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It’s the frei<tag> 2013 Countdown (26): Theorie.

Posted in Hinweise, LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 24. Februar 2013

von Karsten Schuldt

Theorie ist nicht normativ

„Von der Theorie zur Praxis“ ist eine im bibliothekarischen Bereich in Texten, Weiterbildungsveranstaltungen und Vorträgen gerne genutzte Formulierung, die mich ehrlich gesagt immer wieder irritiert. Was ist damit eigentlich gemeint? Mir scheint, dass das, was in solchen Texten (verstehen wir strukturalistisch Veranstaltungen und Vorträge auch als Text) als Theorie gilt, etwas anderes ist, als eine wissenschaftliche Theorie. Oder anders: Es scheint zwei Theoriebegriffe zu geben.

  • In „von der Theorie zur Praxis“-Texten scheint „Theorie“ für fast alles Geschriebene zu gelten, dass kein Beispiel ist. Eine Theorie, so scheint es, ist das, was etwas vorgibt: Standards, normative Texte, Aufrufe, politische Dokumente. Schreibt eine Kommission des dbv oder des BIS einen Text, indem sie beispielsweise sagt, dass Urheberrecht in Deutschland oder der Schweiz müsste so und so geregelt werden, gilt das als „Theorie“. Von dieser Theorie, so scheint die Vorstellung, erfährt man im Studium oder der Ausbildung, hört sie auf Veranstaltungen und wendet sie dann im bibliothekarischen Alltag mehr oder minder an.
  • Theorie in der Wissenschaft dahingegen entzieht sich dem Normativen (sie sollte es zumindest, obgleich es genügend Beispiele dafür gibt, dass Theoretikerinnen und Theoretiker aus ihrem Theoriemodell ableiten, Normen für die Welt vorgeben zu dürfen). Vielmehr erklärt eine Theorie etwas, zum Beispiel das Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern an der Informationstheke. Eine gute Theorie ist dabei (a) aus der Realität gebildet (also nicht einfach aus dem Bauch heraus behauptet, sondern reflexiv auf der Basis von überprüfbaren Daten erstellt), (b) getestet (also ebenso nicht einfach aus dem Bauch heraus aufgestellt, sondern reproduzierbar daraufhin angeschaut, ob sie wirklich erklärt, was sie erklären soll), (c) in der Lage, Voraussagen zu machen, die sowohl reproduzierbar eintreffen als auch erklärbar sind (also in der Lage, auch verständlich zu machen, warum etwas passiert, warum sich zum Beispiel Nutzerinnen und Nutzer so und so verhalten).

Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Nicht nur, dass man bei vielen normativen Dokumenten in Bibliothekeswesen gar nicht weiss, wie und wieso sie zustande kommen (Fragen wir doch mal: Wieso steht in den Dokumenten zur Bibliothekethik in Deutschland und bald auch in der Schweit das, was in ihnen steht?), sie haben auch gar nicht den Anspruch, zu erklären und Voraussagen zu ermöglichen. Hingegen wollen wissenschaftliche Theorie gar nicht vorgeben, was zu tun ist, sondern (knapp gefasst) verständlich machen, was warum so ist wie es ist.

Das Problem bei den am Anfang genannten bibliothekarischen Texten ist nun, dass sie die Funktion wissenschaftlicher Theorien gar nicht vorzusehen scheinen. Steht irgendwo „von der Theorie zur Parxis“ wird zumeist erwartet, dass einige Überblicksaussagen gemacht und dann Beispiele genannt werden. (Mir ist ehrlich gesagt oft der Wert solcher Beispiele nicht ganz klar. Aber das ist ein anderes Thema.) Eine Theorie hingegen, die darauf abzielt, zu erklären und somit zur Selbstaufklärung zum Beispiel der bibliothekarischen Profession (tatsächlich im Sinne der Aufklärung, die Kant et al. hochhielten) beizutragen, hat in diesem Setting gar keinen richtigen Sprechort. Mit Judith Butler ist das zu beschreiben als ein Position, die im Diskurs nicht intelligibel ist und damit immer qua Definition missverstanden wird; nämlich nicht als Erklärung dessen was ist, sondern als normative Vorgabe wie es sein soll.

Nichts genaues weiss man nicht“

Ein Effekt dieser Theorielosigkeit – im Sinne des zweiten Verständnisses von Theorie – scheint sich mir in solchen Aussagen wie „nichts genaues weiss man nicht“, „die Theorie ist auch nicht weiter“ und ähnlichen widerzuspiegeln, die sich oft nach Vorträgen und Workshops, dies es doch wagen zum Beispiel auf Bibliothekskongressen die zweite Position einzunehmen, auf den Fluren hören lassen. Mir scheint das ein Spiegel eines grundlegenden Missverständnisses zu sein. Da von „Theorie“ erwartet wird, Vorgaben zu geben – zum Beispiel Kennzahlen für einen Bibliotheksbestand zu nennen – und nicht zu erklären – zum Beispiel wie ein Bestand in einer Bibliothek überhaupt zusammen gekommen ist – sind viele Zuhörende nicht gewohnt, die Funktion der Theorie wahrzunehmen. (Teilweise vermittelt sich zudem der Eindruck, dass der Wille nicht vorhanden ist, die Interpretationsleistung zu erbringen und – was der Effekt einer richtigen Erklärung sein kann – Dinge zu verändern. Aber das mag ein falscher Eindruck sein.) Eine Theorie im zweiten Verständnis will gar nicht sagen, etwas müsste so und so gemacht werden, sondern sie will dazu beitragen, dass wir etwas verstehen.

