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Digitale Philatelie, angedeutet. Zu einem aktuellen Aufsatz in der International Information & Library Review.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 5. April 2012

von Ben Kaden

Zu:

Mangala Anil Hirwade; Ujwala Anil Nawlakhe: Postage stamps and digital philately: Worldwide and Indian scenario. In: The International Information & Library Review. Volume 44, Issue 1, March 2012, Seiten 28–39. http://dx.doi.org/10.1016/j.iilr.2012.01.001

Eine der Beobachtung nach häufig unterschätzte Stärke von Briefmarken ist ihr dokumentarischer Gehalt. Dabei stellen sie als lange Zeit hoheitliche Wertmarken äußerst ausdrucksstarke semiotische Kondensationen dar, die unzweifelhaft alles erfüllen, was man von Objekten des kulturellen Erbes erwarten kann.

Die Sammlerwelt goutiert allerdings, wie persönliche Messeerfahrungen zeigen, eine allzu hermeneutische Annäherung an ihre Gegenstände vergleichsweise selten. Hier ist es wie in vielen Lebensbereichen: Ästhetischer Reiz, Faktenhuberei oder die allseits dominante Frage nach einem möglichen finanziellen Gewinn dominieren diesen kuriosen Mikromarkt, auf dem wie bei fast allen Sammlermärkten aus ihrem ursprünglichen Funktionskontext gelöste Objekte weit über dem Materialwert über die Verbindung von Angebot und Nachfrage mit einem symbolischen Wert aufgeladen werden.

Briefmarke "State of Palestine" von Khaled Jarrar

Dies ist ein schönes Beispiel einer Briefmarke, bei der herkömmliche philatelistische Klassifikationsnormen ziemlich gefordert werden. Die Abbildung zeigt einen Jerichonektarvogel (Cinnyris osea), der sich einer Blüte nähert. Also Klasse=Fauna? Immerhin wurde bei der Stempelung sogar die Botschaft „Schützt die Natur“ als Maschinenwerbestempel mit dem WWF-Panda dazugefügt. Der Vogel ist allerdings deutlich – unter seinem englischen Namen Palestine Sunbird – in einer anderen Funktion unterwegs, nämlich als Bote eines möglichen State of Palestine. Allerdings gibt es diesen als briefmarkenherausgebende politische Entität nicht, weshalb die Marke eine nicht vorhandene Normalität vorspiegelt und insofern eine hochpolitische Aussage trifft: So könnte eine Dauermarke eines vollanerkannten Staates namens Palästina aussehen. Bzw. so lässt sie jemand aussehen. Dass man sie für die Frankierung von Briefen benutzen kann, ist ein Ergebnis ausgerechnet der Privatisierung der deutschen Post, die mittlerweile mit ihrem Produkt „Marke individuell“ durch Privatpersonen frei gestaltbare Ausgaben zulässt. Die Privatperson hinter dieser Marke ist der Künstler Khaled Jarrar. In gewisser Weise repolitisiert er das durch durch die Individualisierung von Briefmarken entpolitisierte Medium wieder und selbstverständlich wird eine entsprechend frankierte Sendung, wie die gezeigte gestern in Berlin eingeworfene, von der Deutschen Post anstandslos befördert und zugestellt. Es handelt sich also um a) eine offizielle deutsche Briefmarke mit b) dem inoffiziellen Motiv einer palästinensischen Ausgabe, die als Motiv c) einen hübschen Nektarvogel zeigt, der d) die Botschaft eines Wunsches nach einem ganz normalen (also auch Briefmarken emissionierenden) und unabhängigen Staat Palästina transportiert. Gibt es dafür eine Klasse bei der World Association for the Development of Philately (WADP)?

