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User Generated Metadata als Werbeeffekt?

Posted in LIBREAS.Referate, Sonstiges by Karsten Schuldt on 6. Januar 2012

Von Karsten Schuldt

[Zu: (Preprint) Hercher, Johannes; Ruhl, Marcel & Sack, Harald (2012) / Quo vadis nutzergenerierte Metadaten?. – In: Social Media and Web Science, 2. DGI Konferenz, 64. Jahrestagung der DGI, Düsseldorf, 22.-23. März 2012, Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis, Frankfurt, (2012, forthcoming). – http://www.hpi.uni-potsdam.de/fileadmin/hpi/FG_ITS/Semantic-Technologies/paper/Hercher2012.pdf]

Dies ist keine Rezension, sondern eher die Darstellung einer massiven Irritation.

Auf den Text von Hercher, Ruhl und Sack über ihre Umfrage zum Einsatz von Nutzerinnen- und Nutzergenerierten Metadaten wurde in den letzten Tagen relativ oft hingewiesen. Über diesen sollten wir vielleicht aber einmal reden und ihn nicht nur verbreiten. So grundsätzlich positiv, wie die Ergebnisse des Textes dargestellt werden, sind sie meines Erachtens nicht.

Hercher, Ruhl und Sack führten eine Online-Umfrage bei Bibliotheken, Archiven und Museen durch, bei der sie den Umgang dieser Einrichtungen mit user generated metadata erfragten. Der Text sollte über diese Umfrage berichten. 51 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Umfrage vollständig teil. Da es keine Ausgabe dazu gibt, wie viele Einrichtungen überhaupt von Nutzerinnen und Nutzern generierte Daten benutzen, ist nicht klar, wie repräsentativ diese Teilnahme war. Allerdings geben die Autoren selber an, dass die Umfrage 1.341-mal aufgerufen wurde. Dies bedeutet eine erstaunlich hohe Zahl (96,2%) von Abbrüchen, welche weit über Werten anderer Umfragen liegt und die von den Autoren nur mit relativ zweifelhaften Argumenten abgetan werden. Sicherlich kann, wie die Autoren argumentieren, ein Teil der Interessierten die Umfrage abgebrochen haben, weil die Software nicht funktionierte oder weil sie in ihrer Institution nicht in der Position waren, die Fragen zu beantworten. Aber das erklärt eine solche Abbruchrate nicht. Vielmehr hätten sich Hercher, Ruhl und Sack die Frage stellen müssen, was diese rabiate Selbstselektion der Teilnehmenden über das Thema der Umfrage oder die Umfrage selber aussagt. Eventuell wurde die Umfrage von Interessierten nicht als sinnvoll erachtet, eventuell gab es auch massive Probleme mit den konkreten Fragestellungen.1

So oder so muss man bei den gesammelten Daten davon ausgehen, dass diese das Ergebnis einer extremen Selbstselektion darstellen. Hier haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur noch die Individuen oder Einrichtungen geantwortet, die selber ein äußerst starkes Interesse am Thema haben. Es sagt etwas über die Wertigkeit des Themas aus, wenn gerade einmal 51 Einrichtungen aus drei Staaten etwas zu ihm zu sagen haben. Es scheint – im Gegensatz zu den Aussagen der Autoren –, dass sich nur wenige Bibliotheken, Archive und Museen überhaupt für user generated metadata interessieren. Dem steht eine relative breite Thematisierung in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gegenüber. Für diesen Diskurs könnte die Umfrage ein Realitätscheck sein, denn selbstverständlich ist es von Interesse, wenn die Einrichtungen, über die Diskurse geführt werden, diese Diskurse mehrheitlich ignorieren oder von ihnen nicht erreichen werden.

