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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (22): Wieder mehrgliedrig werden?

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 28. Februar 2013

von Karsten Schuldt

Der Trend in den deutschsprachigen Bibliotheken geht hin zu eingliedrigen Systemen. Zentrale neue Gebäude, dafür Schliessung von kleinen Filialen, Zentralisierung von Diensten und so weiter. Das gilt teilweise als der einzig sinnvolle Weg, heute Bibliotheken zu organisieren. Als das Grimm-Zentrum, also das Hauptgebäude der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin auf dem Campus Mitte, neu eröffent wurde, wurden zahlreiche kleinere Institutsbibliotheken im Umfeld geschlossen (Wobei klein relativ ist. Die Bibliothek der Sozialwissenschaften war grösser als viele Gemeindebibliotheken es jemals sein werden.). Das galt als einzig richtiger Weg, weil: Eingliedrig (mit Einschränkungen). Und es gibt Argumente dafür: Bibliothekarische Dienstleistungen lassen sich zentral besser erfüllen; die Nutzerinnen und Nutzer haben direkten Zugriff auf viel mehr und viel unterschiedlichere Bestände; mit dem grossen Foyer und den Arbeitsecken konnten social spaces geschaffen werden, die in kleineren Bibliotheken so nicht möglich wären. (Wobei auch das relativ ist. In der Sozialwissenschaft gibt es immer noch einen grossen Eiingangsbereich vor der ehemaligen Bibliothek, der als social space wirkt.) Mehr Begegnungen sind möglich. Wie gesagt: Es gilt als richtiger Weg.

Nimmt man allerdings die englischsprachige Literatur der letzten Monate wahr, fällt dort etwas auf, was im deutchsprachigen Diskurs noch nicht so klar zu Tage tritt. (Die französische Literatur steht etwas dazwischen. Im letzten Jahr hatte die BBF einen Schwerpunkt La bibliothèque minimale [57 (2012) 2]. Aber viel mehr auch nicht.) Immer öfter wird argumentiert, dass diese Zentralisierung nicht der einzig richtige Weg wäre. Vielmehr: Manchmal wird er auch als falsch benannt. Einige Beispiele:

