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Abnahmefreie Industrieforschung. Jürgen Kaube über Mark Bauerleins Geisteswissenschaftsberechnung.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 3. Januar 2012

Ein Kommentar von Ben Kaden

Wenn man schon einmal offen für ein Thema ist, dann holt es einen auch beständig ein. Diese Grundeinsicht des Alltags bewahrheitet sich derzeit im Anschluss an eine etwas nebenbei dahingeschriebene Kennzahl zu Lese- und Publikationsaktivität von Wissenschaftlern, die Walther Umstätter freundlicherweise gestern in einem Kommentar korrigierte:

„B. Kaden hat gut daran getan, die „klassische Kennzahl“ mit dem Einschub „hoffentlich richtig“ zu versehen, denn worauf er sich bezieht ist: „Wissenschaftler überfliegen jährlich größenordnungsmäßig Zehntausend Publikationen, sie lesen davon etwa hundert, und falsifizieren beziehungsweise verbessern eine, über die sie selbst veröffentlichen.“ (Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum, S. 286).“

Nun liegt die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Mittwoch auf dem Schreibtisch und in dieser findet sich im Wissenschaftsteil eine Zusammenstellung Jürgen Kaubes zu Mark Bauerleins Erhebung (bzw. ausführlicher als PDF) zum Rezeptions- und Publikationsverhalten in der Literaturwissenschaft. (Kaube 2012) Die Grunderkenntnis: In der Literaturwissenschaft wird viel zu viel geschrieben und viel zu wenig gelesen. Was auch volkswirtschaftlich zum Problem wird. Denn Mark Bauerlein ermittelte:

„[J]edes ungelesene Buch über W. G. Sebald oder Emily Dickinson, das fünf Jahre und zwei Freisemester brauchte, kostet mehr als 100 000 Euro.“ (Kaube 2012)

Und Jürgen Kaube fragt mit ihm:

„Was ist das also für eine Industrie, in der Hunderte von Stunden an Arbeit in Beiträge gesteckt werden, die fast niemand zur Kenntnis nimmt?“ (Kaube 2012)

Ich würde antworten: Gar keine. Es ist der typische Zustand einer Normalwissenschaft. Bevor ich aber etwas zu dieser Einsicht und den Schlussfolgerungen bei Jürgen Kaube anmerke, möchte ich kurz auf die Zahlen blicken:

„Zwischen 2004 und 2009 publizierten allein Bauerleins neununddreißig Kollegen an der Universität von Georgia 22 Bücher, 15 Sammelbände und 200 Aufsätze. Das Gesamtaufkommen der Forschungsliteratur in den Literaturwissenschaften, das sich 1959 noch weltweit auf knapp 14 000 Titel jährlich belief, liegt derzeit bei etwa 70 000. “ (Kaube 2012)

Was die Zahl der Aufsätze angeht, liegen die 39 LiteraturwissenschaftlerInnen aus Atlanta in der Fünfjahresverteilung ziemlich genau im Schnitt des einen Textes im Jahr. Auch die Zahl der Sammelbände und Bücher scheint nicht übermäßig hoch. Bestände die Fachcommunity aus diesem Kreis der 39, dann wäre sogar die Komplettlektüre aller 237 Publikationen erwartbar.

Das Problem ist, dass die Community in der Großumschreibung „Literaturwissenschaft“ offensichtlich – die Publikationsrate der Zeitschriftenaufsätze als Maß genommen – weltweit ca. 70.000 WissenschaftlerInnen umfasst bzw. umfassen müsste. Allerdings sollte man einschränken (Jürgen Kaube tut das nicht), dass nicht jeder jeden Text von jedem Peer gelesen werden muss. Mit 100 Aufsätzen im Jahr sollte man auf seinem jeweiligen Forschungsfeld schon recht weit kommen.

