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Bibliotheken für Menschen in Armut, lokale Ansätze

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 18. März 2012

Zu: Leslie Edmonds Holt ; Glen E. Holt (2010) / Public Library Service for the Poor : Doing All We Can. Chicago : American Library Association, 2010.

Von Karsten Schuldt

Würde im deutschsprachigen Bibliothekswesen ein Buch zum Thema „Bibliothekarische Dienste für Menschen in Armut“ publiziert, wäre das wieder nur ein Beispielsammlung (auch wenn sie „Best Practice“ genannt würde) oder aber irgendwer könnte sich nicht zurückhalten, ungeachtet des Inhalts das Buch gleich „Handbuch“ zu nennen und damit den Anspruch zu erheben, wirklich alles zum Thema zu sagen.

Glücklicherweise tun Leslie Edmonds Holt und Glen E. Holt weder das eine noch das andere. Genauer: Sie kritisieren, dass sich auch im englischsprachigen Bibliothekswesen der Grossteil der Beiträge zum Themenfeld auf Beispiele aus einigen Bibliotheken beschränkt, die zumeist so dargestellt werden, dass nicht klar wird, was sie eigentlich für einen Effekt hatten und wie andere Bibliotheken von ihnen lernen können. Vielmehr versuchen die Autorinnen, dass Themenfeld so zu umreissen, dass alle Öffentlichen Bibliotheken mit dieser Beschreibung etwas anfangen können. Das gelingt nicht vollständig, aber es ist als Ansatz viel sinnvoller.

Die Gesellschaft fehlt

Anzumerken ist zudem, dass das Buch selber sehr kurz ist. Es ist eine kurze Einführung, welche den Bibliotheken selber viele Aufgaben hinterlässt. Ein umfassenderes Werk würde anders aussehen. Auf diese Weise umgehen die Autorinnen die wichtige Frage anzusprechen, ob Bibliotheken für Menschen in Armut da sein sollen oder ob sie darüber hinaus auch etwas dazu beitragen können und sollen, die Strukturen, welche Armut hervorbringen, zu verändern. An dieser Frage kommt man eigentlich nicht vorbei, wenn man sich mit Armut beschäftigt.1 Die Existenz von Armut ist ein Skandal, zu dem man sich verhalten muss, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Einzig, wenn man die Armut den Armen selber zuschreibt und ihnen vorwirft, nicht aus ihr aufsteigen zu wollen – was bekanntlich in der einen oder anderen Form tatsächlich ein politische Position ist – kann man sich dem entziehen. Dann aber, so betonen auch Holt & Holt, obgleich unter dem Label „Vorurteile“, wird man sich eh nicht um die Frage kümmern, ob und was Bibliotheken überhaupt für Menschen in Armut tun können.

Durch die Kürze des Buches aber, beschreiben Holt & Holt zwar das Leben in Armut und verwerfen die Vorstellung, dass die Armen ihr Leben in dieser Form selber gewählt hätten; schweigen allerdings vollständig zu der Frage, wo Armut überhaupt herkommt. Zwar betonen sie, dass Bibliotheken in dieser Frage nicht neutral sein könnten, gehen dann aber inhaltlich nicht weiter auf diese Frage ein. Es geht ihnen letztlich um individuelle Hilfen – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

USA

Zusätzlich muss darauf hingewiesen werden, dass das Buch einen US-amerikanischen Fokus hat. Das ist nicht verwunderlich, wurde es doch von der American Library Association (ALA) herausgegeben. Dennoch irritieren einige Themen, wenn man sie aus einer europäischen Perspektive liesst. Wenn beispielsweise darüber reflektiert wird, dass Öffentliche Bibliotheken einen sicheren Raum gegen Ganggewalt bietet; wenn vorgeschlagen wird, Kirchen einzuspannen, um viele Menschen zu erreichen oder aber Radiowerbung und die Arbeit in der Community diskutiert werden, merkt man sehr direkt, dass über eine andere Gesellschaft geredet wird.

