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Activity Theory und Cognitive Work Analysis – holistische Ansätze in der Informationswissenschaft

Posted in LIBREAS.Debatte by szepanski on 27. Dezember 2012


[…] the number of LIS researchers who embark on use studies with contextual and holistic approaches is climbing up steadily, if gradually.“
(Raya Fidel 2012, S.37)

von Christoph Szepanski

Was kann Informationswissenschaft sein?

Auch im Jahr 2012 positioniert man sich zur Gegenwart und Zukunft der Informationswissenschaft wie beispielsweise die Texte von Michael Buckland, Blaise Cronin, Ben Kaden und Karsten Schuldt dokumentieren.
Buckland verortet die Informationswissenschaft vor allem im Themenfeld „Lernen“.
Er betrachtet Information in seiner Forschung aus der Warte dessen, wie Menschen mit ihr umgehen. (hier: information-as-thing). Dabei spricht er klassische informationswissenschaftliche Felder wie das Informationsverhalten oder das Personal Information Management (PIM) an und liefert obendrein einen überblicksartigen
Beitrag zum täglichen Umgang mit den verschiedenen Wissenszuständen. Seine Perspektive auf Sinn und Nutzen der Informationswissenschaft als Wissenschaft der Aufklärung des Menschen ist dagegen interessanter:

„Enabling people to become better informed (learning, becoming more knowledgeable) is, or should be, the central concern of information studies and information services are, in practice, more directly concerned with knowing about than with knowing how or knowing that.“ (2012, S. 5)

Zweck der Informationswissenschaft ist demzufolge die Vermittlung von Fähigkeiten zur Nutzung von Information und zum Erwerb von Wissen, also Informationskompetenz und Methoden- bzw. heuristischer Kenntnis.

Cronin widmet sich dem wissenschaftlichen Wirkungsgrad der Informationswissenschaft. Für ihn beginnt sich die Disziplin den Schleier eines „Orchideenfaches“ abzulegen und im akademischen Mainstream zu etablieren.
Das wertet er erwartungsgemäß als positiv, denn so würde die Informationswissenschaft nicht mehr länger eine eigene isolierte Wissenschaftsdisziplin darstellen, denn die Stärke des Fachs, so Cronin, war seit jeher Interdisziplinarität. Die Forschungen in Feldern wie Informatik und Management wurden durch informationswissenschaftliche Expertise traditionell angeregt. Häufig jedoch handelte es sich dabei um eine implizite Wechselwirkung. Wichtig ist hingegen auch, um zur Stärkung der Position des Faches beizutragen, dass diese Interaktionen sichtbarer, die Standpunkte klarer und die tatsächliche Rolle der Informationswissenschaft deutlicher werden.

Die instabile methodologische Eigenständigkeit und das nur eingeschränkte intrinsische Interesse an einer aktiven Interdisziplinarität sind die Defizite des Faches, die Kaden und Schuldt im Rahmen eines Informare-Workshops mit Vertretern des Fachs sowie der Informationspraxis erkannt haben (vgl. 2012, S. 97).

Neben den von den beiden Autoren gebrachten Beispielen der Informationskompetenz und Leseförderung und damit einhergehend der mangelnden Berücksichtigung der Wissensbestände anderer Disziplinen – also hier speziell der Pädagogik – trifft dieser Umstand wohl auch auf weitere Felder zu, z.B. die ungenügende Berücksichtigung von Erkenntnissen aus dem Interface Design, welche für die Konzeption von Digitalen Bibliotheken oder Virtuellen Forschungsumgebungen sicher hilfreich wären.

Zu ergänzen wäre, eine immer wiederkehrende reduktionistische und in meinen Augen oft genug auch anachronistische Herangehensweise an Problem- oder überhaupt Fragestellungen. Nämlich, dass man sich mit viel Aufwand und nicht selten einiger Verkrampfung insular an Teilproblemen mehr oder weniger aufreibt und dabei das Gesamtgefüge mit seinen Wechselwirkungen kaum berücksichtigt.  Erfahrungsgemäß ist die Lösung des Problems oft mehr als die Summe der einzelnen Teile. Wo Einzellösungen inkompatibel sind, lassen sie sich oft nicht einmal mehr zueinander addieren.