Dennoch gilt natürlich: Als Wissenschaftler möchte man nicht nur schreiben, sondern auch gelesen und möglichst zitiert werden. Mark Bauerlein stellte nun fest, dass letzteres eher eine Ausnahme darstellt:

„[V]on 69 Aufsätzen der untersuchten Englischprofessoren, die 2004 erschienen, waren bis 2010 ganze 49 von niemandem oder nur von ein, zwei anderen Kollegen zur Kenntnis genommen worden. Zwölf weitere brachten es auf drei bis sechs Zitate. Mit anderen Worten: Nur jeder achte Beitrag findet überhaupt mehr als einmal im Jahr Resonanz bei einem Mitforscher.“ (Kaube 2012)

Was Mark Bauerlein und Jürgen Kaube überrascht, verblüfft die Bibliothekswissenschaft eher wenig. Denn ihr ist bekannt, dass ein sehr großer Teil der Bibliotheksbestände und also der publizierten Literatur ebenfalls auf Lebenszeit weitgehend unbeachtet und unbenutzt einst in den Magazinen und jetzt auf den Volltextservern steht bzw. liegt.

Das kein Zitat nachgewiesen werden kann, heißt allerdings nicht, dass der Beitrag den Kollegen entging. Walther Umstätter hat die drei Garfield’schen Formen der Uncitedness (irrelevant, unentdeckt, allgemein bekannt; vgl. u.a. Garfield 1973, Umstätter 2009, S. 62f.) um eine vierte ergänzt (vgl. Umstätter 2009 , S. 62 f.). Diese umfasst sowohl soziale Effekte (z.B. „Autoren und Autorengruppen sollen nicht bekannter gemacht werden, als sie es schon sind.“) wie auch formale Zwänge („Das Publikationsorgan lässt bei dieser Publikation keine Referenzen zu.“). Insgesamt listet Walther Umstätter acht Varianten auf, bei denen jeweils ein Text zur Kenntnis genommen, aber nicht zitiert wird. Nehmen wir nun Uncitedness I  dazu, also, dass ein Beitrag für die eigene Forschung als irrelevant eingeschätzt wird, dann kann dahinter durchaus sogar eine intensivere Auseinandersetzung stehen. Denn von den 100 Aufsätzen, die wir laut Walther Umstätter im Schnitt im Jahr lesen, zitieren wir in dem einen, den wir schreiben vielleicht ein Drittel.

Denkt man zudem beispielsweise an die von David P. Hamilton (1990) ermittelten Werte, nach denen 55 % der zwischen 1981-1985 vom ISI erfassten Zeitschriftenaufsätze ohne Zitation bleiben, dann wirkt Mark Bauerleins Messung auch nicht unbedingt verheerend. Derselbe David P. Hamilton hat für Geisteswissenschaften inklusive des Fachgebiets „American Literature“ noch viel desolatere Uncitedness-Zahlen ermittelt:

„Consider, for example, theater (99.9%), American literature (99.8%), architecture (99.6%), and religion (98.2%).“ (Hamilton, 1991)

Für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft wurde ein Uncitedness-Wert von immerhin 72 % vermerkt. (Schwartz 1997) All diese Erhebungen mögen ihre Schwächen und Begrenzungen haben. Sie zeigen aber dessen ungeachtet deutlich, dass das Nicht-Zitiertwerden ein alltägliches Phänomen aller Wissenschaften (mit disziplinär unterschiedlicher Intensität) darstellt. Dass die Virologie nur 14 % Uncitedness aufwies (Hamilton 1991) bedeutet nicht unbedingt, dass man dort vielfach mehr liest. Sondern, dass man anders zitiert. Jürgen Kaube wählte immerhin das schöne Wort „Resonanz“. Diese ist tatsächlich für die Beobachter der Wissenschaftskommunikation nur eindeutig über die Zitation festzustellen. Für die in der Wissenschaft Aktiven könnte sie aber ganz anders aussehen.

