LIBREAS.Library Ideas

Einen Schritt weiter. Jan Hodel zur „Groebner-Kontroverse“ und was die Bibliothekswissenschaft daraus ableiten sollte.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 11. Februar 2013

von Ben Kaden

Im Weblog histnet erschien heute ein Text von Jan Hodel (Die Groebner-Kontroverse. Oder: Zu Sinn und Unsinn von Wissenschaftsblogs. In: histnet. 11.02.2013) zur mittlerweile offenbar so genannten Groebner-Kontroverse. Muss man ihn lesen? Ich denke, man sollte. Denn Jan Hodel nimmt im Bemühen um eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Aussagen Valentin Groebners eben auch die Möglichkeiten zum Umgang mit dem Problem „Muss ich das alles lesen?“ in den Blick. Er verweist dabei unter anderem auf die Funktion sortierender und filternder Akteure in der wissenschaftlichen Kommunikation:

„Intermediäre Instanzen, wie sie etwa Redaktionen darstellen, dienen auch der Entlastung der beteiligten Individuen durch Arbeitsteilung. Damit wir nicht alles selber verifizieren und überprüfen, oder auch nur zusammensuchen und im Hinblick auf seine Bedeutsamkeit im wissenschaftlichen Diskurs beurteilen müssen, nutzen wir intermediäre Instanzen, die diese Aufgaben für uns übernehmen. Dies hilft uns, das rare Gut der Aufmerksamkeit gezielter einzusetzen. Ob solche intermediären Instanzen in Zukunft im Stile fachredaktioneller Expertise, dank schwarmintelligenten Zusammenwirkens von adhoc-Kollektiven oder computergestützt mithilfe elaborierter Algorithmen agieren werden […] scheint mir völlig offen.“

Das ist sowohl für die newlis-Überlegungen wie auch natürlich für uns bei LIBREAS bedeutsam. Die bei ihm skizzierte Typologie der Intermediären verweist auf drei Konzepte:

  • ein traditionell redaktionelles der intellektuellen Vorauswahl durch Experten (wie wir es bei Fachzeitschriften, in Editorial- und Peer Review-Verfahren, Herausgeberschaften u.ä. finden),
  • ein auf Netzwerk- und Hinweiseffekte und Post-Peer-Review-Prinzipien setzendes, dass auch auf Multiplikationseffekte über Social Media setzt,
  • automatische Filterverfahren, die von Algorithmen basierten SDI- und Monitoring-Diensten bis hin zu (z.B. webometrischen) Impact-Kalkulationen reichen.

Der Bezug auf die grundsätzliche Unabsehbarkeit der zukünftigen Etablierung eines dieser Ansätze wäre für die Bibliothekswissenschaft allerdings ein zu einfacher und daher inakzeptabler Ausstieg. Denn das Potential für eine bibliothekswissenschaftlich elaborierte Unterstützung von Wissenschaftskommunikation über die Spekulation hinaus wird in diesem Kontext sofort deutlich.

Besonders, wenn man davon ausgeht, dass die Informationsfilterung und -vermittlung in der Wechselwirkung von Mensch und Maschine differenziert entwickelt werden muss, zeigt sich hinsichtlich der Punkte zwei und drei die Notwendigkeit einer Kombination dreier Methodologien als nahliegend, die in diesem Fach eine Rolle spielen (bzw. spielen sollten): Die Soziale Netzwerkanalyse, die Diskursanalyse und die Bibliometrie. In der Kombination lassen sich auf eine solchen Basis Analysestrukturen mit nahezu unbegrenzter Komplexität entwickeln. Wo schließlich die Grenzen zu ziehen und der Komplexität zu setzen sind, ist Sache der Konkretisierung, Ausentwicklung und Implementierung. An diesem Punkt sind wir in unserem Fach leider noch nicht, denn soweit ich sehe, verhandelt man derzeit überhaupt erst eine in diese Richtung weisende Forschungsagenda.

