LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (8): Über Leidenschaft, Routine und Philatelie

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 9. August 2012

Ben Kaden

Wer lebt, der weiß, dass es die kleinen stabilen Rhythmen des Alltags sind, die uns die notwendige Orientierung geben, um nicht permanent anfällig für innere und äußere Rebellionen zu werden. Routinen geben Sicherheit und bilden somit im besten Fall die Voraussetzung, auf ihnen als Fundament eine Glanzleistung nach der anderen herunter zu polieren. Nun ist die postmoderne, spätkapitalistische und hochbeschleunigte Lebenswelt nicht mehr unbedingt rundum darauf ausgelegt, balancierte, auf Muße setzende, soziale institutionalisierte Wiederholungshandlungen (vom Kirchgang bis zum konzentrierten dreigängigen Mittagessen) überhaupt zu akzeptieren. Selbst wer sehr selektiv seine Blogrundschau und E-Mail-Kommunikation angeht, erkennt schnell, dass ganz wie von selbst am Morgen die entsprechenden Sammelbecken wieder vollgelaufen sind, die am Vorabend mühsam leergeschöpft wurden. Wer hier in diesem Kontext kommunizieren will, muss andere Strategien finden.

Die neuen Routinen sind also solche, die aus den Dingen selbst entstehen (häufig spricht man vom Sachzwang) und vor allem erst einmal ein Phänomen der Masse. Glücklicherweise gibt es darin nur wenige Akteure, die durchgängig originell kommunizieren. Denn hochqualitative und –relevante Informationen in dieser Frequenz würde uns endgültig über die Kante stoßen und eine informationelle Emigration in die Offline-Welt quasi aus Gründen der Selbsterhaltung erzwingen. Daher erweist sich die Mehrzahl der zu verarbeitenden vermeintlichen Informationen am Ende erfreulicherweise doch als redundant und also verzichtbar.

Es bleiben zwei Probleme: Erstens weiß man vorher nicht unbedingt, wo etwas redundant ist und wo nicht und muss leider doch die meisten Nachrichten erst einmal öffnen und sichten. Und zweitens gibt es trotz allem irgendwo erstaunlicherweise immer wenigstens ein oder zwei Leute, die offensichtlich kein Problem haben, ein informationelles Dauerfeuer mit höchster Relevanz in ihre Umwelt strahlen zu lassen, also Leuchtturmdenker und -rhetoriker neuer Generation, die auf Hochleistungsdenken und -analysieren trainiert in einer für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Geschwindigkeit immer sofort exakt das sagen oder schreiben, was man selbst nach langer Überlegung nicht besser hätte ausdrücken können. Das sind die Olympioniken der intellektuellen Arbeit und wer mit ihnen zu tun hat, vergöttert sie entweder, eifert ihnen nach oder hasst sie.

Ich weiß nicht genau, wie die Routinen dieser diskurslenkenden Protagonisten unserer Gegenwartskultur aussehen und ob sie sich wie ich jeden Monat auf den ersten oder zweiten Donnerstag freuen, an dem die Deutsche Post traditionell ihre Briefmarkenneuausgaben an die Schalter bringt. Ganz sicher würde es ihnen aber nicht passieren, dass sie einen Monat zu früh (nämlich an diesem Donnerstag) in der Erwartung, einen Text über die Briefmarkenemission zur Deutschen Nationalbibliothek für den LIBREAS-Countdown schreiben zu können, zu der ihnen nahe liegenden Poststelle eilen, um dort nur Zuschlagsmarken mit Dampflokomotiven und eine Würdigung von Kaiser Otto I. vorzufinden. Die Peinlichkeit ist deshalb besonders groß, da ja erst vorgestern in diesem Weblog das korrekte Ausgabedatum der Bibliotheksbriefmarke genannt wurde (13.09.). So stimmt zwar die Routine, nicht jedoch ihr Inhalt. Die daraus entstehende Irritation ist naturgemäß erheblich.

Wenn also die philatelistische Feier von 100 Jahren Nationalbibliothek verschoben werden muss, kann man vielleicht wenigstens zur Kompensation ein kleines selbstgewähltes dazwischen schieben: Vor 55 Jahren (leider auch nur ein Circa-Wert, der Ausgabetag war nämlich der 18.10.1957), also noch im vorrevolutionären Kuba, erschien eine Sonderbriefmarke zu Ehren der kubanischen Nationalbibliothek, begleitet von einer zweiten, die ihren ersten Direktor, Domingo Figarola Caneda, mit seinem berühmten Seitenblick zeigt.

Briefmarken Kuba Nationalbibliothek José Marti

Bibliophilatelisten sehen sofort die Lücke auf diesem Bild. Es fehlt die Tarifa general de precios de medicina, also die dritte Marke im Satz zur kubanischen Nationalbibliothek. Die Apothekenpreisliste aus dem Jahr 1723 war immerhin die erste Publikation die auf Kuba gedruckt wurde. Und die 4 Cent-Marke fehlt nicht nur auf dem Bild, sondern sogar in meiner Sammlung. Die Nationalbibliothek José Marti hat die Broschüre, die mittlerweile natürlich selbst eine Preziose ist, dagegen im Bestand. Und berichtet auf dieser Seite darüber.

Die Einrichtung selbst wurde 1901 gegründet und zwar per Militärerlass der USA, die zu dieser Zeit als Ergebnis des „Splendid Little War“ (John Hay) zwischen Spanien und den USA die Insel kontrollierten. Die Briefmarke zeigt den Neubau aus der Mitte der 1950er Jahre, der dann auch erst den Namen José Marti erhielt und offensichtlich erst im Juni 1957 offiziell übergeben wurde, was zwar das Ausgabedatum nicht jedoch die Jahreszahl 1956 erklärt. Möglicherweise feierte man damit einfach nur die Fertigstellung des 15 Stockwerke zählenden Gebäudes. Finanziert wurde der Bau übrigens über eine zeitweilig erhobene gesonderte Zuckersteuer – eine Hingabe an das Bibliothekswesen, die heute und in unseren Breiten kaum mehr denkbar ist.