Das wird dann bedeutsam, wenn man einen Blick auf die Schlussfolgerungen von Mark Bauerlein wirft:

„Die Universitäten sollten ihren Geisteswissenschaftlern nicht so viel Forschung, vor allem aber nicht so viel Publikation abverlangen.“ (Kaube 2012)

Er spricht sich für eine stärkere Begrenzung des Publikationsgeschehens aus:

„Ein Buch in zehn Jahren genüge, drei gute Aufsätze auch. Mehr schafft die Durchschnittsbegabung doch sowieso nicht.“ (Kaube 2012)

Das klingt möglicherweise verlockend, ist aber schwer zu verordnen. Wenn sich dieser Beschnitt allerdings schon als bedrohliche Idee zum Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit heranschleicht, dann detoniert das Ganze spätestens bei der Überlegung, die Themenwahl zu reglementieren:

„Bauerlein fragt darum, ob überhaupt noch Erträge der Dickinson- oder sagen wir: Thomas-Mann-Forschung zu erwarten sind, die in irgendeinem Verhältnis zu dem stehen, was sie kosten.“ (Kaube 2012)

Es ist bedauerlich, dass Jürgen Kaube diesen Zusammenhang mit der Forschungsfreiheit gänzlich unerwähnt lässt und auch nicht bemerkt, dass sich Mark Bauerlein beim Aufbrühen alter Einsichten der Wissenschaftsforschung herausnimmt, über fragwürdige und in der Tat „ökonomistische“ Schlüsse die Selbstorganisation einer Wissenschaftsdisziplin anzugehen, indem er behauptet

„we have reached the point at which the commitment to research at the current level actually damages the humanities, turning the human capital of the discipline toward ineffectual toil.“ (Bauerlein 2011)

Sicher ist es wünschenswert, Verfahren zu haben, mit dem unbestritten wachsenden Publikationsaufkommen in der Wissenschaft besser umzugehen. Die Agenda der Bibliotheks- und Informationswissenschaft adressiert dieses Problem mehr oder direkt und mehr oder weniger erfolgreich. Zweifellos sind der Rezeptions- und Publikationsdruck individuell eine große Belastung. Aber einfach an einer Stelle in das Gesamtsystem hineinzustechen, die Uncitedness neu bzw. nicht zu entdecken und dann für einen disziplinen Bereich grundsätzliche Umstellungen einzufordern, führt bestenfalls dazu, die ohnehin häufig über Gebühr unter Legitimationsdruck stehenden Geisteswissenschaften weiter zu schwächen. Denn das Signal, dass sich ein Träger mit Einspardruck aus den Erkenntnissen Mark Bauerleins zusammenreimen kann, ist: Die Geisteswissenschaften forschen zuviel und bringen dabei zu wenig Leistung fürs Geld.

Den Sinn der Forschung aber über Citation Counts zu definieren, ist ein gravierender Trugschluss. Auch Jürgen Kaube überzeugt mit seiner schmalen Flucht aus seinem Artikel kaum:

„Doch Geschriebenes, das niemand liest, ist unter allen Gesichtspunkten, nicht nur ökonomischen, überflüssig.“ (Kaube 2012)

Eigentlich müsste es nämlich in diesem Zusammenhang heißen:

„Doch Geschriebenes, das niemand zitiert, ist unter allen Gesichtspunkten, nicht nur ökonomischen, überflüssig.“

Und selbst wenn wir es beim Lesen lassen, sticht die Aussage kaum. Denn es geht hier wie auch bei den  Bibliotheksbeständen nicht darum, dass alles was da ist, auch gelesen wird. Sondern darum, dass man alles, was da ist, lesen könnte. Wir forschen und schreiben für die Möglichkeit. Solange wir nicht präzise die zukünftige Relevanz eines Forschungsbeitrags vorhersagen können und wollen, ist dieser Überfluss mit all seinem Potenzial immer noch besser, als das Nicht-Geschriebene. Repräsentieren die Bibliotheksbestände das kulturelle Gedächtnis einer Zeit, dann steht die Gesamtheit der Wissenschaft – also auch die ungelesenen und/oder nicht-zitierten Publikationen – für die intellektuelle Kapazität der jeweiligen Gegenwart. Ich sehe keinen Anlass, diese auf der Grundlage dessen, was Mark Bauerlein ausgearbeitet hat, einschränken zu wollen. Aber ich habe mir die Geisteswissenschaften – anscheinend im Gegensatz zu Mark Bauerlein und Jürgen Kaube – auch noch nie als Industrie vorstellen können.

