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Das Netz als Teil des Lebensgefühls im Grime

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 25. Januar 2012

Von Karsten Schuldt

Rezension zu: Wiley (2011) / 100% Publishing. – [Vinly, MP3]. – London : Big Dada, Ninja Tunes.

Die jeweils aktuellen Informationsmittel sind immer Teil des Lebensgefühls der Teile der Bevölkerung, welche populäre Musik nutzen. Diese Aussage ist wohlfeil, leitet sie doch beispielsweise die Forschung zu Subkulturen. Aber: Ist eine Popmusik nur thematisch breit genug und beschränkt sich nicht auf jeweils zwei, drei Themenbereiche – was allerdings viele Genres doch tun – und ist zudem noch nah genug an den eigenen Hörerinnen und Hörern, dann spiegelt sich diese Nutzung der Kommunikationsmittel in der Musik selber wieder und wird so, auch ohne größere Feldforschungen, unter anderen für den forschenden Blick sichtbar. Oder anders: Wenn die Kommunikationsmittel in dieser Musik auftauchen, kann man auf die tatsächliche Nutzung zurück schließen. Nicht ungebrochen, verbleibt doch auch vieles im Klischee; aber doch relevant.

Nun gibt es wohl aktuell keine Richtung der Popmusik (egal ob im Underground oder Mainstream), die selbstbezüglicher und beredeter ist, als der HipHop in seinen zahllosen Ausprägungen, Weiterentwicklungen und regionalen Dialekten. Der Einfachheit halber – die selbstverständlich im Umkehrschluss der gesamten Komplexität der Entwicklung des Genres nicht vollständig gerecht wird, aber für die folgende Argumentation greifbarer macht – soll hier Grime, insbesondere in seiner Ausrichtung in den UK, als eine solche Weiterentwicklung gezählt werden.

Dann nämlich sollte es für alle, die ein Interesse an Informationen und Informationsnutzung haben, von Interesse sein, dass mit Wiley einer der sprachmächtigsten und vor allem prägendsten Protagonisten des Grime im letzten Jahr ein Album mit dem Titel 100% Publishing, dass zudem mit dem Titel Information Age aufmacht, veröffentlicht hat. Können wir aus diesem etwas auf die Nutzung von Informationsmedien in der jungen Generation in Großbritannien – und man beachte: beim Grime insbesondere des Teils der jungen Generation mit urbanen und Migrationshintergrund im Jahre der Riots in Großbritannien, bei denen die in den Medien ausgemachten Jugendlichen und jungen Menschen, die sich auf den Straßen Schlachten mit der Polizei lieferten, quasi mit dem Bild derjenigen Menschen, die Grime-Partys veranstalten und besuchen, decken – lernen? Zum Teil. Vielmehr bestätigt das Album das, was wir wohl eh schon wissen.

Dabei ist die Aufzählung von Kommunikationsmitteln und deren Nutzung in der aktuellen Musik immer auch ein Risiko. Es macht die Songs zeitabhängig. Beispielsweise ist Juicy (1994) von Notorious B.I.G fraglos ein Klassiker des Rap, aber gleichzeitig ist es textuell fest über solche Zeilen wie der folgenden in der ersten Hälfte der 1990er Jahre verankert:

Super Nintendos, Sega Genesis – when I was dead broke / man / I couldn’t picture this / fifty inch screen / money / green leather sofa / got two rides, a limouse with a chauffeur

Super Nintendos oder gar Sega Genesis sind keine Symbole des monetären und emotionalen Aufstiegs („damn right, I like the life I live / ‚cause I went from negative to postive“) mehr, sondern veraltete Medien. Sicherlich: Macht man Nerdcore-Rap, ist man quasi per Subkultur verpflichtet, beide Konsolen zu Hause zu stehen zu haben, aber nicht mehr, um den allgemeinen Aufstieg zu symbolisieren, sondern um seine Zugehörigkeit zur Subkultur darzustellen.

Juicy hat als Titel dennoch überlebt und gilt, vielleicht gerade wegen dieser angedeuten zeitlichen Verankerung, als unbedingtes must-know. Aber zahllose andere Songs und vor allem Musikvideos, welchen diesen Status nicht erreichten, sind gerade wegen der Aufzählung von zeitgenössischen Medien vergessen worden.