Domingo Figarola Caneda, dessen 160sten Geburtstag man in diesem Jahr hätte feiern können, hat dies allerdings nicht mehr mitbekommen. Aber es hätte ihn sicherlich gefreut. Zwar ein Bibliophiler, bibliothekarisch aber doch ein Quereinsteiger bekam er eine Expressweiterbildung im British Museum und musste zeitlebens mit schwindenden Etats kämpfen. Seine eigene Sammlung war ohnehin bereits in den Bestand der Bibliothek integriert. Zusätzlich finanzierte er jedoch Ankäufe für die Nationalbibliothek mit Teilen seines nicht sonderlich üppigen Gehalts – auch hier ist eine bewundernde Anerkennung der Hingabe mehr als angemessen, selbst wenn die Bibliotheksgeschichte sicher zahlreiche Beispiele eines solchen Idealismus‘ enthält. Dass er sich permanent mit seinen Vorgesetzten anlegen musste, die der Nationalbibliothek weitaus weniger Wertschätzung angedeihen ließen, ist vielleicht eine ähnliche Konstante der Bibliotheksgeschichte. Das Hauptproblem leidenschaftsgetriebener Idealisten im Kontrast zu pflichtbewussten Routinearbeitern ist ja seit je, dass sie sich ausgerechnet in ihrem Überborden an Fantasie nicht vorstellen können, dass jemand anderes gar kein Interesse daran haben könnte, sich von der Begeisterung anstecken zu lassen.

Dabei ist es erfahrungsgemäß für die Sache fast gleichgültig ob es sich dabei um Vorgesetzte oder Untergebende handelt. Wo der Funke nicht zündet, die Routine also nicht gebrochen wird, da brennt man in der Regel als Fackelträger schnell aus, während die anderen das für sie Beste aus dem Licht machen, nämlich es von der sicheren Seite betrachten.

Domingo Figarola Caneda wurde immerhin von den Nachgeborenen mit einer Sonderbriefmarke bedacht. Und eine Bibliothek in der Güte, von der er immer träumte, haben sie schließlich auch noch gebaut. Insofern gleicht sich in der Weltgeschichte so manches ein bisschen aus. Eventuell hätte ja der Schriftsteller José Lezama Lima, dessen 36sten Todestag man heute in der kubanischen Nationalbibliothek gedenkt, erklären können, weshalb. Denn sein Steckenpferd war der Taoismus und zu diesem veröffentlichte er einmal (1965) einen schönen Aufsatz, von dem man heute nur noch den Titel als Metapher zitiert: Las eras imaginarias: la biblioteca como dragón. Unsere rationale Zeit hätte vermutlich aus Brandschutzgründen etwas gegen solche Verknüpfungen. Aber immerhin war Lao-tse, bevor er eine Art Gottheit wurde, ein Bibliothekar. Und entsprechend fällt es José Lezama Lima nicht schwer, zu folgender Einschätzung zu kommen:

„Así, toda biblioteca es la morada del dragón invisible, se apoya sobre la tortuga de espaldar legible.” (So erweist sich jede Bibliothek als eine auf den lesbaren Panzer einer Schildkröte gestützte Wohnstatt des unsichtbaren Drachen. / meine Langenscheidt-Wörterbuch-Übersetzung)

Man weiß also nie, woher die Flammen oder Wogen, die zwischendurch immer mal wieder alles verändern, eigentlich kommen. Weiß man aber, dass der Drache im Chinesischen Long genannt wird, lässt sich das Long-Tail-Prinzip auch anders interpretieren. Und dass man die Schildkröte im Chinesischen gui nennt und ein Graphic User Interface (GUI) als sichtbar machende Schnittstelle zu den dem Auge verborgenen Prozessen in der Maschinerie des Digitalen dient, dürfte Buchstabenmystiker zu abenteuerlichen Schlüssen hinreißen.

Ob man aber über eine Beschäftigung mit der biblioteca como dragón eine Art Tao der Bibliothek erkennen kann und ob dieses Gegenstand der Unkonferenz sein sollte und ob es schließlich angemessen es, auf das metaphorische Potential der Wundertiere aus der Pangu-Welt (der Vogel Phönix und das Qilin fehlen noch) einzugehen, muss an dieser Stelle offen bleiben.

Dass das Wechselspiel von Leidenschaften, Interessen und Routinen das Drehmoment unserer Arbeit prägt, lässt sich dagegen kaum bestreiten. Und könnte dort thematisieren werden, wo wir nach den höchst seltenen Erden utopischer Elemente in unserem Fach fragen.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (9): Citavi oder – wie verändert sich die bibliothekarische Arbeit durch Literaturverwaltungsprogramme?

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 8. August 2012

Matti Stöhr

Citavi Logo

Citavi Logo

An dieser Stelle ist bisher unerwähnt geblieben, dass die nahende Unkonferenz / Summer School von Swiss Academic Software, der Softwareschmiede des so nützlichen wie erfolgreichen Literaturverwaltungsprogramms  Citavi, finanziell unterstützt wird und damit zur Realisierung der Veranstaltung beiträgt. Vielen Dank dafür!

Citavi, welches durch die Kombination von klassischer Literaturverwaltung mit Funktionen zur Wissensorganisation und Aufgabenplanung, nicht zuletzt mit einer sehr einfachen, intuitiven Bedienung besticht, ist – nicht nur – im deutschen Hochschul- und  (wissenschaftlichen) Bibliothekswesen inzwischen hinlänglich bekannt. An einer Vielzahl von Universitäten, Fachhochschulen, aber auch außeruniversitären Einrichtungen können Institutionsangehörige (Studierende, wissenschaftl. MitarbeiterInnen etc.) Citavi kostenlos benutzen – ermöglicht durch Abschluss von Campuslizenzen. Nach eigener Angabe des Herstellers profitieren davon mittlerweile 2/3 der Studierenden im deutschsprachigen Raum – vgl. zur Übersicht die Citavi-Doku über Campzslizenznehmer.

Dass Bibliotheken jedoch mehr tun als Citavi und andere kostenpflichtige Literaturverwaltungssoftware durch Lizenzabschluss zur institutionsweiten Nutzung bereitstellen, ist nicht neu. Mit der Umfrage „Serviceangebote der wissenschaftlichen Bibliotheken im Bereich Literaturverwaltung“ aus dem Jahre 2010 hat dies Thomas Stöber (damals UB Augsburg, nun UB der LMU München) unlängst systematisch erhoben, auf der Webplattform „Litereraturverwaltung & Bibliotheken“ wird der Themenkreis seit Beginn 2011 fortlaufend dokumentiert,  analysiert und diskutiert. (Das jüngste Produkt ist dabei eine dynamische Karte, welche die Verbreitung von bibliothekarischen Dienstleistungen für Literaturverwaltung visualisiert.)