Quellen

Mark Bauerlein (2011) The Research Bust. In: The Chronicle Review, 04.12.2011 http://chronicle.com/article/The-Research-Bust/129930/

Eugene Garfield (1973) Uncitedness – The Importance of Not Being Cited. In: Current Contents. No. 8, 21.02.1973, S. 5-6

David P. Hamilton (1990) Publishing by and for the Numbers. In: Science 250 (Dec. 7, 1990), S. 1331-1332

David P. Hamilton (1991) Research papers: who’s uncited now? In: Science 251 (Jan. 4, 1991), S. 25

Jürgen Kaube (2012)  Eine Industrie ohne Abnehmer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 04.01.2012, S. N5

Charles A. Schwartz (1997) The Rise and Fall of Uncitedness. In: College & Research Libraries. 58 (1) S. 19-29

Walther Umstätter (2009) Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum. Berlin: Simon Verlag

8 Antworten

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  1. Walther Umstaetter said, on 4. Januar 2012 at 16:50

    Es ist ja nicht neu, dass sich Leser ärgern, dass das Publikationsaufkommen viel zu groß ist, um mit 100.000 gelesenen Titeln noch nicht einmal ein Promille davon gelesen zu haben – und wer hat schon so viele Aufsätze, Bücher oder Reports genauer studiert? Darum ist es ja so wichtig das Hundertfache des gelesenen auf Relevanz zu sichten, das Bradford’s Law of Scattering zu berücksichtigen und in Datenbanken mit möglichst hoher Präzision zu recherchieren, bevor man seine Zeit mit dem Lesen von uninteressantem und Schund vergeudet. Übrigens, noch viel teurer als ein Buch für 100.000 Euro, dass keiner liest, ist ein Buch, das eine Million Leser hat, die dabei fehlinformiert werden oder auch nur ihre Zeit damit zum Fenster hinauswerfen. Genau darum sind ja Bibliotheken eine so wichtige Investition in der Nationalökonomie des Geistes.

    M. Bäuerlein ist zuzustimmen, wenn er meint, wirklich gute Aufsätze werden viel zu wenig gelesen, und die meisten Menschen die ich aus der Gruppe derer kennengelernt haben, die immer wieder meinen, es werde viel zu viel publiziert, beziehen das kaum auf ihre eigenen Veröffentlichungen. Was wir alle täglich beobachten ist, dass die Milliarden Menschen mit uns auf dieser Erde, glücklicherweise sehr unterschiedliche Interessen haben – das nennt man Arbeitsteilung, und die wird immer weiter globalisiert.

    Ich befürchte M. Bäuerlein hat keine klare Vorstellung vom realen Publikationsaufkommen, wie begrenzt das von Datenbanken, Zitationssystemen oder auch von Google Scholar noch immer erfasst ist (man denke nur an das deep web) und wie gering insbesondere der Anteil der Literaturwissenschaft dort ist.

    B. Kaden hat völlig Recht, dass die Forderung nach weniger Publikationen gefährlich wäre, da es indirekt auch zu weniger Wissenschaft führen würde, denn die durchschnittliche Zahl von einer Publikation pro Jahr und Wissenschaftler ist seit langem erstaunlich konstant. In gewisser Hinsicht ist das der Bericht, für das im letzten Jahr geleistete. Es geht aber nicht um weniger Wissenschaft, sondern um bessere. Das zeigt grade diese Diskussion, weil sich Autoren zu Themen äußern, von denen sie leider nicht viel verstehen. Das hat bisher auch das Peer Reviewing nicht zu leisten vermocht, das im Prinzip die Nachfolge der Referatenorgane antrat, die aber vor einem halben Jahrhundert zu teuer wurden und heute über das Internet wieder neu etabliert werden könnten.

