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It’s the frei<tag> 2012-Countdown (23): Zum Paradigma Internationalität

Posted in LIBREAS aktuell by Karsten Schuldt on 24. Juli 2012

Im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs gibt es das Paradigma Internationalität. Es wird in gewisser Weise der Eindruck erweckt, in anderen Staaten wären Bibliotheken längst anders und (deshalb) erfolgreich, deswegen müsse sich an diesen orientiert werden. Unterstützt wird dieses Paradigma gerne mit Berichten aus solchen Bibliotheken. In Frage wird es selten gestellt. Auch hier soll nicht für eine Abschottung in der bibliothekarischen Entwicklung plädiert werden, schon gar nicht für eine nationale. Gleichwohl soll in Frage gestellt werden, dass das Argument mit den vorbildhaften Bibliothekswesen im Ausland so selbsterklärend ist, wie es gerne hingestellt wird. Und zwar an einem Beispiel: Melbourne. Genauer der Baillieu Library der University of Melbourne und der State Library of Victoria. Diese beiden Bibliotheken funktionieren und befinden sich in einem Land, das eigentlich als Vorbild für die deutschsprachigen Bibliothekswesen herangezogen werden könnte, obgleich es das nicht wird. Der kurze Blick auf diese beiden Bibliotheken wird hoffentlich zeigen, dass erfolgreiche Bibliotheken an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind, bibliothekspolitische Entscheidungen getroffen haben und dabei auch funktionieren können, obgleich sie zum Teil gerade Dinge tun, die im deutschsprachigen Raum als bibliothekarisches No-No und vollkommen veraltet gelten.

1970er

Auf den ersten Blick fällt auf, dass diese beiden Bibliotheken den Charme früherer Jahre bewahren, egal ob gewollt oder nicht. Die State Library unterhält zum Beispiel weiter einen Lesesaal mit knarrenden Tischen, mit (unbesetzten) Bibliothekspult in der Mitte, der an das Benthamsche Panopticon erinnert. Man will unwillkürlich in diesen Saal gehen und „Psssst“ machen. Gleichzeitig sind die meisten der Rechner alt, die Bestände nach Nachschlagewerken gross, in der Musikbibliothek steht weiter ein handgeschriebener Zettelkatalog (sic!). Die Bailieu Library ist ein 70er Jahre Bau, dem man das auch anzieht, vor allem in den oberen Etagen. Die Ausstattung der Bibliothek, inklusive Teile der Bestände, scheinen aus dieser Zeit zu stammen. Die träge, plastikhafte Atmosphäre, die Bibliotheken in deutschsprachigen Hochschulen zum Teil mit grossem Erfolg abzulegen versuchen, wird hier noch gepflegt. Alles andere scheint irgendwie dazwischen geschoben zu sein. Hinten im Raum stehen Microfiche-Reader, davor Tische, auf denen auch Laptops stehen. Überhaupt ist die Universität in den einzelnen Gebäuden mit zahlreichen Learning-Rooms und Resource-Centres ausgestattet, wobei nicht ganz klar ist, wer die betreibt. Auch in der Bibliothek finden sich solche Lernräume.

State Library of Victoria, Lesesaal

Baillieu Library of the University of Melbourne, Third Floor

Bailieu Library, Second Floor.

Social space

Unwillkürlich wundert man sich, wie veraltet dies alles scheint. Und das in Australien, einem reichen Land. Auf den zweiten Blick fällt allerdings auf, dass die Bibliotheken sich daneben als offene Orte und als Einrichtungen mit kulturellem Auftrag verstehen, weit mehr als das im deutschsprachigen Raum der Fall ist. Beide Bibliotheken haben offene Eingangsbereiche, die dazu direkt auffordern, mit dem Personal in Interaktion zu treten. In der Bailiau Library ist dies keine Theke, sondern zwei offene, lange Tische (deren Aussehen nicht in das 70er-Design der restlichen Bibliothek passt). In der State Library findet sich daneben ein social space, in dem regelmässig Filme gezeigt werden, Spielekonsolen zur freien Nutzung stehen und und eine Kinderecke vorhanden ist.