Stattdessen nutzen die Autoren ihre Daten, als wäre sie repräsentativ, was sie nicht sind. Weitere Kritik ist anzubringen. Die Autoren ignorieren die wichtige Frage, wie stark die von Ihnen gesammelten Antworten sozial erwünscht sind. Dies ist allerdings bei Ihren Daten keine unwichtige Frage, kann man diese doch grob wie folgt zusammenfassen: Alle sind irgendwie dafür, die von Nutzerinnen- und Nutzern generierten Daten zu benutzen, aber vor allem wird ihnen einen Bedeutung bei der Bindung von Nutzerinnen und Nutzern zugeschrieben. Sozial erwünscht ist letztere Antwort gewiss nicht, zumindest nicht, wenn man sie etwas weiter denkt und „Bindung“ als Werbung und Werbemassnahme übersetzt. Erwünscht hingegen sind Antworten, die Kommentaren, Hinweisen von Nutzerinnen und Nutzern und weiterem eine Bedeutung zumessen – wir leben nun mal in Zeiten, in welchen das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern erwünscht ist (das sind fraglos nicht die schlechtesten Zeiten und Ziele). Bedenkt man dies alles, wertet die Abgabe sozial erwünschter Antworten als nicht so wichtig, die Abgabe sozial unerwünschter Antworten hingegen als wichtiger, dann sind die Ergebnisse von Hercher, Ruhl und Sack noch erstaunlicher. Offenbar wird von den wenigen Einrichtungen, die sich für das Thema user generated metadata interessieren, in ihnen vor allem ein Werbeeffekt gesehen. Ist das statthaft? Was sagt das aus?

Vielleicht ist das eine negative Wertung der Ergebnisse, aber sie erscheint nicht weiter hergeholt, als die von den Autoren vorgelegte. Diese weisen selber darauf hin, dass die antwortenden Einrichtungen – trotz aller Selbstselektion – eher enttäuscht von den Daten, die von den Nutzerinnen und Nutzern geliefert wurden, seien. Hier wäre ein Ansatz für weitere Forschungen, nämlich darüber nachzudenken, was genau die Bibliotheken, Archive und Museen eigentlich erwarten und welche Daten Nutzerinnen und Nutzer eigentlich erstellen sollten. Auch hier hätten die Daten der Umfrage eher dazu genutzt werden können, darüber nachzudenken, wie weit der Diskurs über die Daten und ihre Nutzungsmöglichkeiten von der tatsächlichen Nutzung in den Einrichtungen entfernt ist und warum.

Im letzten Teil ihrer Arbeit versuchen die Autoren dann aufgrund einer Literaturrecherche Barrieren bei der Verwendung von user generated metadata zu identifizieren. Das allerdings ist inhaltlich eher ein zweiter Artikel und es ist nicht so richtig klar, warum die Autoren diesen Teil mit den Daten zusammen publizierten. Aber auch so ist der Abschnitt erstaunlich: Die Autoren gehen explizit davon aus, „dass sich Nutzer unaufgefordert beteiligen, sofern die Barrieren dazu nicht zu hoch sind.“ (Hercher, Ruhl & Sack, 2011, S. 11) Dies wird zwar konsequent durchgeführt, aber es ist doch ein absonderliches Menschenbild: Die Nutzerinnen und Nutzer würden quasi darauf warten, sich an der Arbeit von Bibliotheken, Archiven und Museen zu beteiligen, nur würden sie zur Zeit davon abgehalten werden. Diese Vorstellung widerspricht nicht nur den Forschungen zum menschlichen Verhalten in so unterschiedlichen Feldern wie der Politik- und Sozialwissenschaft – insbesondere der Engagementforschung –, der Psychologie oder auch der Werbeindustrie; sondern selbstverständlich auch allen Alltagserfahrungen. Menschen engagieren sich, wenn sie sich engagieren wollen und dazu angehalten werden. Sicherlich gibt es Barrieren, die sie dann auch noch davon abhalten können, dass zu tun. Wenn, dann wäre es sinnvoll gewesen, nach einer Förderung des Engagements zu fragen. Die Möglichkeit zum Engagement – beziehungsweise der Lieferung von Daten – zu schaffen ist zwar eine Voraussetzung, aber das alleine wird keine neuen Daten hervorbringen.

