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Einladung zur Behauptung: Das Metadatum ist auch Diskurs. Eine Replik auf Karsten Schuldt.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 29. März 2012

von Ben Kaden

diskutiert werden:
1. Ben Kaden: Zur Diskursänderung. Eine Position zur Diskussion um die Zukunft der Informationswissenschaft. In: LIBREAS Weblog, 21.03.2012
2. Karsten Schuldt:  Der Diskurs ist kein Metadatum. Eine Replik zu Ben Kaden. In: LIBREAS Weblog, 29.03.2012.

Es wird argumentiert, dass die Replik Karsten Schuldts zwar einige wichtige Hinweise enthält, in ihrem Kern jedoch die Fokussierung auf den Diskurs-Begriff bei Michel Foucault und seine Rolle für den vorliegenden Kontext überstrapaziert. Die Positionen von Ben Kaden und Karsten Schuldt unterscheiden sich dabei weniger in ihrem Kern, als in ihrer Annäherung an diesen. Diskurs und Gesellschaft sind bei beiden untrennbar zusammenhängende Phänomene. Während allerdings Karsten Schuldt den Ausgangspunkt der Gesellschaft verabsolutiert, fragt Ben Kaden nach den Möglichkeiten einer Integration diskursanalytischer Positionen mit aktuell zentralen Gegenständen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

„Genau das ist falsch.“

Reizenderweise (und zwar auch buchstäblich), nahm mein LIBREAS-Redaktionskollege Karsten Schuldt den Spielball „Diskurs“ auf. Ich bin ihm dafür ausgesprochen dankbar, nun entsprechend möglichst diesen weiter elaborierend retournieren zu können.

Etymologisch kommt das harte Urteil falsch, was Karsten Schuldt vielleicht nicht bewusst ist, mit der pragmatischen Andeutung „unredlich, betrügerisch, hinterlistig“ daher, weshalb ich solch harsche Wertungen selbst in Kenntnis eines landläufig lockereren Gebrauchs möglichst zu vermeiden suche. Verkehrt wäre der treffendere und diskursethische freundlichere Ausdruck. Denn es schwingt die Bedeutung invers mit und damit die Anerkennung einer zwar abweichenden, aber doch legitimen Position im Argument. Gerade wenn man Diskurse vom Ziel des Wahrheitsanspruchs auf soziales Geschehen herunterbricht, scheint mir eine ethische Verankerungen geboten, die die Möglichkeit des Anderen mit einschließt. Und in diesem Fall ist das invers, wie ich nachfolgend zu zeigen versuche, sogar sehr richtig am Platz.

I

Diese Pedanterie in der Wortwahl zeigt denn auch meines Erachtens, wo die Verständnisprobleme wurzeln, die einmal in einer sommerlichen Sitzung des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums begannen und regelmäßig aufgefrischt werden: Ich – ausgerechnet als immerhin ordentlich graduierter Nebenfachsoziologe – gehe nämlich von der Sprache aus und stelle sie als Mittel sowohl der Verständigung wie auch des Widerstreits und letztlich auch der Herrschaft dem Erkenntnisprozess des Sozialen voran. Das ist der Kern bei Karl-Otto Apel: Die reflexive Auseinandersetzung dessen, was die Bandbreite sprachlicher Vollzüge rahmt. Und rahmen sollte. Karsten Schuldt geht dagegen vom Sozialen bzw. der Gesellschaft aus und sieht die sprachliche Ausprägung des Sozialen als Folge bestehender derartiger Wechselwirkungen. Wir haben also eine Henne und ein Ei.

Wo Karsten Schuldt schreibt

„Diskurse und Kommunikation sind höchst sozial.“

liegt er punktgenau auf meiner Argumentationslinie. Jedoch nicht auf der meiner Perspektive. Aus der Distanz betrachtet trennt uns also gar nicht mal so viel.

Die Missverständigung, die sich in seiner Bewertung meines Diskussionsbeitrages zeigt, hat zwei Ursachen. Einerseits das aus meiner Sicht ziemlich unredlich Beiseitewischen der diskursethischen Überlegungen Karl-Otto Apels. Man kann es eben nicht so formulieren:

„Kaden führt explizit auch Karl-Otto Apel ein, aber es wird nicht so Recht klar, wozu. Das, was von Apel übernommen wird (Diskursethik) findet sich so oder ähnlich auch bei Habermas. Vielleicht kann man in diesem Text hier Habermas als Habermas und Apel lesen. Das grundsätzliche Problem mit deren Diskursbegriff löst die Formulierung der Diskursethik nicht.“

nachdem man zuvor geschrieben hat, dass es keinen Grund gibt, Habermas ernst zu nehmen („Besser, man vergisst ihn […]“). Nun zeigt aber gerade die Diskursethik, dass es wichtig ist, das ernst zu nehmen, was mein Gegenüber ernst nimmt, da sonst die Voraussetzungen für die Verständigung nicht mehr übereinstimmen.

