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It’s the frei<tag> 2012-Countdown (22): Kurt Drawert und der entrissene Text

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 25. Juli 2012

Ben Kaden

zu Kurt Drawert: Der entrissene Text. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 168, 21.07.2012, S.21 (bislang nicht online)

„Das bleibt nun so: ein Leben
mit hübschen Maschinen,
fortschrittlich, ohne Geheimnis
am Grunde der Tasse
und nur mit Zeit zu bezahlen. […]“
Kurt Drawert: Das bleibt nun so. (1993)
(in: Kurt Drawert (1994): Fraktur. Lyrik Prosa Essay.
Leipzig: Reclam,  S. 65)

Diese Tage zeigen, dass Berlin noch so etwas wie Sommer in seinem stadtmeteorologischen Repertoire hat und schon wird es eng auf den Straßen. Am Sonntagabend erwies es sich beispielsweise als unmöglich, die Monbijou-Brücke zu queren. Den Anlass des mit Menschen (und zwei, drei Hunden) verkorkten Übergangs bildete ein ganz klassisches Quartett (Violine, Viola, Violoncello, Klavier), welches Joaquin Turinas Klavierquartett in a-moll (op. 67) aus der musikalischen Kammer auf das offene Trottoir holte. Die Menge badete sichtlich in fast andalusisch romantischer Stimmung durch dieses milde Serenadenmeer und als die Milde schließlich in Kühle umschlug, schlurfte man halt weiter, um sich bei den 12 Aposteln eine der mindestens so überbewerten  wie überteuerten Pizzen servieren zulassen. Und dem Hund einen Napf frisches Leitungswasser.

Dort hätte man dann die Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom Samstag bis zur Seite 21 (Literatur und Kunst) aufblättern können, den dortigen Ganzseiter überfliegen und sich den Rest der Nacht mit der Frage beschäftigen können, ob diese Kombination von Piano, Piazza und Pizza für Kurt Drawert noch zulässig gewesen wäre. Denn in gewisser Weise scheint sich der Schriftsteller wenig behaglich zu fühlen, wenn es um die Rekontextualisierung von Werken geht:

„Es ist, wie einen Pianisten der Philarmonie auf den Markplatz zu zerren: Was er immer er spielt, es klingt nach Bockwurst und Bier.“

Was es ist, hat in diesem Fall wenig mit Liebe oder Musik oder gar der Liebe zur Musik zu tun. Sondern es ist die Abbildung literarischer Texte im Internet, die von Kurt Drawert in einem grotesk unangemessenen (dem Thema, der Entwicklung, der Zeitung und vermutlich sich selbst) Artikel in einer Weise attackiert, dass einem Uwe Jochum im Vergleich beinahe als Digital Native erscheint:

„Dieser Einbruch der site in unsere Seite verschiebt alle Systeme und Referenzen der Texte ganz unabänderlich. Gerade einmal ein paar Jahrhunderte hatten wir Zeit, uns an den Buchdruck zu gewöhnen, als eine Setzung, die ja auch so etwas wie teleologische Geborgenheit liefert, metaphysische Verbindlichkeit im Status ihrer stillen, dauernden Präsenz, schon flimmert das alles vor unseren Augen wieder weg und schickt uns ins All.“

Abgesehen von dem etwas unglücklich überdeterminierten Pleonasmus „ganz unabänderlich“ und dem dezenten Gast aus Calembour (site und Seite. Aber warum nicht Pagina und page?) wirkt die Klage etwas ungewöhnlich in ihrer Bewertung der historische Zeitläufte. „Gerade mal ein paar Jahrhunderte“ geht vielleicht Geologen leicht über die Lippen. (Die sich dann vielleicht auch für den von Kurt Drawert zum E-Book-Pendant degradierten Kieselstein – der ja ebenfalls „klein ist und in die Handtasche passt“ –  erwärmen würden). Für eine Medienform ist so ein Mehrgenerationenzeitraum dagegen durchaus erheblich und natürlich erlebte auch die Seite als Träger und ihre Beschreibung zwischenzeitlich zahllose Umbrüche.

Ohne Zweifel stehen Bildschirm- und Hypertext für etwas anderes als der gedruckte Text auf dem Papier. Und selbstredend gilt das auch und womöglich vorrangig in rezeptionsästhetischer Hinsicht. Und in jedem Fall sollten wir darüber kritisch diskutieren. Aber bitte mit Argumenten und nicht mit der Sahne einer „permanente[n] Okkupation aller Sinne durch das Internet“. Die hat nicht einmal mehr Schlag und nur geschmacklich Stich.

Nun humpelt der gesamte, nicht sonderlich überlegene Aufsatz, der sich um die Behauptung aufplustert, die Literatur stürbe (ziemlich sicher) weg, weil im Web „alle Instanzen, die zur Schrift überhaupt noch berufen sein könnten“ abgeschafft würden und die „virtuelle Maschine“ geradewegs alles, was sie zu greifen bekommt, aufsaugt, um es in den Orkus zu schleudern, schon deswegen selbst am Rande der Haltlosigkeit, weil er auf diese stumpfsinnige Prämisse einer unvermeidlich eindimensionalen (nämlich Bildschirm gefassten) Lebenswirklichkeit setzt. Derartiges steht uns erwartungsgemäß nicht ins Haus. Das Web ist nachweislich kein Über-All. Und teleologische Geborgenheit ist nach 1945 und den diversen Runden auf der Schlittschuhbahn der Postmoderne in Literatur und Lebenspraxis, die jeder Intellektuelle heute hinter sich hat, ohnehin eher ein naives Genrebild. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte. Aber es bleibt notwendig ohne tieferen Bezug und in den Grenzen seines Rahmens.