Wenn also Jan Hodel aus der Perspektive des Historikers schreibt:

„Doch wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für unseren jeweiligen Wissenschaftsalltag dies haben wird, darüber kann im Moment nur spekuliert werden.“

dann sehe ich den Ball (nicht nur) in die Dorotheenstraße rollen und die Verpflichtung, für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft diesen aufzunehmen und vielleicht nicht unbedingt die Lösung aber in jedem Fall den Nachweis einer wissenschaftlichen, d.h. systematischen Auseinandersetzung mit diesem Problem zu präsentieren. Es handelt sich hier nicht um ein Naturgeschehen sondern um eine – zugegeben nicht wenig komplexe – Ausdifferenzierung der Verfahren, Möglichkeiten und Praxen wissenschaftlicher Kommunikation. Dies ist ein Gestaltungsprozess, in dem diverse Akteure vom Wissenschaftler über die Bibliotheken bis zu Verlagen, Social Media-Unternehmen, Hardware- und Suchmaschinenanbietern mit teilweise auseinanderdriftenden Interessen interagieren. Auf die Gestaltung können wir durchaus Einfluss nehmen und sei es nur, indem wir sie strukturiert ent- und aufschlüsseln und abbilden. Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die zweifelsohne eine große Expertise genau in diesen Fragen besitzt, ist die aktive Teilhabe an diesem Prozess über ein Mitspekulieren hinaus keine Option, sondern eine Verpflichtung. Das Forschungsprofil des Faches ist hier nämlich (wenigstens aus meiner Sicht) exakt die kritische Begleitung und Analyse des: „wie genau sich dies vollziehen wird und welche konkrete Bedeutung für [den] Wissenschaftsalltag dies haben wird.“

(Berlin, 11.02.2013)

2 Antworten

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  1. Walther Umstätter said, on 11. Februar 2013 at 19:54

    Sehr geehrter Herr Kaden, es wäre erfreulich, wenn die Dorotheenstraße sich des Problems annimmt, möglicherweise auch wissenschaftlich vorne dabei ist, aber es bleibt natürlich ein internationaler Wettbewerb.

    Was sagte Konfuzius so richtig? „Was man weiß, sollte man als Wissen gelten lassen, was man nicht weiß, als Nichtwissen: das ist Wissen.“ Wenn man dieses Wissen nicht hat, lassen sich „Spekulationen“ von korrekten Vorhersagen nicht unterscheiden. Eine der zuverlässigsten Vorhersagen der Bibliothekswissenschaft ist die Verdopplungsrate der Publikationen, die seit über 300 Jahren konstant bei zwanzig Jahren liegt, und von Kriegen, Pestilenz, etc. nicht nachhaltig beeinflusst werden konnte. Daran können auch Journalisten und Verleger nichts ändern, auch wenn ich volles Verständnis dafür habe, dass sie um ihre Existenz kämpfen und nach neuen Aufgaben suchen. Sie sind aber nicht die Experten, die die Wissenschaft reinigen.

    Früher hatten wir die alte Diskussion darüber, dass viel zu viel publiziert wird
    1. weil man befürchtete irgend etwas wichtiges übersehen zu haben,
    2. weil es in einer arbeitsteiligen Welt so unendlich vieles gibt, was einen selbst überhaupt nicht interessiert, und was man oft auch nicht versteht.

    Dann hieß das selbe Problem, nach fortschreitender Verdopplungsrate und Digitalisierung, „Informationsflut“, obwohl alle Welt weiter nach Wissen dürstete. Dass nur eine ausreichende Informationskompetenz gegen diese Dauerproblematik helfen kann, wissen Insider seit der Online-Revolution vor 50 Jahren, während Laien noch immer „Psychology“ in Google eingeben und je nach Mentalität, das Ergebnis bestaunen oder daran verzweifeln. Das ist einer der bekanntesten Indikatoren für Informationsinkompetenz.