Services zur persönlichen Literaturverwaltung bzw. zu entsprechenden einschlägigen Programmen – genannt seien neben Citavi nur: EndNote (Web), Refworks, Mendeley, Zotero, Papers, Bibsonomy, JabRef, Bibliographix, Qiqqa, BibTeX, CiteUlike, WizFolio, Connotea, Colwiz … –  sind also offensichtlich ein immer wichtiger werdendes, wenn nicht unlängst etabliertes bibliothekarisches Aufgabenfeld. Was mich zunehmend gedanklich beschäftigt, aber bis dato leider (noch) nicht systematisch bearbeiten konnte, ist der Aspekt der Auswirkungen bzw. Konsequenzen der bibliothekarischen Beschäftigung mit Literaturverwaltungssoftware.  Kurzum: Wie verändert sich die bibliothekarische Arbeit durch Literaturverwaltungsprogramme?

Citavi-Desktop mit Karte

Formschön: Citavi-Desktop mit frei<tag>-Karte

Hieraus ergeben sich für mich augenblicklich zwei Teilkomplexe:

  1. Inwiefern verändert sich der  bibliothekarische Alltag durch Entwicklung und Angebot von Literaturverwaltungsservices? Stichworte sind hier u.a.:
    • Arbeitsaufwand / verfügbare Ressourcen (z.B. Personalstunden)
    • Vereinbarung / Existenz von Zuständigkeiten
    • Erkenntnisse in der theoretische wie praktischen Auseinandersetzung mit einzelnen Programmen oder einer Brandbreite
    • Schulungs- und Supportkonzepte /-inhalte
    • Nutzerfeedback / -wünsche und deren Auswirkungen auf die Weiterentwicklung von Services
    • Evaluation
    • Kooperationen / Kooperationspotentiale
  2. Inwiefern werden Literaturverwaltungsprogramme zur Erleichterung bzw. Optimierung der genuin bibliothekarischen Arbeit eingesetzt? Stichworte sind hier u.a.
    • Einbindung von Literaturverwaltungsprogrammen in den Geschäftsgang (Beispiel: Medienakquise durch FachreferentInnen an der UB Bamberg)
    • Integration in Workflows für moderne Informationsservices – z.B. Nutzung von Literaturverwaltungssoftware zur Erstellung von  Hochschulbibliographien (Beispiel: Hochschulbibliographien UB Bochum / UB Dortmund)
    • Softwarenutzung für die individuelle / kollaborative Literaturrezeption und -organisation z.B. für die Sichtung und Auswertung einschlägiger Fachzeitschriften und den darin publizierten Artikeln
    • Nutzung für die individuelle / kollaborative Organisation von bibliothekarischem Fachwissen
    • Nutzung für das Schreiben von Fachpublikationen

frei<tag> 2012 bietet sich daher als Chance, Litereraturverwaltung / Literaturverwaltungssoftware und deren vielgestaltige Implikationen für Bibliotheken in einer eigenen Session zu thematisieren und damit gleichzeitig eine längerfristige, intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung zu initiieren.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (10): Denkraum

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 7. August 2012

Manuela Schulz

Jüngst erreichte die 3. Ausgabe des Jubiläumsmagazins der Deutschen Nationalbibliothek meinen Schreibtisch. Ein sehr hübscher Ausdruck ziert die Titelseite: DENKRAUM. Die  auf den Prozess der geistigen Tätigkeit orientierte Metapher trifft für die Bibliothek in einer gewissen Hinsicht besser zu als beispielsweise „kulturelles Erbe“, denn sie verweist auf lebendiges bewusstes Handeln und damit auf die Gegenwärtigkeit der Bibliothek, wogegen das „Erbe“ die Vergangenheit und damit auch dessen Verwaltung in den Mittelpunkt rückt.

Entspricht das Erbe dem Vermögen, verweist das Denkräumliche auf die Aktivierung und Gestaltung. Der Bibliotheksbestand wird dabei Quelle, Werkzeug und Material. Die acht Buchstaben DENKRAUM umfassen sowohl den physischen Raum, das Gebäude wie auch die Prozesse, die in ihr stattfinden sowie die Menschen, die in ihm in aller möglichen Vielfalt denken. So setzt sich auch der Titel logisch fort: Von Forschungsquelle bis Wissensspeicher: Bibliotheken als Ort der Erkenntnis. Hieran wird der Kern der Institution Bibliothek sichtbar: Der (ewige) Kreislauf von Produktion und Dokumentation.

„Was konstituiert einen Denkraum: die Gedanken, die in dem Raum entstehen, oder die Denkerinnen und Denker selbst? Was gibt einem Denkraum seinen einzigartigen Charakter: Lediglich die Architektur, die Ausstattung und die Lesematerialien?“ (B. Venkat Mani, S. 30)

Die Sommer-Ausgabe schließt thematisch an die bisherigen Ausgaben der Jubiläumshefte Klangraum und Sprachraum an. Die in der dritten Ausgabe enthaltenen Beiträge beschäftigen sich mit der sozialpolitischen und kulturellen Betrachtung von Bibliotheken weltweit (B. Venkat Mani), fragen wie Räume des Wissens beschaffen sein müssen, um „Wissen gleichzeitig sammeln, ordnen und zugänglich machen zu können“ (Anke Te Heesen), blicken auf Beispiele ungewöhnlicher Forschungsarbeiten (Martin Schmitz-Kuhl), erinnern an Zensur und Verbot freien Denkens mit „Abgestempelt und Weggesperrt“ (Nils Kahlefendt) und illustrieren deutsche Dichter und Denker von Immanuel Kant bis Johann Wolfgang von Goethe mit einer Rangliste anhand der jeweiligen Bestandszahlen der Nationalbibliothek.

