LIBREAS.Library Ideas

Statt Standards, Handlungshilfen für Bibliotheken

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 11. April 2012

Zu: Ministère de la culture et de la Communication, Direction générale des médias et des industries culturelles, Service du livre et de la lecture ; Collignon, Laure (ed.) ; Gravier, Colette (ed.) / Concevoir et construire une bibliothèque : Du projet à la réalisation. Paris : Éditions du Moniteur, 2011. 75 €.

Von Karsten Schuldt

In Deutschland, aber auch der Schweiz und zuletzt in Österreich, versuchten und versuchen bibliothekarische Verbände, mal alleine, mal in Kooperation mit anderen Organisationen Masterpläne für ein nationales Bibliothekswesens aufzustellen. Diese Masterpläne folgten zwar immer wieder neuen, zeitgenössischen Vorstellungen und Sprachmoden, waren mal mit mehr, mal mit weniger Zahlenmaterial bestückt, mal mehr, mal weniger in PR-Sprache gehalten. Grundsätzlich sollten sie nicht nur einen Rahmen für das Bibliothekswesen bieten, sondern auch die Politik und Gesellschaft davon überzeugen, die Bibliotheken sich in die jeweils gewünschte Richtung entwickeln zu lassen und diese Entwicklung zu finanzieren. Fraglos immer mit dem Wunsch, dass jeweils bestdenkbare Bibliothekswesen zu schaffen. Gleichzeitig aber scheiterten diese Masterpläne – Bibliotheksplan ’73, Bibliotheken ’93, Bibliotheksplan 2000, Bibliothek 2007, Die Zukunft gestalten: Chance Bibliothek et cetera – an diesem Anspruch. Sie waren Thema der bibliothekarischen Ausbildung, aber (bislang zumindest, gerade in Österreich wurde vom Parlament im letzten Jahr bekanntlich anderes beschlossen) kaum der Politik.

Sicherlich gibt es für dieses Scheitern keinen monokausalen Grund. Auffällig ist aber, dass alle diese Masterpläne eine Schwäche haben: Sie begründen wenig, teilweise gar nicht. Zwar werden zum Teil sehr differenzierte Zahlen genannt, aber nicht klar gemacht, wie diese zustande kommen und was sie genau bewirken sollen, wenn sie umgesetzt sind. Zudem bleiben die Pläne normativ: Es wird gesagt, wie es sein soll; nicht, wie man zum gewünschten Bibliothekssystem kommen soll. Es liegt zumindest nahe zu vermuten, dass dies einer der Gründe für das Scheitern der Pläne ist.

Diesmal Frankreich als Vorbild. Kann ja nicht immer die USA und GB sein.

Sichtbar wird diese Schwäche, wenn man einmal kurz aufhört, sich an sich gegenseitig (also: der bvö verweist auf den dbv, die SAB/CLP orientiert sich am dbv, der dbv verweist auf die Schweiz und immer weiter so im Kreis) und den beiden grossen englischsprachigen Bibliothekswesen zu orientieren. Es gibt alleine in Europa mehrere Bibliothekswesen, die andere Entscheidungen als die deutschsprachigen treffen und zum Teil besser funktionieren. In Frankreich legte der Service du livre et de la lecture im Kultur- und Kommunikationsministerium im letzten Jahr mit Concevoir et construire une bibliothèque ein Buch vor, dass anders funktioniert als deutschsprachigen Masterpläne, aber gerade deshalb überzeugt. Kurz und gleich an dieser Stelle gesagt: Dieses Buch sollte im deutschsprachigen Bibliothekswesen, insbesondere von den Personen, die sich an den Spitzen der Verbände mit Bibliothekspolitik befassen, unbedingt gelesen werden. Es ist um Längen nachvollziehbarer als alle bisherigen deutschsprachigen Matserpläne und setzt ein anzustrebendes Vorbild.

Concevoir et construire une bibliothèque führt von Anfang bis Ende die Planung von Bibliotheken und Bibliothekssystemen, inklusive des Baus und Ausbaus des Gebäudes, der Ausstattung, des Personals, des Bestandes, des Raumes Bibliothek und der Angebote von Bibliotheken vor. Dabei wird gerade nicht normativ vorgegangen, vielmehr werden die Aussagen durchgängig begründet: Warum eine interkommunale Bibliothek (oder nicht)? Warum diese Möbel oder andere? Warum dieser Bestand oder der andere? Die Lesenden werden immer wieder vor die Aufgabe gestellt, mitzudenken und Entscheidungen zu treffen. Ständig muss man sich beim Lesen setzen und selber Pläne, Skizzen, Argumentationsliste erstellen, um das Buch nachvollziehen zu können. Sicherlich: Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, werden die Bibliotheken am Ende unterschiedlich aussehen (während sie bei Masterplänen, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, tendenziell ähnlich werden), aber das ist ja sinnvoll in einer freien Gesellschaft. Zwar tauchen auch in diesem Buch immer wieder Zahlen auf, aber es wird klar gemacht, wie sie zustande kommen oder wie sie zu im lokalen Rahmen zu begründen sind.

