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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (7): Ex Libris

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. März 2013

(Anmerkung: Aufgrund widriger digitaltechnischer Probleme kann der Beitrag, der eigentlich für Freitag gedacht war, erst am heutigen Samstag erscheinen.)

zu: Emily Jacir (2012) ex libris, 2010-2012.  Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.

von Ben Kaden

Am Anfang eine Schachtel:

In einer dieser frischen Buchhandlungen mit Drang zur Nische, die man in Zentral-Berlin erstaunlicherweise bei abendlichen Wandelgängen plötzlich gern dort entdeckt, wo man gestern noch nicht einmal eine leeres Lokal wahrgenommen hatte (war es ein Schuster? Ein asiatisches Restaurant?), wobei diese rapide Vermehrung nicht nur darin ihre Ursache haben dürfte, dass, wie mir vor kurzem in der lauten Salontangotanzwelt des Clärchens Ballhaus der Vertreter eines mittelgroßen deutschen Literaturverlages eher bestätigte als mitteilte, nahezu alle aufstrebenden SchriftstellerInnen jedenfalls seines Hauses innerhalb des Berliner S-Bahnrings mindestens Zweitwohnung nehmen, was ganz eigene Probleme nach sich zieht, die Reisekosten aber kalkulierbar hält, entdeckte ich halb unter anderen Bänden versteckt nah der Kante eines Präsentationstischchens für Neuerscheinungen ein Buch von der Art, auf die man eher selten stößt, weil man von ihnen nichts weiß, sie Buchhändler eher selten von sich aus ins Sortiment nehmen, die aber dem bibliobibliothekarischen (im Gegensatz zum technobibliothekarischen) Blick ohne Umschweife ihre Relevanz offenbaren und daher auch alsbald in irgendeiner Verkaufsstatistik erscheinen.

Viele Exemplare der Dokumentation zu Emily Jacirs Ex Libris-Projekt dürften sich in dieser freilich nicht aufeinander addieren (der Amazon Verkaufsrang liegt derzeit in der Höhe „Viertelmillion“, also in einem Bereich, wo eine einzelne Bestellung gleich einen Satz um tausend Positionen nach vorn zur Folge hat) und aus bibliophiler Sicht macht das eher schlichte Büchlein wirklich nicht allzu viel her. Aber die Geschichte dahinter ist für uns unvermeidlich bemerkenswert.

Der Band spiegelt den Beitrag der Künstlerin für die dOCUMENTA (13). Dieser besteht aus Nahaufnahmen von bzw. aus Büchern, die im Palästinakrieg Ende der 1940er Jahre aus verlassenen öffentlichen Bibliotheken und vor allem aus Privathäusern in Palästina gezielt übernommen und nun zum Teil mit dem Vermerk „Abandoned Property“ (AP) in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt werden. Die Bände waren, wie Gish Amit in seinem Aufsatz Ownerless Objects? (In: Jerusalem Quartely, 33 / Winter 2008) ausführt, aufgegeben. Und zwar, weil ihre Besitzer vor dem Krieg flohen. Kurt Warman, damaliger Direktor der Nationalbibliothek in Israel, reagierte schnell und forderte von  seiner Regierung, was er umgehend erteilt bekam: Die Zuständigkeit für diese zurück- und verlassenen Bestände.

