Titel eine kleine Kollektion (wahrscheinlich Fan-fiktionale) Stories, die als Print-on-Demand mit einem grauenhaft verhunzten Titelbild allgemein verfügbar ist. Die von der Bloggerin Chrissie Bentley herausgegebene Zusammenstellung erhält als Ouvertüre ein buchstäblich nuttiges Vorwort von Jenny Swallows, was ein typischer nom de porn sein dürfte – wobei allerdings Donna Reeds Figur bei Frank Capra ja auch in aller Unschuld Mary Hatch hieß.

Traurigerweise ist diese Einleitung nichts anderes als eine äußerst mäßige Fantasie über eine Fellatio, wie sie aus einem Grundkurs für obszönes Schreiben stammen könnte und vermutlich auch stammt und darin eine Art dürftiges Gegenstück zu Marco Vassis Die Rache des Sizilianers (Vassi, 1989). Die Geschichte The Nympho Librarian erscheint im Vergleich weitaus intensiver und auch wenn die Integration einer Gasmaske in ein bibliothekarisches Liebesabenteuer nicht jedem Identifikationspunkte schafft, so ist das Machtspiel im Vorstellungsgespräch in satter Konsequenz ausgeführt.

Für das Genre sind auch die anderen Texte akzeptabel. Die Freude ist jedoch fast immer dadurch getrübt, dass es sich nur Kürzestgeschichten handelt, die weder wirklich Handlung noch Spannung wirklich entfalten. Vielleicht könnte man eine entsprechende Story wie Silence in the Library auch auf dreieinhalb Seiten mitreißend und aufwühlend ausgestalten. Aber dazu wären literarische Fertigkeiten nötig, die in diesem Feld der Schriftstellerei äußerst rar gesät sind. George Batailles‘ Das Auge der Katze gelingt das. (Bataille, 1972) Die Jenny Swallows-Fraktion bleibt dagegen hilflos. Denn wenn Kopulationsgeschichten konventionell auserzählt werden, wird in dieser Kürze schlicht kein allzu hohes Plateau erreicht.

Dagegen muss man den (nicht genannten) AutorInnen der Geschichten immerhin das Bemühen zugestehen, die Bibliothek als Ort bis hin zur korrekten DDC-Systemstelle präsent zu halten und ein paar Klischees durchaus spielerisch zu verarbeiten. Bei der Bibliographie zweifelt man aber fast schon wieder an der Fachkenntnis der Herausgeberin. Zudem ist keine der Geschichten selbst eindeutig bibliographiert. Da zeigt sich die Anthologie „Porno“ (N.N., 2004) des Fischer Taschenbuchverlages weitaus professioneller (krankt aber daran, dass sich Stephen Solomita in Übersetzung höchstens so überzeugend liest, wie die Synchronisation eines Pornofilms authentisch wirkt).

Wem der Sinn nach billiger und billig produzierter (Printed by Amazon Distribution GmbH, Leipzig – also mutmaßlich direkt im Logistikzentrum) Darstellung von Sexualität steht, die ohne Umschweife auf den Punkt kommt, der wird mit The Nympho Librarian and other Stories leidlich gut bedient. Mit Erotik oder erotischer Literatur hat die Anthologie dagegen rein gar nichts zu tun. Statt des Larkin’schen Löwen überm Pferdefleisch findet man in dem Bändchen eher einen an sich doch zahmen Stubentiger vor einem Näpfchen Trockenfutter.

(Berlin, 25.04.2013  / @bkaden)

Literatur

Anmerkungen: Von Verweisen auf pornografischen Internetquellen sehen wir ab.

Georges Bataille (1972) Das Auge der Katze. In: ders.: Das obszöne Werk. Reinbek: Rowohlt, S.7-10

Andrew Morton (1993) Larkin in Love. In: The Independent, 21.03.1993

N.N. (2004) Porno: Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuchverlag

J. Kingston Pierce (2012) Curious Catalogue of Carnality. In: Killer Covers. 26.07.2012, http://killercoversoftheweek.blogspot.de/2012/07/curious-catalogue-of-carnality.html

Avi Steinberg (2012) Checking Out. In: The Paris Review Daily. 26.12.2012, http://www.theparisreview.org/blog/2012/12/26/checking-out/

Marco Vassi (1989) Die Rache des Sizilianers. In: ders.: Erotische Komödien. München: Goldmann, S. 60-68

Jan Wagner (2013) Die Bibliotheken. Eine Rede zum neuen Jahr. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Heft 2 / April 2013, S.147-159

2 Antworten

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  1. […] in Bibliotheken findet, nämlich erotische bzw. pornographische Literatur. Dabei bemängelt er im Libreas Blog, dass den meisten Werken Einfallsreichtum und Sinnlichkeit […]

  2. Ben said, on 26. Oktober 2013 at 21:28

    Eine kleine Ergänzung zum Thema: Die Regisseurin und Darstellerin Madison Young inszenierte für die Filmproduktion Bibliophile Vol. 1 (2013) des Studios Filly Film eine Szene, die Librarian Lust genannt wird, in das oben diskutierte Fantasieschema hervorragend passt und auf der Website zum Film (NSFW) so beschrieben wird:

    „Madison Young and Beretta James finally got a night of working late at the library together! Surrounded by the smell of books and a thick air of sexual tension, these two alluring bibliophiles are about to shake those shelves hard enough to knock over a few books, in this 32 minute lesbian scene. After the initial rush of foreplay, Madison ends up sucking and fucking Beretta’s strap-on with a vibrator on her cilt… intense!“


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