Diese spannende Facette interessiert Mangala Anil Hirwade und Ujwala Anil Nawlakhe vom Department of Library and Information Science der Rashtrasant Tukadoji Maharaj Nagpur University in ihrem Text zur Digitalen Philatelie leider nur am Rande. Sie erwähnen zwar einige Gesichtspunkte, an denen sich wirkliche Fragestellungen anschließen könnten, bleiben im Ergebnis aber bedauerlicherweise bei einer nicht sehr viel Erkenntnis stiftenden Vorstellung einer Datenbank und der Wiedergabe einiger Abfragen u.a. zu indischen Briefmarkenausgaben mit dem thematischen Schwerpunkt. Eigentlich handelt es sich also, ich muss es derart kühl sagen, um einen umfänglich annotierten Linktipp mit ein wenig dahingeschenkten Problematisierungspotential. Auch philatelistisch spielt der Text bestenfalls in der unteren Sammelklasse. So ist bereits die erste Definition dessen, was eine Briefmarke ist, schwer tragbar:

„small pieces of colorful paper issued by the government of a nation or country”.

Das könnte auch auf Banknoten zutreffen. Die Definition wird später durch eine etwas euphemistisch „Definition analysis“ benannte Passage anhand von drei Zitaten aus Drittquellen (The Freedictionary, Wikipedia) etwas nachgeschärft und ist dann erwartungsgemäß recht zutreffend. Da die Wikipedia auch weiß, was unter Philatelie zu verstehen ist, findet sich dieser Kontext ebenfalls korrekt eingebunden. Für Wissensquizze lehrreich ist eventuell der Hinweis, dass man ebenfalls von Timbrologie bzw. Timbrophilie sprechen könnte, wogegen sich die dazu geordnete Timbromanie nicht ganz auf der gleichen Bedeutungsschiene bewegen dürfte. In ihrer weiteren Verortung sprechen die Autoren nicht unbedingt von mitteleuropäischen Verhältnissen, denn gegen jede dieser Aussagen kann man leichthändig Gegenbeispiele aufschichten:

„Philately is the study of stamps and its collection is considered the king of hobbies. It is equally right to say philately is a hobby of a king due to its costly nature and huge investment. Philately is perhaps the most popular´pastime.“

Die ehemalige Popularität des Hobbys erklärte sich ja gerade aus relativ kleinen ökonomischen Einstiegshürden. Jedenfalls in einer Zeit, in der selbst Behördenbriefe mit Briefmarken zum Abweichen versehen waren. Material, idealerweise zum späteren Tauschen, kam mit nahezu jeder Postzustellung ins Haus. Das parallel dazu eine kleine ausgewählte Schichte monegassischer Hochfinanzphilatelie eine übersichtliche Auktionswirtschaft am Leben erhält, ist wahr. Diese Sammlerelite existiert allerdings auch für Münzen, Uhren und Fabergé-Eier. Abgesehen davon sind Briefmarken heute nicht unbedingt etwas, womit man das Gros jedenfalls deutscher Freizeitgestalter erreicht.

Die Parallele zwischen Sammler und Bibliothekar wirkt ebenso etwas sehr übers Knie gezwungen:

„As a library associates with collection, philatelists like a librarian are responsible for collection development and collection management.”

Auch in diesem Fall könnte jedes Sammelgut in den Mittelpunkt rücken. Immerhin wird noch einmal deutlich, dass sehr vieles mehr als traditionelle Buch-, Zeitschriften- oder ähnliche Publikationen Dokumente sein können. Nur bewegt man sich hierbei auf der zackigen Grenze zum Archivgut. Den Status von Briefmarkenausgaben dahingehend zu diskutieren, wäre sicher eine spannende Herausforderung.

Denn in gewisser Weise sind Briefmarken natürlich auch Publikationen (man spricht von Ausgaben oder – etwas unschön – von Emissionen). und entsprechend neben der Funktion als Freimachung Informationsträger wie Kommunikationsmedium bestimmter Botschaften. Wichtig ist dabei, dass sie mehr oder weniger dezente Hinweis- und Erinnerungsmedien sind: Sie verweisen auf die Existenz eines konkreten Phänomens (z.B. Frankfurter Buchmesse), häufig verbunden mit einem aktuellen Zeitereignis oder einer Botschaft (z.B. Schützt die Wälder!).

Manchmal ergibt sich daraus sogar eine Kreuzung zu innerbibliotheksweltlichen Themen. Ich habe einmal bei LIBREAS zu diesem Bibliophilatelie genannten Thema einen Text verfasst und irgendwann ein Weblog abgebrochen.