II

Problematischer erscheint mir allerdings, dass Karsten Schuldts Rezeption meines Textes diesen etwas überbeansprucht. Mein Anliegen war, kondensiert eine durchaus streitbare Grundthese der konkreten Diskussion in Düsseldorf zur Seite zu stellen und dies möglichst so überschaubar, dass die dortigen Teilnehmer sich zur Not in der Pause davor auf ihrem Tablet noch einmal darüber informieren können. Daher sind viele Gesichtspunkte notwendig verkürzt.

Das erlöst den Text selbstverständlich nicht von der Gefahr oder der Chance einer weiterführenden kritischen Lektüre. Diese sollte aber genau genug sein, um anhand von Worten wie „Idealvorstellung“ herauszuspüren, dass es sich hierbei nicht um das Postulat eines So ist’s! sondern mehr um die Aussage So hätten sie es gern! handelt.

Dass sie – Apel und Habermas und vielleicht die positive Wissenschaftstheorie – Kommunikationen um die Klärung von Wahrheits- bzw. Geltungsansprüchen eventuell gern sauberer geregelt hätten, als es realisitisch ist, scheint mir zunächst bei aller offene Diskrepanz zum tatsächlich Geschehenen nicht verwerflich, sofern man nicht einem Reduktionismus verfällt. Denn Idealvorstellungen sind eine Orientierung und zunächst einmal ein stabilisierender Zwischenboden, auf dem man dann miteinander auch konträr, aber letztlich doch etwas stabilisierter, kommunizieren kann.

III

Die zentrale Differenz zwischen dem Ansatz Karsten Schuldts und meinem scheint mir in diesem Fall darin zu liegen, dass sein Ausgangspunkt die Fokussierung dieser kommunikativen Regelhaftigkeit, die man sprachtheoretisch bzw. semiotisch sehr gut adressieren kann, von vornherein ausschließt. Er zielt daher auf eine Informationswissenschaft im Sinne einer (Informations-)Soziologie ab. Oder besser noch einer Wissenssoziologie. Nur gibt es diese schon.

Und während ich der Letzte bin, der sich gegen einen intensiven zwischendisziplinären Austausch mit diesem Fach ausspricht, scheint es mir doch bei der Ausrichtung der Bibliotheks- und Informationswissenschaft vorrangig um die Fragen gehen zu müssen, welchen spezifischen Beitrag ein solches Fach leisten kann. Ideologiekritik und die lehrreiche Palette Focault’scher Erkenntnisse und Aporien sind nun einmal hauptsächlich Importleistungen.

Fragt man mich also, wo ich einen tragfähigen Kern dieses Faches sehen würde (und man fragte mich für die Düsseldorfer Runde), zeige ich dahin, wo mir Kompetenzen am erfolgversprechend kombinierbar erscheinen. Dort geht es darum, eine Brücke zwischen angenommenen Regelhaftigkeiten und ihrer lebensweltlichen Widerlegung anhand des zentralen Gegenstandes der Repräsentation von Kommunikationen (also den Dokumenten) zu bauen. Ich gehe an keiner Stelle nur von einem „von Regelhaftigkeit geprägten Diskurs“ aus. Aber eben doch auch. Denn für einen regellosen Diskurs werden wir schwerlich Modelle oder greifbare Theorien entwickeln können.

Die interessanten Ansatzpunkte eröffnen sich selbstverständlich dort, wo die Grenze zwischen Regelwillen und Unschärfe mehr oder weniger unvorhersehbar spürbar wird. Aber es gilt, beide Seiten in den Blick zu nehmen: 1. die gesellschaftliche Realität, die in dem sehr zugeschnittenen Aufriss für die Düsseldorfer Diskussion zugegeben nicht zentral ist. Und 2. die Modellierung eines Ideals aus Wahrnehmung und Zielstellung, wie sie jeder Klassifikation anhaftet.

IV

Was Karsten Schuldt bedauerlicherweise in seiner Stellungnahme völlig ignoriert, ist die semiotische Grundausrichtung (weshalb es ihm auch so leicht fällt, Apel und Habermas zu einem Phänomen zu zusammenschmelzen, das dann im Kehrichteimer seiner Argumentation verschwindet.) Sonst wäre ihm vielleicht nicht entgangen, dass die Aussage

„Es geht demnach mit anderen Worten darum, den pragmatischen Gehalt auch scheinbar wertneutraler Äußerungen in Rückbindung an den Äußernden prüfen.“

versucht, seine „immer irgendwie Aussagerichtungen […] und so weiter“ in die Analyse hineinzubringen. Allerdings so, dass sie in irgendeiner Form stabilisiert und damit überhaupt analysierbar werden. Die Dokumente und ihre Metadaten sind nicht der Diskurs. Wohl aber ein Teil des Diskurses. Nämlich dessen zeitstabile und rückwirkend als Material les- sowie analysierbare Repräsentation. Und dank sozialer Netzwerke und digital geführter und damit dokumentierbarer Kommunikationen „taucht in den Dokumenten, Metadaten und Netzwerken von Metadaten“ nun doch einiges mehr auf, anhand dessen man Machtverteilungen, Brüche u. ä. im Diskurs nachvollziehen kann.