Wie nun ist dies bei Wileys Album? Es ist eines der Alben, denen genau das passieren wird, schnell zu altern. Allerdings: Die Musikkultur hat sich verändert. Grime zielt auf direkten Kontakt mit dem Publikum, den anderen Artists und der Gesellschaft. Die Grenzen zwischen Album, Mixtape und Live-Auftritt haben sich (wieder) verschoben, zum Teil aufgelöst und dies hört man 100% Publishing auch an. Es ist ein Album für 2011, allerdings ohne direkten Bezug auf die Riots (den man hätte eigentlich erwarten können, haben sich doch zahlreiche Artists zu diesen geäußert, ist Grime in den direkten Zusammenhang gestellt worden und hat auch Wiley in anderen Fällen nicht unbedingt ein Blatt vor den Mund genommen – siehe beispielsweise Racist People auf Rules and Regulations, 2007). Das aber das Album zeitgebunden ist, sieht man auch daran, dass das nächste Album von Wiley schon erschienen ist, wobei das Label als einen Grund für dieses, neuste Album angibt, das Wiley Geburtstag hatte. Wie gesagt: Die Musikkultur ist anders. Es wird expliziter für das Jetzt und Heute produziert, mit viel weniger Blick auf eine zukünftige Rezeption.

Wiley (2011) / 100% Publishing. - London : Big Dada / Ninja Tunes.

Grime ist schnelle und teilweise gewalttätige Musik, die in ihrer Geschwindigkeit, in der aufeinander mit Veröffentlichungen reagiert wird und sich die jeweils neusten Tracks verbreiten, nur im schnellen Internet der letzten Jahre möglich geworden ist, Wiley ist zudem einer der prägenden Gestalten dieses Genres. Insoweit ist es folgerichtig, das die Tracks als Momentaufnahmen funktionieren (und beispielsweise nicht, wie bei Juicy, auf das Berichten über eine längere Geschichte ausgerichtet sind). Dies auch, weil das Album – nach einigen Ausflügen von Wiley und anderen Artists in die Popmusik, welche in den letzten Jahren zu hören waren – fast schon traditionell nach Grime klingt: Harte, treibende Beats, eine ebenso vorwärtsdrängende, kaum melodische Stimme, nahezu keine musikalischen Experimente. Thematisch steht, bei allem anderen, Wiley und sein eigenes Ego im Mittelpunkt.

Dennoch ist der Titel des Albums nicht zufällig gewählt. Das Leben des Künstlers ist auch ein Leben in der digitalen Welt. Gleich der erste Track, Information Age, auf dem ersten der zwei Vinyls, macht wie folgt auf:

If I want an answer to the question I just type it in the google / The information age could lead me to my chicken noodle / or even to the pizza, or even to the grip / you won’t catch me hiding, nor will you catch me seek

Auch der zweite Vers beginnt mit dem Beschreiben des Lebens im Information Age im direkten Bezug auf Wiley selber:

Some Days I’m asking stuff, but then the Internet is quicker / The music was getting sold from a shop, but now Online is bigger / […] after the party is done, the telephone still rings / that’s people trying to find me.

Nichts, was hier erzählt wird, überrascht wirklich. Informationstechnologie und das Netz direkt sind Teil des aktuellen Lebens, auch bei Musikerinnen und Musikern mit großem Selbstwertgefühl wie Wiley. Interessant vielleicht, dass er selber noch gerade einmal vier Jahre zuvor, in Summertime (auf See Clear Now, 2008) sang:

… and of course I got an internet modem. / Myspace, Facebook, take a look / leave a comment on my page, got new beats to show them (babes)

Die Geschwindigkeit, mit der im Grime produziert wird, schlägt sich auch darin nieder, dass heute fast schon eingegangene Netzwerke wie Myspace referenziert werden, einfach, weil sie 2008 noch wichtig waren.

Zurück zum 2011er Album. Ein zweiter Track, der dem Album auch seinen Namen 100% Publishing gegeben hat, bezieht sich direkt auf eine wichtige Veränderung im Musikbusiness, die mit den neuen Kommunikationsmitteln zu tun hat: Der Rückkehr des Selfpublishing von Künstlerinnen und Künstlern auf breiter Front und das tendenzielle Ausschalten von Zwischenhändlern bei der Distribution von Musik.

I want 100% Publishing, so I’m gonna D.I.Y. / I know some don’t care about the Grime-scene, but I gonna until I die. […] If you see my new album, than buy it / Producer, MC, LP – I supply it.