Die Autoren diskutieren zwar kurz den Begriff der Bibliophilatelie und verweisen mit Larry T. Nix und Jerzy Duda auf Leitfiguren dieser äußerst überschaubaren Bewegung, ignorieren mich als Google-Champion zu diesem Suchbegriff allerdings. Womit ich selbstverständlich leben kann, zumal die Bibliophilatelie offensichtlich nur auftaucht, um Vollständigkeit anzuzeigen. Zum eigentlich Kern ihres Beitrags trägt dieser Nebenschauplatz wenig bei.

Die wirkliche Relevanz entfaltet sich dort um eine Ecke, wo es um Briefmarkensammlungen als Bewahrens wertes Sammlungsgut auch für Bibliotheken geht. Die Langzeitarchivierung erweist sich hier wie allen Druckmaterialien u.U. als Problem, besonders wenn die Ausgangsmaterialien, wie beispielsweise bei Provisiorien, Notausgaben, etc. entsprechend schlecht waren. Wenn die Autoren allerdings schreiben:

„In order to keep the record of these postal heritage or historical documents of national origin, digitization projects provide a golden path in line with the initiative of the digital library for preserving art, culture, and heritage.”

gehen sie wieder fehl. Ein goldener Weg ist die Digitalisierung keinesfalls, steht doch bei Briefmarken die Materialität und teilweise das Einzelstück noch stärker im Mittelpunkt, als bei anderen Druckmedien: Farbechtheit, Plattenfehler, Zähnungsvarianten und natürlich auch Stempelungen spielen eine Rolle, die bei reinen Digitalisierung postfrischer Beispielexemplare auf der Strecke bleiben müssen. Die philatelistische Tätigkeit ist grundständig Exemplar orientiert. Die Stärke Digitaler Philatelie liegt demnach hauptsächlich auf der Ebene des Nachweises an sich.

Wer sich regelmäßig mit Papierschnitten an den Finger durch die vielen Bände des Scott’s Catalogue of Postage Stamps wühlt, wüsste eine Gesamtdatenbank der Briefmarken der Welt sehr zu schätzen. Abgesehen davon leisten die Katalogisierungsexperten von Michel, Yvert & Tellier oder Stanley Gibbons seit je hervorragende Arbeit auf diesem Gebiet und zunehmend liegen die Nachweise auch digital vor. Eine Welt- bzw. Verbunddatenbank zum Nachweis aller Ausgaben fehlt allerdings bis heute.

Interessant wäre in diesem Fall neben der separaten Digitalisierung besonderer Ganzstücke oder besonderer Exemplare vor allem die übergreifende Standardisierung dieser Daten, die auch die Integration von Sammlungsnachweisen beispielsweise der Postmuseen ermöglichte. Das vorgestellte WADP Numbering System (WNS) von World Association for the Development of Philately (WADP) und Weltpostverein ist immerhin ein sehr begrüßenswerter erster Ansatz. An deren Website www.wnsstamps.ch arbeiten sich nun die Autoren auf und ab und kommen u.a. zu dem Ergebnis, dass die Zahl der dort jeweils pro Jahr registrierten weltweiten Neuausgaben grob ab- und aufgerundet zwischen 5000 und 6500 Briefmarken schwankt. Aus irgendeinem Grund klafft in der Länderliste zwischen Georgia und Ghana, also dort wo man die bundesdeutschen Ausgaben erwartet in der Datenbank eine Lücke. Weshalb die deutschen Marken fehlen und ob noch andere Länder betroffen sind, wird leider nicht erklärt.

Ebenso unklar ist, weshalb ein Großteil des Aufsatzes von einer Liste „Country wise registrations in WNS database“ besteht. Jeder Leser mit Webzugang kann tagesaktuell die Verteilung abrufen und prüfen, ob Frankreich die philatelistische Nationenwertung dieser Datenbank nach wie vor vor Japan und den USA anführt. Dass die Tierwelt („fauna“, 6800 Marken) als beliebtestes Motiv bald abgelöst wird, steht nicht zu befürchten. Dazu ist der Abstand zur „Architektur“ (3610) zu groß. Letztere könnte freilich von der Flora (3490) überflügelt werden.