Möglicherweise hätte ich dazu notieren sollen, dass ich unter Dokument nie ausschließlich die formal abgesegnete Publikation verstehe. Die Dokumente – bewusst benannt als „Diskursspuren“ – sind mir die in der Zeit sichtbare und archivierbare Seite des Diskurses. Und damit der Rückschlüssel zu den Inhalten und den Akteuren. Wobei konsequenter Weise der, der rückschließt, selbst als ein solcher verstanden werden muss – vergleiche meine Aussage: „Die Diskursanalyse von Diskursanalysen ist durchaus denkbar.“

V

Ich lerne entgegen der Behauptung Karsten Schuldts durchaus viel bei Foucault. Aber da es hier nicht um Foucault-Studien geht, sondern um die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, nehme ich mir das Recht, diese Lernfortschritte an mein spezifisches Erkenntnisziel nach Möglichkeit anzupassen.

Und da liest sich dieser Grundgedanke:

„Jeder Diskurs ist Ausdruck und Reaktualisierung von Machtbeziehungen, Machtbeziehungen sind immer produktiv (sie führen Realität, Möglichkeiten und Widerstand gegen sich herbei). Wer Diskurse untersucht, kann sich nicht wirklich um diese Erkenntnis drücken […]“

ganz ohne Erkenntnisdrückebergerei eben so:

„Die große Chance der diskursanalytisch gestützten Auseinandersetzung mit der kommunikativen Lebenswelt liegt in der differenzierten Auseinandersetzung mit den Entstehungsprozessen bestimmter, Geltung beanspruchender Aussagen, die nicht in Beliebigkeit abgleitet. Sie orientiert sich an den Tatsachen und ermöglicht genau deshalb das Denken von Alternativen und Varianten.“

VI

Zusammenfassend drei Punkte:

1. Ich begrüße jede nicht-wohlwollende Lektüre meiner Texte, wenn sie tatsächlich eine kritische in dem Sinne ist, dass sie die Aussagen zerlegt und differenziert. Weniger zielstrebig erscheint mir dagegen eine Überbetonung des Aspektes, dass man einen bestimmten Autor – in diesem Fall Foucault – nicht genügend würdigt oder verkürzt exegiert.

Auch das mehr oder minder bewusste Ausblenden der Zielrichtung des konkreten Textes, nämlich eine These hin zur Adaption bestimmter Theoriebausteine für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf dem Fundament zu formulieren, was sie derzeit besitzt (und welches hauptsächlich auf Netzwerk- und Metadatenanalytik aufsetzt), relativiert die Schlagkraft der Replik erheblich.

2. Ich widerspreche der Aussage Karsten Schuldts

 „Nur: Dies sind keine Diskurse, die Netzwerke von Metadaten lassen auch bei genauester Untersuchung keine Aussagen über Diskurse zu.“

Genau um diese Frage geht es in der Diskussion. Was lässt sich aus Dokumenten und Metadaten mit welchen Analyseverfahren erkennen? Ich glaube, dass die Analyse von Metadaten und Dokumenten (und die Kontextualisierung mit Inhalten und Akteuren) zwar niemals dem konkreten Diskursgeschehen gerecht werden.

Aber ich kann mir gut eine Konstellation vorstellen, die dem Verhältnis von Landkarte zu Landschaft entspricht. (vergleiche meine Aussage: „An dieser Stelle erhält die Bibliotheks- und Informationswissenschaft zusätzlich eine netzwerkanalytisch geprägte topologische Ausrichtung.“) Während niemand ernsthaft behauptet, die Landkarte sei die Landschaft, wird auch niemand ernsthaft einschränken, die Landkarte lässt auch bei genauester Betrachtung keine Aussagen über die Landschaft zu. Gerade die abstrahierende Ordnung von Landschaftsmerkmalen ermöglicht eine mitunter sehr Erkenntnis stiftende Verschiebung der Wahrnehmung. Wenn wir zudem wissen, aufgrund welcher Kriterien und zu welchem Zweck diese Karten so angefertigt wurden, wie sie angefertigt sind, kommen wir dem, was eine ab- und aufgeklärte Wissenschaft leisten kann, doch sehr nah.

3. Schließlich noch ein Widerspruch zum Widerspruch:

„Dieser Diskursbegriff ist gerade nicht ohne Gesellschaft zu haben. Und zwar Gesellschaft nicht als Beiprodukt, sondern als Hauptgegenstand.“

Ich denke nicht, dass der sehr ambivalente Begriff der Gesellschaft (wie von wem auch immer definiert) der direkte Fixpunkt der Bibliotheks- und Informationswissenschaft sein kann und sein sollte. Obwohl man sich der „Gesellschaftlichkeit“ des Fachs und seiner Inhalte hoch bewusst sein muss, scheint es mir zweckmäßiger, bestehende Traditionslinien zu verlängern und gegebenenfalls anzupassen, als sie grundsätzlich zu verwerfen. Das bedeutet nicht das Ausblenden gesellschaftlicher Realitäten, sondern eine Beleuchtung aus einem spezifischen Einfallswinkel. Und aus dem muss man anerkennen, was hier den Titel gibt: Das Metadatum ist auch Diskurs.

Berlin, 29.03.2012

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