Daher gilt es, Methoden für die Sichtbarmachung vorher unbekannter, eventuell weitaus komplexerer, d.h. nichtlinearer Variablen zur Problemlösung heranzuziehen. Informationswissenschaftlich kann es meiner Ansicht nach nicht das Ziel sein, Komplexität durch das Ausklammern von Bereichen reduzieren zu wollen, sondern vielmehr, diese zu differenzieren, zu strukturieren und als Gesamtheit anzunehmen, kurzum nutzbar zu machen.

Holistische Ansätze

In der anglo-amerikanischen und skandinavischen LIS lässt sich seit einiger Zeit der Trend beobachten, dass immer mehr Informationswissenschaftler dazu übergeben sich disziplinnahen Problemen aus einer holistischen Perspektive anzunähern. Im Folgenden will ich die Frameworks Activity Theory und Cognitive Work Analysis kurz vorgestellen.

Ausgangspunkt dieser Ansätze ist die Erfahrung, dass Probleme und Phänomene in der Informationswissenschaft oftmals aus einem erheblich verengten Blickwinkel betrachtet werden. Daraus ergeben sich dann sowohl bei den Problemlösungen wie auch bei der Produktentwicklung (wie OPACs, ViFas oder Informationskompetenzschulungen) grundsätzliche Defizite, die für beide Seiten – Nutzer sowie Anbieter – unbefriedigend wirken müssen, da sie zu wenig kontextualisiert und häufig unzulänglich in den Ist-Zustand des zugrundeliegenden Systems (einschließlich der Organisation, z.B. einer Bibliothekseinrichtung) eingebettet wurden.

Research object information science

Abbildung 1: Research object of information science and the triangle of activity theory (Roos 2012)

Ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit mit den Ergebnissen bzw. Bibliotheksprodukten ist deren normative Modellierung (Fidel 2012, S.189). Normativ ist die Modellierung immer dann, wenn die Benutzung eines Dienstes, bspw. eines Retrieval-Werkzeuges, sehr eng begrenzt wird. Wenn also der Benutzer seine Nutzungsbedürfnisse erheblich an die limitierten Möglichkeiten des Systems anpassen muss und sie im Kern nicht befriedigen kann.

Viele Dienstleistungssysteme sind nach wie vor allzu oft an Vorlieben (manchmal auch schlicht an die Leistungs- und Entwicklungskompetenzen) von Bibliothekaren und Entwicklern angepasst und lassen alternative Wege zur Erreichung des Ziels nicht zu. Dies führt konsequenterweise zu Unzufriedenheit, einerseits weil der Nutzer sich im System nicht so bewegen kann wie er es möchte und andererseits zu Unzufriedenheit bei den Anbietern, weil die Nutzer nicht so zu suchen bereit sind, wie man es vorgegeben hat. Die menschliche Neigung, sich Fragestellungen mit einer Mischung aus Neugier und Entdeckungstrieb eigenheuristisch und explorativ anzunähern wird in der Regel kaum bedient. Im Social Media-Bereich haben kommerzielle Anwender durchaus Mittelwege gefunden, welche besonders die Serendipity ansprechen. Allerdings entsprechen diese wiederum kaum der Rigorosität hinsichtlich der Datenqualität, wie sie von Bibliotheken berechtigt eingefordert wird. Es wird die Aufgabe von künftigen Discovery-Systemen sein, dass Beste aus diesen beiden Welten zusammenzuführen.

Social Media zeigt, wie erfolgreich und zugleich konzeptionell einfach so genannte formative Modelle wirken. Sie stellen lediglich den Rahmen der Anwendung. Jeder kennt dieses Prinzip von den beiden populärsten Betriebssystemen für Smartphones oder auch von Webbrowsern, indem man das Basispaket per Apps und Widgets beinahe beliebig personalisieren kann. Hinter dieses Benchmark sollte eigentlich keine Entwicklung mehr fallen.