Wie die Kategorien voneinander abgegrenzt werden und auf welcher Grundlage die kategoriale Zuordnung der Einträge erfolgt, wäre da aus bibliothekswissenschaftlicher bzw. klassifikationstheoretischer Sicht hochinteressant gewesen. Denn nicht immer scheinen die Zuordnungen gut zu passen. So ist beispielsweise die Ausgabe „250 Jahre Zahlenlotto“ der Österreichischen Post dem Themenfeld „Economy & Industry (Banking & Currency)“ zugeordnet. Das stimmt schon irgendwie, überzeugt aber dennoch nicht auf ganzer Linie. Die Deutsche Nationalbibliothek führt Lottoliteratur nämlich fast stimmiger in der Sachgruppe 793 Spiel. Das deckt sich dann wieder halbwegs mit der Ausgabe „25 Jahre 6 aus 49“ der Österreichischen Post, die sowohl bei Economy & Industry wie auch Games & Toys einsortiert wurde. Nun will ich nicht über Gebühr pingelig sein, denn die Regelausgabe einer Sonderbriefmarke lässt sich relativ eindeutig einer Sachkategorie zuordnen. Daher funktioniert die Datenbank auch für den Alltagsgebrauch recht zufriedenstellend. (Andererseits finden sich in der Masse doch allerlei Zweifelsfälle, für die auch andere Zuordnungen denkbar wären.)

Mein Kummer mit dem Text liegt vielmehr hier: Wenn man nämlich einen Aufsatz in einer Art wissenschaftlichen Zeitschrift zum Thema Digitale Philatelie publiziert, könnte man durchaus auch mal über eine blanke Deskription einer Datenbank hinausgehen. Für mich zählt zu diesem Thema eine ganz andere Bandbreite, die von Weblogs zum Thema, der Kommunikation zu philatelistischen Fragen in Sozialen Netzwerken und anderen digitalen Plattformen bis hin zu aufbereitenden Sammlungsdarstellungen einzelner Institutionen reicht. Auch die Europeana weist einen Bestand von entsprechenden Digitalisaten nach: http://europeana.org/portal/search.html?query=philatelic.

Der Erkenntniswert des vorliegenden Aufsatzes lässt sich dagegen auf das Vermelden der Existenz der WNS-Datenbank mit dem Ziel eines einheitlichen globalen Nachweissystems für neuere Ausgaben (der Bestand reicht derzeit nur bis 2002 zurück) eingrenzen. Diese behandelt Briefmarken vorwiegend als Publikationen, die es anzuzeigen gilt. So bleiben die eigentlich spannenden Fragestellung der Konservierung und Digitalisierung von konkreten Objekten und Sammlungen, der Entwicklung philatelistischer Normdaten und ihr Austausch oder eben auch die Rolle von Briefmarken als Dokument des kulturellen Erbes und damit Sammlungsgutes mehr als unterbelichtet. Bei allem Enthusiasmus, den man den Autoren gern gönnt. Solche Sätze im Fazit:

„The nature of philately is undergoing its most dramatic change in history. This new electronic world is making philately more exciting and enjoyable than ever before!”

zeigen einerseits, wie wenig Anschluss die Autoren an die Welt der Philatelie haben (in der z.B. die Einführung personalisierter Briefmarken und jeder Wechsel im Druckverfahren als dramatischstes Verwerfung der Philateliegeschichte gelten) und andererseits, dass ihr Text vielleicht doch mehr in den Briefmarkenspiegel oder das Stamp Magazine gehört als in eine bibliothekarische Fachpublikation.

05.04.2012

3 Antworten

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  1. […] mit großer Freude zwei Bögen von Khaled Jarrars Briefmarken-Arbeit in die Welt verteilt. vgl. auch hier) […]

  2. Werner Rittmeier said, on 21. Januar 2015 at 15:48

    Mag sein, daß der Text der beiden Schreiber aus Indien nicht in eine „bibliothekarische Fachpublikation“ gehört – wenngleich ich mit diesem unpräzisen Begriffspaar auch nicht so viel anfangen kann. Frage wäre dann, wer dafür gesorgt hat, daß soviel – zitierte – Düftigkeit Eingang in das Inventar nehmen konnte. Aber das ist für die forschende Philatelie, glaube ich, sofern sie von diesem Beitrag von Ben Kaden überhaupt erfährt, auch ohne Belang.

