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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (25): Die deutsche Perspektive

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 25. Februar 2013

von Karsten Schuldt

Einst war das Deutsche eine der wichtigsten Wissenschaftssprachen. Diese Zeiten sind vorbei und dafür gibt es auch gute Gründe. (Unter anderem der, dass in Osteuropa vom Deutschen vor allem noch Sätze wie: „Halt, stehenbleiben oder ich schiesse.“, „Achtung!“, „Blitzkrieg“, und „Hände hoch. Nicht schiessen.“ bekannt sind und eben nicht: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ oder „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ – Wir müssen das, glaube ich, nicht weiter ausführen.) Dennoch ist Deutschland, auch nach der Wiedervereinigung 1990, immer noch nicht der einzige Staat der Welt, in welchem Deutsch gesprochen wird. In immerhin sieben Staaten ist das Deutsche Amtssprache (Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Belgien, Italien) in zahlreichen anderen Minderheitensprache. Insbesondere in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein (und Südtirol) ist es die am häufigsten gesprochene Sprache.

Das weiss man aber nicht, wenn man in die bibliothekarische Literatur schaut. Sicherlich haben die Bibliothekswesen in diesen Staaten (bis auf Liechtenstein) eigene bibliothekarische Zeitschriften, auch haben sie eigene bibliothekarische Strukturen ausgebildet, die es erlauben, von unterschiedlichen Bibliothekswesen zu sprechen. Aber: Diese Bibliothekswesen sind nicht so gross, dass sie eine eigene Standardliteratur hervorgebracht hätten. In der Ausbildung wird vornehmlich die Literatur aus Deutschland verwendet. Also, genauso wie in Berlin, Leipzig, Hamburg und Stuttgart lesen auch Studierende in Chur das Bibliothekarische Grundwissen, die Basiskenntnis Bibliothek, setzen sich mit dem Erfolgreichen Management von Bibliotheken und Informationseinrichtungen auseinander und kritisieren die zahlreichen Sammelbände, die sich Handbücher nennen und in den letzten Jahren im De Gruyter und im Bock+Herchen Verlag erschienen sind. Nebenbei, aber auch das ist zu erwarten, setzen sie sich mit englisch-sprachiger Literatur auseinander. (Interessanterweise nicht so sehr mit französisch- oder italienischsprachiger.) Ist das schlecht?

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Sieht vielleicht aus wie eine süddeutsche Stadt mit gut erhaltenem altem Stadtkern, ist aber eine schweizerische Grossstadt namens Zürich mit eigenen Strukturen, eigenen Problemen, eigenem Charme und eigenen Bibliotheken. Problem zum Beispiel: ETH Zürich, Universität Zürich, Zentralbibliothek Zürich und Pestalozzi Bibliothek liegen alle in Laufweite. ETH Zürich und Universität nebeneinander, ZB einfach fünf Minuten den Berg runter, Pestalozzi-Bibliothek nochmal fünf Minuten die Strasse runter. Aber es sind vier Bibliotheken. Die Nutzerinnen und Nutzer sehen das nicht ein; sie wollen einfach alle Medien an allen Orten einsehen, entlehnen und retournieren können. Also muss man sich was einfallen lassen, wie die vier zusammen kommen. Kopfbahnhöfe, unterirdisch, sind hier eher kein Problem (dafür Flugschneissen).

Nun: Man muss einmal versuchen, diese Literatur aus der schweizerischen (oder österreichischen, liechtensteinischen etc.) Perspektive zu lesen. Dann stellt man etwas fest: Es sind fast nur deutsche Beispiele besprochen, fast nur deutsche (oder halt übergreifend internationale) Strukturen. Die Schweiz kommt nicht vor. Österreich kommt nicht vor. Liechtenstein, Südtirol, Luxemburg, Belgien kommen nicht vor. Dabei wäre es kein Problem, vielmehr: Es wäre sogar etwas zu lernen. Ein Beispiel: In Erfolgreiches Management gibt es einen Abschnitt zu Bibliotheksverbünden. Aufgezählt werden da nur deutsche Bibliotheksverbünde, obwohl man auch über die schweizerischen Einiges sagen könnte. Schweizerische Bibliotheksverbünde sind ähnlich wie deutsche, aber nicht gleich. Sie haben sich zum Beispiel mit der Viersprachigkeit der Schweiz zu arrangieren (was darauf hinausläuft, dass die Svizzera Italiana einen eigene Verbund hat, die Romandie auch und das Rätoromanisch mal wieder praktisch unterschlagen wird). Zudem gibt es ein schönes Übereinander von Verbünden, dass dazu führt, dass einige Bibliotheken Mitglied mehrerer Verbünde sind. Dies ist als Beispiel gewiss interessant.

