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Weltgeist, ick hör dir trapsen. Wayne Bivens-Tatums Versuch, die Aufklärung zu instrumentalisieren

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 6. November 2012

Karsten Schuldt

Zu: Bivens-Tatum, Wayne (2012). Libraries and the Enlightenment. Los Angeles: Library Juice Press, 2012

Libraries and the Enlightenment ist – fast kann man es erwarten, da es bei Library Juice Press erscheint – nicht wirklich ein Buch über die Aufklärung und ihre Beziehung zu Bibliotheken oder der Bibliotheksgeschichte. Vielmehr ist es ein Versuch, einen sehr reduzierten Satz an moralischen Regeln als Teil der Aufklärung zu erklären und diesen dann in die US-amerikanischen bibliothekspolitischen Diskussionen einzuführen.

Wayne Bivens-Tatum, der Autor des Buches, gibt vor, eine Beziehung zwischen den beiden Themenbereichen des Buchtitels herzustellen. Real allerdings möchte er eigentlich folgendes sagen: Die Aufgabe der Bibliotheken ist es (a) allen Menschen offen zu stehen, (b) alle Medien zur Verfügung zu stellen und (c) Bildung zu befördern. Dieser Meinung kann der Autor auch gerne sein, aber seine inhaltliche Herleitung funktioniert nicht richtig.

Im ersten Teil des Buches stellt er sehr überblickshaft die Aufklärung als philosophische und teilweise politische Bewegung dar. Das geschieht nicht zur skizzenhaft, sondern gipfelt auch in zwei relativ extremen Aussagen.

Libraries and the Enlightenment, im Cabaret Voltaire. Stellt die Frage: Ist der Dadaismus für den Autor auch eine Triebfeder der Aufklärung?

Im ersten Schritt erklärt Bivens-Tatum jede Kritik an der Aufklärung, die er wahrnimmt, für obsolet. Sie würde sich auf einige Auswüchse konzentrieren, auf Abwege, aber nicht auf die Aufklärung an sich. Dabei teilt er zuvorderst in rechte und linke Kritik, behauptet zudem eine Kontinuität zwischen der zeitgenössischen konservativen Kritik an der französischen Revolution und der heutigen US-amerikanischen Rechten, die so einfach auch nicht herzustellen ist. Die linke Kritik sieht er in der Dialektik der Aufklärung repräsentiert, wobei er diesem Buch mehr Einsichten zuspricht als der konservativen Kritik der Aufklärung, ihm allerdings dennoch abspricht, die Aufklärung als Ganzes verstanden zu haben. Auch Adorno und Horkheimer wirft der Autor vor, sich auf Abarten der Aufklärung zu konzentrieren. Die Dialektik der Aufklärung selber wahrzunehmen weigert sich Bivens-Tatum einfach. Ebenso unterstellt er Foucault in Die Ordnung der Dinge nicht wirklich verstanden zu haben, dass es bei der Aufklärung um moralische Fragen ginge. Auch das ist etwas sehr verkürzt.

Es geht dem Autor eh um etwas anderes. Im zweiten Schritt nämlich behauptet er, die USA wären von ihrem Gründungsinhalt her der erste wirklich aufgeklärte Land. Nicht unbedingt in der Umsetzung (explizit erwähnt er die Sklaverei), aber im Anspruch:

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness“,

also die Declaration of Independence, gilt ihm als grundlegendstes Dokument der Aufklärung. Dabei reduziert er die Aufklärung auf die Aussage, dass durch Bildung eine bessere, weil aufgeklärte und damit schlussendlich auch gerechtere Menschheit sich selber erziehen würde. Grundsätzlich ist ihm die Aufklärung eine grundsympathische – aber eben auch irgendwie naive – Bewegung, die mit Bildung alleine die Welt verbessern will. Das wird weder Aufklärung noch der Kritik an ihr gerecht. Es ist zudem etwas absurd im Bezug auf die USA.

Davon abgesehen ist dann der Sprung zu den Bibliotheken sehr einfach: Sie würden, wenn sie ihn annehmen, genau diesen Anspruch erfüllen. So schreibt Bivens-Tatum im zweiten Teil des Buches die Bibliotheksgeschichte rein als eine, die darauf abzielen würde, den angeblichen Anspruch an Bildung für alle umzusetzen. Gegen alle Widerstände hätte sich dieser Anspruch immer weiter durchgesetzt. Erst in der Zielsetzung, beispielsweise in kleinen Univerisitätsbibliotheken und den ersten Öffentlichen Bibliotheken, dann auch in der realen Ausgestaltung dergleichen. Nach und nach würde der Anspruch auf mehr und mehr Menschen ausgedehnt, nach und nach würde die Idee einer universellen Bibliothek, in der alle Zugriff auf alle Dokumente haben, Realität. Wenn es ihm gefällt, spring Bivens-Tatum auch einfach über einige Jahrhunderte hinüber und landet bei der Digital Public Library of America, die er als mögliche Umsetzung einer universellen Bibliothek antizipiert.