  2. Ben said, on 4. Januar 2012 at 17:41

    Zur Grundfrage der Beurteilung, ob eine Publikation zur Kenntnis genommen versprechen übrigens – dies noch als Anschlussgedanke – weböffentliche Literaturverwaltungen und Social Bookmarks eine hilfreiche Erweiterung. Nicht jeden Artikel, den ich bei Connotea erfasst habe, habe ich auch zitiert. Aber jeder hat sich für mich aus irgendeinem Grund als interessant genug erwiesen, um ihn mit einem Bookmark zu versehen.

    Will man diese Form von Altmetrics noch weiter elaborieren, dann ist durchaus denkbar, das dazugehörige Social Tagging zu untersuchen. Mitunter ließen sich über die Analyse von bestimmten Tags (z.B. diesem oder diesem) durchaus schärfere Rückschlüsse auf das tatsächliche Rezeptionsverhalten einzelner Wissenschaftsakteure ziehen.

  3. Hans-Christoph Hobohm said, on 5. Januar 2012 at 09:27

    Für mich persönlich ist der Vergleich mit der Finanzierung der „Industrie“ der naturwissenschaftlichen Forschung noch frappierender: wieviele Terabytes Daten werden z.B. von CERN oder NASA produziert mit ungleich höherem Finanzvolumen und werden nicht für eine Auswertung irgendeiner Art verwendet, geschweige denn wird darüber publiziert. Ich sehe die hermeneutischen Investitationen in das Kulturelle, wenn sie denn nicht selbst auch schon emprirische ungenutzte Daten sind (Fragebogenflut), eher als Messungen von Sonden deren Daten ja auch später zu Rate gezogen werden (können).

  4. Walther Umstaetter said, on 5. Januar 2012 at 12:00

    Ich wüsste im Moment nicht, wie sich die zweite Aussagein dem Satz: „CERN oder NASA produziert mit ungleich höherem Finanzvolumen und werden nicht für eine Auswertung irgendeiner Art verwendet“ begruenden lässt. Im Gegenteil, ich finde es erstaunlich mit welchen mathematischen und statistischen Analysen bzw. Programmierungen diese Datenflut ausgewertet wird. Wenn ich da nur an Bayes-Analysen denke, in denen Programme sozusagen über bedingte Wahrscheinlichkeiten dazu lernen können, vermute ich, dass diese Erkenntnisse bald auch in die Kulturwissenschaften hineinwirken werden. Dass wir als Laien, z.B. bei CERN meist nur noch die Quinta Essentia aus den Analysen erfahren, mit Aussagen wie, die Higgs-Felder sind entdeckt worden, oder konnten nicht verifiziert werden, ist angesichts der komplexen Problematik, nicht verwunderlich. Bei der „Fragebogenflut“ bin ich da auch, wie Sie Kollege Hobohm, eher skeptisch, da nach meiner Erfahrung nicht nur die dazu angewandte Statistik oft höchst fragwürdig ist, sondern auch die Ergebnisse nicht selten irreführend.

  5. Hans-Christoph Hobohm said, on 5. Januar 2012 at 16:53

    Lieber Herr Kollege Umstätter, da spricht aber wohl der überzeugte reine Naturwissenschaftler. In der jüngeren Debatte um Forschungsdatenmanagement sagen uns diese sonst stets, dass unendlich viele Datenfriedhöfe genereriert wurden (vgl. http://hobohm.edublogs.org/2011/10/15/handbuch-forschungsdatenmanagement-erschienen/). Teilweise gesteht man ein, dass sehr viele Daten gar nicht mehr nutzbar sind, obwohl sie noch nicht ausgewertet wurden (z.B die Daten der Apollo Raumflüge). Ich finde jedenfalls vergleichweise die geisteswissenschaftliche Datenlage als erschreckend gering und die Höhe der Forschungsförderung relativ gesehen dazu in den Naturwissenschaften zu groß. Dazu muss man sich nicht als Laie fühlen. Als Sozialwissenschaftler weiß ich, wie wenig Daten mir zur Verfügung stehen um das m.E. sehr viel komplexeren soziale Geschehen unserer aktuellen Gesellschaften auch nur beschreiben zu können.