Die Activity Theory und Cognitive Work Analysis sind hierbei zwei durchaus interessante, jedoch keinesfalls neue Verfahren, um sich Komplexität über detailreiche Kontextualisierung nutzbar zu machen und nach erster Einschätzung durchaus geeignet, das dem Kontextbegriff innewohnende „unruly beast“ (Dervin 1997) für unsere Domäne zu zähmen.

Die Verwendung der Activity Theory und der Cognitive Work Analysis gilt als zeitintensiv und damit auch teuer.
Die Ergebnisse sind in Relation dazu häufig nicht generalisierbar, dafür jedoch auf den Einzelfall zugeschnitten, was innerhalb einer dienstleistungsorientierten Informationsbranche nicht unbedingt von Nachteil sein muss.
Einer auf Kosten-Nutzen-Relation abzielenden Argumentation ist sicher zuzustimmen, sofern man die Entwicklung und Evaluation von Dienstleistungen zur Unterstützung des Lernens als einmalige Angelegenheit begreift. Nur betrachtet man dann auch menschliches Handeln als statisch und vorhersehbar. Daher kann man auch nicht angemessen reagieren, wenn Problemstellungen innerhalb des gewählten Fokus erst nach einiger Zeit, mitunter emergent, an die Oberfläche treten, sich also dynamisch-nichtlinear verhalten.

Dass jedoch menschliche Aktivitäten im Umgang mit Informationsobjekten weitgehend dynamisch sind und sich kontinuierlich fortentwickeln, bewies die Activity Theory aufgrund der historischen Bezugnahme auf kulturelle Phänomene. Sie wird deshalb häufig auch als Cultural Historical Activity Theory (CHAT) vorgestellt .
Diese Sichtweise wird letztlich auch für das Konzept des
Embedded Librarian interessant. Will er nämlich gute Betreuungsarbeit leisten, so muss er dies im regelmäßigen nicht allzu weit auseinanderliegenden Turnus und konkret an den sich im Forschungs- und Erkenntnisprozess verschiebenden Sachverhalten und Informationsbedarfen tun. Der Kontext verändert sich permanent und macht es daher notwendig, dass die dazugehörigen Bibliotheksdienstleistungen diese Änderungen angemessen berücksichtigen.

Raya Fidel (2012, S.213) erwähnt die Activity Theory explizit, wenn sie mögliche disziplinübergreifende Kollaborationen hinsichtlich eines besseren Verständnis des Informationsverhaltens in konkreten Arbeitssituationen erörtert. Hinter der ursprünglich von Rasmussen, Pejtersen und Goodstein (1994) entwickelten Cognitive Work Analysis steht die Vermutung, dass Informationssysteme effizienter sind, wenn sie die Umwelt der jeweiligen Informationsarbeit und die eigentliche Aufgabe der Arbeitskraft berücksichtigt. Der Akteur wird an dieser Stelle durch sein konkretes Handeln, wobei hier kognitive Tätigkeit vorrangig mit dem Ziel eines Entscheidens gemeint ist, und den sich aus diesem ergebenden Informationsbedürfnissen sichtbar. Das Handeln wird dabei durch den Handlungszusammenhang, also wenn man so will den kognitiven Kontext, vorbestimmt. (vgl. Fidel S.225).