Die bibliothekarische Literatur vergibt nicht nur eine Lernchance wenn sie fast nur über deutsche Beispiele und deutsche Strukturen nachdenkt. Sie ist auch absurd unhöflich. Absurd, weil es nicht nötig wäre (Schon gar nicht in einem Europa, dass Zusammenwachsen soll, auch wenn sich Schweiz und Liechtenstein dagegen verwahren. Aber Österreich nicht.) und weil es gewiss auch nicht gewollt ist. Eine Aufforderung also an die zukünftige bibliothekarische Literatur: Auch an „die Ränder“ schauen, nicht nur vom eigenen Mittelpunkt ausgehen und von Zeit zu Zeit mal schauen, was in den USA passiert. Das, was von Berlin und Stuttgart aus als Rand erscheint, ist auch der Lebens- und Arbeitsraum von Menschen, die ausgeschlossen bleiben (nicht zum Sprechen gebracht werden), wenn sie nicht mit beim Konzipieren und Schreiben von Texten mit in Betracht gezogen werden.

2 Antworten

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  1. Walther Umstätter said, on 25. Februar 2013 at 22:06

    Auf den ersten Blick ist es ein wirklich interessanter Gedanke, bei einem deutschsprachigen Lehrbuch des Bibliotheksmanagements auch alle deutschsprachigen Länder mit zu berücksichtigen. Hinzu kommt, dass das Bibliotheksmanagement, insbesondere in der Digitalen Bibliothek, zunehmende Managementaufgaben in internationaler Zusammenarbeit erfordert. Doch schon hieraus erwächst ein Problem, das den Rahmen eines normalen Lehrbuchs leicht sprengt. Bei dieser internationalen Zusammenarbeit sind oft angloamerikanische und europäische Kooperationen zu wichtig (OCLC, Europeana, GASCO, etc.), als dass man sie nur auf Kosten deutschsprachiger Themen opfern könnte. Aus dieser Überlegung ergibt sich auch, dass niemand auf die Idee käme, ein Bibliothekslehrbuch für alle angloamerikanisch sprachigen Länder zu schreiben. So wichtig die Muttersprache gerade für Lehrbücher ist, um einen ersten Einstieg in ein neues Fachgebiet zu gewinnen, so unwichtig ist sie zur thematischen Ausrichtung.

    Im „Lehrbuch des Bibliotheksmanagements“ übernahmen wir, was KRABBE schon 1937 in seinem Vorwort ausdrücklich bemerkte, „daß bei der durch die Verhältnisse bedingten Zusammendrängung des Stoffes eine Ergänzung durch den mündlichen Vortrag vorausgesetzt werden muß.“ Mit anderen Worten, es ist wichtig, dass gerade in der Schweiz, in Österreich, etc. Dozenten/innen auf die Spezialitäten ihrer Länder näher eingehen und diese im kritischen Vergleich z.B. mit Deutschland hinterfragen. Wie weit man beispielsweise ein vorhandenes Lehrbuch, bei dem man anstelle der deutschen Beispiele, gezielt österreichische oder schweizerische Beispiele einsetzt, übernehmen könnte, müssten die dortigen Dozenten/innen entscheiden.

  2. […] einem kurzen Rückblick auf den Beitrag von Karsten Schuldt „Die deutsche Perspektive“ möchte ich diese Deutschlandsicht um eine zeitliche Komponente erweitern. Insbesondere die […]


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