    Der mit vielen wissenschaftlichem Vokabular gespickte Beitrag ist sehr lang und könnte, falls er Leser über den wissenschaftlichen Tellerand hinaus erreicht, leicht irritieren, auch, weil man so einiges verständlicher ausdrücken könnte – nehme ich nur das erste Wort, das mir auffiel: „Kondensierung“.

    Aber auch das ist nicht so wichtig, wenn man den Artikel gelesen hat. Was mich wirklich an ihm stört, ist die fehlende Kenntnis über wissensmäßige Aneignung der Markenmotiv- und Ausgabehintergründe, ihrer Geschichten, im Biotop „Philatelie. Es ist falsch, daß es in den Fachpublikationen keine Anstrengungen dazu gibt – ob gelungen oder nicht, ist eine andere Frage. Als Redakteur der „alten“ DBZ (Erscheinen bis Ende 2007, danach neuer Verlag mit anderer Ausrichtung des bis dahin bedeutendsten deutschsprachigen, 1925 gegr Fachblattes), ist eine Unzahl von sehr eingehenden motivlichen Abhandlungen auch durch meine Korrektur gegangen. Aber ich will die alte nicht mehr existierende Redaktion gar nicht mit Federn schmücken, Es gibt eine große Anzahl von Motivgemeinschaften (im Sammlerdachverband BDPh, http://www.bdph.de) organisiert), die in ihren „Rundbriefen“ und oft als Serien und Büchern erscheinenden Fachpublikationen vieles von dem leisten, was Kaden vermißt. Wie es im übrigen zu der hier gezeigten Palästina-Marke im aktuellen Produktionsgeschehen der Post kommen konnte, erstaunt allerdings auch mich. Politische Werbung jedweder Art schließt die Deutsche Post in den AGB für Marke Individuell aus.

    Im ganzen aber rennt der Beitrag von Kaden vergangenen Zeiten hinterher, Zeiten, in denen der nach seinen Worten „kuriose Mikromarkt“ noch viele Millionen DM generierte und ausweislich auch damit dazu beitrug, viele Facetten des motivliches Biotops(!) zu erhalten: Thematische Ausstellungen errangen gerade in den 80er, erst recht aber in den 90er Jahren einen bedeutenden Status, natürlich auch deshalb, weil in der thematischen Ausrichtung (das Motivliche übersteigend) das Geld hineinregierte, indem betuchte Sammler auch hier hochwertige, aber mit viel Wissen gesuchte postalische Stücke aus der Vergangenheit mit aufnehmen konnten Die bis dahin belächelte Bildchensammelei wurde sozusagen hoffähig in der traditionellen Philatelie. Die Deutsche Motivgemmeinschaft, DMG, machte den Anfang, bis heute tätig ist die ihr folgende BDPhTeilgruppierung Verband Philatelistischer Arbeitsgemeinschaften e.V. (vpha-online.de). Jede Phila-Weltausstellung kam ohne Thematische Philatelie nicht mehr aus, das Reglement war/ist streng wie etwa bei Länderslgn. Ich rede in der Vergangenheit, weil soweit ich das beobachten kann, gerade die Weltausstellungen wegen fehlender Gelder an Zahl zuletzt stark abgenommen haben. Traditionell und bedeutsam aber ist z.B. weiterhin im mitteleurop. Raum die EXPHIMO in Bad Mondorf (http://www.philcolux.lu/2013/Wort02052013.pdf)

    Warum „vergangene Zeiten“, wenngleichzeit „der Markt“ ja weiterhin Millionen Euro generiert (s. „APHV-Magazin“ 10-/ + 11/2014, Verbandsorgan des Händlerverbandes APHV)? Diese Aussage treffe ich vor der allgemeinen Entwicklung im Sammeln. Das Motivliche und damit auch das „intrinsische Sehen der Bildinhalte“ bleibt grundsätzlich, vor allem aber stark in der Jugendarbeit verankert, die Bemühungen des BDPh, an die Schulen zu kommen und mit fachkundiger Leitung Lerneinheiten dort unterzubringen, zeigen erste Erfolge, Kinder und Jugendliche machen ihre eigenen „intransischen“ Erfahrungen mit der Briefmarke heute anders als Heranwachsende vor 30, 50 Jahren. Die regionale Philatelie ist weiterhin ebenfalls stark motivlich ausgerichtet, auch auf den letzten Bundesveranstaltungen (NAPOSTA) waren ausgereifte Motivsammlungen mit all dem Wissensunterbau, den Kaden reklamiert, bestens vertreten