    Es ist natürlich eher euphemistisch zu behaupten „Wissenschaftskommunikation kämpft seit der frühen Neuzeit mit dem Problem der Überproduktion“, nur weil man sich momentan nicht daran erinnert, dass das Museion in Alexandria, 400.000 bis 700.000 Buchrollen hatte, und damals war es noch weitaus schwieriger, die vorhandenen Informationen in Wissen zu verdichten.

    Ob Blogs, mündliche Diskussionen oder wissenschaftliche Publikationen, sie alle enthalten ein gerüttelt Maß an Unsinn, das zur Falsifikation frei gegeben ist, weil in der Wissenschaft niemand unfehlbar ist, und wir die Meinungsfreiheit als wichtiges gesellschaftliches Gut schätzen. Dabei sind die scheinbar dümmsten Bemerkungen oft am schwierigsten zu entkräften. Nicht selten sind sie sogar nur indiskutabel. Es gehört aber auch zur Wissenschaft, die Ahnungslosigkeit in unserer Welt zur Kenntnis zu nehmen.

    Da unzählig viele Menschen ihre Unwissenheit täglich zu Markte tragen (auch so mancher Journalist ist dabei), weil sie nicht wissen, wie viele Experten über das notwendige know how bereits verfügen, besteht natürlich die Gefahr, dass das vorhandene Wissen manchmal auch weit unterschätzt wird. Auch hier bedarf es einer ausreichenden Informationskompetenz.

    Tragisch ist dabei, dass die Verantwortung der Presse und auch die wissenschaftlicher Verlage, einerseits immer schwieriger zu realisieren ist, weil sie um ihre Existenz kämpfen und damit immer öfter käuflich werden, weil special interest groups immer mehr Einfluss nehmen, weil immer mehr Autoren bzw. Editoren über immer mehr Themen schreiben und entscheiden müssen, von denen sie zu wenig verstehen (Personalknappheit), und weil in den sozialen Netzen zunehmend Augenzeugen den Journalisten überlegen sind.

    Wenn in absehbarer Zukunft die geistigen Urheberschaften bestimmter Personen im Netz noch eindeutiger zusammengeführt und kontrollierbar werden (ORCID etc.), ist vorhersehbar, dass Menschen, die ihre Zukunft nicht ruinieren wollen, genauer überlegen was sie publizieren (auch in Blogs). Im Prinzip können wir das schon heute mit Google weitgehend aufdecken, und allerorten werden Netnutzer aufgefordert, sich darum zu kümmern, dass sie sich nicht mehr als notwendig lächerlich machen.

    Direkte oder indirekte Zensur ist keine Antwort auf das Wissenswachstum in dieser Welt, dass aber Nichtwissen als solches klar identifiziert werden muss, dass gehört ebenso zur Wissenschaft. Außerdem haben wir seit Jahrhunderten Bibliotheken, um festzustellen was wir alles nicht lesen müssen, weil es wichtigeres gibt. Daran hat sich nichts geändert, außer der fortschreitenden Digitalisierung in der Digitalen Bibliothek. Die Wissenschaft reinigt sich seit Jahrhunderten selbst.

  2. Warum Geschichte? | Hapke-Weblog said, on 24. Juni 2013 at 16:08

    […] Valentin Groebners Artikel "Muss ich das Lesen?" in der Frankfurter Allgemeinen vom Februar 2013 nutzt historische Bezüge zur Behandlung der Herausforderung "wissenschaftlichen Publizieren[s] in der vernetzten Gesellschaft". Intensiv diskutiert werden seine Aussagen im Blog-Beitrag "Die Groebner-Kontroverse. Oder: Zu Sinn und Unsinn von Wissenschaftsblogs" von Jan Hodel, in einem Beitrag von Klaus Graf sowie im Libreas-Blog von Ben Kaden. […]


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