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Einspruch Eurer Zeiten. Arlette Farges archivarische Reverie gibt es endlich auch in deutscher Übersetzung.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 14. Januar 2012

Während in der LIBREAS-Redaktion die Vorbereitungen für die Ausgabe 20 laufen, gibt es vorab zur Überbrückung der Wartezeit schon einmal eine Rezension.

Rezension zu: Arlette Farge: Der Geschmack des Archivs. Göttingen: Wallstein, 2011. ISBN: 978-3-8353-0598-4, € 14,90 – Informationen zum Titel beim Verlag

von Ben Kaden

„Wie soll man also eine Sprache erfinden, die sich an jene Bewegung des Suchens annähert, die sich im Archiv anhand unendlich vieler Spuren von Herausforderungen, Rückschlägen und Erfolgen vollzieht?“ (S. 94)

Zweifellos: Das Archiv ist ein Bremsklotz im Fortstürmen und Drängen der Kultur durch die Zeit. Und auch des eigenen. Mehr noch als der Lesesaal einer Bibliothek ist die Vergessenheit des Archivs buchstäblich eine Zeitkapsel und wer selbst einmal Stunden in dieser verbrachte, weiß sicher um den seltsamen Zustand, wenn man nach einem intensiven Quellenstudientag mit der frisch in vielfältigen Vergangenheiten verschobenen Selbstwahrnehmung zurück in den Hauptstrom des Gegenwartsgeschehen tritt.

Das Archiv schnappt etwas aus dem Geschehen der jeweiligen vergangenen Gegenwarten auf und entführt zugleich den, der sich mit diesen Gegenwarten befasst. Das Archiv sichert das Geschehen dieser Zeiten nicht selbst. Aber es legt einen Hinweis auf das, was geschah, an und konserviert ihn, so gut es kann. Es erzeugt Spuren.

Über die Spuren (oder auch Zeugnisse) kann der, der sucht dem Geschehenen (bzw. dem Bezeugten) nachspüren. Möglicherweise stimuliert das Archiv eine unbewusst angelegte sehr ursprüngliche (archaische?) Begabung des Fährtenlesens, die uns ständig auf der Suche nach einem Sinn in eine mehr oder weniger strukturierte semiotische Aufzeichnungsumwelt treibt. Die Archive repräsentieren eine solche Umwelt. In ihnen hoffen wir, über die Repräsentanten vergangener Gegenwarten Erkenntnisse für unsere gegenwärtigen Gegenwarten aufzufinden. (Museen erfüllen als in die Öffentlichkeit gestülpte Archive eine ähnliche Funktion.)

Die Nutzung eines Archivs ist also nicht zuletzt eine Distanzierungserfahrung und zwar nicht nur intellektuell, sondern spürbar gesamtsinnlich. Möglicherweise schwächt sich diese Sensation mit der Zeit ab. Bei Arlette Farge ist dies aber mutmaßlich nicht der Fall, denn ansonsten wäre das archivphilosophische Kleinod Le goût de l’archive (Paris: Le Seuil, 1989) sicher nicht entstanden. (more…)