Der Text ließt sich, als hätten die Autoren unter dem Druck gestanden, ihre Daten publizieren zu müssen, egal was die Ergebnisse sind. Dieses Problem ist bekannt und ein Ergebnis von bestimmten Strukturen der Forschungsförderung, von Deadlines und der bekannten Arbeitsüberlastung. Insoweit sollte das den Autoren nicht vorgeworfen werden. Dennoch wirkt es sich bei diesem Text eher negativ aus. Die von ihnen durchgeführte Umfrage hat Daten hervorgebracht, die weiter tiefer und anders hätten diskutiert werden müssten, als sie es tun. Dazu hätten sie ihre – ehedem nicht hergeleitete – These aufgeben und andere Fragen stellen müssen. Aber vielleicht kann dies im Nachhinein geschehen.

Diese Fragen wären meines Erachtens:

  • Gibt es (aktuell) überhaupt ein tatsächliches Interesse in Bibliotheken, Archiven und Museen zur Nutzung von Daten und Metadaten, die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt wurden? Immerhin gibt es einen gewissen Diskurs über diese Möglichkeit. Oder gibt es nur eine sehr kleine Anzahl von Einrichtungen, die sich dafür interessieren? Wenn ja, warum?
  • Welche Vorstellungen und Wünsche haben die Einrichtungen, die sich auf diese Daten einlassen, überhaupt, wenn sie von den gelieferten Daten eher enttäuscht sind?
  • Haben die Einrichtungen überhaupt einen Workflow, um mit user generated metadata umzugehen? In der Umfrage wurde abgefragt, ob sie die Daten wichtig finden, aber nicht, ob sie sich auf diese überhaupt einlassen.
  • Haben die Einrichtungen überhaupt Vorstellungen davon, wie sie die Daten außer zu Werbezwecken einsetzen wollen? „Benötigen“ sie überhaupt Daten?
  • Was sagt der Riss zwischen den Diskurs über die Möglichkeiten dieser Daten und das eher geringe tatsächliche Interesse aus?

Ich weiß, eigentlich sollten Texte positiver besprochen werden. Aber dieser ließ mich eher erstaunt zurück und ich wollte dieses Erstaunen teilen. Vielleicht bin ich aber auch nur wieder der mit den zu großen Ansprüchen.

1Zu hinterfragen ist zumindest die Methodik, die Beantwortung der Fragen durch Individuen zuzulassen, aber diese für eine Einrichtung sprechen zu lassen.

5 Antworten

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  1. Walther Umstaetter said, on 7. Januar 2012 at 12:15

    Abgesehen davon, dass zumindest ein Teil der Einwände von Karsten Schuldt durchaus berechtigt ist, und der Beitrag von Hercher, Ruhl und Sack im Fazit eine unbeantwortete Frage aufwirft, nämlich die: Warum wird die Bedeutung nutzergenerierter Metadaten (NGM) im „BAM“ Bereich in der Einleitung so positiv bewertet, während die Realität dies bislang nicht zu bestätigen scheint, ist die Erkenntnis, dass zukünftige Arbeiten stärker auf „qualitative Erhebungen“ (narrative Interviews) konzentriert werden sollten, wenig hilfreich. Frei übersetzt heißt das doch nur, nun Experten zu fragen – also diejenigen, die ein möglichst erfolreiches NGM-System einsetzen. Statt einer einfachen Befragung, von denen die meisten dieser Art, wenig hilfreiches erbringen, wäre es weitaus sinnvoller gewesen in einer Delphistudie im zweiten Schritt, gleich dem zu erwartenden Thema „Hemmnisse“ nachzugehen. Interessant ist, dass die Autoren stattdessen in ihrer Literaturrecherche darauf Antworten suchten. Und auch das ist hier erwähnenswert. Man sollte sich erst über entsprechende Recherchen sachkundig machen, bevor man eine Befragung durchführt. Dort findet man auch einige der Experten. Das erklärt bei vielen Befragungen (wie auch dieser hier) einen großent Teil der Abbrecherquote in den Fragebögen. Die Fragen zeigen oft ein zu niedriges Fachwissen, und falsch gestellte Fragen können nicht richtig beantwortet werden (z.B. Schlagen Sie ihre Frau auch Sonntags? http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/pub75.html😉 Im Gegensatz zu Herrn Schuldt, halte ich den Beitrag von Hercher, Ruhl und Sack nicht für so überflüssig wie er, auch wenn man sich natürlich, wie so oft, mehr erwünscht.

