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History Repeating. Die Geschichtswissenschaft debattiert auch 2013 über die Legitimität des Bloggens.

Posted in LIBREAS.Debatte by Ben on 8. Februar 2013

Anmerkungen zu:

– Valentin Groebner: Muss ich das lesen? Ja, das hier schon. In: FAZ, 06.02.2013, S.N5
– Klaus Graf : Vermitteln Blogs das Gefühl rastloser Masturbation? Eine Antwort auf Valentin Groebner In: redaktionsblog.hypotheses.org, 07.02.2013
Adrian Anton Tantner: Werdet BloggerInnen! Eine Replik auf Valentin Groebner. In: merkur-blog. 07.02.2013

von Ben Kaden

Es gibt offensichtlich (erneut) eine erneute kleine Zuspitzung des Konfliktes um die Frage, inwieweit wissenschaftliche Kommunikation im Digitalen möglich sein darf oder soll. Anlass ist ein Vortrag des Historikers Valentin Groebner, der als Zeitungsfassung am Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift Muss ich das lesen? Ja, das hier schon – schön historisierend mit dem Gemälde eines lesenden Bauerjungen des russischen Malers Iwan Iwanowitsch Tworoschnikow aus der Zeit des zaristischen Russlands illustriert – abgedruckt wurde.

Erstaunlich an der Debatte, auf die umgehend sowohl Klaus Graf im Redaktionsblog von Hypotheses.org wie Anton Tantner im Weblog der Zeitschrift Merkur und noch einige andere blogaffine Wissenschaftler antworteten, ist besonders, dass sie überhaupt noch bzw. wiederholt so stattfindet. Während Klaus Graf zum Ausstieg noch einmal einen Pinselstrich auf den üblichen, aber halt furchtbar überzogenen und daher eher wenig souverän wirkenden Kampf- und Fronttafelbildern (aber insgesamt vergleichsweise äußerst brav) setzt:

„Die Rückzugsgefechte der Buch-Fetischisten sollten uns nicht vom Bloggen abhalten.“

(Warum auch sollten sie?) findet sich bei Anton Tantner bereits die treffende Antwort:

„Dabei sind Verifizierung und Stabilisierung von Informationen – die Groebner als Aufgabe gedruckter Medien betrachtet – selbstverständlich auch digital möglich und kein Privileg des Papierbuchs; es braucht allerdings geeignete Institutionen dafür, wie zum Beispiel die Online-Repositorien der Universitäten, die die Langzeitarchivierung der von ihnen gespeicherten Dateien – nicht zuletzt wissenschaftliche Texte – zu garantieren versprechen.“

Für die Notwendigkeit von Druckmedien wiederholt man, seit man überhaupt den Gedanken der Abbildung geisteswissenschaftlicher Inhalte in digitale Kommunikationsräume andenkt, die Argumente der Langzeiterhaltung und des Qualitätsfilters – einem Wunschwerkzeug ersehnt schon lange vor dem WWW, um die so genannte Informationsflut (oder Publikationsflut) in den Griff zu bekommen. Valentin Groebners Artikel, der dies mit dem seltsamen Wort „Überproduktionskrise“ variierend anteasert, definiert denn auch: „Denn Wissenschaft kann gar nichts anderes sein, als Verdichtung von Information. […] Man ist als Wissenschaftler selbst ein Filter, ganz persönlich.“

Die Argumente dafür präsentieren sich im Verlauf der Debatte dabei jedoch von nahezu allen Seiten nicht sonderlich verdichtet, sondern vor allem redundant. Wir erinnern uns:

„So verteidigte Uwe Jochum (Konstanz) in seinem polemischen Einführungsreferat die Bibliothek als kulturellen Gedächtnisort, als konkret sicht- und begehbares Gebäude gegen ein orientierungsloses Surfen auf weltweit rauschenden Datenströmen. Aus der antiken Mnemotechnik leitete er die Notwendigkeit einer Lokalisierung der Erinnerung ab: Bei der Lektüre eines Buches im Netz hingegen sei kein Rückschluß auf den Standort des Computers oder gar des Originals möglich. Die Anpassung der Bibliotheken an die Informationsgesellschaft sei schon deshalb problematisch, weil der Informationsbegriff völlig unklar sei. Während in einer herkömmlichen Bibliothek die einzige „Information“ der Standort eines Buches sei, gehe in der simultanen Verschaltung von Sender und Empfänger jeder Inhalt verloren – kurz: Sammlung sei gegen Zerstreuung zu verteidigen.“

So las man es ebenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zwar am 09.10.1998. (Richard Kämmerlings: Lesesaal, Gedächtnisort, Datenraum Der Standort der Bücher: Auf dem Weg zur hybriden Bibliothek., S.46) Und auch das Thema der Langzeitarchivierung solcher Bestände stand damals mitten in der Auseinandersetzung.

Der Hauptunterschied zu dieser Zeit liegt vor allem darin, dass man 1998 noch nicht diskutierte, inwieweit es für Historiker zulässig ist, solche Debatten sowie andere Wissenschaftskommunikationen in Blogs und damit direkt und ohne redaktionelle Kontrolle abzubilden. Weil man Blogs und das Web als kommunikativen Partizipationsraum noch gar nicht wirklich kannte.