Auch die fantasielose Reduktion der Auseinandersetzung mit dem Text auf ein stilles Lesekammerideal verfehlt all diejenigen, die ohne Probleme ihren David Foster Wallace oder Stefan Zweig (oder Kurt Drawert) im distraktionsreichen Umfeld der Linie 1 auf dem Weg zur Arbeit und zurück genießen. Dabei ließe sich bereits die moderne Arbeitswelt mit den ewigen Pendlerrouten selbst als Akt einer„technizitären Entleerung“ kritisieren.

Man kann die Kritik an Kurt Drawerts Essay abkürzen: Jemand, der mit Pennäler-Stolz verkündet, er hätte noch nie ein „todschickes E-Book“ in den Händen gehabt um nachzuschieben: „Es nimmt dem Lesen jede Erotik und ist so kalt wie ein Schlachthof im Winter“, muss sich bedauerlicherweise und bei allem Respekt den Vorwurf gefallen lassen, dass er einfach über etwas poltert, wovon er keine Ahnung hat. Dass das mehr Getippte als Geschriebene auf einer Seite fest und Kaffeehaus konsumierbar gedruckt vorliegt, verleiht ihm dabei keine besondere Autorität. Aber es lässt ihn ebenso wenig gleich nach Käsekuchen und Caffè americano klingen. Sondern einfach nur nach verzweifeltem Rudern im falschen Kanal.

Der entrissene Text / Kritik

Der entrissene Text: Er hielt diesen Schatten für einen anderen und schimpfte einen, na ja, deutschen Monolog. Und überhaupt das nicht mehr, diesen Luftsprung von gestern und sein lautloses Ende. Das keines war. Denn für einen sensiblen Menschen bleibt das Display nur die Rückseite der Herrlichkeit, die allerdings einen Durchgang zu einem Spiegelland nicht unähnlich einen neuen Blick auf das Himmlische wie auf das Abyssale der Kulturexistenz des Menschen eröffnet. Wie erweitern wir uns? sollte die Frage sein. Und nicht die ängstliche Überlegung, inwiefern ein Nutzer/User einem dressierten Nager entspricht.

Aus der semiotischen Perspektive – und Kurt Drawert spielt ja, wenn auch nicht sehr belangvoll, auf Roland Barthes an – ist die kulturelle Lebensumwelt des Menschen seit je ein hypertextuelles Ereignis. Wenn er nur Teile seiner Kommunikations- und Informationswelt in Touchscreens reduziert, dann ändert sich sicher einiges. Aber er hat es buchstäblich selbst in der Hand, ob er daraus – wie Kurt Drawert und ein paar findige Web-Celebs – den Sieg eines Radikalpositivismus ableitet. Oder anerkennt, dass mit dieser Erweiterung der symbolischen Handlungswelt die echtweltliche Dimension des Daseins ganz und gar nicht verloren gehen muss. Der Zwang zum iPad, diesem ubiquitären Holzapfel der Erkenntnis, ist bestenfalls einer der Peer Group. Für souveräne Leser und Schriftsteller jedoch kein Problem.

Das Entsetzliche an Kurt Drawerts Fest des Fatalismus‘ angesichts einer vermeintlichen Selbstdeformation durch Digitaltechnik („Denn es ist absehbar, dass die Techniker ihre Produkte durchsetzen, durch die wir andere werden […]“) ist jedoch, dass er seine Rolle als Schriftsteller aus den Augen verliert: Das Dagegenhalten, das Wachhalten der Wahrheit, dass eine andere, nicht-digital vermittelte Welt nicht nur möglich ist, sondern auch existiert.

Es ist keine Schande, sich von dem digitalen Rauschen mit wenigen Relevanzinseln dazwischen (deren Existenz Kurt Drawert leider ausblendet) über- und herausgefordert zu sehen. Aber der trübsinnigen Versuchung zu verfallen – die übrigens in gleicher Weise zum idealtypischen Charakter der Internetapostel zählt – und seine eigene Wahrnehmung zur Standard-Conditio des Menschen im Jahr 2012 hoch zu rechnen, ist auch keine Lösung.

Das fanden wir heute jedenfalls alle in der Schlange am Postschalter, zu der wir wie jeden Tag unsere Ersatzformen der E-Mail trugen, um sie auch wirklich fein gestempelt auf den Weg zu bringen. Danach ging es dann ins Büro, wo es sich gut vernetzt als Drawert’sche „Ratte, die unter Reizstrom steht“ kleine Lektürekritiken wie diese schreiben lässt. Wie ist die Welt doch wunderbar vielgestaltig in ihren Schreib- und Textmöglichkeiten!

(Berlin, 23.07.2012)

3 Antworten

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  1. […] dargestellt, auch sehr kritisch, allerdings ist nur die entgegnung dazu bereits online https://libreas.wordpress.com/2012/07/25/derentrissene_text/ dennoch scheint mir drawerts statement nicht ganz ohne zu sein, wenn auch auf libreas einige […]

  2. […] meine kleine Glosse zu Kurt Drawert verfehlte diesen Anspruch recht deutlich. Er bereichert aber mein Leben wiederum um die Erfahrung, […]

  3. Ben said, on 31. Juli 2012 at 19:04

    Kurt Drawerts Beitrag „Der entrissene Text“ aus der NZZ vom 21.07.2012 ist mittlerweile über http://www.kurtdrawert.de als PDF-Download verfügbar.


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