Zudem veranstalten beide Bibliotheken (und nicht nur diese) eine extensive Ausstellungsarbeit. Es existieren permanente Räume für Wechselausstellungen, in der State Library auch eine Dauerausstellung. Im Allgemeinen wird darauf geachtet, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich (a) Personen willkommen fühlen und (b) immer wieder Ereignisse geschaffen werden, zu denen Personen unabhängig von „rein bibliothekarischen“ Gründen (Ausleihe, Lernen, mit Kindern in die Bibliothek gehen) in die Bibliothek kommen können. Die Ausstellungen wechseln, es gibt ständig Veranstaltungen und Teilnahmen der Bibliothek an grösseren Veranstaltungsreihen. Zudem sind Bibliotheken an sich, insbesondere als Teil von Literacy-Programmen, weit mehr im Alltag von Melbourne verankert. In den Flyerständern der Cafés, Restaurants, Kinos und Theatern unterschiedliche Flyer zu finden, die auf direkt oder indirekt Bibliotheken verweisen, ist Normalfall.

Auswahl von Flyern, die irgendetwas mit Bibliotheken zu tun haben, Ausbeute eines Tages in Melbourne.

Bailieu Library

Aktuell (19-29. Juli 2012) findet beispielsweise die Melbourne Rare Book Week statt, an der mehrere Institutionen mit Ausstellungen und Veranstaltungen teilnehmen, vom 27-29. Juli auch die Rare Book Fair. Das scheint bezeichnend (auch wenn es Zufall ist, gleich danach wird in einem Festival die Diversität der in Melbourne lebenden Kulturen gefeiert und danach kommt viel mehr): mit alten Büchern wird ein Programm gestaltet, dass sich in die Bibliothek als Veranstaltungsort einreiht. In der Baillieu Library findet sich zum Beispiel in einem Raum in der zweiten Etage, gleich neben einem der Learning Centres die Ausstellung „Knowledge through Print: a Melbourne Perspective“, in der aus Beständen australischer Bibliotheken Exemplare historisch bedeutsamer Bücher, inklusive einer historischen Kontextualisierung zu sehen sind, darunter eine Gutenberg-Bibel. In der State Library ist die Geschichte Melbournes unter anderem anhand historischer Publikationen dargestellt.

Australian context

Weiters findet sich in der State Library eine ganze Abteilung für genealogische Forschung. Dies ist eine bibliothekspolitische Entscheidung, die im australischen Kontext Sinn macht, wo viele Einwanderinnen- und Einwander-Nachfahren etwas über ihre Familiengeschichte herauszufinden versuchen, wo Aboriginies heute als Unterdrückte anerkannt sind und ebenfalls wissen wollen, was über ihre Vorfahren noch zu wissen ist und wo Kinder, die noch vor einigen Jahrzehnten als Waisen von Grossbritannien aus zum Arbeiten nach Australien geschickt wurden, wissen wollen, wo sie herkommen. Die Abteilung ist gut genutzt, weil sie lokal sinnvoll (und notwendig) ist.

Was es nicht ist

Eine andere lokale Entscheidung, die erst nach einigem Hinschauen auffällt: Die Bibliotheken in Melbourne sind, wie Melbourne im Allgemeinen, unglaublich kinderfreundlich. Überall gibt es Kinderecken, Kinderprogramme, ausserhalb der Bibliotheken ständig Discounts, Spielplätze et cetera. Zum Aufwachsen ist Melbourne offenbar eine grossartige Stadt. Nicht aber zum Altwerden oder aber wenn man auf einen Rollstuhl angewiesen ist. So aufmerksam und fortschrittlich Melbourne und seine Menschen im Hinblick auf die Geschichte der Aboriginies und deren Unterdrückung sowie im Hinblick auf die Buntheit der Kulturen agiert und argumentiert (oft findet man zum Beispiel Schilder, auf denen darauf hingewiesen wird, dass die Nutzenden eines Gebäudes sich bewusst sind, dass dieses Land praktisch geklaut wurde, was ein wiedergutzumachendes Unrecht ist), so wenig ist diese Stadt auf eine alternde Gesellschaft eingestellt und so wenig scheint hier Rücksicht auf Barrierefreiheit genommen zu werden. Zumindest wenn man weiss, wie sehr in Berlin oder der Schweiz auf diese Fragen Rücksicht genommen wird (wenn auch oft immer noch nicht genug). Das spiegelt sich in der Bibliotheken wieder. Steile Treppen, enge Gänge, dichtgestellte Regale. Aber wie gesagt: das ist in Melbourne offenbar so. Die Stadt versteht sich als jung und legt andere Schwerpunkte, die auch wichtig sind.

