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Der Krieg in unserem Pad. Über militärische Konflikte und Social Media.

Posted in LIBREAS aktuell, Sonstiges by Ben on 17. November 2012

von Ben Kaden

Eine jedenfalls für mich sehr aufsehenerregende Entwicklung ist der außerordentliche Einsatz von Social-Media-Werkzeugen durch die Israel Defense Forces als Begleitung der aktuellen Militäreinsätze im Gaza-Streifen. (vgl. auch diesen Beitrag auf heise.de) Vom Twitter-Feed über einen – fast schon traditionell anwirkenden – YouTube-Kanal bis hin zu einem Tumblr-Blog wird die Weböffentlichkeit massiv und gezielt mit Informationen versorgt. Man könnte in gewisser Weise von einem Trend zum Warketing sprechen. Eindeutige Info-Grafiken bieten sich dafür geradezu an und ergänzen die fotografische Berichterstattung, die die realweltlichen Schäden gezielt dokumentieren.

Das sich dahinter befindliche Anliegen ist selbst mit wenig diskursanalytischen Gespür klar erkennbar: Die Informationsströme zum militärischen Vorgehen werden zwar nicht vollständig kontrolliert, aber doch maßgeblich gelenkt und beeinflusst. Je mehr Nachrichten über diese Kanäle gestreut werden, desto stärker kann man auf das Bild des Einsatzes in den Augen der (westlichen) Öffentlichkeit, vor der man hinsichtlich des eigenen militärischem Vorgehens grundsätzlich eine Legitimationspflicht hat, einwirken.

Dass diese Pflicht existiert, ist ein zentraler Verdienst der Demokratie. Und sie sollte durchaus weitaus überzeugendere Argumente einfordern, als beispielsweise, dass der Einsatz so minimalinvasiv wie möglich erfolgt und Kollateralschäden weitgehend vermieden werden. Einerseits ist das für Außenstehende kaum tatsächlich zu überprüfen und andererseits ist dieses Bekenntnis heute ohnehin nur die Anerkennung einer Selbstverständlichkeit militärischer Interventionen. Auf einer zweiten Ebene dient die Betonung dieses Aspekts zur Verstärkung einer Gut-Böse-Dichotomie, zumal ein diesbezügliches Fehlverhalten (vermeintlich oder real spielt hier fast keine Rolle) des Gegenübers oft überhaupt erst die Gegnerschaft herstellt und den Einsatz erforderlich macht. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass häufig dieselben Argumente von beiden Seiten angeführt werden. Die Grausamkeit des Anderen und damit verbunden das eigene Recht auf Selbstverteidigung verschmelzen an diesem Punkt und machen die Situation für die Außenstehenden, die nicht zuletzt über Social-Media-Nachrichten direkt einbezogen werden, undurchschaubar. Man kämpft heute offensichtlich stärker denn je nicht nur gegen einen Opponenten und das Einverständnis der eigenen Bevölkerung sondern zugleich um die Zustimmung einer externen Öffentlichkeit (=der Weltöffentlichkeit). Unter anderem auch damit, der Berichterstattung des Gegners ein diesbezüglich manipulatives Interesse vorzuwerfen bzw. nachzuweisen. (vgl. dieses Beispiel) Die gerechte Krieg muss im globalen (bzw. wenigstens westlichen) Diskurs allgemein als gerechtfertigt interpretiert werden. Die mediale Begleitung erfüllt vor allem den Zweck, dies mit immer neuen Nachrichten, die als Argumente gelten sollen, abzusichern.

Die gestreuten Meldungen selbst dienen wiederum als ein Baustein der Berichterstattung in der Presse (vgl. dieses Beispiel bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) Demzufolge ist es auch hinsichtlich der mittelbaren Informationssteuerung zum Konflikt von außerordentlicher Bedeutung, möglichst viele Nachrichten kontrolliert zu streuen. Zumal dann, wenn Korrespondentennetze so ausgedünnt sind, dass Massenmedien und Presse nur bedingt eigenständig Informationen und Eindrücke vor Ort einholen können. Derartige Konflikte im 21. Jahrhundert sind de facto immer, mitunter vielleicht sogar zunächst vorrangig, Echtzeit-Kommunikationsprozesse im Web und davon ausgehend in den Massenmedien.