  2. […] Metadaten?„ nun online sind. Karsten Schuldt hat die Publikation gelesen und seine Meinung dazu im Libreas-Blog […]

  3. jhercher said, on 18. Januar 2012 at 16:26

    Leider gibt es ein paar Punkte die nicht ganz korrekt dargestellt wurden:
    • 1) Es wurde nicht  behauptet, dass die Umfrage repräsentativ sei. Mal abgesehen davon, dass dies ein Todtschlagargument für (fast) jede Erhebung ist. Eine Befragung unter 51 Teilnehmern kann nur einen ersten Einblick bieten, aber das ist immerhin ein Anfang. Was die Stichprobe betrifft: Das Eigeninteresse der Teilnehmer muss natürlich berücksichtigt werden. Ohne dieses Interesse wäre eine Beurteilung der Relevanz für bestimmte Aufgaben auch problematisch. Ich unterstelle mal, dass ohne Interesse keine Ideen vorhanden wären, d.h. die Relevanz entspricht dann gleich Null. Wer weiß, vielleicht trifft das auf bestimmte Einrichtungstypen zu?! Wer soetwas beweisen wollte bräuchte dann aber sicher eine viel größere Stichprobe.
    * 2) Es stimmt nicht ganz, dass die befragten Einrichtungen NGM _nur_ als Werbemittel sehen.  Ja, durchweg mehr > 50% der Teilnehmer sahen NGM als wertvoll für „Nutzerbindung“. Neue Funktionen können nun einmal Aufmerksamkeit wecken und möglicherweise steigern sie auch die Zufriedenheit der Nutzer (wohl ein bisschen mehr als nur „Werbung“). Das ist aber nicht alles: Jede NGM-Art erzielte für mindestens eine der vier untersuchten Aufgaben mehr als 60% Zustimmung. Es wurde auch gezeigt, dass die Höhe dieser Zustimmung von der Art des Bestands abhängig ist. Eine Ihrer abschließenden Fragen, ob die Einrichtungen diese Daten überhaupt benötigen, sollte damit beantwortet sein.
    * 3) Es wurde paraphrasiert, dass die Einrichtungen von den gelieferten Daten enttäuscht seien. Es wurde nicht nach der Datenqualität gefragt, sondern nach der Nutzungsfrequenz! Des Weiteren stimme ich Ihnen zu, es ist ein wichtiges Thema den Rücklauf zu verbessern, ob man dass nun „Abbau von Barrieren“ oder „Erhöhung der Motivation“ nennen mag.

    • Karsten Schuldt said, on 18. Januar 2012 at 16:55

      Hier muss ich allerdings zu 1.) anmerken, dass auch ich nicht davon gesprochen habe, dass die Umfrage hätte repräsentativ sein sollen. Insoweit stimmt nicht, dass hier ein quasi Totschlargument verwendet wurde. Vielmehr meinte ich, dass ein Abbruch von über 90% bei einer Umfrage zu relevant ist, als das man ihn einfach nur nebenher erwähnen könnte.
      Doch ich sagte ja auch, dass dieser Text keine richtige Rezension darstellt, sondern vor allem ein Unbehagen ausdrücken sollte.

  4. […] User Generated Metadata als Werbeeffekt? von Karsten Schuldt auf LIBREAS.Library Ideas […]


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