  6. Walther Umstaetter said, on 5. Januar 2012 at 19:14

    Zunächst habe ich mich nur auf NASA und CERN bezogen, und nicht auf die Naturwisseschaften allgemein. Zum anderen befürchte ich, dass wir immer mehr Wissenschaft und damit auch entsprechende Daten haben, die geheim gehalten werden – im sozialwissenschaftlichen Bereich, auch unter dem Deckmantel des Datenschutzes. Wenn ich nur daran denke, wie viel Daten allein Google täglich aus aller Welt gewinnt, von denen kaum ein normaler Sterblicher etwas erfährt, die aber von speziellen Kreisen nicht nur statistisch sondern auch „semantisch“ ausgewertet werden, dann erklärt das auch, warum Ihnen als Sozialwissenschaftler so wenig Daten, von den wirklich vorhandenen, zur Verfügung stehen. Das Problem haben wir aber mehr oder minder in allen Bereichen. Das hat mich in letzter Zeit auch immer stärker zu der entsprechenden Problematik in der Szientometrie geführt. Wir vernachlässigen gezwungenermaßen immer mehr die nichtpublizierte Wissenschaft und erhalten so ein stark verzerrtes Bild.

  7. Ben Kaden said, on 5. Januar 2012 at 20:20

    Für die Literaturwissenschaften spannt sich für mich aus dieser Diskussion mit dem Schritt von den Publikationen zu den Daten deutlich der Bogen zu den Digital Humanities und/oder der quantitativen Literaturwissenschaft, wie sie ein Franco Moretti (Moretti, 2009) zu entwickeln versucht. Denn erst dort wird die Frage des Datenmaterials für Geisteswissenschaften tatsächlich in mit den Naturwissenschaften vergleichbaren Größenordnungen relevant. Dass ausgerechnet Google mit dem N-Gram-Viewer für seinen Bestand an digitalisierten Bibliotheksbüchern hierzu vielleicht das erste einfach zugängliche und nutzbare Werkzeug vorlegte, spricht allerdings für die These, dass die Geisteswissenschaften in diesem Bereich bislang nicht sehr selbst aktiv werden bzw. werden konnten. (Wobei das so genannte Humanities Computing schon eine längere Tradition hat, in den Geisteswissenschaften meiner Wahrnehmung nach aber lange Zeit kaum wahrgenommen wurde.)

    Die Massendigitalisierung von Textinhalten stellt aber gerade für die Digitalen Geistenswissenschaften umfängliche Korpora zur Verfügung. Woran es meiner Ansicht nach noch etwas mangelt, sind Verfahren, mit diesen Datenbeständen wirklich sinnvoll umzugehen. Allerdings glaube ich auch, wie ich schon an anderer Stelle (Kaden, 2011) betonte, dass wir es bei den Digitalen Geisteswissenschaften vermutlich eher mit einer neuen Disziplin als mit einer geradlinigen Evolution der traditionellen Geisteswissenschaften zu tun haben.

    Interessanterweise kam ich vor kurzem bei der Lektüre eines Textes von Gilbert Simondon (Simondon, 2011) auf die Idee, dass dessen Abgrenzung von Handwerk und Industrie recht analog zur Differenzierung von little science und big science verstanden werden kann. Bei Gelegenheit werde ich diesen Gedanken intensiver ausführen. Als Idee sei aber vielleicht angemerkt, dass Simondon Handwerk als eine Arbeit definiert, bei der alle Bedingungen unmittelbar von dem ausführenden Menschen abhängig sind, es also eine sehr enge Beziehung zwischen der Akt der Hervorbringung und dem Akt der Nutzung gibt. In der Industrie werden dagegen Relais zwischengeschaltet. Erfindung, Konstruktion und Operation einer Maschine (oder in unserem Fall eines Verfahrens, eines Datenbestandes, etc.) sind nach Rollen verteilt unterschiedlichen Akteuren zugewiesen.