Erstaunlich ist hierbei die Kommodifizierung des Konflikts. Denn er wird über dieselben Kanäle und mit ähnlichen Strategien auf den Aufmerksamkeitsmärkten kommuniziert und damit in gewisser Weise als „Event“ durchgesetzt, wie es mit Produktinnovationen, Sportmeisterschaften oder Wahlen geschieht.

Ob YouTube wirklich kriegsentscheidend sein könnte, ist schwer zu beurteilen. Aber es ist für einen „Krieg der Bilder“ bereits eine etablierte Oberfläche – was die Frage aufwirft, welche Macht der Institution zukommt, die diese Oberfläche kontrolliert. Welchen Stellenwert kann also ein privatwirtschaftliches Unternehmen in einem derartigen Zusammenhang z.B. als Torwächter erhalten?

Je stärker politische Entscheidungen auch in Angelegenheiten von der Tragweite der derzeitigen Entwicklungen im Nahostkonflikt in Abhängigkeit von solchen Plattformen stehen, desto dringlicher wird die Auseinandersetzung mit einer deratigen informationsethischen Grundfrage, zumal zu erwarten ist, dass im Sinne eines Cyberwars hier direkt und entlokalisiert ein weltumspannender Nebenschauplatz entsteht, was nebenbei ganz neue Anforderungen an die IT-Sicherheit stellt. Der Konflikt wird nicht mehr nur in den Zeitungen oder in den Rundfunknachrichten verhandelt, sondern Teil der Oberflächen, über die wir auch (unterschiedlich intensiv) unser digitalen Sozialleben von der Partnerschaft bis zum Büroalltag verwalten, organisieren und abbilden.

Dass Konflikttrigger mittels derartiger digitaler Vernetzungen nahezu in Echtzeit benutzt werden können, um an verschiedenen Ecken der Welt gleichzeitig bestimmte Wirkungen hervorzurufen, zeigte das Geschehen um das „Innocence of Muslims“-Video. Da derartige mediale Auslöser nahezu immer Interessen geleitet forciert und also zur Manipulation in welcher Stoßrichtung auch immer eingesetzt werden können, wird auf Seiten der Empfänger, die im Social-Media-Kontext vor allem in ihrer Rolle als Multiplikatoren interessant sind, eine sehr hohe Beurteilungs- und Medienkompetenz sowie ein stabiles kritisches Grundverständnis für diese Prozesse notwendig. Man benötigt folglich eine auf derartige Phänomene vorbereitende informationsethisch grundierte Informationskompetenz.

Es gab gestern in meinem Leipziger Seminar zum Electronic Publishing eine interessante Diskussion darüber, inwieweit die Vermittlung derartiger Beurteilungs- und Nutzungsfähigkeit für digitalen Kommunikationsumgebungen ein Bestandteil der Curricula des Schulwesens sein sollte. Bereits ohne die hier umrissene Problematik scheint solch ein Schritt überaus plausibel. Dass er perspektivisch vermutlich notwendig wird, dürfte spätestens dann auf der Hand liegen, wenn die digitalen Kommunikationsnetzwerke als ubiquitäre Begleitstruktur des Alltags zum Austragungsort von Image-Kampagnen geworden sind, die nicht etwa das nächste Tablet bewerben, sondern eine Truppeninvasion. Dann nämlich spätestens gehört die Befähigung zur kritischen kommunikativen Auseinandersetzung mit prinzipiell manipulativ ausgerichteten Nachrichten- und Kommunikationsströmen in digitalen Social Networks zur elementaren demokratischen Handlungskompetenz.

(Berlin, 17.11.2012)