  • Johannsen, Carl Gustav (2012) / Staffless libraries – recent Danish public library expereinces. In: New Library World 113 (2012) 7/8, 333-342. In diesem Text berichtet Johannsen von Bibliotheksfilialen, vor allem im ländlichen Raum Dänemarks, die nahezu vollständig ohne Personal auskommen. Die Ausleihe wird von den Nutzerinnen und Nutzern selber vorgenommen, ebenso die Rückgabe, die Bestandspflege wird von grösseren Bibliotheken betrieben. Die Filialen sind Videoüberwacht, bei einigen bedarf es Bibliotheksausweise zum Eintritt. Ansonsten funktionieren sie ohne Personal. Ein Argument für diese Filialen ist, dass sie von den Nutzerinnen und Nutzern gewünscht werden. Die ersten wurden eingerichtet, als kleine Filialen geschlossen werden mussten und es dagegen Proteste gab. Wenn die Nutzerinnen und Nutzer mehr Beratung wünschen, gehen Sie offenbar in die nächste bediente Filiale; aber zumeist reicht Ihnen das Angebot der staffless libraries vollkommen aus.
  • Shumaker, David (2012) / The Embedded Librarian : Innovative Strategies for Taking Knowledge Where it’s Needed. Medford, N.J. : Information Today, 2012 und Kvenhild, Cassandra ; Calkins, Kaijas (2011) / Embedded Librarians : Moving Beyond One-Shot Instruction. Chicago : ALA, 2011 sind nur zwei Monographien aus einer ganzen Reihe von Publikationen, die den Begriff Embedded Librarianship nutzen und versuchen, in die Diskussion einzuführen. Embedded Librarians sind solche, die in Hochschulen und Forschungseinrichtungen direkt in den Forschungsprozess eingebunden sind; die eher ihre Arbeitsplätze und Büros in den Forschungsgruppen und Institutionen haben als in der Bibliothek, die mit an der Forschungsplanung und -durchführung beteiligt sind. Ihre Verbindung zur jeweiligen Bibliothek ist dagegen zum Teil sehr lose. Grundsätzlich soll eine solche Arbeitsweise dazu beitragen, dass die Librarians gleich dann, wenn Informationsfragen auftreten, beweisen können, dass sie diese lösen können. Also nicht Warten, bis ein Forschender oder einen Forschende auf die Idee kommt, man könnte auch in der Bibliothek nachfragen, sondern gleich aufspringen und sagen: „Wir haben da Datenbanken für“. Die Embedded Librarians sollen zu anerkannten Informationsexpertinnen und -experten werden. (Hier lässt sich sehr schön das Konzept des data librarians oder data currator anschliessen.)
  • Archer-Capuzzo, Sonia (2013) / Fieldwork and the Music Librarian : How Music Librarians Can Help Researchers Conduct High-Quality Fieldwork. In: Music Reference Services Quarterly 16 (2013) 1. Archer-Capuzzo argumentiert, dass Musikbibliothekarinnen und -bibliothekare (die laut der Autorin alle selber Musikerinnen und Musiker seien) die Forschenden nicht nur mit dem Bestand ihrer Bibliothek unterstützen sollen, sondern beispielsweise Netzwerke mit anderen Bibliotheken aufbauen, um die Forschenden der eigenen Institution bei ihren Feldstudien an vertrauenswürdige Bibliotheken vor Ort verweisen zu können. Bibliotheken müssten sich als Labor der Forschenden etablieren und beispielsweise ein Interesse an den Forschungen entwickeln. Die Forschenden selber wüssten nicht, was die Bibliotheken alles bietet. Woher auch? Es wäre die Aufgabe der Bibliothek, die eigenen Angebote an den richtigen Stellen in den Forschungsprozess der Forschenden zu bringen.
  • Priester, Andy ; Tilley, Elizabeth (2012) / Personalising library service in higher education : the boutique approach. Farnham : Ashgate, 2012. In diesem Sammelband wird – basierend auf Erfahrungen aus der Univeristätsbibliothek in Cambridge und anderen Einrichtungen vor allem in Grossbritannien – argumentiert, dass sich Bibliotheken am Konzept von Boutique Hotels orientieren müsssten. Die Aufgabe wäre, die Nutzerinnen und Nutzer möglichst direkt und persönlich zu betreuen, über das Geforderte hinauszugehen und personalisierte Angebote zu machen. Vorbild seien Luxushotels. Warum? Weil dies effektiver wäre und zu einer besseren Nutzung führen würde. Die Bibliothek müsste so organisiert werden, dass Aufgaben, die zentral organisiert werden können, beispielsweise der Bestandaufbau, zentralisiert werden; aber immer, um Zeit und Platz für personalisierte Beratung und Angebote zu schaffen. Aufgabe wäre es, vom Blickwinkel der Nutzerinnen und Nutzer her zu denken. Die wöllten nicht wissen, wie die Bibliothek zu organisieren sei, sondern sich möglichst eng betreut und ernstgenommen fühlen. Ein zehnminütiges Gespräch mit einer oder einem Studierenden, bei dem diese oder dieser sich ernst genommen fühlte, würde dann mehr Effekte haben (auch über Mundpropaganda), als die besten Bibliothekseinführungen im Klassenverband. Richtig geplant liesse sich dies mit den heutigen Kosten umsetzen, aber höhere Effekte für die Nutzerinnen und Nutzer erbringen. Dies bedeutet unter Umständen auch, mehr kleine Filialen auf einem Campus zu betreiben, Räume ausserhalb der Bibliothek einzurichten etc.
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Individuelle Betreuung durch eine hohe Betreuungsdichte. Noch befindet sich die Kantonsbibliothek St. Gallen, die Vadiana, in einem Bibliotheksgebäude, dass erbaut wurde, als fast alle wissenschaftlichen Bibliotheken – auch die allgemeinwissenschaftlichen Bibliotheken oder Bildungsbibliotheken wie diese – einem solchen Konzept folgen konnten. Viel Personal für relativ wenig Nutzerinnen und Nutzer. Das hat als Gebäude auch heute seinen Charme, stösst aber an seine Grenzen, wenn die Nutzungszahlen immer weiter wachsen. Das frühe 20. Jahrhundert ist vorbei, die Kantonsbibliothek will weiterziehen, Volk und Regierung im Kanton sind unterschiedlicher Meinung, wie das geschehen soll. Die hohe Betreuungsdichte wird anschliessend vor allem den Nutzerinnen und Nutzern des Kantonsarchivs zugute kommen, das weiterhin in diesem Gebäude verbleiben wird.

