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It’s the frei<tag> 2012 Countdown (15): Evidence-based library and information practice

Posted in LIBREAS Veranstaltungen by libreas on 1. August 2012

Manuela Schulz

In meinem beruflichen Umfeld habe ich auch mit Datenbanken und anderen Informationsressourcen zu Evidenzbasierter Medizin, kurz EbM, zu tun. Die wichtigste Datenbank in diesem Bereich ist The Cochrane Libary, die von der Cochrane Collaboration, einem weltweiten und unabhängigen Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Ärztinnen und im Gesundheitswesen Tätigen, erstellt wird. In Deutschland existiert neben dem Freiburger Cochrane Zentrum auch das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, das übrigens in diesem Jahr wie der Bibliothekartag in Hamburg tagte und ebenfalls von einem Besucherrekord sprach (was hat Hamburg, was Berlin nicht hat?) und sich seit Gründung im Jahr 2000 zu einem immer stärkeren Element bei der Verbreitung Evidenzbasierter Medizin entwickelt.

Arbeitet man im Bibliotheksalltag häufig zum Thema EbM, dann ergibt sich fast zwangsläufig die Frage, wie eine EbB (Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis) aussehen könnte. Auf welcher Grundlage können Bibliothekare oder Informationsspezialisten evidenzbasierte Entscheidungen treffen? Wie kann das in der wissenschaftlichen Beschäftigung Identifizierte in die Bibliothekspraxis umgesetzt werden?

Evidence based Librarianship ist vermutlich nicht das etablierteste Feld in Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft, aber es wird durchaus diskutiert. (u. a. auch im LIBREAS-Weblog)  Das Handbuch „Evidence-based practice for information professionals: a handbook“ von Andrew Booth und Anne Brice versuchte bereits 2004 diese Fragen zu beantworten und damit auch die „culture gap between researchers and practitioners“ zu überwinden. In einer Rezension wird auf deren Checkliste zur Anwendung von Evidenz verwiesen:

„The authors have found a simple and effective way to explain the complex process of the search for evidence and the application of results. […] the whole process is explained by ticking the appropriate items in the following checklist:

  • Define the problem
  • Find evidence
  • Appraise evidence
  • Apply results of appraisal
  • Evaluate change
  • Redefine problem (p. 61).“

Zwei Jahre später, in der eigens zu dem Feld gegründeten Zeitschrift EBLIP, stellt Joanne Gard Marshall fest:

„Over the last decade we have seen the concept of evidence based practice (EBP)
emerge not only in the health professions but also in fields such as social work, public
policy and even business. As a group that is dedicated to helping others find the
information they need to do what they do better, it is high time that library and
information professionals put EBP to work for themselves.“

Schließlich gibt es von Caleb Derven und Valerie Kendlin folgende Beschreibung:

„Evidence-based librarianship provides a context within which to formulate questions which require the gathering of evidence in order to successfully answer the question posed. It is praxis-oriented and provides a practical application of the librarian’s knowledge of the decision making process to facilitate and drive service development.“ (Derven, Caleb; Kendlin, Valerie (2011) Evidence-Based Librarianship: A Case Study of a Print Resource Cancellation Project. In: The Journal of Academic Librarianship. Vol. 37, No. 2, S. 168-170. http://dx.doi.org/10.1016/j.acalib.2011.02.009,)

Schaut man auf die eigene Arbeit vor Ort und den Prozess der Neueinführung oder Modifizierung von Services, erkennt man, dass man sich fast immer über Tagungen, Fortbildungen, die deutschen Kernzeitschriften Anregungen und Informationen holt, dass man sich mit Kollegen austauscht, Services ähnlicher Einrichtungen mit den eigenen vergleicht, Best Practice-Beispiele herausfiltert und aus dieser Gemengelage  eine Entscheidung trifft und für die eigene Einrichtung übersetzt. Im Prinzip arbeiten wir implizit fast immer auch evidence based. Idealerweise fließen dabei sowohl wissenschaftliche Ansätze als auch praktisches Erfahrungswissen in eine Entscheidung ein. Von der Bibliothekswissenschaft bzw. einer ausentwickelten Evidenzbasierten Bibliothekspraxis wäre zu erwarten, dass sie diese Verfahren expliziert und daraus Handlungsleitlinien entwickelt.