Im Anschluss an diese Worte setzt sich Wiley dann in Szene als die treibende Kraft hinter dem gesamten Grime („you don’t know if it will work overseas, and you won’t know until I try“) und bezeichnet sich anschließend als hart arbeitend und fokussiert. Dies ist ein, gerade im Grime, verbreitetes Klischee, welches allerdings auch Bände spricht: Musik wird, weil sie immer zugänglich ist und immer produziert werden kann, auch ständig eingefordert. Nicht mehr der kreative Moment, Abende halb zwei im kalten Zimmer, in der Stille der Nacht oder der Lautstärke der After-Party, auch nicht der Ausdruck von Wut (wie beispielsweise im Punk) oder der Selbstreflektion (wie beispielsweise im Grunge), sondern das fokussierte Arbeiten im Studio und am Rechner ist das Idealbild der Musikproduktion, ist der Punkt, wo Musik und Ideen entstehen. Der ideale Grime-artists ist immer Online, immer fokussiert, immer direkt. Als female artists – die es auch gibt, sogar in nicht kleiner Zahl, Shystie, Baby Blue, Ny, Estelle, um einige Beispiele zu nennen – kommt starkes alltagsfeministisches Selbstbewusstsein (also gelebte Autonomie, die weder intellektuell noch politisch abgestützt sein muss) hinzu.

Zu diesem Selbstbild passt, dass Wiley, aber auch andere Artists, aggressiv das Bild des direkt distributierenden Künstlers und der direkt distributierenden Künstlerin aufbauen und damit die sichtbaren Entwicklungen im Musikmarkt antizipieren, bevor sie gänzlich durchgesetzt sind. Den selbstverständlich funktioniert auch Wileys Musikproduktion seit Jahren unter dem Dach eines Labels, welches unter dem Dach des „großen“ Untergrundlabels Ninja Tunes angesiedelt ist, wenn auch in einer anderen, mehr unterstützenden Funktion, als dies bei Großlabeln gehandhabt wird. Dennoch ist die Übernahme von Produktionsverantwortung durch die Künstlerinnen und Künstler wieder wichtiger geworden, damit auch die Selbstverantwortung für den eigenen Erfolg sowie die künstlerische Autonomie. Nicht zuletzt ist gerade im Grime die Grenze zwischen D.I.Y. und Mainstream, insbesondere durch die Möglichkeiten der neuen Kommunikationsmittel in beide Richtungen durchlässiger geworden. (Zumal diese Kommunikationsmittel oft auch Produktionsmittel sind. In einem leider nicht mehr zu findenden Interview auf BBC 1xtra schilderte vor einigen Monaten Kano, wie die Distribution seines damals neuen Albums aufgehalten wurde, weil der DVD-Brenner seines Mac nicht richtig funktionierte. Dabei ist Kano nicht irgendein Hinterzimmer-Artist, der noch auf seinen Durchbruch warten muss, sondern fast genauso prägend für den Grime wie Wiley selber, nur mit einem intellektuelleren Habitus. Dagegen muss man sich einfach mal die Produktionsmittel, die in den 1980ern für die Herstellung von Musik genutzt wurden, vergegenwärtigen.)

Diese Veränderungen spiegeln sich in 100% Publishing wider – aber auch nicht wirklich mehr. Musikalisch sticht das Album nicht heraus. Es ist ein Beispiel für guten Grime, nicht mehr. Behandelt werden die Themen, welche Wiley immer behandelt: Zuallererst Wiley und seine Arbeit selber, dann die restliche Grime-Szene, mit dem Aufruf, mehr Musik und weniger Beef zu produzieren, dann noch einmal Wiley und sein Privatleben (in welchem immer wieder das Internet auftaucht, beispielsweise das Twittern als Aktivität, um Langeweile zu vertreiben), und am Rande noch Partys und Frauen. Als bester, weil auch melodisch interessanter, Track muss der letzte, To Be Continued, gelten.

Es zeigt sich mit diesem Album wieder einmal, dass gerade HipHop und seine Abarten in der Lage sind, in kurzer Zeit Geschichten aus dem Alltag zu erzählen. Gerade Grime spiegelt dabei ein Lebensgefühl wieder, welches bei den marginalisierten jungen Menschen in europäischen Großstädten verbreitet zu sein scheint: Arbeitsam, selbstbewusst, auf sich selbst gestellt, wütend, aber nicht unbedingt destruktiv und teilhabend am Information Age.

Wiley, Tour:

29.02.2012, Festsaal Kreuzberg (Berlin)

01.03.2012, Nachtleben (Frankfurt am Main)

02.03.2012, Werk 2 (Leipzig)

04.03.2012, Die Werkstatt (Köln)

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