Es gibt noch mehr solcher Publikationen. Man muss ihnen auch nicht allen zustimmen. Wahrnehmen sollte man aber die Dikursrichtung: Nicht die Zentralisierung in grossen Häusern wird als effektiv wahrgenommen, sondern das möglichst grosse Eingehen auf die Arbeit der Nutzerinnen und Nutzer (wobei Studieren als Arbeit der Studierenden gilt). Das ist eine andere Fragestellung als die, ob Nutzerinnen und Nutzer mit der bibliothekarischen Arbeit zufrieden sind. Es ist eher die Aufgabe, die einzelnen Nutzerinnen und Nutzer persönlich zu kennen, von Zeit zu Zeit auf sie zuzugehen und zu sagen: „Ich habe genau das, was du gerade suchst.“ Der Kollege Mumenthaler hat, als ich ihm vom boutique approach berichtete, das Beispiel des Plattenladens gebracht, in welchem er früher begrüsst wurde mit: „Ich habe da was, dass dürfte dir gefallen.“ So ungefähr darf man sich die Modelle in ihrer extremen Ausprägung vorstellen.

Wieder: Man muss das nicht gut finden, noch nicht mal als umsetzbar ansehen. (Wobei in Priester & Tilley (2012) argumentiert wird, dass es umsetzbar sei, wenn wir die heutige Technolgie sinnvoll einsetzen und in Netzwerken planen.) Aber es ist nicht zu übersehen: Es gibt offenbar ein Unbehagen mit dem Zentralisieren und Standardisieren von Bibliotheksdienstleistungen, das über ein „das ging früher auch anders“ hinausgeht. Ist das die Zukunft der Bibliotheken? (Wieder) Netze von lose gekoppelten Filialen mit einer hohen Betreuungsdichte zu bilden. Vielleicht, zumindest in Teilbereichen.

3 Antworten

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  1. Walther Umstätter said, on 28. Februar 2013 at 10:24

    Herzlichen Dank für den Hinweis: „Immer öfter wird argumentiert, dass diese Zentralisierung nicht der einzig richtige Weg wäre. Vielmehr: Manchmal wird er auch als falsch benannt.“

    Eigentlich hat die elektronische Vernetzung der Bibliotheken die „Zunehmend dezentralisierte Aufstellung im 21. Jahrhundert“ (Lehrbuch des Bibliotheksmanagements 2011 S.46) bereits hervorgerufen, und auch die dafür typischen One-Person Libries hervorgebracht. „Schon vor über dreißig Jahren ist man in den USA auf die Idee gekommen, den sogenannten Circuit Rider Librarian zu etablieren, der mit seinem Wissen die Informationsbedürfnisse direkt vor Ort zu erfüllen suchte.“ (S. 213) Ähnlich zum „Global Paradox“ von Naisbitt hat es auch bei den Bibliotheken eine Zentralisierung der Verwaltung mit einer Dezentralisierung der Bestände gegeben, bzw. „die zunehmende Zentralisierung der Arbeitsvorgänge mit einer Dezentralisierung der Aufstellung“ (S. 70). Dass es trotzdem von etlichen Bibliotheksdirektoren auch noch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Bestrebung gab, Zentralbibliotheken mit beeindruckenden Gebäuden zu errichten, hatte zwei Gründe.
    1. Weil sie in ihrem Studium noch gelernt hatten, dass es ökonomisch günstiger ist „Bestellung, Erwerbung, Katalogisierung“ „in einschichtigen Bibliothekssystemen sinnvollerweise an der zentralen Bibliothek zu konzentrieren“ (S. 70)
    2. Weil attraktive Bibliotheksbauten auch von den Geldgebern, zur Demonstration ihrer Kultur, noch immer gern finanziert wurden.
    Da die Attraktion von Bibliotheken hyperbolisch verläuft, also ein Bestand von z.B. 100 Büchern in 10 Meter Entfernung, statistisch und cum grano salis ebenso attraktiv ist, wie 100.000 Medien in 10 km Entfernung (S. 223), ist es sinnvoll, wenn in einem Online-Katalog rasch erkennbar wird, dass die Bücher die ich brauche, möglichst nah in meiner Institutsbibliothek stehen. Das steht etwa diametral zu dem, was im letzten Jahrhundert gelehrt wurde, weil die Bücher vor der Errungenschaft der Online-Katalogen möglichst nah um den zentralen Zettelkatalog geschart werden mussten (Kuppelbauten in Berlin, London, Washington). Das nennt man Informationslogistik. Siehe auch: http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/bbk/archeina.html

  2. […] hat er bereits in der letzten Woche im Beitrag “Wieder mehrgliedrig werden?” schon näher ausgeführt und wies hier auf Publikationen hin, die einen gegenläufigen Trend zur […]

  3. […] Bibliotheken liegen in Deutschland im Trend, die alle Dienstleistungen an einem Ort anbieten. Libreas Blog geht auf aktuelle, englischsprachige Publikationen ein, die ein anderes Ziel vermitteln: […]


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