Auch für die Unkonferenz frei<tag> lässt sich der Topos der Bibliothek als DENKRAUM weiterdenken (sowie in seinen verschiedene Dimensionen be-, über- und unter Umständen auch zerdenken). Denn es bleibt trotz der generellen Schönheit des Bildes die Rolle der Aktiven, dieses tatsächlich greif- und handhabbar zu füllen.

Letztlich ist die Bibliothek aber auch immer wieder eine gesellschaftliche Institution, die nicht nur zur Generierung neuer Erkenntnis existiert, sondern der jeweiligen Kultur auch als Spiegelbild gilt. Inhalt und Form sind Ausdruck unseres Denkens. Diese in ein Gleichgewicht zu bringen, das positive und produktive Erkenntnis ermöglicht, ist vielleicht die zentrale Aufgabe intellektueller Arbeit. Diese Arbeit nach Möglichkeit optimal zu rahmen ist vermutlich die zentrale Aufgabe der Bibliotheken.

Denkraum

Die Deutsche Nationalbibliothek, die sich erst seit ein paar Jahren wieder so nennt, ist 100 Jahre. Briefmarkenfreunde können sich ab 13. September die Briefmarke zum Jubiläum holen.

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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (11): Megatrends, Megatrends

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 5. August 2012

Karsten Schuldt

Zwei Thesen vorneweg:

  1. Thesen eignen sich, wenn sie als solche angenommen werden, besser als Diskussionsstarter als irgendwelche anderen Anfänge.
  2. Das Bibliothekswesen verpasst regelmässig die Megatrends der gesellschaftlichen Veränderung, lernt daraus aber auch wenig, weil dieses Verpassen kaum historisiert diskutiert wird.

Megatrends sind die Veränderung, welche sich langfristig als grundlegende Änderungen durchsetzen. Abzugrenzen davon sind kurzfristige Trends. Es gibt nun als eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse der Zukunftsforschung die Einsicht, dass der gesellschaftliche Diskurs prinzipiell der kurzfristigen (und damit wenig nachhaltigen) Trends massiv überschätzt, die Megatrends aber tendenziell übersieht. Es gibt Versuche, dieses Missverhältnis auszugleichen. (Ob die funktionieren ist eine andere Frage. Zu erinnern ist nur an die Bildungsdelphi Anfang Anfang / Mitte der 1990er, bei denen dem Internet quasi keine Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Bildungswesens bis 2020 zugestanden wurde.) Man kann daraus auch lernen – wenn man es nicht eh schon macht – die ganzen Titelgeschichten über neue Trends – egal ob Technik oder die neuen Partygewohnheiten der Jugend – zu ignorieren oder zumindest nicht für so voll zu nehmen, wie sie dargestellt werden.

Aber: Die oben genannte These (2) geht weiter. Sie behauptet, dass das Bibliothekswesen sich, wenn überhaupt, nur sehr ausgewählt und spät mit Megatrends der Gesellschaft befasst. So haben wir gerade die Situation, dass seit einigen Jahren immer mehr Bibliotheken sich Gedanken um die „jungen Alten“ machen. Was an sich gut ist, aber wenig angesichts der tatsächlichen demographischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Vor allem ist „jetzt“ es sehr spät. (Sicher: Besser spät als nie.) Seit den 1970er Jahren war ersichtlich, dass es zu einem solchen Wandel kommen wird. Oder: Jetzt gibt es Überlegungen dazu, wie die mobile Internetnutzung via Smartphones und Tablets Bibliotheken verändern wird – was richtig ist. Aber auch spät. Wer aufgepasst hat, wusste 2000, dass das kommen wird. Das Bibliothekswesen hätte sich schon früher vorbereiten können, es hätte nicht nur Konzepte entwickeln, sondern schon längst Personal haben können, welches sich auf die kommenden Aufgaben eingestellt hätte.

„Hätte“ ist natürlich im Nachhinein immer schön zu sagen. Aber These 3:

  1. Das Bibliothekswesen kann sich auf Megatrends besser vorbereiten, wenn es aus verpassten Megatrends lernt und gleichzeitig sich über die gesellschaftlichen Veränderungen selbstständig und ergebnissoffen (also vor allem nicht an der Frage orientiert, wie die Bibliothek, wie sie jetzt ist, durch die Megatrends hindurch erhalten bleiben kann) informiert.

Mehr habe ich zu dem Thema nicht zu sagen, erstmal. Vielleicht noch: Es geht nicht nur dem Bibliothekswesen so, sondern auch weiteren Teilsystemen der Gesellschaft. Das zur Beruhigung.

Hey hey offene Gesellschaft, was geht? Was hier abgeht ist die offene Gesellschaft, die sich durchsetzt, auch gegen den Diskurs. Mitten in Zürich, auf dem Caliente!, nach eigenen Angaben das grösste Fest lateinamerikanischer Musik im deutschsprachigen Raum (für Umme, und die Caipirinhas für nur 10 Franken wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist), ein Auftritt einer Latinoband, bestehend nur aus Schweizern, auf einer Bühne (wie gesagt: mitten in Zürich, wenn auch im hippen Aussersihl, nicht irgendwo) wo gar nicht erst versucht wird, etwas anderes zu sprechen, als Spanisch. Warum auch, wenn alle auch damit klar kommen. Komisch, Schweizer, die auf spanisch Akons (Senegalese mit Lebensmittelpunkt USA, btw) „Don’t matter“ („Nobody wants to see us togehther“) covern und dann ihre Lations grüssen? Wo doch gefordert wird, dass wenn, dann in Zürich bitte Französisch als Fremdsprache neben dem Deutschen verwendet wird? Nope. Offene Gesellschaft in Aktion. Reagieren Bibliotheken darauf? Kriegen sie es überhaupt mit?
(Und das ist ja nur ein Beispiel, dass gerade so über den Weg lief. Auch kein perfektes, den halb zehn war dann Schluss, die Musik aus. Weil offen ja, aber so offen urban wie in, sagen wir mal, Berlin oder Hamburg, so offen ist die Schweiz dann auch wieder nicht.)