Fazit

Wie erwähnt sollte die kurze Darstellung auf eines hinweisen: Die Idee, sich bei der Gestaltung und Leitung von Bibliotheken an internationalen Beispielen zu orientieren sollte immer auch beinhalten, wirklich internationale Beispiele sich anzuschauen und nicht nur ein paar herausragende Bibliotheken. Zudem kann man bei diesem Anschauen lernen, dass die Gestaltung einer effektiven Bibliothek immer Ergebnis von bibliothekspolitischen Entscheidungen ist, die aus der Sicht anderer Bibliotheken und Bibliothekswesen nicht sinnvoll sein müssen. Sie müssen es im lokalen Kontext sein.

Libraries, sell your books.

Eine Antwort

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  1. Walther Umstaetter said, on 24. Juli 2012 at 06:45

    Der Aussage:
    “das Paradigma Internationalität. Es wird in gewisser Weise der Eindruck erweckt, in anderen Staaten wären Bibliotheken längst anders und (deshalb) erfolgreich, deswegen müsse sich an diesen orientiert werden. Unterstützt wird dieses Paradigma gerne mit Berichten aus solchen Bibliotheken. In Frage wird es selten gestellt.”
    kann man nur schwer folgen, wenn man sich die deutsche Bibliotheksentwicklung des letzten Jahrhunderts anschaut. In ihr wurden zunaechst die Bibliotheken in Preussen vereinheitlicht, sie wurden in ganz Deutschland zu immer mehr Zusammenarbeit veranlasst und arbeiten heute, nicht zuletzte durch das Internet unterstuetzt, international zusammen. Dass es dabei immer staerker dazu kommt, dass wir die eigene Bibliothek mit anderen, auch auslaendischen, sozusagen im Wettbewerb vergleichen, ergibt sich zwangslaeufig. Das hat auch letzendlich dazu gefuehrt, dass Bibliotheken heute immer seltener ihre Bestaende allein verwalten koennen, sondern zunehmend in ein internationals Bibliotheksmanagement (s. “Lehrbuch des Bibliotheksmanagements”), mit teilweise eigenen Besonderheiten, einbinden. Dass wir dabei gerade in den letzten Jahrzehnten oft sogar mit Neid auf angloamerikanische Bibliotheken blickten, mit OCLC, einheitlichem Dewey- bzw. LOC-System, mit vielen leistungsfaehigen Datenbanken wie MEDLARS, SCI… bis hin zu genealogischen Datenbanken, fuehrte dazu, dass wir uns all dem, wenn auch mit grossen Widerstaenden, inzwischen immer mehr angenaehert haben. Die Digitlale Bibliothek ist laengst international, und sie ist (bei gleichzeitigem internationalem Wettbewerb) insbesondere in ihrem Management in wachsender Zusammenarbeit begriffen.

    Bei der Feststellung “in anderen Staaten wären Bibliotheken längst anders und (deshalb) erfolgreich” sollten wir allerdings nicht all die Laender vergessen, die im Digital Divide weiter zurueck fallen, was wir allerdings kaum bemerken, solange wir uns mit der Verbesserung des eigenen Bibliothekswesens beschaeftigen. Das aber muessen wir, weil Bibliothekswissenschaft per definitionem die Nationaloekonomie des Geistes ist.

    Walther Umstaetter


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