Das ist eine gewisse Zumutung. Eine Zumutung an die Bibliotheken zum Beispiel, wahrzunehmen, was wir erklären können und dann eine eigene Leistung der Interpretation zu leisten, sich nämlich zu fragen, ob ein theoretisches Modell, wenn es Voraussagen ermöglichen kann, auch Aussagen liefert, welche für die Gestaltung einer Bibliothek sinnvoll anzuwenden sind. Das ist etwas gänzlich anderes als der Text einer Kommission, die oft davon auszugehen scheint, die aktuell sinnvollste und genaueste Aussage über einen Gegenstand getroffen zu haben. Bei einem solchen Text ist die Interpretationsleistung ganz anders: Zumeist sollen dann „nur“ die Aussagen an Stakeholder einer Bibliothek verkauft werden. Aber: Das hat oft mit dem Verstehen, warum etwas ist, wie es ist, nichts zu tun.

Eine wissenschaftliche Theorie erfordert erst einmal nichts. Die Menschen und die Institutionen (die ja aus Menschen bestehen) müssen sich selber dazu bilden, aus den Erklärungen eine Identität und eine Handlung abzuleiten. (Und das eigentlich in der Ausbildung erlernen.) Aber zum Beispiel kann eine wissenschaftliche Theorie erklären, warum Menschen mit sozial schwachem Hintergrund kaum in die Bibliothek kommen und sogar getestet Voraussagen dazu treffen; ohne das dies gleich heisst, die Bibliotheken müssten etwas gegen diesen Fakt unternehmen. Hingegen kann ein Text einer Kommission genau das tun: Fordern, die Bibliothek hätte etwas dagegen zu tun. (Da aber auch diese Kommissionen selten die Funktion von wissenschaftlichen Theorien akzeptieren, sind deren Forderung dann meist unterkomplex und bestehen zum Beispiel darin, dass man mehr Marketing machen sollte, welches auf sozial Schwache zielen soll, was nicht viel bringt, wenn das Problem eigentlich in der Bibliotheksstruktur angelegt ist. Aber auch das ist eine andere Frage.) Das erstere ist eine Erklärung, das zweite eine Forderung.

Insoweit sind aber die Aussagen, die Theorie wüsste auch nicht zu sagen, was zu tun ist, ein systematisches Missverständnis. Das ist nicht ihre Aufgabe. Eigentlich. Aber, wie gesagt, wenn es keine Sprechposition für eine Theorie gibt, die erklärt und voraussagt, sondern nur eine für normative Texte, dann ist auch die Vorstellung einer forderungslosen Theorie nicht möglich.

"Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selber ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und kultureller Hegemonie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist." (Foucault, Michel (1978) / Wahrheit und Macht : Interview mit A. Fontana und P. Pasquino. In: ders.: Dispositive der Macht : Michel Foucault Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin : Merve Verlag, 1978, 54)

„Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien – das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selber ist Macht – sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und kultureller Hegemonie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist.“ (Foucault, Michel (1978) / Wahrheit und Macht : Interview mit A. Fontana und P. Pasquino. In: ders.: Dispositive der Macht : Michel Foucault Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin : Merve Verlag, 1978, 54)

Theoriearbeit ist professionell

Andere Felder scheinen mit Theorie anders umzugehen. (Vielleicht ist das nur der Blick von aussen, beispielsweise auf die von mir eh oft heranzitierte Bildungs- oder Museumspraxis.) Wissenschaftliche Theorie wird dort als Sammlung von Erklärungsmodellen rezipiert; normative Texte als normative Texte. Die Profession selber ist sich dann bewusst, dass es eine weitere Leistung ist, aus den Erklärungsmodellen Anforderungen, Umsetzungen und so weiter zu generieren; sie schiebt diese Aufgaben nicht auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ja per Definition nicht in der Arbeitspraxis stehen, ab, um dann im Anschluss zu urteilen, die Theorie wäre praxisfern, damit für die Praxis irrelevant und letztlich kaum notwendig. Diese Professionen verfallen auch nicht so schnell der Überzeugung, es wäre vor allem Aufgabe normativer Texte, eine gewünschte Praxis an Stakeholder zu verkaufen.