Zum Abschluss noch Thesen zu sich abzeichnenden Megatrends, auf das Bibliothekswesen sich vorbereiten könnte:

  1. Die Migration nach Deutschland wird massiv zurückgehen. Die Aufgabe wird dann vor allem darin bestehen, die jetzt hier lebenden Kulturen sich entwickeln und zusammen wachsen zu lassen.
  2. Trotz allem Zwang zum Sprechen der Nationalsprachen, der aufzubauen versucht wird, werden die deutschsprachigen Gesellschaften (endlich wieder) praktisch multilingual. Dies wird mit einer Zunahme des Bildungsniveaus einhergehen.
  3. Die zerbrechliche Gesellschaft, als die Nico Stehr die moderne Gesellschaft beschreibt, wird immer weiter zu einer flexiblen und offenen – ergo „zerbrechlichen“ – Gesellschaft werden, was ihre Stärke sein wird.
  4. Die gesamte Gesellschaft wird urbaner. Das bezieht sich nicht nur auf Berlin und Zürich, das bezieht sich auch auf den dörflichen und den suburbanen Raum. Urbaner heisst: Mehr Lebensentwürfe werden lebbar, der ÖPNV wird wichtiger, die Kultur wird mehr. Das heisst aber auch, gerade für die Menschen, die mit dem Urbanen nicht so viel anzufangen wissen: Sie werden immer mehr gefordert werden.
  5. Gleichzeitig werden territoriale Zonen, die sich jetzt schon abzeichnen, entstehen, die fast keine Anbindung mehr an die restliche Gesellschaft haben. Prädestiniert sind dafür der Osten Deutschlands und die immer menschenleerer werdenden Alpenregionen Österreichs und der Schweiz.
  6. Die Erkenntnis, dass zentralisierte Systeme und Steuerung von Systemen durch zahlenbasierte Planung und ständigen Vergleich disfunktionale Effekte haben, wird sich gesellschaftlich (wieder) verbreiten. Es wird versucht werden, dem abzuhelfen.
  7. Die Bedeutung des Fernsehens wird abnehmen.
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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (12): Gedankliche Lockerungen zum Thema Informationskompetenz

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 4. August 2012

Lars Müller

Ein gut gemachtes Bibliotheks-Discoverysystem, durchforstet mit einer Suchanfrage alle Bestände gleichzeitig, zeigt passendes oben an und der Volltext kommt mit einem weiteren Klick auf den Bildschirm. So ist es keine Kunst mehr, bestimmte Informationen zu finden und sich zu beschaffen. Kniffliger ist es dagegen, diese Systeme zu konfigurieren. Auch Nutzerinnen und Nuzter stehen heute eher vor einem Konfigurationsproblem als vor einem „suchen-finden-beschaffen“-Problem. Diese Entwicklung hat sich in den Ansätzen zur Informationskompetenzvermittlung bislang noch nicht hinreichend niedergeschlagen.
In zahlreichen Stellungnahmen und Positionspapieren (WR, DFG, BID, KII) wurde in jüngerer Zeit der Weiterentwicklung des Themas Informationskompetenz ein hoher Stellenwert eingeräumt. [6], [3], [1], [4] Allerdings ist in diesen Papieren wenig richtungsweisendes zur Umsetzung der programmatischen Forderungen enthalten. Es rücken wahlweise Informationsbewertung (WR), Informationsbewältigung (DFG, BID) oder Informationserzeugung, -verarbeitung und -verbreitung (KII) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im bestehenden Rahmen werden Schwerpunkte gesetzt bzw. die rechercheorientierte Perspektive um weitere Themen angereichert.
Die phantasielose Antwort der bibliothekarischen Fachwelt (BID, dbv) lautet: Entwicklung von Modulen oder curriculare Verankerung. [1], [2] Das ist alles gut, aber nicht ausreichend.

1. Informationsprozesse sind unregelmäßig und eher zirkulär angelegt, als linear.

Modelle zur Informationskompetenz sind zumeist linear. Eine rühmliche Ausnahme bildet da das SCONUL-7-Säulen-Modell, das Standards der Informationskompetenz zirkulär anordnet und damit verdeutlicht, dass Informationskompetenz nicht in einem linearen kontinuierlichen Prozess erworben wird.[5] Die zirkuläre Anordnung erleichtert es, sich auch andere Informationsvorgänge als den klassischen Information-Retrieval-Prozess vorzustellen und bspw. die Rezeption von Mailinglisten oder RSS-Feeds als Gegenstand der Informationskompetenzvermittlung zu abzubilden.

2. Ein schlüssiges Modell der Informationskompetenz hat mindestens drei Dimensionen.

Modellkonzepte zur Informationskompetenzvermittlung müssten über mindestens drei Dimensionen verfügen:

  1. Die Standards im Informationsprozess
  2. Das (Ausbildungs-)Niveau der Zielgruppe
  3. Die fachliche Ausrichtung der Zielgruppe

Die Punkte zwei und drei finden in den gängigen Standards zwar Erwähnung, in ein kohärentes Modell sind sie bisher aber nicht eingeflossen. Nur das bereits erwähnte 7-Säulen-Modell vermochte die erste und zweite Dimension zu vereinen. Es reicht nicht aus, das Modell je Fachdisziplin zu duplizieren, weil damit disziplinspezifische und -übergreifende Aspekte nicht mehr in einem Modell verdeutlicht werden können.

Informationskompetenz im neuen Licht auf der frei<tag>?

3.  Standards, Konzepte und Angebote zur Informationskompetenz müssen entkoppelt werden.
Angebote zur Informationskompetenzvermittlung (Module, E-Learning-Tutorials…) lehnen sich meist an lineare Informationskompetenzstandards an. Zu leicht wird folgender Analogiekurzschluss gezogen: Standard → Konzept → Modul. Das versperrt den Blick dafür, was Bibliotheken außer der Entwicklung von Lehrmodulen noch alles für die Informationskompetenzbildung ihrer Nutzerinnen und Nutzer tun könnten.
Ein Konzept zur Vermittlung von Informationskompetenz sollte sich an einem Standard und zugleich auch an Zielgruppe und Zielen der eigenen Einrichtung orientieren. Keineswegs muss das Konzept vollständig durch eigene (Lehr-)Angebote abgedeckt werden, wohl aber durch die Entfaltung eigener Aktivitäten, begleitet von Services.