Wie gesagt: Das ist alles etwas naiv, wenn auch grundsymphatisch. Was Bivens-Tatum einfordert, sind Bibliotheken in den USA, die sich dem Anspruch, Bildung für alle zu ermöglichen, klar werden. Gleichzeitig stellt er es so da, als ob dies durch den Weltgeist – wobei Hegel im Buch gar nicht vorkommt – quasi eh geschehen würde. Die Argumentation erinnert an die Stellen in Jürgen Kuczynskis Dialog mit meinem Urenkel, wo dieser behauptet, dass er als Kommunist weiss, dass der Kommunismus kommen wird, weil es quasi vom Weltgeist (ergo die historische Entwicklung der Gesellschaft) so eingerichtet wird und die einzige Frage noch wäre, wann und wie man diese Entwicklung vorantreiben kann. Ungefähr so klingt Bivens-Tatums Bibliotheksgeschichte auch: Alles wird aufgeklärter, die Frage ist nur, wie lange es noch dauert, bis alles perfekt ist und was dafür noch aus dem Weg geräumt werden muss.

Beim Lesen des Buches merkt man schnell, dass es dem Autor einzig um die USA geht und der Rest der Welt nur in den Blick gerät, wenn er zur Argumentation etwas beitragen kann. Die Franzözische Revolution, die Berliner Universität kommen selbstverständlich vor, aber viel mehr auch nicht. Das Buch ist ein bibliothekspolitisches Pamplet, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Historisch ist es an vielen Stellen angreifbar, es ist auch zu unterkomplex um wirklich zu überzeugen. Und es versteht die Entwicklung des Bibliothekswesens als sehr gradlinig, höchstens einmal unterbrochen, aber immer in die gleiche Richtung zielend. Deshalb endet es dann auch mit solchen Sätzen wie:

„Librarians as profession have an obligation to defend the values of their profession, values originating in the philosophical and political principles of the Enlightenment.“ (Bivens-Tatum, 2012, S. 186)

„American libraries were inspired by the values of the Enlightenment, and protecting these values in the future is our professional obligation.“ (Bivens-Tatum, 2012, S. 186)

Für Bibliotheken in Europa sagt das Buch aber nicht wirklich etwas aus. Es ist eine Argumentation gegen den rechten Mainstream in den USA und gegen eine zu einseitige Konzentration bibliothekarischer Arbeit auf Unterhaltung und Gewinnung von Nutzerinnen und Nutzern.

Zürich, 06.11.2012

3 Antworten

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  1. Walther Umstaetter said, on 6. November 2012 at 23:01

    Ist es nicht mehr so, dass der Aufklärungsgedanke der Enzyklopädisten in den Bibliotheken nicht untergehen sollte? Aus meiner Sicht laesst sich der im Gedanken der Knowledge Organisation (hierarchisch thesaurusartiger Enzyklopaedien) sogar sehr schoen weiter entwickeln. Walther Umstaetter

    • Karsten Schuldt said, on 7. November 2012 at 10:46

      Bivens-Tatum zieht die Enzyklopädisten heran, um von ihnen die Idee einer Universellen Bibliothek zu borgen. Um die Organisation von Wissen macht er sich keine Gedanken.

      • Walther Umstaetter said, on 7. November 2012 at 12:41

        Die sogenannte Falsifikation Poppers laesst sich unterschiedlich realisieren. So kann man eine Arbeit lesen, nach allen Fehlern darin suchen und sie so verreissen, moeglicherweise auch einfach nur verbessern. Man kann in der Arbeit aber auch die brauchbaren Ansaetze suchen und diese, so man dazu in der Lage ist, weiter entwickeln, was der eigentliche Sinn der Wissenschaft ist. Aus meiner Sicht erwaechst hier die Frage, sollten wir nicht wirklich an die Enzyklopaedisten anknuepfen, an das alte Bildungsideal, das zwar natuerlich von der kommunistischen und insbesondere der zeitlich folgenden nationalsozialistischen Gegenbewegung, mit der Behauptung, Objektivitaet sei zu beseitigen, weil es der Radikalisierung der Massen entgegen steht (s. Mein Kamp, und die Buecherverbrennungen), und an die enzyklopaedistische Idee, das Wissen von heute zu sammeln, zu ordnen und verfuegbar zu machen, kurzum, mit heutigen Mitteln zu organisieren. Dazu werden wir u.a. die Altmetrie, zur Filterung verlaesslichen Wissens (evidence based information), brauchen.


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