Oder ganz knapp gesagt: Eine Profession, die sich professionell verhält, bietet unterschiedliche sinnvolle Sprechorte für normative und für theoretische Texte. In diesem Sinn – nicht in anderen – verhalten sich die bisherigen Bibliothekswesen bislang kaum professionell. Das zu ändern würde den Bibliothekswesen mehr Handlungsmöglichkeiten eröffnen (und sie, nebenher, spannender und komplexer machen).

Eine Antwort

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  1. Walther Umstätter said, on 24. Februar 2013 at 17:21

    Im Prinzip ist es einfach. Theorien werden entwickelt, um die Realität geistig zu durchdringen, um sie zu erklären und wo möglich daraus Vorhersagen abzuleiten. Insbesondere bei sehr komplexen Theorien werden oft zunächst Modelle (Computermodelle, Gedankenexperimente oder auch mechanische Modelle) getestet, bevor es zu einer Theorie kommen kann. Es sei hier nur an die Klimamodelle erinnert, die bis heute noch weit von einer wirklichen Theorie entfernt sind. Sie testen viel mehr Hypothesen. Nicht selten versucht man sogar mögliche Prognosen, sobald sie unerwünscht erscheinen, aufgrund der Theorie zu vermeiden. Wobei es aber auch zu Vorhersagen aus den Naturgesetzen heraus kommen kann, die völlig unausweichlich sind. Man erinnere sich nur an die unzähligen astrophysischen Ereignisse, die sich mit hoher Zuverlässigkeit aus den Gravitationsgesetzen, zum Teil über Jahrtausende hinweg, berechnen lassen. Dabei ist es gerade diese hohe Zuverlässigkeit der Gravitationstheorie, die sie zu einem Naturgesetz gemacht hat. An dieser Stelle ist besonders hervorzuheben, dass sich die Naturkonstanten c, G, h, etc. in den letzten hundert Jahren trotzdem als Artefakte erwiesen (http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/Planckeinheiten13d.pdf). Dadurch wurden aber die Theorien der Physik, bis hin zur Relativitätstheorie nicht falsifiziert, sondern beeindruckend verifiziert und vereinfacht.

    Bevor wir in der Wissenschaft eine Theorie entwickeln können, stellen wir meist eine oder mehrere (Arbeits)Hypothesen (Modelle) auf, die wir zu realisieren bzw. zu falsifizieren versuchen, indem wir daraus Thesen entwickeln, die sich auch bei massiven Gegenargumenten verteidigen und in eine Theorie logisch einfügen lassen.

    Dadurch, dass in unzähligen Fällen Hypothesen von ihren Schöpfern schon euphemistisch als Theorien bezeichnet wurden, obwohl sie noch nicht hieb und stichfest verteidigt, geschweige bewiesen werden konnten, benutzen Laien das Wort Theorie immer häufiger fälschlich synonym mit Hypothese. Sie glauben damit oft, dass das Wort Theorie als Antonym zu Realität zu verstehen ist.

    In den Geisteswissenschaften und insbesondere in den Sozialwissenschaften sind Prognosen aus Theorien heraus meist etwas schwieriger, weil der freie Wille von Menschen auch in größeren Kohorten zu unvorhersehbaren Folgen führen kann. Menschen können bei Bedarf völlig irreal handeln. Also, auch wenn es kein absolut gesichertes Wissen gibt, so ist es in den sog. Hard Sciences meist zuverlässiger, als in den sog. Soft Sciences, so dass dort auch die Unterscheidung zwischen Hypothese und Theorie oft etwas fließender ist.

    In der Bibliothekswissenschaft war interessanterweise die Verdopplungsrate der publizierten Literatur von 20 Jahren eine der stabilsten Konstanten (in den letzten 350 Jahren), neben der Halbwertszeit von 5 Jahren, im Zitierverhalten. Für die entsprechende Theorie dazu haben wir schon etliches an bibliometrischen Beobachtungen, auch wenn noch einiges an Detailarbeit zu tun ist. Nicht weniger wichtig ist die Erkenntnis, dass es in der Archivierung von Dokumenten bibliothekarischer Art, in der Geschichte der Menschheit weitaus wichtiger war, diese Dokumente möglichst rasch und fehlerfrei kopieren zu können, als sie auf einem möglichst stabilen Informationsträger zu erhalten. Das galt für den Ersatz der Tontafeln durch Papyrus, für den Buchdruck Gutenbergs und gilt heute für die digitale Archivierung auf Magnetplatten gleichermaßen. Die verbreitete Vorstellung, dass Bücher auf säurefreiem Papier oder Pergament in Bibliotheksregalen die beste Form der Archivierung sei ist nicht nur falsch sondern auch irreführend. Sie ist hypothetisch und entspricht nicht der geschichtlichen Realität.

    Gerade in der heutigen Zeit, in der die Digitale Bibliothek die Metamorphose zur digital gespeicherten Wissensorganisation durchläuft, um die Big Sciene auch morgen noch finazierbar zu erhalten, wird ein theoretisches Fundament der Bibliothekswissenschaft, im Sinne der „Nationalökonomie des Geistes“ (Harnack), immer wichtiger.


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