4. Die Vermittlung von Informationskompetenz und Bereitstellung von Informationsservices bilden eine Einheit.
Wissensvermittlung zur Informationskompetenz und Service bilden eine Einheit. Wer Informationskompetenz erwirbt, muss auch in die Lage versetzt werden, seine/ihre Kompetenzen anzuwenden. Schulungen zu Literaturverwaltungsprogrammen bedingen, dass Katalogdaten in geeigneten Formaten angeboten werden, Schulungen zum Forschungsdatenmanagement bedingen eine technische Infrastruktur für Datenarchivierung und Rechtemanagement…

5. Die „Informationsflut“ ist keine Katastrophe sondern eine Bereicherung.
„Informationsflut“ (BID) wird primär als (Recherche-)Problem begriffen. Die Abschottung vom Informationsfluss, kann aber nicht im Sinne von Informationskompetenz sein. Wird Informationsvermeidung als integraler Bestandteil von Informationskompetenz begriffen, müssen wir uns nicht mehr mit dem Vokabular der Katastrophenbekämpfung gegen die Informationsflut stemmen und der gewaltige Informationsstrom erscheint als willkommene Ressource. Es geht dann bei der Informationskompetenz darum, Informationssuche, -aufnahme und -vermeidung so auszutarieren, dass sie nutzbringend für den eigenen Bedarf sind.

6. Eine zeitgemäße Vermittlung von Informationskompetenz geht über einzelne Techniken im Informationsprozess hinaus und hat die erfolgreiche Konfiguration der eigenen Informationsumwelt zum Ziel.
Wir brauchen bei der Vermittlung von Informationskompetenz einen Perspektivwechsel vom Informationsprozesses hin zur Informationsumwelt.

Wird Informationskompetenz bspw. neu definiert als die Fähigkeit, die eigene Informationsumwelt nach dem persönlichen Bedarf unter effizientem Ressourceneinsatz im Einklang mit informationsethischen Fragen zu konfigurieren, so eröffnen sich für Vermittlung von Informationskompetenz und Dienstleistungen/Services rund um dieses Thema neue und zeitgemäße Denkmöglichkeiten.

Verweise

[1] BID. 2011. Medien- und Informationskompetenz. http://www.bideutschland.de/download/file/Medien-%20und%20Informationskompetenz.pdf.
[2] Deutscher Bibliotheksverband (dbv). 2012. Die Hochschulbibliotheken und die Entwicklung der Informationsinfrastrukturen in Deutschland. Stellungnahme der Hochschulbibliotheken in der Sektion 4 des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) zu den Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur (Gesamtkonzept der KII). http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/Sektionen/sektion4/Publikationen/2012_05_30_Stellungnahme_HSB_zuKII_finale_Version.pdf. Accessed 30 July 2012.
[3] DFG Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme. 2012. Die digitale Transformation weiter gestalten. der Beitrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu einer innovativen Informationsinfrastruktur für die Forschung. Positionspapier. http://www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/positionspapier_digitale_transformation.pdf.
[4] Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur. 2011. Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland. Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder. http://www.leibniz-gemeinschaft.de/download.php?fileid=555. Accessed 30 July 2012.
[5] SCONUL Working Group on Information Literacy. 2011. The SCONUL Seven Pillars of Information Literacy, Core Model for higher Education. http://www.sconul.ac.uk/groups/information_literacy/publications/coremodel.pdf. Accessed 18 October 2011.
[6] Wissenschaftsrat (WR). 2012. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland bis 2020. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2359-12.pdf.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (13): Schaufenster forever

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, Uncategorized by Karsten Schuldt on 3. August 2012

Karsten Schuldt

Der Vanitas-Gedanke. Das Schaufenster in Potsdam.

Wenige Orte verkörpern heute den klassischen Gedanken des Moments, der genossen werden muss, weil er vorüber sein wird, demnächst, wie das Schaufenster in Potsdam. Es ist vergangene Zukunft und zukünftiges Ende. Vergangene Zukunft als architektonischer Ausdruck einer Zukunft, die nie kommen wollte. Die Moderne, der gebändigte Sozialismus der DDR, der human sein sollte und es am Ende doch nur zum Teil war. (Immerhin genügend, um die Revolution nicht im Blut verenden zu lassen.) Aber auch Zukunft, die nach der politischen Wende nicht kommen wollte. Alle Läden, welche die Verheissungen der freien Gesellschaft anboten, zogen letztlich wieder aus. Das Sportfachgeschäft, welches den Raum zuletzt belegte, bevor die FH Potsdam ihn übernahm, hat noch Spuren hinterlassen, wenn man genau schaut. Auf dem Boden dynamische Linien, Feldgrenzen, die auffordern zur Aktivität. Und auch vergangene Zukunft mit dem Versprechen der Moderne, Architektur zu sein, die es letztlich allen ermöglichen sollte, besser zu leben. Kaum jemand will es in dem Maße, wie die gebändigte Moderne des Schaufensters und des alten Gebäudes der FH Potsdam es vorschlug.

Jetzt, 2012, ist das Schaufenster ein Ort des verkündeten Endes, ein Nicht-Ort, ein Zwischenraum. (Wie sie in der Hauptstadtregion zuhauf existieren und bespielt werden vom intellektuellen Proletariat.) In ein paar Jahren vielleicht, so sagt man seien die Pläne, wird das Gebäude mit dem Schaufenster und dem Fachbereich Informationswissenschaften abgerissen. Vielleicht. (Pläne ändern sich.) Deshalb aber trägt das Schaufenster ein vorhergesagtes Ende in sich. Was auch immer in ihm passiert, getan wird, es ist prekär, kurzfristig angelegt, spontan fast. Allerdings: Die Zwischennutzung dauert auch schon seit Jahren. Der Raum ist eingespielt als Veranstaltungsort, so sehr, dass man protestieren müsste, wenn dereinst tatsächlich mit dem Abriss begonnen würde.

Wir warten. Wir warten. (Wir warten herein, Potsdam, den dreifachen Fluch.) Noch ist es geschlossen, das Schaufenster, aber immerhin ist es noch da. Und es wird geöffnet sein zur frei<tag>.