Ein Irrtum Valentin Groebners scheint dagegen darin zu liegen, dass er die „unerfreulichen Seiten der Gelehrtenrepublik […] nämlich […] den Kult der narzissistischen Differenz und […] Debatten, die ins endlose verlängerte werden“ grundsätzlich prinzipiell mit digitaler Kommunikation verknüpft. Genauso gut kann man sie nämlich, wenigstens in diesem Fall, beispielsweise gleichfalls mit der FAZ verbinden. Auffällig an diesem Diskurs ist zudem, dass ein paar etablierte Akteure gibt, die seit den frühen Tagen stabil dabei sind und parallel wechselnde neue Akteure, die offensichtlich jedes Argument für sich jeweils neu entdecken und ausführen. (Ich möchte übrigens nicht sagen, dass meine Texte durchgängig außerhalb dieses Prozesses stehen.) Zu vermuten ist jedoch ebenso, dass die Akteure, die tatsächlich intensiv Schlüsse ziehen, mit der Umsetzung ihrer Folgerungen so beschäftigt sind, dass sie gar keine Zeit und Lust mehr finden, sich in (De-)Legitimierungsscharmützeln aufzureiben.

Das Internet wirkt für Kommunikationen naturgemäß vor allem als Proliferationsimpuls: Es entfaltet all das, was ohnehin bereits angelegt ist. Die oft scheußlich selbstgerechten Lesekommentarhagel auf den Zeitungsportalen machen nur sichtbar, wie eben auch gedacht wird. Aus soziologischer Sicht ist das ungemein spannend. Dass das „Unfertige“, aus dem Wissenschaft per se besteht, nun direkt wahrnehmbar, referenzierbar und direkt nachnutzbar wird, verändert zwangsläufig die Wissenschaftspraxis. Das behagt vor allem denen, die dadurch etwas zu gewinnen haben (z.B. Diskurshoheit) und missfällt all denen, die sich darin überfordert bis bedroht sehen (z.B. nicht zuletzt einfach, weil ihnen in ihrer Lebensorganisation die Zeit zur Auseinandersetzung mit den Weblogdiskursen fehlt und sie nicht verstehen, warum sie nun zwangsläufig darauf einsteigen müssen. Auch das ist nachvollziehbar.)

Dass ein nach festen Bezügen strebendes Wissenschaftsbild hier seine Stabilität gefährdet sieht, ist nachvollziehbar. Aber der Zusammenbruch aller überlieferten Wissenschaftswerte ist kein unvermeidliches Szenario, sondern ein vermutlich im Ergebnis eher harmloses Schreckensbild. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Digitalität prinzipiell diskursive Verfestigung und Absicherung verhindert. Der oben zitierten Stelle aus der Replik Anton Tantners ist fast nichts hinzuzufügen. Digitale Kommunikationsräume sind Räume, die wir programmieren und gestalten. Wenn wir bestimmte Qualitätskriterien für die Wissenschaftskommunikation erhalten wollen, dann sollte sich das durchaus unter intelligenten, rationalen Akteuren, wie man sie in der Wissenschaft zu vermuten angehalten sein sollte, aushandeln und perspektivisch etablieren lassen. Nicht jeder Geisteswissenschaftler muss dafür Quellcode schreiben lernen. Auch die einfach Verständlichkeit der Schnittstellen zwischen Mensch und Technik ist Teil der Entwicklungsagenda.

Es gibt sogar eine eigene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Fragen auseinandersetzt (bzw. auseinandersetzen sollte), wie diese Ansprüche der Wissenschaft (Verifizierbarkeit, Nachprüfbarkeit, Verdichtung)  im Digitalen umgesetzt werden können: die Bibliothekswissenschaft (bzw. Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Wenn man Karsten Schuldts Annahme zustimmt, es gäbe jeweils „ein Rezeptionsverhalten, dass zu bestimmten Situationen und Lesehaltungen passt“, und es gibt keinen Grund die Zustimmung zu verweigern, dann erscheint überhaupt die Idee, selbst- und fremderklärten „Buchfetischisten“ und „Masturbationsbloggern“ ihre gegenseitige Legitimation absprechen wollen, als völlig unsinniger Hemmschuh, wenn es tatsächlich um die Frage geht, wie ein zeitgemäße Wissenschaftskommunikation aussehen kann – die übrigens genauso nach wie vor Printprodukte und andere netzunabhängige Medien zulässt, wenn diese zu Situation, Lesehaltung und dem Bedürfnis nach Langzeitsicherung passen.

6 Antworten

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  1. […] hat nicht nur Fans. Blogaktivisten der Bibliotheks- und Informationswissenschaften halten kräftig dagegen. Es gäbe auch im Netz Qualitätsangebote. Oder man könne sie schaffen. Schließlich aber sei die […]

  2. Jan Hodel said, on 11. Februar 2013 at 11:32

    Kollege Tantner heisst Anton mit Vornamen. Nur so….

    • Ben said, on 11. Februar 2013 at 11:47

      Offensichtlich. Vielen Dank für den Hinweis.

      So werden immerhin beispielhaft a) die Defizite des unredigierten Publizierens in Weblogs deutlich (kein redaktioneller Faktencheck) und b) die Suchmaschinen (bzw. künftige automatische semantische Analysen) verwirrt. Denn die Entität „Adrian Tantner“ ist nun in der digitalen Welt – wenn auch ohne Entsprechung in der realen.

    • Ben said, on 11. Februar 2013 at 14:41

      Es beruhigt mich auch nur wenig, dass ich offensichtlich nicht der Einzige bin, der eigenartigerweise den an sich nicht allzu schwierigen Name verkehrt schreibt: (Quelle: Perlentaucher.de)

  3. […] seien, und fachte damit die Diskussion über eine zeitgemäße Wissenschaftskommunikation neu an. Ben Kaden referiert kurz ein Stück der Debatte und auch Michael Schmalenstroer […]

  4. Katharina Hyland said, on 18. Februar 2013 at 12:32

    Wer nochmal nach“schauen“ möchte: Das Video von Valentin Groebners Vortrag „Muss ich das lesen?“, der dem FAZ-Artikel vorausging, ist jetzt online unter http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/videos_watch.php?nav_id=4209


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