Trotz dieser Einschränkungen ist dieses Buch – auch weil ein Pendant im deutschen Sprachraum fehlt – zu empfehlen. Es ist vor allem eine Erinnerung an die Problematik und enthält einige begründete Handlungsvorschläge.

Wissen über ein Leben in Armut

Grundsätzlich gehen Holt & Holt davon aus, dass Bibliotheken sich mit dem Leben der Menschen in Armut auseinandersetzen müssen, um ihnen sinnvoll helfen zu können. Dazu muss ein Wissen erarbeitet werden, dass {a} über die unterschiedlichen Armutsdefinitionen und deren Relativität, {b} über die lokale Infrastruktur für Menschen in Armut (Hilfsangebote, Regeln, Diskurse) und {c} die Armutspolitik unterrichtet ist und zudem {d} grundsätzlich die Sichtweisen von Menschen in Armut vermittelt. Keine kleine Aufgabe, aber begründet. Die Autorinnen verweisen auf eine Studie der ALA aus dem Jahr 2007, bei der fast alle befragten Public Libraries angaben, dass sie Nutzerinnen und Nutzer hätten, die arm wären; gleichzeitig aber kaum eine der Bibliotheken erfolgreiche Programme und Angebote für diese Menschen nennen konnte. Dies sei nicht hinzunehmen, schliesslich hätten die Bibliotheken, so betonen Holt & Holt immer wieder, die Aufgabe, für alle Menschen da zu sein. Gleichzeitig ist es verwunderlich, da offenbar Menschen in Armut Bibliotheken eine Aufgabe zuschreiben, aber die Einrichtungen nicht darauf reagieren. Diejenigen Kolleginnen und Kollegen, welche sich in den Einrichtungen mit Angeboten für Menschen in Armut beschäftigen, würden sich zudem oft allein gelassen fühlen.2

Allein...

Praxis

Im eindeutig längeren Teil des Buches, welches sich mit der praktischen Arbeit von Bibliotheken beschäftigt, fordern Holt & Holt immer wieder, dass die Sicht der Menschen in Armut in den Mittelpunkt gestellt werden müsste. Wichtig sei zu bestimmen, was diese Menschen wirklich mit den existierenden oder zu entwerfenden Angeboten anfangen könnten, was ihre realen Gewinne in ihrem realen Leben wären. Zu vermeiden seien generische Aussagen wie „wir bieten Bücher, alle können die Bücher lesen, also können Arme die Bücher lesen“. Dies würde nicht auf die realen Lebensprobleme der Mensch eingehen. Vielmehr sei ein Wissen um das Leben in der lokalen Gemeinschaft notwendig: Wer sind eigentlich die Armen in der eigenen Gemeinde, was sind ihre Probleme, Herausforderungen und Potentiale? Sind es vor allem alleinerziehende Mütter mit drei Jobs oder wohnungslose Veteranen (auch ein im Buch gebrachtes Beispiel, dass auf die us-amerikanischen Gesellschaft verweist)? Wie viele sind das eigentlich, nach welcher Definition? Gibt es ein Gewaltproblem oder gibt es vor allem Probleme mit der Infrastruktur? Gibt es dutzende Suppenküchen oder gar keine? Auf der Grundlage dieses Wissens hätten Bibliotheken Angebote zu erarbeiten und ihre Strukturen zu überprüfen. Für diese Überprüfung stellen Holt & Holt ein Bewertungsraster, welches sie in der St. Louis Public Library verwendeten, zur Verfügung, letztlich aber betonen sie, dass jede Evaluationsmethode sinnvoll sein kann,3 wenn sie die Menschen in Armut ernst nimmt.