Der Raum des Schaufensters ist offen. Solange am Ende alles noch nutzbar ist, kann man räumen und stellen und rücken, wie man will. Frei in einem ausreichend grossen Raum, dessen Struktur wenig vorgibt. Keine festen Tafel, auf die der Blick sich richten müsste. Wenig Wände, die den Blick behindern. Licht von allen Seiten. Und die lässige Morbidität kultureller Projekte und Clubs. Doch gleichzeitig ein Ort der Wissenschaft. Ein Ort, an dem regelmässig Veranstaltungen der FH Potsdam stattfinden. Ein Ort, der einlädt, Wissenschaft als lebendige Tätigkeit zu begreifen, bei der das Wissen gerückt, verstellt, neu geordnet werden darf, bei der Gedanken wenig Grenzen haben und bei der das Denken dennoch transparent sein soll – transparent wie der Raum selber mit seinen Fensterreihen.

Das Schaufenster ist eine Einladung an eine Wissenschaft im Geiste des Vanitas-Gedankens; eine Einladung, die verbunden ist mit der Erinnerung, welche Zukünfte schon gedacht wurden und nicht eingetreten sind; gleichzeitig ein Ort, der Zukunft einfordert.

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It’s the frei<tag> 2012-Countdown (14): Wie leben wir heute?

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Verein by Karsten Schuldt on 2. August 2012

Karsten Schuldt

Wie leben wir eigentlich heute? Die Frage ist immer berechtigt, aber da wir hier gerade einen Countdown haben, der auf einen Countdown rekurriert welcher vor einem Jahr gezählt wurde, drängt es sich etwas auf: Was ist eigentlich passiert in diesem Jahr? Hat sich etwas verändert? Was hat sich verändert? Stehen wir anderswo? Denn wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir dann noch eine weitere Unkonferenz? Wäre dann nicht alles schon gesagt?

Hier haben wir schon die These: Es hat sich etwas verändert, wenn auch eher graduell. Wissenschaft und Bibliothekswesen bewegen sich ja eher langsam. Aber: Linked Open Library Data scheint heute ein weiter verbreitetes Thema zu sein, als 2011. Man muss es nicht mehr erklären. (Oder?) Das als Beispiel. Open Access und Probleme um das Urheberrecht waren schon im letzten Jahr Thema, aber ist es 2012 nicht weiter fortgeschritten? ACTA ist tot, dass war letztes Jahr vielleicht zu hoffen, aber noch lange nicht durch. Als im letzten Jahr die IWP zu De Gruyter Saur Verlag wechselte passierte ausser einigen Vorwürfen in Blogs und Mailinglisten praktisch nichts; als 2012 die Bibliotheksdienst den gleichen Schritt ankündigte, begann innerhalb von Tagen (oder waren es nur Stunden) Diskussionen darum, dass wir eine weitere Open Access Zeitschrift brauchen. (Ob wir sie 2013 dann online sehen, ist eine andere Frage.) Aber das geht mit Entwicklungen in anderen Forschungsrichtungen einher, wo Open Access immer weniger ein Randthema ist. Nicht zu vergessen, dass nicht mehr nur die Piraten, Anonymous und das dazugehörige Umfeld darüber redet, dass wir das Urheberrecht unbedingt verändern müssen, sondern das dies praktisch zum politischen Allgemeinsatz geworden ist.

Was noch? 2011 schien es so, als würde RDA weiter auf die lange Bank geschoben, jetzt scheint es vor der Tür zu stehen. Vielleicht ist das nur eine stille Hoffnung, aber scheint es nicht so, dass damit wieder mal Katalogtheorie betrieben würde? 2011 war Forschungsdatenmanagement noch neu und spannend, heute ist das Thema fast schon wieder durch. Wer hat denn noch nicht etwas dazu gesagt? Und die Sozialen Netzwerke verändern sich. Erinnert sich noch jemand daran, wie omnipräsent Facebook letztes Jahr war? Facebook, die Firma, wo alle darauf warten, dass sie zusammenbricht. (Meine Wette: So August 2013.)

Der Zürichsee. Vor einem Jahr war der auch schon da, wo er jetzt ist, aber wer hätte gedacht, dass eine Karte für die frei<tag> je an ihm vorbeifahren wird? Die Welt und die Leben sind anders geworden, wenn auch leicht. Wie gesagt: Der See war schon da, vieles andere auf dem Bild auch, aber die Potentialität nicht. So sind die Dinge offenbar.

Und es ist nicht zu bestreiten: Auch wir werden älter. Folgende Mail kam letztens bei mir von meiner alten Kollegin an und hat den Text hier motiviert:

Hier läuft alles eigentlich wie immer – nur, dass es jetzt gemeinsam mit der [XYZ] ein paar Gastprofessuren geben wird, die hier Seminare zu verschiedenen Themen geben werden. Am Großantrag wird demnächst in veränderter Runde vermutlich weiter gearbeitet, nachdem es erstmal eine längere Pause gab. Die größte Veränderung hier ist vielleicht eine personelle. Ich werde zu Ende Juli gehen und habe heute gerade meine Nachfolgerin eingearbeitet … In der Hoffnung, dass ich dann die Probezeit ebenso erfolgreich überstehe, wie du 😉

Die Mail deutet an, was bei so vielen Kolleginnen und Kollegen zu beobachten ist: Vieles scheint sich nur langsam zu bewegen oder gar nicht zu verändern („Am Großantrag wird demnächst in veränderter Runde vermutlich weiter gearbeitet, […]“), aber doch ändern sich Dinge („ein paar Gastprofessuren geben wird […]“) und vor allem persönlich geht es immer weiter. Als wir beide (und andere) im Sommer 2011 zusammen in unseren alten Stellen arbeiteten, machte wir immer wieder Witze, dass wir alle nicht mehr da sein werden, wenn die Dinge sich ändern … jetzt sind wir wirklich nicht mehr da. Einige von uns haben schon die Probezeit auf den nächsten Stellen bestanden, andere werden das in ein paar Monaten getan haben.

Ist das gut, ist das schlecht? Macht es zumindest zwischendurch nachdenklich? Mir scheint, solches kurzes Innehalten ist immer wieder mal eine Erinnerung daran, dass sich unsere Umgebung trotz allem sichtbaren Stillstand weiter bewegt. Die Langsamkeit der Veränderungen und Kommunikation, die wir immer wieder einmal bemängeln, sie ist kein Hindernis für die Entwicklung (Fortschritt wollte ich schon schreiben, aber das ist umstritten). Das heisst auch, dass die ganze Kommunikation, die wir so auf Konferenzen, in Zeitschriften und Blogs betreiben, gar nicht so unsinnig ist, wie sie uns manchmal vorkommt. Was nicht heisst, dass alles dufte wird, aber am Ende des Tages haben wir trotz aller Wiederholungen doch auch im Bibliothekswesen einen fortschreitenden Aufbau von Wissen. Immerhin.