    Wenn Maxi Kindling in ihrer Arbeit zu Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften (Kindling, 2009; PDF) nun zu dem Schluss kommt:

    Der Bereich der digitalen Geisteswissenschaften besitzt durch die Verschmelzung dreier wissenschaftlicher Domänen ein großes Entwicklungspotential: Das methodische Wissen der Geisteswissenschaften wird mit der praktischen Kompetenz der Informatik und den Erkenntnissen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft in der Funktion des Mediators kombiniert.

    dann lässt sich auch eine Zusammenführung dreier mehr oder weniger Handwerksformen, in jedem Fall spezialisierter Formen der Wissenschaft erkennen. Die Rollen – Innovation, Konstruktion, Operation – müssen allerdings noch konkret in dieser Konstellation ausgehandelt werden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob man bei den Digital Humanities von einer „Industrialisierung“ der Geisteswissenschaften sprechen sollte. Aber unterm Strich bleibt für mich unzweifelhaft, dass es sich bei der Herausbildung dieses neuen Wissenschaftsfeldes um die Integration geisteswissenschaftlich relevanter und auch in der Geisteswissenschaft erzeugter Datenbestände mit dem handelt, was man auch als Big Science beschreibt. Dass allerdings hermeneutische Fragen mit Verfahren der Großforschung und nicht etwa dem Handwerk der intellektuellen Auslegung angesprochen werden können, bezweifle ich (derzeit noch). Für diese Art von Geisteswissenschaft gilt mein Schlusssatz des obigen Beitrags uneingeschränkt.

    – Ben Kaden (2011) Die Bibliothekswissenschaft als Zentaurenstall? Warum das Fach den Digital Humanities besonders nahesteht. In: IBI-Weblog. http://weblog.ib.hu-berlin.de/?p=9205

    – Maxi Kindling (2009) Möglichkeiten der Strukturmodellierung – eine exemplarische Zusammenführung funktionaler Anforderungen an die Bereitstellung digitaler Forschungsdaten für ausgewählte geisteswissenschaftliche Disziplinen. Magisterarbeit Berlin: Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät I. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:11-100185124

    – Franco Moretti (2009) Kurven, Karten, Stammbäume : abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp

    – Gilbert Simondon (2011) Die technische Einstellung. In: Eric Hörl (Hrsg.) Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt. Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 73-92

  8. […] Beide Phänomene wurden nun in Relation gesetzt und lassen einige Aussagen zu Eigenschaften von Communities zu. Beispielsweise stellen die Autorinnen fest, dass kleinere Wissenschaftsgemeinschaften dazu neigen, sich thematisch zu konzentrieren. Topics können in der Zeit von anderen Communities übernommen werden, während sich der Schwerpunkt der Ursprungsgemeinschaft verändert. Wenig überraschend, aber eben konkret nachgewiesen, ist die Erkenntnis, dass populärere Themen von einer größeren Zahl von Autoren aufgegriffen werden. Weiterhin lassen sich Topics finden, die nicht einer konkreten Community zugeordnet werden können. Dies betrifft anscheinend hauptsächlich so genannte Emerging Topics, zu denen einzelne Autoren verschiedener Communities zu publizieren beginnen, die sich eventuell anhand dieses gemeinsamen Themas nach und nach finden. Diese emergenten Themen können in der Entwicklung eigene Communities hervorbringen. Kenntnisse über diese Dynamiken sind zweifellos auch für das Entstehen neuer Disziplinen hochinteressant und ein ersprießliches Forschungsthema (ebenfalls abschlussarbeitswürdig) wäre es, die sich herausbildenden Digital Humanities auf Herz und Geist zu prüfen. (vgl. dazu auch diesen Kommentar) […]


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