    Dennoch ist eindeutig ein ganz anderer „Zweig“ der Philatelie im Vormarsch, nicht erst seit heute, auch nicht erst seit zwanzig, dreißig Jahren, heute aber mit dem Merkmal, Vorreiterfunktion für, vielleicht sogar Retter für die gesamte Philatelie zu sein. Eine Philatelie, die auch Markt ist, denn ohne Geld geht auch im „Biotop“ Briefmarkensammeln nichts, gar nichts, und es ist weltfremd, die zeitgenössische Philatelie wie Kaden es tut, auf dieses Merkmal (neben den beiden anderen von ihm genannnten) zu verengen. Dieser Zweig ist die Postgeschichte. Sie Ist als Begriff auch nichts Neues, ist aber in ihrer praktischen Ausführung etwas, was die Philatelie retten kann. Warum? Weil sie vital ist und vor allem in ihrem geistigen Gehalt überzeugend ist. Näheres dazu findet man auf http://www.philatelie-digital.de (dort: „Aufgaben, Inhalte“, „Länderspektrum“/Deutschland sowie „Wissen“/Briefpost national-international.
    mfg Werner Rittmeier c/o philatelie-digital

    • Ben said, on 21. Januar 2015 at 18:43

      Lieber Herr Rittmeier,

      haben Sie vielen Dank für Ihre ausführlichen Anmerkungen. Falls durch meinen zugegeben etwas locker formulierten Einstieg und der darin enthaltenen und bestimmt für die Welt der Philatelie nicht allgemeingültigen Ad-hoc-Kategorisierung („Ästhetischer Reiz, Faktenhuberei oder die allseits dominante Frage nach einem möglichen finanziellen Gewinn“) der Eindruck entstand, ich würde die Arbeit der philatelistischen Arbeitsgemeinschaften diskreditieren wollen, tut mir das sehr leid. Denn nichts liegt mir ferner. Der geschilderte Eindruck ist vor allem von Verkaufsbörsen geprägt, wie sie regelmäßig zum Beispiel im Berliner Ostbahnhof stattfinden und die bei Außenstehenden durchaus ein solch reduziertes Bild hinterlassen können. Mir ist bewusst, dass die Philatelie in dieser drängeligen Bahnhofsatmosphäre nicht gerade in ihrer schönsten Seite inszeniert wird. Sehen Sie mir bitte nach, dass ich hier etwas undifferenziert war.

      Abgesehen davon beschäftigt sich meine kleine Besprechung des Aufsatzes von Mangala Anil Hirwade und Ujwala Anil Nawlakhe aus einer bibliothekswissenschaftlichen und nicht etwa einer philatelistischen Warte mit der Frage, inwieweit der Artikel in der International Information & Library Review dazu beiträgt, Briefmarken als Medium und die Herausforderung diesbezüglich bibliothekswissenschaftlich relevanter Aspekte (wie die inhaltliche Erschließung und die digitale Vermittlung dieses Mediums) in den Fachdiskurs zu bringen. Von einer wissenschaftlichen Publikation erwarte ich, dass sie über die reine Beschreibung hinausgehend auch Fragen aufwirft und das Thema in einem größeren Zusammenhang reflektiert. Das erfüllt der Artikel eher nicht.

      Mein Hinweis auf die philatelistischen Publikumszeitschriften soll diese keinesfalls abwerten, sondern allenfalls zum Ausdruck bringen, dass die Beschreibung der Datenbank und des WADP Numbering Systems (WNS) dort womöglich eher ihre Zielgruppe gefunden hätte.

      Also kurz: Mein Blogposting bespricht den zitierten Fachaufsatz hinsichtlich seiner Relevanz für die Bibliothekswissenschaft und erhebt keineswegs den Anspruch, Aussagen über das Gesamtgeschehen im Bereich der Philatelie zu treffen.

      Mit besten Grüßen,

      Ben Kaden


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