Durchgegangen werden dabei, wie schon gesagt, alle wichtigen inhaltlichen Punkte der bibliothekarischen Arbeit, inklusive einer Reflexion aktueller Entwicklungen, insbesondere der Diskussion um den Raum Bibliothek. Perfekt ist nichts und so könnte man auf einige fehlende Punkte hinweisen. Digitale Bibliotheken kommen nicht wirklich vor, auch die Behandlung sozialer Fragen ist etwas kurz geraten (aber immerhin: das Buch weit geht über die reine Propagierung, Bibliotheken seinen für alle offen, hinaus). Es ist eine Handreichung, die Schnittstelle zu einigen möglichen Debatten bietet, ohne sie selber zu führen.

Planen und Begründen, nicht Fordern

Wichtig ist: Das Buch versteht die Planung von Bibliotheken nicht nur als architektonische und organisatorische Frage, sondern als politischen Prozess. Es wird darauf eingegangen, wer auf welcher politischen Ebene überzeugt werden muss, damit einen Bibliothek gebaut werden kann. Auch dies funktioniert wieder nicht normativ, sondern gerade mit Argumenten. Selbstverständlich funktionieren die politischen Entscheidungen im zentralistischen Frankreich anders als in den förderalen Systemen der Schweiz und Deutschlands, aber auch des eher zentral organisiertem Österreich. Die grundsätzliche Haltung aber, sich auf die politische Komplexität einzulassen und nicht einfach (nur) zu sagen, was man gerne hätte, lässt sich übertragen.

Fachcommunity, Ausbildungseinrichtungen: Warum wissen wir eigentlich nichts davon?

Dieser Ansatz führt dazu, dass das Buch keine leichte und schnelle Lektüre darstellt. Mit all den Skizzen, Erklärungen und Beispielen (die aber hier nicht für sich stehen, sondern abschliessend illustrieren, wie Ergebnisse eines umfangreichen Planungsprozesses aussehen können und die deshalb nicht so, wie in anderen Beispielsammlungen, einfach nur bestaunt werden können, sondern aus denen gelernt werden kann) sind dies 340, grossformatige und zumeist eng beschriebene Seiten. Im Gegensatz dazu: Bibliotheksplan ’73 172 (allerdings viel kleinere) Seiten, Bibliotheken ’93 (ebenfalls kleinere) 182 Seiten, Die Zukunft gestalten: Chance Bibliothek: 47 Seiten 78 (auch klein), Bibliotheken 2000 gar nicht erst eigenständig erschienen, sondern in die Richtlinien für Gemeindebibliotheken eingefügt. Wenn man einmal Concevoir et construire und bibliothèque gelesen hat, wird man sich schnell fragen, ob kürzer tatsächlich besser ist.

Um einiges erstaunlich ist allerdings, dass dieses Buch in deutschsprachigen Debatten um das Bibliothekswesen bislang nicht auftaucht. Auch ein Vorläufer (Bibliothèques dans la cité, guide technique et réglementaire, 1996) fand meines Wissens weder in diesen Debatten noch der bibliothekarischen Ausbildung (wo stattdessen die gescheiterten deutschsprachigen Masterpläne immer wieder einmal auftauchen) Beachtung. Sicherlich ist das Englische geläufiger als das Französische, aber es ist auch nicht so, als wäre diese Sprache nicht verbreitet oder zu schwierig zu lernen. Vielmehr befinden sich Deutschland und Österreich mit Frankreich sogar in einem Staatenbund (auch die Schweiz kann sich nicht herausreden: Französisch ist eine der Landessprachen). Mir scheint, als würden die deutschsprachigen Bibliothekswesen ihren Blick ohne jeden Grund zu sehr eingeschränkt haben. Das Buch sollte wahrgenommen und als Herausforderung, eine so begründete Debatte über die Möglichkeiten und Aufgaben von Bibliotheken, wie sie in diesem herausscheint, auch in deutscher Sprache zu führen, angenommen werden. Wie gesagt wird die Messlatte dann um einiges höher gehangen werden, but that’s a good thing. Selten einmal will ich ein Buch unumwunden empfehlen, dieses aber um jeden Preis.

Eine Antwort

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