Daraufhin sammelten Bibliothekare – teilweise auch als in die israelische Armee embedded librarians – geschätzt 30.000 Bände ein. Der offizielle Zweck war, wie ein Memo Kurt Warmans zeigt, die Rettung der Bücher an sich mit der Horizontlinie einer eventuellen Rückgabe an die ehemaligen Eigentümer. Daher kennzeichnete man die Exemplare in den 1950er wenn möglich mit entsprechenden Herkunftsnachweisen. In den 1960ern wurden diese Namen durch das AP-Kürzel ersetzt. Dieser Schritt überführte diesen Sonderbestand, so Gish Amit, in eine Art besitzrechtliche Zwischenlage: Er gehörte nicht zum Bibliotheksbestand und er war doch nicht mehr auf die ursprünglichen Besitzer rückführbar. Und auch sonst bleibt unklar, jedenfalls aus der Position Gish Amits, welche Motivation wo und wie und vom wem hinter den Sammelaktionen parallel zum Militäreinsatz stand. Gish Amit zitiert aus einem Memo eines Dr. Strauss, Leiter des Eastern Science Department der Nationalbibliothek, der ein ganz anderes Opportunitätsfenster aufgehen sah:

„If a substantial number of these books is given to the National Library, we would be able to dramatically expand our research opportunities. Doubtless, we have first to bring into the National Library those books that are not current lyin our possession. As for the other books, we are mainly interested in classical literature publications… examining the books that have come into our hands therefore requires library processing with exact awareness of our needs, and it should be noted that in this aspect, the Eastern Department at the National Library far surpasses similar institutions in the rest of the Near East countries that, although they are wealthy in books, are not adequately organized and do not allow the reader and the researcher the kind of work that can be done here.”

Eine Nationalbibliothek im Aufbau in einem jungen, seine Kultur erst definierenden Land bekam nun die Gelegenheit, auf einen Schlag seinen Bestand erheblich zu erweitern. In diesem Fall mit Beständen, deren Schicksal sonst weithin in den dunklen Zügen dieses Krieges gelegen hätte und daher vermutlich Zerstörung und Verlust heißen müsste. Bibliotheksethisch stellt die Situation durchaus eine Herausforderung dar und die beiden Positionen – Bewahren für spätere Rückgabe oder Übernehmen zum Zwecke der Forschung – markieren zwei Seiten derselben Plakette. Die dritte Option, Belassen, schien nachvollziehbar unannehmbar.

Briefmarke Mount Scopus

„Tomorrow never comes until its too late“ – Wir popkulturellen Kinder der 1990er+ kennen die beatmusikalische Aufarbeitung des Sechstagekriegs zumeist nur dank der außerordentlich eingängigen Wiederverwertung des Stücks durch DJ Shadow (Six Days. (Single-CD) MCA Records, 2002). Entsprechend läuft die zitierte und von Shadow dramaturgisch perfekt reinszenierte Zeile des Kehrreims unwillkürlich los und in Schleife, wenn nur irgendwo der Bezug zum Berg Skopus auftaucht. Denn der Sechstagekrieg führte zur Wiedereröffnung des Universitätscampus auf eben dieser Jerusalemer Höhe, dessen Fünfzigjähriges Bestehen durch die gezeigte Sonderbriefmarke, die am 14. Januar 1975 an die israelischen Postschalter gelangte, Würdigung erfuhr. Die National- und Universitätsbibliothek befindet sich jedoch auf einem anderen Campus in Jerusalem. Sie stand zwar auch einmal im Zentrum einer Briefmarkenemission (am 17.09.1992 und damit pünktlich zum ראש השנה), jedoch liegt mir ausgerechnet dieser Satz mit drei Werten genauso wenig vor, wie das biblionumismatische Glanzstück der zum gleichen Anlass ausgegebenen Münze. Daher bleibt für heute nur diese bibliophilatelistische Halbgarheit als Notlösung.