It’s the frei<tag> 2012 Countdown (15): Evidence-based library and information practice

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 1. August 2012

Manuela Schulz

In meinem beruflichen Umfeld habe ich auch mit Datenbanken und anderen Informationsressourcen zu Evidenzbasierter Medizin, kurz EbM, zu tun. Die wichtigste Datenbank in diesem Bereich ist The Cochrane Libary, die von der Cochrane Collaboration, einem weltweiten und unabhängigen Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Ärztinnen und im Gesundheitswesen Tätigen, erstellt wird. In Deutschland existiert neben dem Freiburger Cochrane Zentrum auch das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, das übrigens in diesem Jahr wie der Bibliothekartag in Hamburg tagte und ebenfalls von einem Besucherrekord sprach (was hat Hamburg, was Berlin nicht hat?) und sich seit Gründung im Jahr 2000 zu einem immer stärkeren Element bei der Verbreitung Evidenzbasierter Medizin entwickelt.

Arbeitet man im Bibliotheksalltag häufig zum Thema EbM, dann ergibt sich fast zwangsläufig die Frage, wie eine EbB (Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis) aussehen könnte. Auf welcher Grundlage können Bibliothekare oder Informationsspezialisten evidenzbasierte Entscheidungen treffen? Wie kann das in der wissenschaftlichen Beschäftigung Identifizierte in die Bibliothekspraxis umgesetzt werden?

Evidence based Librarianship ist vermutlich nicht das etablierteste Feld in Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, aber es wird durchaus diskutiert. (u. a. auch im LIBREAS-Weblog)  Das Handbuch „Evidence-based practice for information professionals: a handbook“ von Andrew Booth und Anne Brice versuchte bereits 2004 diese Fragen zu beantworten und damit auch die „culture gap between researchers and practitioners“ zu überwinden. In einer Rezension wird auf deren Checkliste zur Anwendung von Evidenz verwiesen:

„The authors have found a simple and effective way to explain the complex process of the search for evidence and the application of results. […] the whole process is explained by ticking the appropriate items in the following checklist:

  • Define the problem
  • Find evidence
  • Appraise evidence
  • Apply results of appraisal
  • Evaluate change
  • Redefine problem (p. 61).“

Zwei Jahre später, in der eigens zu dem Feld gegründeten Zeitschrift EBLIP, stellt Joanne Gard Marshall fest:

„Over the last decade we have seen the concept of evidence based practice (EBP)
emerge not only in the health professions but also in fields such as social work, public
policy and even business. As a group that is dedicated to helping others find the
information they need to do what they do better, it is high time that library and
information professionals put EBP to work for themselves.“

Schließlich gibt es von Caleb Derven und Valerie Kendlin folgende Beschreibung:

„Evidence-based librarianship provides a context within which to formulate questions which require the gathering of evidence in order to successfully answer the question posed. It is praxis-oriented and provides a practical application of the librarian’s knowledge of the decision making process to facilitate and drive service development.“ (Derven, Caleb; Kendlin, Valerie (2011) Evidence-Based Librarianship: A Case Study of a Print Resource Cancellation Project. In: The Journal of Academic Librarianship. Vol. 37, No. 2, S. 168-170. http://dx.doi.org/10.1016/j.acalib.2011.02.009,)

Schaut man auf die eigene Arbeit vor Ort und den Prozess der Neueinführung oder Modifizierung von Services, erkennt man, dass man sich fast immer über Tagungen, Fortbildungen, die deutschen Kernzeitschriften Anregungen und Informationen holt, dass man sich mit Kollegen austauscht, Services ähnlicher Einrichtungen mit den eigenen vergleicht, Best Practice-Beispiele herausfiltert und aus dieser Gemengelage  eine Entscheidung trifft und für die eigene Einrichtung übersetzt. Im Prinzip arbeiten wir implizit fast immer auch evidence based. Idealerweise fließen dabei sowohl wissenschaftliche Ansätze als auch praktisches Erfahrungswissen in eine Entscheidung ein. Von der Bibliothekswissenschaft bzw. einer ausentwickelten Evidenzbasierten Bibliothekspraxis wäre zu erwarten, dass sie diese Verfahren expliziert und daraus Handlungsleitlinien entwickelt.

Birger Hjørland, Kopenhagen, fasst in der Wikipedia zu EBLIP zusammen

„Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP) or evidence based librarianship (EBL) is the application of the interdisciplinary approach known as evidence-based practice (EBP) to problems in the field of library and information science (LIS). This means that all practical decisions maken within LIS should 1) be based on research studies and 2) that these research studies are selected and interpreted according to some specific norms characteristic for EBP. Typically such norms disregard theoretical studies and qualitative studies and consider quantitative studies according to a narrow set of criteria of what counts as evidence. If such a narrow set of methodological criteria are not applied, it is better instead to speak of research based library and information practice.“

Inwieweit dies so zutreffend ist und inwieweit Evidenz basierte Verfahren in der bibliothekarischen Praxis tatsächlich eingesetzt bzw. auch diese Verfahren in den einschlägigen Kommunikationskanälen wie Blogs, Zeitschriften, Sozialen Netzwerken vermittelt werden, könnte auf der Unkonferenz frei<tag> diskutiert werden. (Eine Übersicht zu den bisher vorgeschlagenen Themen gibt es im frei<tag>-Wiki.) Auch wie daraus Standards entwickelt werden können und wie die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis idealerweise funktionieren sollte, kann dabei Gegenstand der Diskussion werden.

Erste Ausgabe der seit sechs Jahren bestehenden kanadischen OA-Zeitschrift EBLIP, deren Ziel es ist „to provide a forum for librarians and other information professionals to discover research that may contribute to decision making in professional practice.“ Mittlerweile sind 26, jeweils umfangreiche Ausgaben erschienen. Im nächsten Juli wird es bereits die 7. Konferenz zu EBLIP in Saskatoon, Kanada, stattfinden.