LIBREAS.Library Ideas

Wie mitten im Regen. Ruth Buchanans Auseinandersetzung mit der Geschichte der Staatsbibliothek zu Berlin.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 11. Dezember 2012

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Ruth Buchanan: The weather, a building. Berlin: Sternberg Press, 2012. (Seite zum Titel beim Verlag)

Als feuilletonistisches Großereignis gleich nach dem wankenden Suhrkamp-Verlag präsentiert sich heute der neue Lesesaal (bzw. die Schlüsselübergabe für selbigen) der Staatsbibliothek im Gebäude Unter den Linden. (z. B. als „Lichtkabine des Wissens“ – so Andreas Kilb in der FAZ)

Für uns ist es die Gelegenheit, einmal auf ein Buch hinzuweisen, dass ein wenig unschlüssig auf dem Schreibtisch auf Besprechung wartet. Denn aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht lässt sich The weather, a building der von den Wurzeln neuseeländischen und von der Gegenwart Berliner Künstlerin Ruth Buchanan nicht einordnen und die dazugehörige Ausstellung Put a curve, an arch right through it in der Krome Gallery in der Potsdamer Straße haben wir leider verpasst. Im Nachhinein ist das ziemlich bedauerlich, denn ganz offenarmig tritt einem die Publikation nicht entgegen, auch wenn man natürlich sofort eine Vorstellung entwickelt, wenn man liest:

„In order for the library to truly perform, it must exceed itself, move from fixed structure to wild terrain.“

Die direkte Begegnung mit dem dazugehörigen Objekt, dass „the spilling that interrupts the library both as a spatial construct and infrastructural code“ versinnbildlicht, hätte sicher die Wahrnehmung anders geprägt, als seine Abbildung im Buch. Dennoch kann man das Buch als Impuls auch ohne Kenntnis der Ausstellung lesen. Vorausgesetzt man lässt sich wirklich darauf ein.

Cover Ruth Buchanan "The weather, a building"

Schlechte Witterungs- und Ausstattungsbedingungen verhinderten ein schöneres Coverfoto von Ruth Buchanans Künstlerbuch. Wir bitten um Nachsicht.

Ruth Buchanan thematisiert in ihrer Arbeit das Verhältnis von Räumen und Narrativen und zwar in diesem Fall konkret anhand der Entwicklung des Riesenschiffes Staatsbibliothek zu Berlin seit August 1939. Drei Ereignisse (oder auch: Motive) bilden die Eckpunkte der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand:  a) die Evakuierung und damit Zerstreuung der Bestände aus dem Haus Unter den Linden während des zweiten Weltkriegs, b) das Provisorium zur Zusammenführung von Teilen der Bestände in einer Traglufthalle am Westberliner Kemperplatz (heute Standort der Philharmonie), die bei einem Herbststurm im November 1972 „zerriß wie ein Taschentuch“ (B.Z.) und 500.000 Bände auf einmal unter freien Himmel stellte, bevor sie dann im Reichstagsgebäude ein wetterfesteres Provisorium fanden. Und schließlich c) die Wassertropfeninstallation von Günther Uecker im Scharoun-Bau am Potsdamer Platz.

Die Berliner Staatsbibliothek ist insofern zeithistorisch herausragend interessant, da die Einrichtung selbst zu einem einmaligen Symbol historischer Verwerfungen wurde. Die Geschichte unterlief in ihrem Fall sehr drastisch das Grundanliegen der Bibliotheken, wie man es wenigstens im 20. Jahrhundert noch verstand: die nachweisende und damit stabilisierende Sammlung, Erschließung und Verfügbarhaltung von Druckwerken als Zeugnisse menschlichen Denkens und Schaffens. Durch das dokumentierende Bewahren an einem festen Ort sollte eine Kultur ein festes Rückgrat aus Text und Bild erhalten, also ihre dauerhafte und vorgeordnete Grundierung.

Die Geschichte freilich unterlief dieses Ziel erst durch den Bombenkrieg, dann durch die deutsche Teilung und schließlich auch durch so etwas Unerwartetes wie das Wetter und ließ die bewundernswert um dieses Ideal kämpfenden Bibliothekare mitunter mit buchstäblich im Regen zurück. Folgerichtig ist es das Motiv des Wassers, bekanntlich mehr noch als Feuer Hauptfeind aller Printbestände, das Element, welches die drei Eckpunkte in dieser Arbeit Ruth Buchanans verbindet. In den 1940ern und im November 1972 ging es darum, die Bestände ganz unmittelbar zu retten und im Anschluss zu reorganisieren. Den Angelpunkt des Buches bildet diesbezüglich sehr anschaulich der auf Deutsch und in englischer Übersetzung abgedruckte Text Ekkehart Verspers Von der Traglufthalle ins Reichstagsgebäude: Ein Bericht über die Wiederaufstellung von 500.000 Bänden aus den Mitteilungen der Staatsbibliothek Berlin (1973). Günther Ueckers Wasserwerk wurde dagegen schnell wieder der Hahn abgedreht und die Becken mit all ihrem allegorischen Impetus blieben trockene Form.

Der neue Lesesaal im Haus I Unter den Linden schließt diese Sammlungsstreuung und Zeit der Provisorien in gewisser Weise sehr spektakulär (hoffentlich) endgültig ab und verzichtet dabei auf ewigkeitsorientierte Wasserspiele zugunsten einer nicht mehr ganz tagesaktuellen Pressearbeit namens „Noch Fragen?“ des Objektkünstlers Olaf Metzel, die offensichtlich in Popularität bei Mitarbeitern, Feuilleton und prospektivem Publikum auf einer Höhe mit Ueckers trockengelegter Tropfinstallation schwimmt.  Ob die Staatsbibliothek und ihre Bestände nun für die „Unendlichkeit der Zeit“, die Ueckers Skulptur greifbar machen wollte, ihre Fassung als wetterfeste „Camera Clara des Wissens“ (Andreas Kilb) gefunden haben, bleibt angesichts der prinzipiellen Unberechenbarkeit der Weltläufe unentschieden. Die Webseite der Staatsbibliothek vermerkt zu der Arbeit im Lesesaal im Scharoun-Schiff jedenfalls: „Aufgrund des raschen Verkalkungsprozesses ließ sich jedoch Ueckers Planung nie vollständig umsetzen.“ Und Ruth Buchanans großes Thema ist ja, wie Ian White im Nachwort zu The weather, a building ausführt, ausgerechnet die Allegorie.

Lieber halten wir uns an den feierlichen Ausblick, das Andreas Kilb zum neuen Lesesaal im FAZ-Feuilleton formuliert:

„Berlin hat jetzt zwei Hochaltäre des Lesens, Max Dudlers Grimm-Zentrum an der Stadtbahntrasse und den Würfel von HG Merz. Der eine setzt ganz auf die Suggestion des Buchkastens, in dem man sich als Glied einer weltumspannenden Gemeinde geborgen fühlen kann. Der andere stemmt den Kasten himmelan, auf dass die Erleuchtung durch die Schrift niemals ende. Als Leser wird man hier wie dort glücklich.“

Wenn dann, so die Hoffnung, im Lesesaal etwas tropft, sind es hoffentlich nur die Tränen des Lektüreglücks.

(bk, 11.12.2012)

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