Birger Hjørland, Kopenhagen, fasst in der Wikipedia zu EBLIP zusammen

„Evidence Based Library and Information Practice (EBLIP) or evidence based librarianship (EBL) is the application of the interdisciplinary approach known as evidence-based practice (EBP) to problems in the field of library and information science (LIS). This means that all practical decisions maken within LIS should 1) be based on research studies and 2) that these research studies are selected and interpreted according to some specific norms characteristic for EBP. Typically such norms disregard theoretical studies and qualitative studies and consider quantitative studies according to a narrow set of criteria of what counts as evidence. If such a narrow set of methodological criteria are not applied, it is better instead to speak of research based library and information practice.“

Inwieweit dies so zutreffend ist und inwieweit Evidenz basierte Verfahren in der bibliothekarischen Praxis tatsächlich eingesetzt bzw. auch diese Verfahren in den einschlägigen Kommunikationskanälen wie Blogs, Zeitschriften, Sozialen Netzwerken vermittelt werden, könnte auf der Unkonferenz frei<tag> diskutiert werden. (Eine Übersicht zu den bisher vorgeschlagenen Themen gibt es im frei<tag>-Wiki.) Auch wie daraus Standards entwickelt werden können und wie die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis idealerweise funktionieren sollte, kann dabei Gegenstand der Diskussion werden.

Erste Ausgabe der seit sechs Jahren bestehenden kanadischen OA-Zeitschrift EBLIP, deren Ziel es ist „to provide a forum for librarians and other information professionals to discover research that may contribute to decision making in professional practice.“ Mittlerweile sind 26, jeweils umfangreiche Ausgaben erschienen. Im nächsten Juli wird es bereits die 7. Konferenz zu EBLIP in Saskatoon, Kanada, stattfinden.

 

Eine Antwort

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  1. W. Umstaetter said, on 1. August 2012 at 18:22

    Bei genauer Betrachtung ist Wissen auf der Basis der Informationstheorie per definitionem evidence based information, bzw. begründete Information.

    „Diese Begrüdung ist aber im Prinzip nichts anderes als eine spezielle Form der Redundanz, aus der man auf die folgende Information schließen kann, eine a priori Redundanz.“ (Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum (2009) S. 82) Insofern ist es völlig richtig zu sagen: „Im Prinzip arbeiten wir implizit fast immer auch evidence based. Idealerweise fließen dabei sowohl wissenschaftliche Ansätze als auch praktisches Erfahrungswissen in eine Entscheidung ein.“ Anderenfalls ist es kein wissenschaftliches Arbeiten.

    Die hohe Bedeutung der evidence based medicine kam vor Jahrzehnten ja letztendlich dadurch zustande, dass wir in der Medizin erhebliche diagnostische, therapeutische und iatrogene Anteile haben, in denen von Wissenschaft kaum die Rede sein kann. Da kommt es zu Spontanheilungen, zu Placeboeffekten, zu erheblichen Fehldiagnosen (geschätzt etwa 25%, was relativ wenig ist, wenn man sieht, wie viele Krankheiten die gleichen Symptome zeigen), zu medikamentösen bzw. chirurgisch iatrogenen Schäden etc. Man denke nur an die Fälle in denen beispielsweise ein Krebspatient durch ein Medikament als geheilt gilt, ohne das genauere statistische Überlegungen angestellt werden. Abgesehen davon, dass die Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose sehr viel höher ist, hat ein Einzelwert statistisch betrachtet einen unendlichen Fehler. Aus diesen vielfältigen Fehlern der Medizin können andere Fächer, wie die Biologie, die Soziologie oder auch die Informationswissenschaft sicher viel lernen – nicht zuletzt darum, weil hinter der Medizin ein großes Heer an Wissenschaftlern weltweit mit beeindruckender Finanzkraft steht.

    Walther Umstätter


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