LIBREAS.Library Ideas

Anders Musik hören im Stream

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 3. März 2012

Zu: [Schwerpunkt:] Cloud Musik. In: De:Bug (2012) 160, S. 8-20.

Von Karsten Schuldt

Nicht, wie so oft, von der Seite der Labels und auch nicht mit den Fragen, die sich Bibliotheken stellen, sondern vor allem von Seiten der Hörenden selber befragt die aktuelle De:Bug – für die, die sie nicht kennen: eine Zeitschrift mit dem Untertitel „Elektronische Lebensaspekte : Musik, Medien, Kultur & Selbstbeherrschung“, die sich als Berliner Zeitschrift für Partys, Musiktechnik und politisches Gewissen beschreiben lässt und die elektronische Szene seit 15 Jahren ins Erwachsenwerden begleitet hat – die Veränderungen im Musikhören, Musikmachen und Musikverbreiten.

Wir wissen alle, dass da etwas passiert. Die De:Bug als Zeitschrift, die mit und für DJanes, DJs, Musikerinnen und Musiker ebenso spricht wie mit Partygängerinnen und -gänger ist am Thema selbstverständlich nahe dran. Musik bewegt sich, so die Analyse, in Richtung Cloud. Streaming wird zum neuen Radio, Hören wird wichtiger als kaufen, das Kommunizieren über die Musik, die man hört, wird dank der zahlreichen Netzwerke wieder wichtiger. Man zieht nicht mehr unbedingt durch die Gegend, kauft einsam Platten (Stattdessen sind Zweierteams junger Menschen mit neuerworbenen Vinyls zumindest an den Wochenenden in den hippen Stadtteilen der grossen Städte wieder mehr unterwegs, als noch vor einigen Jahren. Allerdings: der gemeinsame Kauf als sozialer Akt ist teilweise wichtiger geworden, als die Musik, die gekauft wird. Obgleich die hip sein muss, hat man immer weit mehr hippere und aktuellere Musik auch so bei der Hand.), stattdessen zeigt man im Netz, was man hört, kommuniziert darüber. Und man hört weniger einzelne Stücke und Alben, sondern immer mehr Streams, die allerdings weit individueller sind, als Radiostationen.

Die De:bug schreibt von einer „Schwelle zur absoluten Entmaterialisierung der Musik“ (ohne Autorin, S. 9) an der wir aktuell ständen, aber auch davon, dass sich durch die Musik in der Cloud „neue Untiefen im Bermudadreieck zwischen Besitz, Genuss und Gesellschaft“ auftun (ohne Autorin, S. 9). Wenn wir für nichts oder wenig Geld auch ganz legal fast alle Musik (obgleich die Frage gestellt wird: Wirklich alle?) bei der Hand haben, wie verändert sich dann die Bedeutung von Musik? Wird sie wieder mehr Genuss? Was wird aus der Aktivität des Sammelns? Schliesslich ist es heute schwerer, als in den 1980ern, durch eine ordentlich obskure Plattensammlung Eindruck zu schinden und Exklusivität herzustellen. (Ausser, man weicht in die nicht im Internet erschlossene Musik aus. Die Frage: Was hören die 19-jährigen in Hinterland von Ghana oder Bolivien eigentlich, wenn sie tanzen gehen, lässt sich mit dem Netz immer noch nicht richtig beantworten.) Gleichzeitig, so eine weitere Frage im Schwerpunkt der De:Bug, produziert unser Musikhören und -verbreiten immer mehr Daten. Das ist eine oft getroffene Feststellung, auch die Frage, was mit diesen Daten passiert, wer sie wie auswertet und nutzt, wurde schon öfter gestellt, aber: Die Antworten sind bislang eher wenig genau. Nicht, dass die De:Bug sie besser beantworten kann. Es ist nur richtig, dass sie sie stellt.

"Wohin verschieben sich die Parameter des Musikkonsums, wenn alle Musik der Welt für zehn Euro im Monat on demand verfügbar Ist? Was ist aus der Exklusivität von Musik geworden, was wird aus popdiskursiver Besserwisserei?" (ohne Autorin, S. 9)

Genau das ist die Eigenheit dieses Schwerpunkts (Aber auch anderer Schwerpunkte in der De:Bug. Eigentlich gibt diese Zeitschrift selten Antworten, wirft aber immer wieder interessante Fragen zum Leben mit elektronischer Musik auf. Ein Grund, sie zu schätzen.): Es gibt wenig Antworten. Sehr schön illustriert dies ein Interview (Lea Becker: Besser als Nichts: Musiker als letztes Glied der Streamingkette, S. 14-16) mit Jürgen Söder von der Firma Licensing Department, welche Lizenzierungen für kleine Labels organisiert. Söder ist ein kompetenter Ansprechpartner, schliesslich beschäftigt er sich direkt an der Front mit der Frage, wie und ob Musik im Streaming-Zeitalter sich überhaupt rechnet (oder halt wieder reines Hobby wird), aber auch er kann auf die meisten Fragen wenig antworten. Die Lizenzmodelle sind vielfältig, die Ansätze der Labels auch. Die Gewinne sind offenbar gering, aber auch nicht so gering. Die kleinen Labels (zu denen ja auch Selbstverlage gehören können) haben dank Streaming einen besseren Stand gegenüber grossen Labels – oder auch nicht. Man weiss es nicht.

Viel weiter kommt der Schwerpunkt nicht. (Ausser bei der Tabelle auf Seite 17, welche acht Anbieter von Streamingdiensten inklusive der Grunddaten aufzählt und für Nachfragen nach solchen Angeboten irgendwo abgespeichert werden sollte.) Aber das ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass sich das Musikhören verändert.

Für Bibliotheken stellt sich hier die Frage, welchen Einfluss das auf ihre Arbeit hat. Negativ könnte man meinen, dass die populäre Musik wieder aus den Beständen ausziehen kann, nachdem vor einigen Jahrzehnten erst den Weg hinein erkämpft werden musste. Wenn wir tatsächlich alle streamen, brauchen wir dann wirklich noch Vinly und CD in der Bibliothek? Das ist bei Büchern etwas anderes, weil es sich da um handfeste Medienformen handelt, aber Musik? Positiv gewendet könnte man davon ausgehen, dass sich die Aufgabe der Bibliotheken im Bezug auf populäre Musik wandelt. Vielleicht muss die Bibliothek Zugang zu Musik schaffen und erklären, Geschmack bilden und Diversität befördern – aber nicht unbedingt im Bestand abbilden. Vielleicht. Immerhin ist auffällig, dass in einer Zeit, in der sich mehr und mehr Bibliotheken als sozialer Ort verstehen, auch das Musikhören wieder mehr soziale Dimensionen entwickelt. Es hat sich einiges beim Musikhören geändert, die Fragen dazu aber bleiben.

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