Erwähnenswert ist die Betonung der Notwendigkeit kontinuierlicher Arbeit. Gerade Programme, die nach ein, zwei Jahren wieder ausliefen, seien „fundamentally disrespecting“ (p. 36), schon weil Menschen in Armut viel weniger Alternativen kennen und wahrnehmen würden. Sie würden bei einem solchen Vorgehen erst an die Bibliothek herangeführt und dann wieder allein gelassen.

Die Autorinnen gehen mit dieser grundsätzlichen Haltung mehrere Themengebiete durch, identifizieren beispielsweise Barrieren zur Nutzung von Bibliotheken aus der Sicht der Menschen in Armut,4 besprechen die Möglichkeiten von Kooperationen (wobei sie den sinnvollen Merksatz aufstellen, dass Bibliotheken nicht versuchen sollten eine Wärmestube / ein Hilfsorganisation etc. zu werden, weil sie das nicht könnten, sondern mit einer solchen kooperieren können). Sie betonen zudem stark die Möglichkeit, die Bibliothek als einen Ort zu positionieren, der beim Umgang mit Behörden und den Navigieren im Dschungel der Hilfsangebote und Regeln helfen kann – wenn das dafür nötige (lokale) Wissen erarbeitet wurde.

Fazit

Wie schon weiter oben gesagt, hat das Buch gewichtige Einschränkungen. Es ist zudem, wie so viele Bücher zum Thema Armut, dahingehend eingeschränkt, dass man der Sicht der Autorinnen auf Armut und Menschen in Armut folgen muss, um dem Buch auch folgen zu können. Argumentiert wird für diese Sicht nicht. Menschen, die mit Vorurteilen an das Thema herangehen, werden sehr früh explizit abgekapselt und nicht etwa überzeugt. Menschen, die finden, dass es die individuelle Ebene zu wenig ist, werden eher allein gelassen. Ebenso Menschen, die zwar mit der individualisierten Ebene einverstanden sind, aber sie anders verstehen und beschreiben würden. Ansonsten aber ist das Buch eine sinnvolle Erinnerung an das Thema und daran, dass eine sinnvolle Arbeit von Bibliotheken für Menschen in Armut tatsächlich das ist: Arbeit. Arbeit, die geleistet werden muss.

Fussnoten

1 Vgl. Martin Kronauer (2010) / Exklusion : Die Gefährdung des Sozialen im hochentwickelten Kapitalismus. Frankfurt am Main : Campus, 2010.

2 Die Autorinnen führen an, dass bei der besagten Studie des Öfteren eine regelmässige Diskussion zum Thema in bibliothekarischen Medien gefordert wurde, auch um dieses „allein gelassen Sein“ zu überwinden und professionelles Wissen aufzubauen. Ironisch daran ist, das beide selber in der Redaktion der Public Library Quarterly tätig sind, welche bei allem Engagement auf anderen Gebieten dieses Thema bislang wenig behandelt.

3 Was selbstverständlich die Frage aufwirft, warum es dann überhaupt so viele gibt.

4 Ein Grundmotiv dieser Barrieren ist übrigens, dass Bibliotheken ihre Nutzungspolitik zumeist nicht auf das Leben der Menschen in Armut abgestimmt haben. Während Menschen in Armut oft schnell ihren Wohnsitz ändern, eine prekären Tagesablauf haben (Stichwort: 3 Jobs und Überwachung durch Ämter); gingen die meisten Bibliotheken bei ihren Nutzungsordungen stark von mittelständischen Personen mit festen Arbeitszeiten, klaren Wohnverhältnissen, klarerer Gestaltung des Alltags et cetera aus. Dies könnte man – auch wenn es Holt & Holt nicht explizit tun – auf die Frage der Sans Papiers ausweiten. Wie können eigentlich Menschen ohne legalen Aufenthalt (in Europa vor allem wegen der Migrationspolitik, bei Holt & Holt vor allem wegen Wohnungslosigkeit diskutiert) Bibliotheken nutzen? Oder gibt es gar keinen Weg für diese, Medien zu entleihen, Fernleihen aufzugeben und so weiter?

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