Jene kognitiven Handlungen konkretisiert Fidel wie folgt:

„Cognitive work analysis (CWA) considers as „cognitive work“ any activity that requires decision making. Thus, the academic activities of elementary school students, patient`s management of their medical treatment, and engineers´design of artifacts are all examples of cognitive work. Being a work-centered approach, CWA focusses on the cognitive work itself, regardless of the specific individuals who carry it out.“ (Fidel 2012, S.225)

Insbesondere vor dem Hintergrund, Lösungen zur Bewältigung der Informationsflut und ebenso Anwendungen zu entwickeln, welche die Erkundung und Neukontextualisierung von (vermeintlich bekannten) Datenwelten ermöglichen könnten (vgl. Szepanski 2012) ist eine Äußerung Hollnagel und Woods besonderes relevant:

„The focus of [cognitive systems engineering] is how humans can cope with and master complexity of processes and technological environments, initially in work contexts but increasingly also in every other aspect of daily life“. (Hollnagel and Woods 2005, S.1)

Letztlich führt mich dies auch wieder zurück auf die vom Kaden und Schuldt aufgeworfene Ausgangsfrage, welche Art Wissenschaft wir letztlich sein wollen: eine Wissenschaft die aus einer interdisziplinären und gern auch holistischen Perspektive heraus auf unser Kernthema rund ums Lernen im Sinne einer bildungsunterstützenden Wirkung (vgl. Kaden und Kindling 2007) blickt oder sich weiterhin oft genug mittels reduktionistischen Konzepten lediglich um (informationstheoretische) Teilprobleme des großen Ganzen kümmert?

So eindeutig diese Antwort (meinerseits) auch ausfällt, so soll hier abschließend auf die ebenso spannende Frage verwiesen werden, aufgrund welchen Mechanismen sich das Fach in diese isolierte und isolierende Praxis hinein manövrierte.                                                                                                                                                                                  

Potsdam, 27.12.2012

Literatur:

Buckland, Michael (2012): What Kind of Science Can Information Science be?. In: JASIST, 63 (1). S.1-7. Online verfügbar unter: 10.1002/asi.21656.

Cronin, Blaise (2012):The waxing and waning of a field: reflections on information studies education. In: Information Research, 17 (3) paper 529. Online verfügbar unter: http://InformationR.net/ir/17-3/paper529.html

Dervin, Brenda (2003): Given a Context by Any Other Name: Methodological Tools for Taming the Unruly Beast. In: Dervin, Brenda, Formenan-Wernet, L. und Lauterbach, E. (Hrsg.): Sense-Making Methodology reader: Selected writings of Brenda Dervin. Cresskill, Nj : Hampton Press. S.111-132.

Fidel, Raya (2012): Human Information Interaction: An Ecological Approach to Information Behavior. Cambridge [u.a.] : MIT Press.

Hollnagel, Erik; Woods, David D. (2005): Joint Cognitive Systems: Foundations of cognitive systems engineering. New York : Taylor and Francis.

Kaden, Ben; Schuldt, Karsten (2012): Welcher Art Wissenschaft soll die (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft sein? Ein Workshop-Bericht. In: LIBREAS.Library Ideas, Jg. 8, H. 2 (21). Online verfügbar unter: http://edoc.hu-berlin.de/docviews/abstract.php?lang=&id=39654.

Kaden, Ben; Kindling, Maxi (Hrsg.) (2007): Einleitung: ‚Soziale Bibliotheksarbeit‘. In: Zugang für alle: Soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland. Berlin: BibSpider. S.13-33.

Rasmussen, Jens; Pejtersen, Annelies Mark; Goodstein, L.P. (1994): Cognitive Systems Engineering. New York : Wiley.

Roos, Annikki (2012): Activity theory as a theoretical framework in the study of information practices in molecular medicine Information Research, 17(3) paper 526. Online verfügbar unter: http://InformationR.net/ir/17-3/paper526.html

Szepanski, Christoph (2012): VisInfo – oder was ist eine Volldatensuchmaschine? Online verfügbar unter: http://datacreativity.fh-potsdam.de/2012/11/visinfo-volldatensuchmaschine/

Eine Antwort

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  1. Mirko said, on 3. Januar 2013 at 09:45

    Sehr interessant formuliert. Wenn sich diese Theorie dann auch mit der „harten“ marktwirtschaftlichen Praxis vereinbaren lässt, bin ich gespannt, welche Konzepte dabei rumkommen. (Stichwort Inzentives kommunizieren durch Apps)


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