Die 1970 in Bethlehem geborene Künstlerin Emily Jacir, die generell die Geschichte der Palästinenser in die Mitte ihrer Arbeiten rückt, interessierte sich in der Arbeit Ex Libris für die Spuren, die von den ursprünglichen Besitzern in den Exemplaren blieben. Bemerkenswert ist die Annäherung auch aus medial-transformativer Sicht: Bei Besuchen der Nationalbibliothek in Jerusalem fotografierte sie die Markierungen, Einschreibungen und auch Verletzungen des Materials mit der Kamera ihres Mobiltelefons, um diese Aufnahmen später für die Präsentation und den Begleitband drucken zu lassen. Für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema griff Emily Jacir zudem die library-processing-Perspektive des Dr. Strauss als Ausgangspunkt wieder auf: Sie sichtete den Freihandbestand nach AP-Titeln, um anhand der vorgefunden Exemplare die Fragen:

„Which books were deemed unimportant and insignificant and not worth collecting or preserving? Which ones were discarded? … Which books bypassed the “AP” designation and became part of the library’s general collections?” (S. 6)

zu reflektieren. Angesichts des Status der Arbeit als Teil der dOCUMENTA (13) schlug sie schließlich den Bogen zu den im September 1941 im Kasseler Fridericianum im britischen Bombardement verbrannten Bestände der Hessischen Landesbibliothek – übrigens auch Referenzpunkt der Documenta-Arbeit What Dust Will Rise des Künstlers Michael Rakowitz, der aus Steinen aus Bamiyan Bücher nachmeißeln ließ, die während der Bombenflüge im II. Weltkrieg in Kassel verloren gingen.

Das Faszinierende an dieser und an Emily Jacirs Arbeit ist, welche Aura das gegenständliche Medium Buch, das sich derzeit erklärtermaßen durch die digitale Verwandlung in Dateien dematerialisiert, gerade auch in seinem Verloren-Gehen und Versetzt-Werden auffaltet. Das Bändchen Ex Libris selbst trägt, wie erwähnt, zugegeben nicht viel dazu bei und bietet auch keine direkten Antworten. Aber die kleine Sammlung von Fotografien der Namenszüge, Papiereinrisse, handschriftlichen Zueignungen, Stempelspuren und auch Fotografien weckt eine andere Assoziation: die einer erratischen Spurensicherung. Wir können nicht nur in den Büchern, wie können auch die Bücher selbst als Manifestationen von (vergangener) Existenz und Geschichte lesen. Jedes Exlibris verweist darauf, dass ein konkreter Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt dieses Buch in den Händen hielt, aufschlug und vielleicht nicht ganz selten in dieser Handlung ein kleines Stück in seiner individuellen Biografie verändert wurde.

Uns bleibt als Überlegung – gesetzt den Fall das Buch als Medium verschwindet auf breiter Front, was angesichts der sprießenden Buchhandlungskultur wenigstens in Berlin vollends absurd erscheint, aber sicher weiß man es ja nie – ob es für den kostbaren Eigensinn der Materialisierung von Leben, Wissen und Wissenwollen im realweltlichen Medium Buch irgendein Gegenstück in digitalen Medienräumen geben kann (oder ob wir eines programmieren müssen). Und im Anschluss, was dies für die Erinnerungskulturen und die Bibliotheken als gern selbsterklärtes Gedächtnis der Menschheit bedeutet? Zwei nur scheinbar unscheinbare Fragen surren also dazu als Nachhut auch des Lebens, das wir gelebt haben werden, durch den Raum: Wie werden wir uns erinnern? Und: Wie wollen wir uns erinnern? Letztlich müssen wir zudem aus professioneller Verpflichtung  ergänzend mit uns abklären, welche Rolle die Institution Bibliothek auch aus, wenn man so will, erinnerungsethischer Sicht, dabei spielen kann?

Am Ende eine Biegung:

Die Katze Erinnerung / raum:shift

Die Katze Erinnerung: Angeblich gibt es Parallelen zwischen dem liebsten Begleittier der Johnsonianer und dem der Bibliothekare. Die gezeigte Aufnahme soll genau darauf hinweisen und außerdem fügt sie auch sonst allerlei allegorisches Potential (das zerkratzte Parkett, die Höhlengleichnis-artige Ausplustern des Schattenschwanzes, die geometrisch exakte Rahmung und die beide Bezugspunkte dieses Textes) nicht ungeschickt zueinander.

(15.03.2013)

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