LIBREAS.Library Ideas

Stapleton, the carnegiest. Eine Bibliotheksansicht aus der Heimat des Wu-Tang-Clans.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 19. Dezember 2012

Nachdem ich unlängst auf der LIBREAS-Facebook-Zweigstelle auf eine ganz wunderbare Ansichtskarte des Hauptgebäudes der New York Public Library hinwies, die ein Schiffsmusiker der Holland-Amerika Lijn im Januar 1925 seinem nicht ganz sechs jährigen Sohn von Hoboken nach Rotterdam schickte, möchte ich heute an dieser Stelle noch eine weitere historische Ansicht einer öffentlichen Bibliothek aus NYPL-System mit der Weböffentlichkeit teilen.

Die Karte ist noch älter als die auf Facebook gezeigte und transportierte eine Ansicht der sehr hübschen und derzeit möglicherweise noch in Renovierung bzw. im Umbau befindlichen Stapleton-Dependance.  Das Gebäude existiert nach wie vor, stammt aus dem Jahr 1907 und ist eine vier Bibliotheken, die Andrew Carnegie Staten Island stiftete. Die Ansichtskarte wurde von Ignatz Stern / Brooklyn herausgegeben und interessanterweise in Deutschland, mutmaßlich in Leipzig, gedruckt. Irgendjemand hat sie 07. Februar 1911 wahrscheinlich im letzten Haus in der hügeligen Louis Street, das sich in angenehmer Laufweite zum hübschen Bibliotheksneubau befand, sorgfältig und kaum lesbar beschrieben, mit einer philatelistisch hoffnungslos unspektakulären karminroten 2 Cent-Briefmarke mit dem Profil George Washingtons beklebt und zur Post gegeben, wo sie mittags gegen halb eins gestempelt und auf den Weg nach Bad Essen gebracht wurde.

Viel mehr gibt die leicht ramponierte Karte auf den ersten Blick leider nicht preis. Da aber Klaus Graf mit großem Einsatz die Relevanz der Textsorte Miszelle und das Potential des Weblogs als Transportmedium selbiger betont (z.B. in diesem Kommentar), möchte ich diese Anregung auch zukünftig wieder verstärkt aufgreifen und Kommunikationsartefakte mit Bibliotheksbezug wie diese Ansichtskarte einer kurzen Betrachtung und Kontextualisierung unterziehen. Ob das Verfahren, solche Zeitspuren quer und aus der heutigen Sicht zu neu lesen, bibliothekswissenschaftlich wirklich belangvoll ist, darf zunächst außen vor bleiben. Darum geht es in solchen Beiträgen nämlich nicht. Wichtiger ist mir die Faszination, das es möglich ist, dass eine zufällig entdeckte alte Ansichtskarte Berlin im Dezember 2012 mit Stapleton / Staten Island im Februar 1911 verknüpft, woraufhin sich archivgeschichtlich zwangsläufig die in die Zukunft weisende Frage stellt, auf Basis welcher Artefakte solche Verbindungslinien in hundert Jahren gezogen werden können? Vielleicht ja auf der dieses Postings, das in irgendeiner Nische des virtuellen Gedächtnisraums überdauert.

Stapleton Public Library

„Stapleton, the craziest, y’all know what time it is“ (Shyheim, Shaolin Style, 1996)  Der Rapper Shyheim ist einer von  zahlreichen jungen Männern aus dem Umfeld der in den 1990er Jahren maßgeblichen Rap-Formation Wu-Tang Clan, die Stapleton popkulturgeschichtlich noch bekannter machten, als die dortige Bibliothek es je vermochte. Und sei ehemaliger Nachbar Ghostface Killah schaffte es sogar, in die Einleitung eines seiner Titel folgende, ebenfalls Zeit bezügliche Zeile unterzubringen: „Salut this / Library shit / 
Rock the belt, uh-huh, you know what time it is / They understand and support us“  (Theodore auf dem Album Bulletproof Wallets, 2001) Ob er damit seiner Erfahrungen in der Bibliothek in der Canal Street, die immerhin direkt in seine einstige Heimatstraße Broad Street einmündet, anspielt, muss an dieser Stelle leider offen bleiben.

(bk, Berlin, 19.12.2012)

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